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Susan Arndt: Rassismus begreifen

Rezensiert von Prof. Dr. Gertrud Hardtmann, 22.03.2022

Cover Susan Arndt: Rassismus begreifen ISBN 978-3-406-76554-4

Susan Arndt: Rassismus begreifen. Vom Trümmerhaufen der Geschichte zu neuen Wegen. Verlag C.H. Beck (München) 2021. 477 Seiten. ISBN 978-3-406-76554-4. 16,95 EUR.
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Thema

Rassismus als eine der größten Katastrophen der Menschheitsgeschichte.

Autorin

Susan Arndt ist Professorin für Englische Literaturwissenschaft und Anglophone Literaturen an der Universität Bayreuth. Ihre Forschungsschwerpunkte sind Rassismus, Sexismus und Intersektionalität.

Entstehungshintergrund

Die Autorin breitet eine historischen Trümmerhaufen von Folgen des Rassismus, vor allem in der Kolonialgeschichte, vor dem Leser aus – auf der Suche nach neuen Wegen.

Aufbau

Nach einleitenden Bemerkungen zu ‚Black Lives Matter‘ in Zeiten der COVID-19-Krise folgen drei umfangreiche Kapitel zu

  1. den Grundlagen, konzeptionellen Verirrungen und Strömungen des Rassismus,
  2. der Geschichte des Rassismus als eine Geschichte der Erfindung von ‚Rassen‘,
  3. zeitgenössischen Manifestationen des Rassismus seit 1990: Deutschland im globalen Kontext.

Das Buch endet mit einem Fazit, einer Liste rassistischer und sexistischer Begriffe, Danksagung, Literaturverzeichnis, Anmerkungen und einem Personenregister.

Einleitende Bemerkungen: Black Lives Matter in Zeiten der COVID-19-Krise. (5 Seiten)

Nach durch Zahlen belegte Darstellung rassistischer Ungleichheit in den USA kommt Arndt auf Ungleichheiten in der COVID-19-Krise zu sprechen durch fehlende medizinische Versorgung und Altersabhängigkeit. Alltäglichen Rassismus gibt es in USA und in Europa, bzw. Deutschland, nicht nur in der Sprache sondern auch in Vorurteilen. Da die Autorin auch sprachlich Rassismus nicht reproduzieren möchte, erläutert sie ihren Sprachgebrauch: ‚Versklavung von Afrikaner*innen‘ anstelle von ‚Transatlantischen Sklavenhandel‘ z.B. (weil ‚Handel‘ Legitimität ausdrückt). Deshalb schreibt sie auch rassistische Wörter nicht aus, sondern kürzt sie ab oder senkt sie typographisch ab, um damit auch der in den zitierten Texten enthaltenen sprachlichen Gewalt entgegen zu wirken. Als eine jahrtausendealte Grammatik sozialer Ungleichheit werde Rassismus nicht einfach verschwinden.

I. Rassismus: Grundlagen, Konzeptionelle Verirrungen und Strömungen. (63 Seiten)

In den folgen Kapitel beschreibt sie Privilegien im Kontext sozialer Ungleichheit und Rassismus als Erfindung von ‚Othering‘ mittels ‚Rassen. Diese haben sich in Massakern, Genoziden, Pogromen, Terroranschlägen und diskriminierender Gesetzgebung niedergeschlagen und soziale Positionen (‚Weißsein’ gegenüber ‚Schwarz, People of Colour, Indigene, Juden‘) markiert. Begriffe wie Ausländer- oder Fremdenfeindlichkeit oder ‚positiver Rassismus‘ seien unzutreffend, weil auch sie Grundkonstanten von Anderssein suggerieren (auch Sprache ist Handeln und kann verletzen).

Ein ‚umgekehrter Rassismus‘ und ‚außereuropäischer Rassismus‘ versucht einen schmerzhaften Rassismusvorwurf zu entkräften. Es gibt Rassismus auch unter rassistisch Diskriminierten, in verschiedene Strömungen, und einen verinnerlichten Rassismus der Opfer (negatives Selbstbild). Rassismus zeigt sich auch im Antijudaismus, Antisemitismus, Antizionismus, wenn Israel dämonisiert wird. Er richtet sich gegen Schwarze, Orientale, ziganistische und indigene Menschen; auch kultureller Rassismus ist Rassismus und basiert im Kern auf ein Vorurteil ‚weißer Überlegenheit‘.

