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Beat Kissling: Sind Inklusion und Integration in der Schule gescheitert?

Rezensiert von Dipl. Soz.-Päd. Mathias Stübinger, 09.05.2022

Cover Beat Kissling: Sind Inklusion und Integration in der Schule gescheitert? ISBN 978-3-456-85920-0

Beat Kissling: Sind Inklusion und Integration in der Schule gescheitert? Eine kritische Auseinandersetzung. Hogrefe AG (Bern) 2021. 280 Seiten. ISBN 978-3-456-85920-0. D: 24,95 EUR, A: 25,70 EUR, CH: 32,50 sFr.
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Thema

Wie Prof Dr. Guy Bodenmann in seinem kurzen Geleitwort treffend ausführt, prägten (und prägen) gesellschaftliche Ungleichheit, Ausgrenzung und Selektion das Schulsystem über Jahrhunderte; entsprechend wurde mit den Idealen der Integration und/oder Inklusion ein weiterführender, revolutionärer Schritt in eine humanere und gerechtere Bildungspolitik versucht; Kritikerinnen und Kritiker dieser Idee einer inklusiven Pädagogik für alle geraten dementsprechend schnell unter Beschuss – ist doch Separation von Schülerinnen und Schülern – aus welchen gut gemeinten Gründen auch immer – als diskriminierend abzulehnen (S. 9 f.).

Wenn der Autor des vorliegenden Textes im Titel seines Buches die kritische und vielleicht sogar rhetorisch gemeinte Frage stellt, ob Inklusion und Integration in der Schule gescheitert sind, dann impliziert dies – so Prof Dr. Franziska Felder in einem weiteren Geleitwort – aber durchaus schon ein wenig, dass der Paradigmenwechsel im Bildungswesen ggf. als misslungen betrachtet werden kann (S. 11 f.).

Beat Kissling will aber – so Franziska Felder – gar nicht polarisieren, sondern vielmehr positive und reflektierende Ideen für eine möglicherweise festgefahrene Inklusionsdebatte liefern und einen Beitrag für eine gerechte Bildung für alle Menschen – gerade auch Menschen mit Behinderungen und Dysfunktionalitäten – anbieten.

Kurz zusammengefasst geht es in der rezensierten Publikation – so der Klappentext -dementsprechend um die zentralen Fragestellungen:

  • Was an der Inklusion überzeugte nicht?
  • Ist eine optimierte Integration die Lösung?
  • Ist einer „richtig“ praktizierten Inklusion der Vorzug zu geben?
  • Geht es um mehr Öffentlichkeitsarbeit, um Akzeptanz zu schaffen?

Autor

Der Verfasser der kritischen Auseinandersetzung mit den Perspektiven der schulischen Inklusion und Integration kann – wie auf seiner Homepage (vgl. https://beatkissling.ch/) und im kurzen Autorenportrait des Buches (S. 277 f.) beschrieben ist – auf langjährige praktische Berufserfahrungen als Pädagoge an Volksschulen und Gymnasien zurückgreifen; Dr. phil. Beat Rudolph Kissling ist zudem praktizierender Psychologe und führt gemeinsam mit einem Freund seit Juli 2021 eine psychotherapeutische Praxis; an der Züricher Hochschule für Angewandte Wissenschaften wirkt er als Dozent für Umweltethik; neben anderen Publikationen veröffentlichte er zusammen mit Alain Prichard die beiden Texte „Einspruch – kritische Gedanken zu Bologna, HARMOS und Lehrplan 21“ sowie „Einspruch II – Auswirkungen der Schulreformen – eine kritische Bestandsaufnahme aus Sicht der Betroffenen“; der reflektierte Diskurs mit aktuellen Paradigmen, Reformen und Diskursen des europäischen Bildungswesens stellen somit sicherlich einen Schwerpunkt seines beruflichen Wirkens dar.

