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Christian Dietrich: Im Schatten August Bebels

Rezensiert von Ronny Noak, 12.01.2022

Cover Christian Dietrich: Im Schatten August Bebels ISBN 978-3-8353-3787-9

Christian Dietrich: Im Schatten August Bebels. Sozialdemokratische Antisemitismusabwehr als Republikschutz 1918-1932. Wallstein Verlag (Göttingen) 2021. 319 Seiten. ISBN 978-3-8353-3787-9. D: 34,90 EUR, A: 35,90 EUR.
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Thema

Die Monografie behandelt das Konzept der Abwehr des Antisemitismus in der Weimarer Republik (1918-1933) durch die sozialdemokratischen Parteien. Dabei fokussiert es auf die Artikulation des Antisemitismus aus völkischen wie nationalsozialistischen Kreisen. Zusätzlich gibt sie Auskunft über Konzepte des Antikolonialismus und Zionismus in der frühen Arbeiterbewegung und damit auch auf die Bedeutung dieser Ideen bei der Abwehr des Antisemitismus.

Autor

Christian Dietrich ist Privatdozent an der Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder). In seiner Promotion hatte er sich mit dem Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens befasst.

Entstehungshintergrund

Bei der 2021 erschienenen Monografie handelt es sich um die im Juli 2020 an der Europa-Universität Viadrina eingereichte Habilitationsschrift von Christian Dietrich.

Aufbau

Nach einer knappen Einführung und dem Aufzeigen der methodischen Herangehensweise widmet sich der Autor zunächst in einem Kapitel der Kolonialdebatte innerhalb der sozialdemokratisch geprägten Arbeiterbewegung bis zum Ende des Ersten Weltkrieges. Anschließend befasst er sich intensiver mit den Zionismuskonzepten sowie deren Befürwortern oder Widersprechern in der (M)SPD sowie USPD.

Im Anschluss geht Christian Dietrich auf das vorherrschende Antisemitismuskonzept der Sozialdemokratie ein. Dieses führt er zurück auf die Ausführungen August Bebels, welche in den folgenden Jahren zunächst übernommen, aber auch modifiziert werden. Der Schwerpunkt der Arbeit liegt aber anschließend auf der Auseinandersetzung sowohl in ideengeschichtlicher Perspektive als auch praktisch-politischer Arbeit mit dem Antisemitismus, vor allem aus den Reihen der DNVP und der NSDAP.

Inhalt

Für die Ausführungen Christian Dietrichs sind sechs Thesen (S. 23 f.) leitend, die mindestens ebenso schnell in das Thema einführen. Diese orientieren sich auch am folgenden Aufbau des Buches. Während die Kolonialismusthese maßgebend für das 3. Kapitel ist, werden die weiteren fünf Thesen im Kapitel 4 untersucht.

In Fragen des Kolonialismus kann Dietrich anhand des Quellenmaterials darlegen, dass es innerhalb der SPD des Kaiserreichs zwar kaum Forderungen nach expansiver Kolonialpolitik gab, diese aber auch nicht vehement abgelehnt wurde.

Warum ist diese Debatte so wichtig für die Sozialdemokratie und für den Untersuchungsgegenstand? Zum einen ist die Kolonial- und die damit verbundene Kriegspolitik schließlich einer der Gründe warum es zur Spaltung der Arbeiterbewegung in Unabhängige und Mehrheitssozialdemokratie kam.

Zum anderen beeinflusst Sie auch das Verhältnis zur Positionierung bezüglich der Gründung eines eigenen jüdischen Staates in Palästina. Hier sind die Positionen, wie Dietrich anhand von Äußerungen in den sozialdemokratischen Presseorganen zeigen kann, ähnlich divers. Es kristallisiert sich jedoch im Laufe der Zeit eine Unterstützung des Projekts der jüdischen Staatsgründung heraus. Auch dies nicht zuletzt als Antwort auf die Anfeindungen aus den extrem rechten Kreisen. Sie ist aber auch eine Antwort auf die Position der vermeintlich gescheiterten jüdischen Assimilation.

Nachdem der Autor diese Debatte bis 1918/19 sehr umfassend dargelegt hat, widmet er sich dem hauptsächlichen Gegenstand seiner Arbeit: der Abwehr des Antisemitismus. In den Fokus der Untersuchung rücken hierfür, neben der Betrachtung publizistischer Organe – meist mit reichsweiter Verbreitung – auch die Debatten auf den Parteitagen der sozialdemokratischen Partei(en). Hier gelingt es dem Autor zu zeigen, dass der erstarkende Antisemitismus als steigende Bedrohung wahrgenommen wurde, während er aber spätestens Mitte der 1920er Jahre als zunächst beseitigt betrachtet wurde. So begannen andere Themenfelder zu dominieren. Auch der Aufstieg und die Wahlerfolge der NSDAP ab 1929 setzen diesem Narrativ zunächst wenig zu.

Als dominierende und leitende These, die Dietrich in seiner Arbeit immer wieder unterstreichen kann, ist die Republikschutzthese anzusehen. Diese besagt, dass der Angriff auf die Jüdinnen und Juden als Minderheit im Deutschen Reich immer auch auf die Republik und Demokratie als Gesamtheit abzielte. Diese Deutung manifestierte sich rasch in der Sozialdemokratie, wobei der USPD eine gewisse Vorreiterrolle in der Abwehr des Antisemitismus einzuräumen ist.