II. Geschichte des Rassismus als Geschichte der Erfindung von ‚Rassen‘. (231 Seiten)

Im 19. Jahrhundert taucht der Begriff Rasse mit diskriminierenden Zuschreibungen auf, Spuren rassistischen Denkens finden sich jedoch bereits in der Antike in den Konstruktionen vom Selbst und dem Anderen, z.B. dem ‚Nichtgriechischen‘; auch Versklavung gehört zur Geschichte antiker Gesellschaften. Der Gebrauch des ‚Weißseins‘ ist mit der christlichen Symbolik von Gut und Böse (Weiß/Schwarz) verknüpft und findet sich auch in Eschenbachs ‚Parcival‘.

Mit dem Kolonialismus 1492 kam es zu genozidaler Gewalt, zu Eroberung – und nicht ‚Entdeckung‘ – und zur Versklavung und Rechtlosigkeit auch von Afrikaner*innen (Maafa) und einem kolonial geprägten ‚Weißsein‘ (es folgt ein Abriss vom 15. – 18. Jahrhundert). Rechtlosigkeit wurde legitimiert aufgrund einer ‚Weiß-Schwarz-Antithese‘.

Auch in der Aufklärung zeigte sich Rassismus in der Philosophie und Naturwissenschaft (Licht-Dunkel-Symbolik des Bewusstseins, ‚Rasse‘ auch als innere positive/​negative Struktur). Auch die Befreiung von Sklaverei führte nicht zur ‚Befreiung‘ von Vorurteilen. 1764 attestierte Kant Schwarzen eine von Natur gegebene Minderwertigkeit (mentale und intellektuelle Unterschiede); ‚Weißsein‘ war und blieb die Ausgangsnorm.

Der Abolitionismus machte Sklaverei nicht mehr profitabel. 1787 wurden in der US-Verfassung alle Menschen für gleich erklärt und 1789 in Frankreich die Menschen- und Bürgerrechte verkündet, trotzdem gab es überall massive Gegenwehr. Selbst Hegel fand eine Versklavung von Afrikaner*innen gerecht.

Begriffe wie Volk, Kultur, Rasse prägten vor allem die Debatten in der Aufklärung. Mit der Bildung von Nationalstaaten entwickelte sich ein Rassismus, der geprägt war von einem legalisiertem Imperialismus und Nationalismus. Auch in der Literatur spielten Kolonialfantasien eine Rolle (Rudyard Kipling, Joseph Conrad, Edgar Rice Burroughs). Theoretiker wie Houston Stewart Chamberlain, Eugen Fischer, Arthur de Gobineau lieferten die ideologischen Argumente (für körperlich äußere, aber auch innerlich unterschiedliche und abweichende Merkmale). Aus dem Sozialdarwinismus (Verfall der Rassen) entwickelte sich die Eugenik. ‚Weißsein‘, und ‚Arier als Krone‘, eröffnete Aufstiegschancen aufgrund eines Gefühls kultureller Überlegenheit auch gegenüber z.B. Juden und Rom*nja (‚Zigeuner‘).

Rassismus gab es auch bereits in der Weimarer Republik. Arndt geht dann auf den Rassismus im Nationalsozialismus ein: die Rassentheorien, die menschenverachtenden Visionen vom ‚Lebensraum im Osten‘, den technologisch und bürokratisch organisierten eliminatorischen Rassismus. Über intellektuelle Eliten kam der Rassismus auch nach Japan.

Die Nachkriegsjahre waren geprägt von Singularität und Kontinuität. Es verstärkten sich aber Zweifel an der Konzeption ‚Rasse‘ (Unesco-Erklärung von 1950). Der partiellen juristischen Aufarbeitung in der BRD folgte Ende der 70er Jahre eine Erinnerungsarbeit, die dem Vergessen und der Verharmlosung – verstärkt nach der Wiedervereinigung – entgegenwirkt.