Aufbau und Inhalt

In der Einführung skizziert der Verfasser – neben Eingrenzungen und dem Aufbau des Textes – zunächst, dass Perspektiven der Integration stets mit Fragen der Humanität verbunden waren und sind; in diesem Kontext ist es folgerichtig, dass sich in den letzten 20 Jahren im (deutschen) Schulwesen Reformprojekte etabliert haben, die sich darum bemühen, Kinder und Jugendliche mit Behinderung oder irgendeiner Form von Einschränkungen nicht getrennt von Schülerinnen und Schülern ohne Handicap zu unterrichten; die Separation von sogenannten „Sonderschülern“ sollte – im Sinne einer kompensatorischen Erziehung – in den Regelklassen und/oder Gesamtschulen überwunden werden; die als diskriminierend empfunden Förderklassen und Sonderschulen sollten – trotz vieler erkannter Ambivalenzen und Herausforderungen (gerade auf Seiten der Lehrkräfte) – weitgehend aufgelöst werden; eine weitere Akzentuierung hat dabei sicherlich die Verabschiedung der UN-Konvention zum Schutz von Menschen mit Behinderung gebracht, die den Umbau des Bildungswesens hin zu einer inklusiven Schule/Pädagogik für alle fordert.

Beat Kissling stellt in diesem Zusammenhang die Frage, warum die Vision (oder Utopie?) der Inklusion mit ihren besten Absichten – scheinbar und unverändert – weniger zu ernsthaften Dialogen führt, sondern zielführende Lösungen eher in der Sackgasse gelandet sind (S. 20); fraglich – so der Verfasser – scheint, ob eine optimierte Integrationsarbeit eine Lösung sein kann oder ob vielmehr einer richtig praktizierten Inklusion der Vorzug zu geben ist; offen sei, ob es mehr Aufklärungs- und Öffentlichkeitsarbeit bedarf; bemerkenswert ist, warum immer mehr Kinder und Jugendliche sonderpädagogische Maßnahmen benötigen und noch bestehende Sonderschulen einen ungebrochen hohen Zulauf haben; grundlegend soll mit dem vorliegenden Buch daher die zentrale Frage beantwortet werden, „wie es überhaupt möglich ist, zu einer konsensualen Perspektive und Lösung zu gelangen, die dem humanen Anspruch der Integration wirklich gerecht wird, sodass Anspruch und Realität nicht auseinanderklaffen“ (S. 21).

Im 1. Kapitel: Integration – aus dem Leben gegriffen versucht Beat Kissling zunächst anhand von fünf individuellen Fallbeispielen unterschiedliche Facetten der Integration nachvollziehbar zu machen; über Informationen zu und Schilderungen von betroffenen Schülerinnen und Schülern wird aufgezeigt, welche Fragestellungen und Herausforderungen die Bemühungen um eine gerechte Integration ergeben können; der Autor schildert – auch anhand eigener Erfahrungen als Schüler und Lehrer – das Erlebnis scheiternder wie auch gelingender Integration; im Kontext der sich ausbreitenden ADHS-Diagnose bei Schulkindern verdeutlicht er unter anderem, dass Kinder gerne „normal“ sein wollen und ihnen Verständnis wichtiger ist als eine differenzierte fachspezifische Diagnose; die Schilderung eines – letztlich aber durch Fehleinschätzung geprägten – vermeintlichen Idealfalls von Integration (Kapitel 1.3) belegt, dass alleine der Auszug eines Menschen mit einer geistigen Behinderung in eine ambulante, selbstbestimmte Wohnform noch lange nicht bedeutet, dass damit geradezu natürlicherweise soziale Beziehungen zu nichtbehinderten Menschen entstehen und soziale Isolation – quasi von selbst – überwunden wird; das Beispiel eines Bergbauernsohns mit der Diagnose Down Syndrom steht demgegenüber für den Modellfall einer – von Geduld und Liebe getragenen – gelungenen, familiären Integration; im letzten Fallbeispiel des Kapitels wird skizziert, wie durch das Engagement und die Geduld einer Mutter Empathie und Verständnis einer Schulklasse geweckt werden kann.

