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Nora Sellner: Alltägliche Bewältigungspraxen obdachloser Menschen

Rezensiert von DSA MMag. Dr. Prof (FH) Christian Stark, 17.02.2022

Cover Nora Sellner: Alltägliche Bewältigungspraxen obdachloser Menschen ISBN 978-3-8474-2539-7

Nora Sellner: Alltägliche Bewältigungspraxen obdachloser Menschen. Eine rekonstruktive Analyse im Spannungsfeld gesellschaftlicher Begrenzungen und Erwartungen. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2021. 418 Seiten. ISBN 978-3-8474-2539-7. D: 48,00 EUR, A: 49,40 EUR.
Reihe: Schriften der Katholischen Hochschule Nordrhein-Westfalen - 37.

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Thema

Das zentrale Thema der Publikation „Bewältigungspraxen obdachloser Menschen“ führt im wissenschaftlichen Diskurs ein stiefmütterliches Dasein und ist im deutschsprachigen Raum eine unzureichend beforschte Thematik. Entsprechend relevant ist der nun hier vorliegende Beitrag von Nora Sellner.

Autorin

Die Autorin ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Katholischen Hochschule Nordrhein-Westfalen (NRW), verfügt über einen Masterabschluss in Sozialer Arbeit und langjährige Praxiserfahrung in der Obdachlosenhilfe.

Entstehungshintergrund

Die vorliegende Publikation ist das Ergebnis der Dissertation der Autorin an der Katholischen Hochschule NRW und in der Schriftenreihe der Hochschule als Band 37 erschienen.

Aufbau

Die Arbeit gliedert sich in drei große Abschnitte: einen theoretischen Teil, der sich mit den Erscheinungsformen von Wohnungslosigkeit, der aktuellen Datenlage und den Lebenslagen und Bewältigungspraxen obdachloser Menschen beschäftigt, einen forschungspraktischen Teil, der das methodische Vorgehen beschreibt, und der Darstellung der Ergebnisse der empirischen Untersuchung. Die Arbeit schließt mit der Beschreibung der Implikationen der Ergebnisse der Studie für obdachlose Menschen, für den Fachdiskurs und die sozialarbeiterische Praxis.

Inhalt

Theoretischer Teil

Der theoretische Teil fungiert als Basis für ein Grundlagenverständnis, um den Leser*innen so Zugang zum empirischen Teil zu vermitteln. Die Autorin beginnt mit einer forschungshistorischen und definitorischen Bestandsaufnahme. Sie betont die Heterogenität der Zielgruppe und erläutert ihre Fokussierung auf obdachlose Menschen, jene Teilgruppe von wohnungslosen Personen, die auf der Straße, in Zelten, unter Brücken oder in niederschwelligen Notunterkünften leben.

Nach der Klärung der Begriffe werden diese metatheoretisch eingeordnet und es wird dargelegt, wie diese mit den Bewältigungspraxen der obdachlosen Menschen in Zusammenhang stehen und deren soziale Praxis strukturieren. Es folgt eine Präsentation aktueller Zahlen und statistischer Daten mit dem kritischen Hinweis auf die Begrenztheit der Datenlage und der mangelhaften statistischen Erfassung. Im Anschluss werden die Lebenslagen und Bewältigungspraxen obdachloser Menschen auf der Basis der bestehenden Forschungsergebnisse systematisch erarbeitet. Daran schließt sich eine metatheoretische Auseinandersetzung mit den Bewältigungsstrategien als spezifische Form sozialen Handelns, dargestellt im Kontext der Notlage obdachloser Menschen auf dem Hintergrund einer differenzierten Betrachtung der Dimensionen Normalität und Normativität bzw. Zugehörigkeit und Nichtzugehörigkeit.

Forschungspraktischer Teil

Im forschungspraktischen Teil wird sehr detailliert und nachvollziehbar das methodische Vorgehen beschrieben. Ausgangspunkt ist eine qualitative Erhebung und rekonstruktive Auswertung von biografischen Daten. Der Feldzugang erfolgte über Streetworker*innen und niederschwellige Einrichtungen. Die Autorin nimmt eine interpretative Rekonstruktion biografisch verorteter lebensweltlicher Erfahrungen und Handlungsorientierungen vor. Sie führte biografisch narrative Interviews nach Fritz Schütze mit 8 obdachlosen Frauen und 12 obdachlosen Männern und wertete sie mittels dokumentarischer Methode aus. Durch komparative Vergleichsanalyse einzelner Sequenzen wurden Orientierungsrahmen identifiziert und unterschieden.

Darstellung der Ergebnisse

Die Ergebnisse der Interviews mit den 14 obdachlosen Personen werden in Form einer sinngenetischen Typenbildung und einer exemplarischen Falldarstellung dargestellt. In der Typenbildung werden keine Fälle einzelnen Typen zugeordnet. Vielmehr wird aufgezeigt, dass obdachlose Menschen mehrere Bewältigungspraxen haben. Diese zeigen sich kontextbezogen wechselhaft und stehen sich ambivalent und kontrastierend gegenüber.