Rassismus gab es aber immer noch inmitten von globaler (Post)Dekolonisierung und kaltem Krieg. Dekoloniale Befreiungsbewegungen (Gandhi, Fanon, Senghor) erinnerten an die institutionell-strukturell omnipräsente Alltagsdiskriminierung. Bürgerrechtsbewegungen und Diaspora-Erfahrungen schärften das Bewusstsein und entwickelten neue Verbindungen und Visionen.

III. Zeitgenössische Manifestationen des Rassismus seit 1990: Deutschland im globalen Kontext. (104 Seiten)

Auch nach 1945 wurde in beiden Teilen Deutschlands Rassismus und Kolonialismus beschwiegen. Erst spät kam es zu einem Prozess der Erinnerung, Entschuldigung und Gedanken an Entschädigung. Vernichtungslager wurden erst spät zu Orten des Gedenkens, auch dann zunächst vor allem eines Gedenkens an die Opfer Shoah. Gleichzeitig war ein struktureller antipalästinensischer/​antimuslimsicher Rassismus partiell auch in der israelischen Politik zu beobachten, was in Deutschland eine ambivalente Debatte wegen der Ausladung des Kolonialismusforschers Mbembe (wegen Kritik an Israel) auslöste. Lassen sich Apartheid in Israel und Südafrika vergleichen?

Insgesamt läuft die Aufarbeitung des Kolonialismus in Europa sehr zögerlich; Entschuldigungen und Entschädigungszahlungen lassen auf sich warten oder werden mit Hinweis auf Entwicklungshilfe angeblich kompensiert. Hinzukommen immer noch Reste eines Unter- und Überlegenheitsmythos. Angesichts der Flüchtlingsbewegung wird über ‚Leitkultur‘ und ‚multikulturelle Gesellschaft‘ debattiert, wobei die Mitverantwortung für globale Missstände oft nicht erwähnt werden. Das schlägt sich auch im Parteienspektrum nieder und begünstigt Verbrechen aus rassistischen Motiven und mentale Blindheit in den Institutionen. Auch ein wohlmeinender, aber missverstandener Alltagsrassismus (Ignorieren, ‚Othering‘, Stereotype), u.a. auch in Film und Werbung, hinterlässt Verletzungen und wird oft beschönigt oder in neue Worthülsen gekleidet. Arndt meint, dass es dafür nicht genügend strafrechtliche Handhabe gibt.

Ein Fazit: Zum Schluss kommen, wenn auch kein Ende in Sicht ist. (6 Seiten)

Eine Cancel-Culture-Debatte beschäftigt sich mit tradierten Privilegien, Definitionsmacht und Verleugnung von Rassismus (viele alltägliche Beispiele). Rassismus begreifen, kritisch reflektieren und diskutieren und Verantwortungsübernahme ist das Gebot der Stunde.

Diskussion

Ein sehr umfangreiches Material aus Politik, Gesellschaft, Literatur, Philosophie, Geschichte wird in diesem Buch vorgestellt, indem vor allem das narzisstische Selbstverständnis einer weißhäutigen Suprematie immer wieder mit Beispielen belegt wird. Die Kehrseite ist die Verachtung und Entwertung fremder Kulturen, die – rassistisch begründet – und offensichtlich ohne Schuld- und Schamgefühl in Gestalt von Sklaverei und Genozid praktiziert worden ist. Insofern bedeutet dieses Buch für alle weisshäutigen Europäer ein bedrückendes und gleichzeitig aufrüttelndes Buch, sich mit der politischen und familiären Überlieferung kritisch auseinanderzusetzen. Die Gefahr ist, dass man angesichts des Ausmaßes der Verbrechen möglichweise resigniert, obgleich das Gegenteil eine offensive Strategie, wie sie die Autorin vorschlägt, für die Opfer, und vor allem ihre noch lebenden Nachkommen, hilfreich sein kann.