Das umfangreiche 2. Kapitel thematisiert Integration/​Inklusion im Spiegel der Zeit; im Sinne einer historischen Rückschau wird der Aufbau eines spezialisierten – bestimmte Arten von Dysfunktionalitäten aufgreifenden – Sonderschulwesens nach dem zweiten Weltkrieg skizziert; Beat Kissling schildert die sonderpädagogische Wende im Zuge der Bildungsreformen in der Schweiz und Deutschland ab den 1970er Jahren und widmet sich schließlich Grundgedanken der Inklusion, mit all ihren Ambivalenzen und Interpretationsspielräumen, die sich aus der UN-Behindertenrechtskonvention ableiten lassen; als eine der Kernfragen im Hinblick auf die Umsetzung des Prinzips der Integration bzw. eines gemeinsamen Unterrichts aller Kinder und Jugendlichen mit und ohne Behinderung kann sicher der Diskurs um die Weiterexistenz der Sonderschulen und/oder Förderschulen identifiziert werden; wenn das Kindeswohl und die freie Persönlichkeitsentwicklung zentrale Zielperspektiven der Konvention darstellen und gleichermaßen anerkannt wird, dass Schülerinnen und Schüler mit Behinderungen individuelle Einschränkungen aufweisen könnten, die eine inklusive Beschulung als nachteilig erscheinen lassen, erscheinen Fragen der Weiterexistenz oder Aufhebung von Sonderschulen kein zentrales Kriterium für die Erfüllung der in der UN-Konvention formulierten Normen sein (S. 57 f.); der Verfasser greift in diesem Zusammenhang die Skepsis gegenüber Integration bzw. Inklusion in der Bevölkerung auf; er attestiert u.a., dass in den letzten Jahren mache Debatten durchaus eher von Polemik anstelle eines sachlichen Diskurses geprägt waren und stellt die kritische Frage, ob Inklusionsbestrebungen eher pädagogisch oder politisch motiviert sind.

Anschließend erfolgt ein kurzer Exkurs zur konkreten Umsetzung der Inklusion am Beispiel der Rosenmaar-Schule in Köln; deutlich wird in den Ausführungen, welch große und teilweise verunsichernde Heterogenität sich im Alltag einer städtischen Grundschule mit etwa 400 Schülerinnen und Schülern sowie über 75 Kindern mit unterschiedlichen Förderschwerpunkten stellen (können); erstaunlich wirkt dabei die Erkenntnis, dass sich in allen Klassen – so auch die zitierte Schulleitung – vergleichsweise schnell verschiedene Hierarchien herausbilden und dass sich Schülerinnen und Schüler mit geistiger Behinderung oftmals mit der Rolle des/der „Niedrigsten“ im Klassen- und Gruppengefüge konfrontiert sehen – was von den Betroffenen durchaus als (ab-)wertend und oder sogar entmutigend empfunden wird (S. 66 f.); entsprechend wichtig sei es, dass die Kinder und Jugendlichen eine vertrauensvolle, ausgleichende Beziehung zu ihren Lehrkräften aufbauen können.

Im Kapitel 2.8 differenziert Beat Kissling Skepsis und Kritik gegen Integration bzw. Inklusion weiter aus; ausgehend von der – auch durch die Weltgesundheitsbehörde WHO aufgegriffenen – These, dass es unverändert wenig, wirklich aussagekräftige Untersuchungen über die Wirkungen inklusiver/​integrativer Beschulung im Vergleich zur Beschulung in Sonder- und Förderschulen gibt (S. 70), thematisiert der Autor das Recht auf korrekte Schulung in dem Schülerinnen und Schüler keine „Experimentiermasse“ sein sollten (S. 73); schulische Bildung müsse das Wohlbefinden und die Würde der behinderten aber auch nicht behinderten Kinder und Jugendlichen beachten und dementsprechend mehr sein, als eine Umsetzung rein organisatorischer Maßnahmen; problematisch erscheint an dieser Stelle die fehlende anthropologische Grundlage für die Implementierung von Integrations- und Inklusionskonzepten, was Beat Kissling schließlich zu einem besonnenen Aufruf zu mehr wissenschaftlicher Sorgfalt und Toleranz führt; bemerkenswert ist der Querverweis auf den renommierten Sonderpädagogen Otto Speck, der ausführt, dass eine „Einnebelung“ der Begriffe „behindert“ und „normal“ zur Bagatellisierung der Wirklichkeiten des Menschen mit Behinderung führen würde; dementsprechend kann eine Behinderung pädagogisch nicht als eine Verschiedenheit „wie jede andere“ auf einer vergleichbaren Ebene wie Hautfarbe, Körpergröße oder Freizeitpräferenzen angesehen werden (S. 78).

