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Hannah-Marie Heine: Papas schwarze Löcher

Rezensiert von apl. Prof. Dr. Anne Amend-Söchting, 19.05.2022

Cover Hannah-Marie Heine: Papas schwarze Löcher ISBN 978-3-86739-233-4

Hannah-Marie Heine: Papas schwarze Löcher. Kindern Depression erklären. Balance Buch + Medien Verlag (Köln) 2022. 40 Seiten. ISBN 978-3-86739-233-4. D: 17,00 EUR, A: 17,50 EUR.
Reihe: kids in BALANCE. Illustrator: Heribert Schulmeyer
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Thema

Die Anzahl der Kinder, deren unmittelbare Bezugspersonen unter leichten bis mittelgradigen psychischen Störungen leiden oder sogar ausgeprägte psychotische Schübe durchleben, scheint ständig zu wachsen. Das legt die intensive mediale Präsenz des Themas „Kinder psychisch erkrankter Eltern“ nahe.

Während jedoch lange Zeit zum einen psychische Erkrankungen von Müttern im Allgemeinen und zum anderen die eher traditionellen Symptome aus dem depressiven Formenkreis im Besonderen, wie etwa Antriebslosigkeit und dauerhafte Niedergeschlagenheit, im Fokus standen, erscheinen nun die teils dichten und literarisch hochwertigen Erfahrungsberichte der Väter, insbesondere „Wenn das noch geht, kann es nicht so schlimm sein“ von Benjamin Maack (2020). Zu nennen wären ebenfalls „Lieber Papa, bist du jetzt verrückt?: Mein Vater, seine Depression und ich“ (2019) – ein Briefwechsel der 16-jährigen Katja Hauck mit ihrem Vater, der einen Suizidversuch überlebt hat – oder „Lieber Matz, dein Papa hat eine Meise“ (2012) – Briefe, in denen der Theaterregisseur Sebastian Schlösser seine bipolare Störung kindgerecht erläutert.

Auch auf dem Kinder- bzw. Bilderbuchsektor geht der Trend in Richtung Väter, u.a. mit Papa Panda ist krank (2020) von Anne Südbeck oder mit der hier zu rezensierenden Publikation.

Autorin und Illustrator

Hanna-Marie Heine ist Heilpädagogin und in der Ausbildung zur Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin. Sie schreibt Kinderbücher, arbeitet in einer Frühförderstelle und entwickelt Materialien für die Elternarbeit.

Heribert Schulmeyer ist Kinderbuchillustrator und lebt in Köln. Er arbeitet u.a. für Oetinger und Ravensburger.“ (Klappentext)

Entstehungshintergrund

Papas schwarze Löcher gehört zur Reihe „kids in balance“, einem Imprint des Psychiatrie-Verlags, das Bücher bereithält, die Kinder mit Besonderheiten oder in belastenden Situationen begleiten können. Erschienen sind hier unter anderem „Gelbe Blumen für Papa“ (über Depression und Suizid, 2021), „Mamas Monster“ (über Depression, 2008), „Selina Stummfisch“ (2019, vgl. https://www.socialnet.de/rezensionen/​25622.php), „Tausendfühler Lars“ (2019, vgl. https://www.socialnet.de/rezensionen/​25623.php), „Mamas Püschose“ (2020, vgl. https://www.socialnet.de/rezensionen/​26994.php) oder „Zita zähmt das Zwangsmonster“ (2021, vgl. https://www.socialnet.de/rezensionen/​28343.php).

Inhalt

Lilli liebt es, mit ihrem Vater auf dem Balkon zu stehen, durch ein Teleskop zu schauen und die Sterne zu betrachten. Eines Tages jedoch verändert sich ihr Papa. Er hat Schwierigkeiten, morgens aufzustehen und nicht selten verbringt er das ganze Wochenende im Bett. Außerdem wird er bereits wegen Kleinigkeiten wütend.

Als Lilli ihn fragt, ob er mit ihr wieder einmal die Sterne anschauen möchte, packt er sie und wirft sie aus seinem Büro. Lilli, die am Morgen nach dieser Eskalation Bauchweh hat und sich nicht auf die Schule konzentrieren kann, ist froh, dass ihr Vater abends mit ihr redet und sich entschuldigt. Er falle in der letzten Zeit andauernd in schwarze Löcher, werde aber einen Therapeuten konsultieren, der sich damit auskenne.

Beim anschließenden Besuch im Planetarium, mit dem gefeiert werden soll, dass nun Hilfe naht, überreicht Lilli ihrem Papa eine Taschenlampe und eine Strickleiter, damit er sich besser aus den schwarzen Löchern befreien kann.