Es ist ein sehr politisches Buch, das die Augen öffnet für alltägliche und oft unbewusste oder subjektiv gut gemeinte, aber dennoch nicht gute, Diskriminierungen. Diese sind wahrscheinlich schon aus Denk- und Sprachgewohnheiten nicht völlig zu eliminieren, dennoch kann eine wachsende Sensibilität hilfreich sein. Angesichts des Ausmaßes der Verbrechen kann von ‚Wiedergutmachung‘ ohnehin nicht die Rede sein.

Mit dem Titel ‚Rassismus begreifen‘ hatte ich allerdings meine Schwierigkeiten, zwar begreift man, weil das auch detailliert vorgestellt wird, dass Ausmaß der Zerstörungen, den ein weißer Rassismus angerichtet hat, aber nicht die Ursachen. Zwar haben alle Menschen, gleich welcher Hautfarbe, in der Kindheit die Erfahrung mit Fremdheit gemacht und reagieren in den ersten Lebensjahren ambivalent mit einer Mischung von Neugier/​Interesse und Furcht auf Fremde. Daraus können sich Freundschaften, Desinteresse und Feindschaften entwickeln. Sicher steckte auch in den Eroberungen fremder Länder positiv Neugier, Interesse und Entdeckungslust, neben Angst und Unsicherheit, eine Mischung, die aber auch den Eroberten nicht fremd gewesen ist. Ihre Schätze weckten allerdings Begehrlichkeiten, wobei in den oft auch kriegerischen Auseinandersetzungen die Waffenungleichheit und strategische Unterlegenheit eine Rolle spielten. Aber dass der Mensch selbst und sein Besitz als Beute/Ware betrachtet und entsprechend behandelt wurde, passt so gar nicht in das angeblich christliche Weltbild der Europäer. Selbst mit der Missionierung wurde den Farbigen etwas aufoktroyiert, was ihren bisherigen Traditionen und religiösen Gefühlen fremd war. Insofern zeigen sich in der Kolonialgeschichte Spuren, wie sie auch in der NS-Zeit in Deutschland zu beobachten waren, als Nachbarn diskriminiert, ausgewiesen, verfolgt und verschleppt oder auch auf offener Straße gedemütigt und getötet wurden und es den meisten Christen nicht das Herz zerrissen hat. Handelt es sich um ein soziales Phänomen, angesichts von Gewalt eher in passive Resignation zu verfallen als Widerstand zu leisten? Rassismus als soziales Phänomen von Idealisierung und Entwertung ist immer noch nicht begriffen.

Die fast durchgängige Verwendung von Abkürzungen, um erneute Diskriminierungen zu vermeiden, erschwert nach meinem Eindruck einerseits die Lesbarkeit, schärft aber andererseits gleichzeitig die bewusste Wahrnehmung, wie sehr wir auch heute immer noch in einer rassistischen Sprachkultur leben. Allerdings ist es wichtig, Äußerungen auch kontextabhängig zu interpretieren und nicht in einen unreflektierten Anti-Rassismus zu verfallen.

Sollte man z.B. Pippi Langstrumpf oder Wilhelm Busch mit Kindern nicht doch besser im Originaltext lesen und das als Anlass zum Nachdenken nehmen, über Geschichte, Traditionen, Diskriminierungen – bewusste und unbewusste – mit Kindern und Enkeln zu reden.

Fazit

Ein keineswegs leicht zu lesendes, aber wichtiges Buch für alle, denen Widerstand gegen Diskriminierungen am Herzen liegen und die das Grundgesetz, dass die Würde des Menschen unantastbar ist, in der globalen Moderne ernst nehmen und sich um ein Zusammenleben auf Augenhöhe bemühen.

Rezension von
Prof. Dr. Gertrud Hardtmann
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Es gibt 97 Rezensionen von Gertrud Hardtmann.

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Zitiervorschlag
Gertrud Hardtmann. Rezension vom 22.03.2022 zu: Susan Arndt: Rassismus begreifen. Vom Trümmerhaufen der Geschichte zu neuen Wegen. Verlag C.H. Beck (München) 2021. ISBN 978-3-406-76554-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/29032.php, Datum des Zugriffs 14.08.2022.


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