Ganz im Sinne der geforderten wissenschaftlichen Sorgfalt und Toleranz beschließt Beat Kissling das zweite Kapitel mit der Schilderung von Biografien ehemaliger Sonderschüler bzw. den entsprechenden langfristigen Folgen einer Sonderbeschulung (Kapitel 2.10); Bezugspunkt für diese Passage ist die Dissertation des Sonderpädagogen Ingo Holaschke, der zu Schülerinnen und Schülern, die in Lernbehindertenschulen unterrichtet wurden, geforscht hat und sich mit Fragen der Lebenszufriedenheit und dem beruflichen Werdegang der Betroffenen befasst hat; als zentralen Befund dokumentiert diese Forschungsarbeit, dass der überwiegende Teil der Befragten – die ehemals in einer Sonderschule unterrichtet wurden – ein unauffälliges und von persönlicher Zufriedenheit geprägtes Leben zu führen scheint (S. 82 f.); ungeachtet einer durchaus negativen Grundeinstellung gegenüber der Institution „Sonderschule“ scheint das Erleben bzw. die Erinnerung der interviewten, ehemaligen Schülerinnen und Schüler primär davon geprägt zu sein, dass der Eindruck (in der Schule) ständig zu versagen – auch und gerade über verständnisvolle Beziehungen zu Lehrkräften – zunehmend vom Gefühl abgelöst wurde, Aufgaben zu verstehen, gut zu sein und/oder freundschaftlich mit anderen zusammenarbeiten zu können; Beat Kissling führen diese Erkenntnisse zur Fragestellung, ob Sonderschulen nicht sogar als Quelle von Resilienz betrachtet werden könnten/​sollten und betont im Weiteren, wie wichtig das Wohlbefinden des einzelnen für den schulischen Erfolg und die Persönlichkeitsbildung sind; ob sich natürlich ein solches Wohlbefinden einstellen kann, steht und fällt – so die erneut wiederholte, nachdrückliche These – mit den Kompetenzen der Lehrkräften und der Frage, wie das Phänomen des Mobbings – von dem unverändert Menschen mit Behinderung in besonderem Maße betroffen sind – durch Maßnahmen inklusiver Bildung vermieden werden kann; gerade die Verhinderung des Mobbings vermeintlich benachteiligter, leistungsschwächerer Schülerinnen und Schüler sei erneut – so der Autor – vor allen Dingen eine Frage, die in die Lehrerausbildung integriert werden muss (vgl. S. 102 f.).

Das 3. Kapitel beschreibt Die anthropologischen Voraussetzungen des Lernens; ausgehend von hier nochmals eingebundenen praxisorientierten Falldarstellungen – hier aus einem Gespräch des Verfassers mit ehemaligen Schülerinnen und Schülern abgeleitet – arbeitet Beat Kissling unter anderem Themen heraus, wie die Bedeutung des Klassenzusammenhalts und die entsprechende Einstellung zum Lernen, die Wirkung der Unterrichtsgestaltung durch die Lehrperson oder die Relevanz einer gelingenden Beziehung zwischen Lehrenden und Lernenden; die eigenen Erkenntnisse werden anschließend in den Ausführungen zum menschlichem Lernen bzw. der Darstellung von potentiellen Bausteinen einer pädagogischen Anthropologie aufgegriffen (Kapitel 3.2); der Verfasser skizziert – gut nachvollziehbar – Menschenbild und Mensch werden im Kontext der Theorie der Ontogenese; er verweist aus die sozio-kulturelle Theorie der menschlichen Entwicklung nach Ley Vygotsky und thematisiert die Bedeutung des kindlichen Vertrauens und natürlichen Neugier sowie die Rolle der Gefühle beim Denken-Lernen; folgerichtig führt Beat Kissling aus, dass Denken die Teilnahme an einer gemeinsamen Welt bedeutet und jegliche Form der erfolgreichen, nachhaltigen Bildung einer tragfähigen Bindung – ganz im Sinne der Bindungstheorie nach John Bowlby – bedarf, denn Bindungssicherheit fördert Resilienz und hilft, große Einschränkungen zu kompensieren (vgl. S. 154 f.); veranschaulicht wird diese Erkenntnis u.a. zum Ende des Kapitels wieder anhand zweier Fallbeispiele.