Zwei weitere Aspekte sollen zudem an dieser Stelle hervorgehoben werden: Zum einen war dies die Abwehr des Antisemitismus in den eigenen Reihen der Arbeiterbewegung. Schließlich verbarg sich hier die Gefahr, dass vor allem die antikapitalistische Stoßrichtung des Antisemitismus Fürsprecher fand. Anhand einzelner Fallbeispiele kann Dietrich aber zeigen, dass es der Parteiführung durch Erwiderung durch Autoritäten und Schulung gelang, diesen Ressentiments keinen Auftrieb zu geben und so auch einen Teil zur Standfestigkeit der SPD in diesen Fragen beizutragen.

Zum anderen war die Netzwerkarbeit der Partei ein entscheidender Faktor in der Arbeit gegen den Antisemitismus. Immer wieder versuchte die Partei gemeinsam mit dem bürgerlichen, linksliberalen und katholischen Lager die Republik und die Jüdinnen und Juden zu verteidigen. Dies manifestierte sich zum einen in der Gründung des Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold aber auch in der Kooperation mit dem Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens und in der Endphase der Republik in der Zusammenarbeit mit den Gewerkschaften in der Eisernen Front. Die Sozialdemokratie war also keinesfalls ein gänzlich autonomer Akteur.

Diskussion

Ein Blick auf die weitere Geschichte könnte von der These ausgehen, dass die Einschätzung der SPD offenbar einem Trugschluss unterlag. Mit der Zerstörung der Weimarer Demokratie 1933 war der Antisemitismus zur Staatsdoktrin geworden. Der Abwehrkampf war offenbar gescheitert.

Dieser These kann Dietrichs Arbeit einiges entgegenstellen. Weimar war – beispielsweise durch die Verabschiedung der Republikschutzgesetze und der Schaffung des Staatsgerichtshofs zum Schutz der Republik – auch eine „wehrhafte Demokratie“. Gerade in den Jahren der relativen Stabilisierung (1924-28) existierte ein Bollwerk gegen Antisemiten. Das Verbot antisemitischer Publikationen und Redner und folglich der Ausschluss von der öffentlichen Debatte, trug unweigerlich zur Stärkung der Demokratie bei. Wichtiger war jedoch das beherzte Vorgehen innerhalb der SPD sich immer wieder für die Gleichstellung der Jüdinnen und Juden einzusetzen, auch wenn dies vor allem im Rahmen der Debatte um das Ostjudentum vor eine große Herausforderung gestellt wurde. Dass das Reich sich hier aber gegen vor allem bayerische Maßnahmen behaupten konnte, zeigt wiederum die Integrationskraft der Weimarer Demokratie. Der Blick des Autors in die Länder des Reiches und ein Abgleich mit den Geschehnissen in Berlin muss daher als gelungen bezeichnet werden.

 

Dem Autoren ist es dabei gelungen die verschiedenen Strömungen der Arbeiterbewegung (stellenweise von der KPD bis zum linksliberalen Flügel der DDP) als Akteure der Weimarer Demokratie darzustellen und dabei die heterogenen Strömungen aufzuzeigen und die sie dennoch übergreifende und verbindende Einheit in der Abwehr des Antisemitismus darzustellen, die nicht zuletzt im Einsatz prominenter Akteure wie Eduard Bernstein oder Rudolf Breitscheid kulminierte.

Auch Dietrichs ausführliche Untersuchungen der Debatten im Berliner Reichstag, der Herzkammer der Demokratie, sowie die Aktionen des sozialdemokratisch geführten preußischen Innenministeriums belegen, dass antisemitische Äußerungen nicht widerspruchslos salonfähig waren. Durch gezielte Kooperation, öffentlichkeitswirksames Auftreten und stete Auseinandersetzung mit den ideengeschichtlichen Wurzeln und gegenwärtigen Erfolgsbedingungen des Antisemitismus versuchte die SPD Ihren Beitrag zum Erhalt der Demokratie zu leisten. Ihr Standpunkt, dass der Angriff auf Minderheiten dabei immer als Angriff auf die gesamte Demokratie zu gelten habe, sollte richtungsweisenden Charakter haben. Es bleibt zu untersuchen, ob dies auch für andere Minderheiten galt.

Fazit

Der Sozialdemokratie kam während der Weimarer Republik bei der Abwehr des Antisemitismus eine entscheidende Funktion zu. Sie war Ausgangs- sowie Dreh- und Angelpunkt vieler Aktionen und die mit ihr verbundene Arbeiterbewegung wurde einer der Hauptfeiler der Abwehr des rechtsextremen Antisemitismus. Verbunden damit war aber eine Fortschrittsgläubigkeit, die auch den Antisemitismus in das vergangene Jahrhundert verlagerte, und dem Aufstieg der NSDAP als neuartige, faschistische Bewegung nur allmählich etwas entgegensetzen konnte.

Entscheidender als diese Wahrnehmung war aber der Verlust der Kooperationspartner, vor allem im bürgerlichen Lager, der schließlich auch der Abwehr des Antisemitismus einen wichtigen Nährboden entzog, für den die Sozialdemokratie aber immer wieder geworben und gekämpft hatte. Erhellend ist die Studie allemal, da sie auch in Zeiten ansteigender antisemitischer Vorfälle im Zuge der Proteste gegen die Corona-Maßnahmen einen Wegweiser für die wehrhafte Demokratie und Zivilgesellschaft darstellt.

Rezension von
Ronny Noak
Doktorand am Lehrstuhl für politische Theorie und Ideengeschichte der Friedrich-Schiller-Universität Jena
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Es gibt 15 Rezensionen von Ronny Noak.

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Zitiervorschlag
Ronny Noak. Rezension vom 12.01.2022 zu: Christian Dietrich: Im Schatten August Bebels. Sozialdemokratische Antisemitismusabwehr als Republikschutz 1918-1932. Wallstein Verlag (Göttingen) 2021. ISBN 978-3-8353-3787-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/29048.php, Datum des Zugriffs 01.10.2022.


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