Die Autorin typologisiert ihre Beobachtungen in Form von Orientierungsrahmen. Sie rekonstruiert auf Basis der biografisch narrativen Erzählungen 6 Orientierungsrahmen zu den Bewältigungspraxen im Kontext gesellschaftlicher Erwartungen. Diese lauten:

  • Zugehörigkeit und Anerkennung,
  • Abgrenzung und Abspaltung,
  • Handlungsmächtigkeit und Selbstbestimmung,
  • Schicksalshaftigkeit,
  • individuelle Problemlagen in der Ich-Fokussierung und
  • reflexive und transitive Bewältigungserfahrung

Die Autorin beschreibt auf diesem Hintergrund, wie obdachlose Menschen mit individuellen Schicksalsschlägen und Lebensereignissen umgehen und diese bewältigen und inwieweit sich der Verlust von Normalität in den handlungsleitenden Orientierungen von Obdachlosen niederschlägt. Alltägliche Orientierungsmuster und kommunikative Regelsysteme werden erklärt. Die Ergebnisse geben Einblick in die Lebensrealität von obdachlosen Menschen, was es bedeutet, unter den existenziell bedrohlichen Lebensbedingungen zu leben und wie der Ausschluss auf dem Hintergrund von gesellschaftlichen Normvorstellungen interaktiv hergestellt wird.

Die Lebenslage von obdachlosen Menschen ist gekennzeichnet von Ressourcenarmut, existenzieller Bedrohung und sozialer Exklusion. Entsprechende Bewältigungspraxen stehen im Spannungsfeld mit gesellschaftlich hergestellten Normen und Normalitätsvorgaben.

Die herausfordernde Lebenslage führt dazu, Bewältigungspraxen zu entwickeln, die die eigene Lebenssituation vor sich und anderen legitimieren. Es geht um den Umgang mit Verlust und dem Ausschluss aus normal anerkannten Lebensverhältnissen. So beschreibt die Autorin den Prozess des Sich-Einrichtens in der Obdachlosigkeit durch ein ambivalentes Suchen nach Autonome bzw. Zugehörigkeit. Dabei sind unterschiedliche Orientierungsrahmen handlungsleitend für die Bewältigungspraxen obdachloser Menschen (z.B. Abgrenzen von anderen Gruppen, Mitarbeit in Notschlafstellen). Sie orientieren sich unterschiedlich je nach Kontext und biografischem Hintergrund. Die Bewältigungspraxen sind kontextuell wechselnd und teilweise ambivalent strukturiert, sei es normalitäts-, institutionen- oder alternativorientiert. Sie kompensieren Normabweichung und versuchen so das psychosoziale Gleichgewicht wieder herzustellen und streben Handlungsfähigkeit an.

Die Bewältigungspraxen sind auch geprägt von den Erfahrungen mit dem Hilfssystem, an das von Seiten der Autorin auch kritische Fragen adressiert werden in Bezug auf Haltung, Machtposition und Normalitätsvorstellungen der professionellen Akteur*innen.

Eine abschließende exemplarische individuelle Falldarstellung zeigt auf, wie sich die kollektiven Orientierungsrahmen zu den Bewältigungspraxen individuell dokumentieren.

Im Anschluss werden die Bedeutung der Ergebnisse für die Bewältigungspraxen für obdachlose Menschen, für die Theorieentwicklung im Fachdiskurs und die Praxis Sozialer Arbeit dargestellt und diskutiert.

Diskussion

Die vorliegende Studie schließt an bestehende Studien an, nimmt aber eine spezifische, bislang nicht durchgeführte Perspektive auf die Bewältigungspraxen von Frauen und Männern. So erschließt sie neue Erkenntnisse für die Theorieentwicklung im Forschungsfeld, da sie in Bezug auf die Bewältigungspraxen obdachloser Menschen zugleich Männer und Frauen im Fokus hat.

Die Autorin verweist selbstkritisch auf die potenzielle Beeinflussung durch die eigenen beruflichen Vorerfahrungen und stellt eine entsprechende kritische Reflexion ausführlich dar. Sie verweist auch auf die Bedeutung nicht erreichbarer Zielgruppen für das Ergebnis ihrer Studie.