Das umfangreiche zusammenfassende und ausblickende 4. Kapitel beschreibt Beat Kissling als Praxiskapitel und überschreibt es mit Integrative Praxis – die Umsetzung einer humanen Bildung; thematisch wendet sich der Verfasser zunächst der Rolle und Funktion des Lehrers als Pädagoge bzw. kultureller Mentor zu; Lehrerinnen und Lehrer müssen – so ein Zwischenfazit – „in ihrer Aus- und Weiterbildung persönlich gestärkt und angeleitet werden …, wie sie Lerngruppen erfolgreich so führen können, dass alle Schüler ihre anstehenden Lernschritte vollziehen können“ (S. 169); anhand zweier prominenter Beispiele – dem französischen Nobelpreisträger für Literatur Albert Camus und dem Professor für italienische Literatur Nuccio Ordines – wird die Bedeutung der Lehrenden ebenso sichtbar, wie in Beispielen gelungener Integration die – u.a. – anhand des Films „Etre et Avour – Sein und Haben“ des Regisseurs Nicolas Philibert oder des amerikanischen Dokumentarfilms „Stand and Deliver“ – verdeutlicht werden; als wichtige zielführende Perspektiven identifiziert Beat Kissling im Kontext dieser Praxisbeispiele z.B. die individuelle fördernde Zuwendung oder gezielte Strategien der Konfliktlösung; er thematisiert, dass die soziale Herkunft nicht zwingend determiniert, welche Entwicklungsperspektiven ein Mensch realistischerweise hat; insgesamt identifiziert der Verfasser – wieder belegt durch vielfältige Bezüge zu dokumentierten Praxisperspektiven – Verstehen und Helfen als zentrale Aufgaben der Schule (Kapitel 4.3.3); abschließend ist dem Lernen im Kollektiv und der besonderen Bedeutung des Klassenklimas für eine gelingende Integration eine umfangreiche Betrachtung gewidmet; Beat Kissling spannt hier einen interessanten Bogen von der Bedeutung der Schulreform im „roten Wien“ nach dem 1. Weltkrieg über die Relevanz des dialogischen Lernens/der dialogischen Bildung bis hin zu entsprechend abgeleiteten aktuellen Lehrformaten (wie dem so genannten „Accountable Talk“); entsprechend positiv endet das Kapitel auch mit den Worten: „Erfahrungen, die man mit Accountable Talk und bzw. dem dialogischen Lernen macht, bestätigen die anthropologischen Erkenntnisse, die zeigen, dass bereits das noch sehr kleine Kind am liebsten von den zugänglichen Mentoren lernt. Dies beglückt den kleinen Menschen schon sehr früh und bringt ihn weiter“ (S. 242).

Die kritische Auseinandersetzung mit Inklusion und Integration in der Schule endet im 5. Kapitel mit kurzen, zusammenfassenden Schlussfolgerungen, Nachwort und Ausblick; zentrale Thesen sind, dass

  • die Frage ob und wie sich Schülerinnen und Schüler nachhaltig entwickeln bzw. entwickeln können mit den pädagogischen Fähigkeiten der sie unterrichtenden Lehrern steht und fällt (S. 246 f.),
  • die Klassengemeinschaft sich als besonders bedeutsam für vorteilhafte Lernvoraussetzungen von Schülerinnen und Schülern erweist (S. 250 f.),

Ganz im Sinne der Ausgewogenheit und Reflexion – die das gesamte Buch auszeichnen – bemüht sich Beat Kissling abschließend um eine Beurteilung von Integration und Inklusion; ungeachtet der Tatsache, dass es grundsätzlich wünschenswert ist, Schülerinnen und Schüler mit Behinderung in der (Regel-)Schule zu integrieren, gibt der Autor zu bedenken, dass stets zwei zentrale Fragestellungen sorgfältig geklärt sein müssen:

  • Wo sind die Grenzen der Integrationsfähigkeit bei einem Kind (S. 253 f.)?
  • Wie weitreichend sind die pädagogischen Erfahrungen bzw. Kompetenzen des Lehrers (S. 256 f.)?