Diskussion

Kindern zu vermitteln, dass die Personen, zu denen sie im besten Fall Urvertrauen und eine sichere Bindung aufgebaut haben, ihr Verhalten so ändern können, dass ihnen, den sich Entwickelnden und Heranwachsenden, der Zugang zum sicheren Hafen verwehrt bleibt, ist alles andere als einfach. Neben der sensitiven und empathischen Begleitung, von der zu hoffen ist, dass der gesunde Elternteil sie zu leisten vermag, kann der Einsatz von Bilderbüchern hilfreich sein – unter der Voraussetzung allerdings, dass diese ihre junge Zielgruppe adäquat ansprechen. Bilderbücher wie „Mamas Püschose“ oder „Selina Stummfisch“ (vgl. die Links weiter oben), so verdienstvoll sie sein mögen, verdeutlichen, wie schnell sich der eine oder andere Fauxpas in die Bearbeitung eines sensiblen Themas einschleichen kann.

Ein beliebter ästhetischer Kunstgriff, um sich den jeweiligen Syndromen anzunähern, besteht in der semifantastischen Vorgehensweise, Tiere wie Menschen agieren und kommunizieren zu lassen. Ein alternatives Procedere kann die Arbeit mit wirkmächtigen Bildern sein. Dafür entscheidet sich Hannah-Marie Heine, indem sie die Schwarzen Löcher im Universum zur Metapher für die Depression des Vaters avancieren lässt und damit nicht zuletzt den gerade aus dem angelsächsischen Bereich bekannten „schwarzen Hund“ umfunktionalisiert. Dieser ist spätestens durch „Mein schwarzer Hund. Wie ich meine Depression an die Leine legte“ (2008) von Matthew Johnstone berühmt geworden. Lillis Vater wird nicht von einem schwarzen Hund begleitet, sondern er fällt in die Tiefe der Schwarzen Löcher hinab.

So wie die Schwarzen Löcher des Universums geheimnisumwoben und nur bedingt intellektuell fassbar sind, so gibt sich auch die Krankheit des Vaters: schwer vorstellbar, nur auf der Verhaltensebene zu beobachten, aber mit Lillis Geschenken leicht ironisiert ins Konkrete hineingeholt. Allein diese Ebene des Uneigentlichen dürfte für manche Kinder im Alter von fünf Jahren noch schwierig nachzuvollziehen sein, geht man doch davon aus, dass Kinder erst ab ca. sieben Jahren anfangen, ironische Kommunikationsmuster zu durchschauen.

Ähnliches gilt für das Bild der „Donnerwolken“, in denen sich Tränen befinden – eine sehr aussagekräftige Kombination für das Befinden des Vaters. Sowohl die Schwarzen Löcher als auch die „Donnerwolken“ sollten im Zuge eines kindzentrierten dialogischen Lesens erklärt werden.

Ein Verdienst von „Papas schwarze Löcher“ ist es, aufzuzeigen, dass Depressionen viele Gesichter haben können und dass die mitunter auftretende Aggressivität der Betroffenen gerade bei Kindern massive Schuldgefühle auslösen kann. Lillis psychische und physische Reaktionen auf die Krankheit des Vaters weisen ein hohes Identifikationspotenzial auf, das sich in Heribert Schulmeyers Bebilderung hervorragend widerspiegelt. Sehr expressiv sind vor allem Lillis Physiognomie und die des Vaters. Dass im Planetarium großflächige schwarze Bereiche im Universum zu sehen sind, ist gleichermaßen bemerkenswert, insinuieren diese doch, dass der Kampf gegen das Dunkel der Affektwelt nicht ganz so einfach zu werden verspricht.

Die Autorin beschließt ihr Bilderbuch mit einem kurzen und wohltuend unaufdringlichen Nachwort an die Eltern und mit einer Sammlung von „Linktipps“.

Fazit

Es braucht ein hohes Maß an Sensibilität, um psychosoziale Themenbereiche auszuloten und sie für eine kindliche Adressat:innengruppe zu durchdringen. Bei besten Intentionen kann dennoch einiges schieflaufen. Hannah-Marie Heine indessen verfügt über alle Voraussetzungen, um kindgerechte fiktionale Texte zu schwierigen Themen zu verfassen. So wie „Tausendfühler Lars“ strahlt auch „Papas schwarze Löcher“ trotz der Problematik eine erfrischende Herzlichkeit aus und die Zuversicht, dass alles wieder gut werden wird.

Rezension von
apl. Prof. Dr. Anne Amend-Söchting
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Es gibt 34 Rezensionen von Anne Amend-Söchting.

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Zitiervorschlag
Anne Amend-Söchting. Rezension vom 19.05.2022 zu: Hannah-Marie Heine: Papas schwarze Löcher. Kindern Depression erklären. Balance Buch + Medien Verlag (Köln) 2022. ISBN 978-3-86739-233-4. Reihe: kids in BALANCE. Illustrator: Heribert Schulmeyer. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/29049.php, Datum des Zugriffs 04.07.2022.


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