Inklusion kann – so der Verfasser – ein weniger flexibles Konzept sein als die Idee der Integration; vielleicht ein wenig zugespitzt formuliert sei fraglich, „ob man in der aktuell vertretenen Form überhaupt von einem pädagogischen Konzept sprechen kann. Es wird zwar versucht, für das Inklusionssetting didaktische Gestaltungsformen zu entwickeln, ohne aber primär die Befähigung der Lehrer festzustellen, dass sie den individuellen Schülerpersönlichkeiten gerecht werden können“ (S. 260).

Diskussion

Ungeachtet des o.g. sehr kritischen Zitates Beat Kissling gelingt in dem vorliegenden Buch eine sehr differenzierte, vielschichtige und stets um Balance bemühte Auseinandersetzung mit den Leitfragen der Integration und Inklusion; besonders bemerkenswert ist das – vielleicht aus eigenen Erfahrungen gespeiste – Plädoyer für die Aus-, Fort- und Weiterbildung von Lehrerinnen und Lehrern, die sich der anspruchsvollen Aufgabe der schulischen Bildung von Menschen mit Behinderung stellen; gleichermaßen erkennbar und motiviert ist natürlich auch das Engagement für eine in jedem Fall verbesserte, nachhaltigere schulische Bildung der Kinder und Jugendlichen mit Dysfunktionalitäten; gerade in den Passagen, die das Wohlbefinden, die Zufriedenheit, Resilienz und Lebensfreude der Adressatinnen und Adresstaten thematisieren, wird deutlich, dass es vielleicht manchmal auch eine sehr akademische Diskussion sein kann, ob es nun am Ende um eine gelingende Integration oder eine umfassende Inklusion der Menschen mit Behinderung geht; vielleicht – so der Eindruck, der sich nach dem Lesen des Textes einstellt – werden hier Lebensweltbezüge und Lebensumstände, Wünsche und Bedürfnisse der Betroffenen gar nicht so sehr beachtet, wie Aspekte der Ökonomisierung des Bildungswesen oder zukünftigen organisatorischen Entwicklung des Schulsystems.

Insgesamt ist es sicher so, dass – ohne die Vision der Inklusion – weit weniger Dynamik in die Betreuung und Begleitung von Menschen mit Behinderung in allen Fragen der gesellschaftlichen Teilhabe kommen würde; mit Blick auf individuelle Bedarfe und Bedürfnisse, darf es aber vielleicht auch so sein, dass eine optimierte Integration mehr als nur akzeptiert werden kann.

Fazit

Beat Kissling gelingt – wie es der Titel verspricht – in der Tat eine facettenreiche, kritische Auseinandersetzung mit den vielschichtigen fachlichen Perspektiven, die sich im Zusammenhang der Integration und/oder Inklusion von Menschen mit Behinderungen im Rahmen der schulischen Bildung; mancher Gedanke/​manche These mögen von den Leserinnen und Lesern als ein wenig provokant empfunden werden; in jedem Fall gelingen aber nachvollziehbare – und doch auch mit vielen Beispielen und eigenen Erfahrungen des Autors nachvollziehbar gemachte – Darstellungen und Gedanken; somit regt der Text zum Nachdenken und zum Weiterdenken an.

Insgesamt betrachtet ist die Publikation von Beat Kissling sehr gelungen und sehr empfehlenswert für alle Leserinnen und Leser, die das Themenspektrum differenziert und ohne ideologische Beschränkungen betrachten wollen.

Literatur

https://beatkissling.ch/ (Datum des Zugriffs: 20.04.2022)

Rezension von
Dipl. Soz.-Päd. Mathias Stübinger
Lehrkraft für besondere Aufgaben an der Hochschule Coburg, Fakultät Soziale Arbeit und Gesundheit, u.a. in tätig in den Lehrgebieten: Sozialmanagement / Organisationslehre / Praxisanleitung und Soziale Arbeit für Menschen mit Behinderung
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Zitiervorschlag
Mathias Stübinger. Rezension vom 09.05.2022 zu: Beat Kissling: Sind Inklusion und Integration in der Schule gescheitert? Eine kritische Auseinandersetzung. Hogrefe AG (Bern) 2021. ISBN 978-3-456-85920-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/29043.php, Datum des Zugriffs 24.05.2022.


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