Der Autorin gelingt es, die Eigenlogik der obdachlosen Menschen anschaulich durch autobiografisch narrative Erzählungen zu entfalten. Durch zahlreiche Zitate aus den Interviews lässt sie die Betroffenen selbst zu Wort kommen und verleiht ihnen so eine Stimme. Die Autorin zeigt, wie obdachlose Menschen im Kontext der eigenen Biografie ihre Lebenssituation durch Orientierung an den oben genannten Orientierungsrahmen bewältigen und betrachtet sie als Expert*innen ihrer Lebenssituation und selbst handelnde Akteur*innen. Die Autorin deckt die Ressourcen von obdachlosen Menschen auf, die diese nutzen, um mit ihrer prekären Lebenssituation umzugehen. So gelingt es ihr, die Ressourcen, über die obdachlose Menschen verfügen, um mit Erfahrung von Armut, Ausgrenzung und Stigmatisierung umzugehen, sichtbar zu machen.

Die Autorin weicht ab vom üblichen Blick auf die Defizite von obdachlosen Menschen und beschreibt diese als selbsthandelnde und selbstständige und handlungsfähige Personen im Kontext gesellschaftlicher Begrenzungen und Erwartungen. Somit ist die Publikation auch ein Plädoyer gegen eine Defizitorientierung, die durch die Betroffenen selbst aber auch das Hilfssystem hergestellt wird, indem zunächst für das Erhalten von Hilfen ein Hilfsbedarf festgestellt werden. So erschließt sie die Bedeutung und den Einfluss des Hilfssystems auf die Bewältigungspraxen der obdachlosen Personen. Professionelle Helfer*innen sind angehalten, ihre eigenen Normalitätsvorstellungen, Haltung und Machtposition gegenüber ihrer Klientel zu hinterfragen. So wird ein einen Perspektivenwechsel vollzogen von Sozialer Arbeit als Normalisierungsarbeit hin zu Sozialer Arbeit als Hilfe zur Lebensbewältigung im Kontext von Beziehungsarbeit, sozialer Anerkennung und Teilhabe.

Die Autorin weist auch auf die sozialpolitische Dimension und Relevanz des Themas hin und plädiert für eine gesellschaftliche Akzeptanz der Pluralität von Lebensformen bei gleichzeitiger Bewältigung struktureller Ausgrenzung und Stigmatisierung. Sie betont, dass der Normalisierungsanspruch nicht nur für individuelle obdachlose Menschen gilt, sondern auch Strukturen und Rahmenbedingen sich normalisieren müssen und so zu gestalten sind, dass ein selbstbestimmtes Leben möglich ist. In diesem Sinne braucht es entsprechende Sensibilisierung und Aufklärung der Politik und Gesellschaft.

Fazit

Die vorliegende Publikation schließt an die wenigen vorliegenden Forschungsarbeiten an und füllt mit ihrer spezifischen Perspektive und dem Fokus auf Bewältigungspraxen von Frauen und Männern eine Lücke in der bestehenden Forschungslandschaft.

Die Autorin versteht in der Tradition von Lothar Böhnisch Soziale Arbeit als Hilfe zur Lebensbewältigung und im spezifischen Fall als Beziehungs- und Anerkennungsarbeit mit Obdachlosen. Die Autorin durchbricht auf wissenschaftlicher fundierter und empirisch abgesicherter Basis Klischees und Stereotype in Bezug auf obdachlose Menschen. Obdachlose Menschen werden als handlungsfähige, selbsthandelnde Akteur*innen wahrgenommen und dargestellt. Der Blick geht weg von der Defizitorientierung hin zur Ressourcenorientierung. Man spürt den Praxisbezug der Autorin. Der marginalisierten Gruppe obdachloser Menschen wird eine Stimme verliehen. Die Autorin verweilt nicht im elfenbeinernen Turm der Theorie, sondern offeriert auch konzeptionelle Implikationen für die Praxis. Für Leser*innen, die einen ersten Zugang zum Thema Wohnungslosigkeit finden wollen, stellt die Lektüre eine gewisse Herausforderung dar und mag teilweise etwas langatmig wirken. Auf alle Fälle ist die Publikation empfehlenswert für Studierende, die sich im Rahmen wissenschaftlicher Arbeiten näher mit dem Thema beschäftigen. Für Mitglieder der entsprechenden Scientific Community ist die vorliegende Publikation eine Pflichtlektüre.

Rezension von
DSA MMag. Dr. Prof (FH) Christian Stark
Fachhochschulprofessor, Dekan der Fakultät für Medizintechnik und Angewandte Sozialwissenschaften, Leitung Department Soziale Arbeit;
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Es gibt 19 Rezensionen von Christian Stark.

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Zitiervorschlag
Christian Stark. Rezension vom 17.02.2022 zu: Nora Sellner: Alltägliche Bewältigungspraxen obdachloser Menschen. Eine rekonstruktive Analyse im Spannungsfeld gesellschaftlicher Begrenzungen und Erwartungen. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2021. ISBN 978-3-8474-2539-7. Reihe: Schriften der Katholischen Hochschule Nordrhein-Westfalen - 37. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/29050.php, Datum des Zugriffs 29.11.2022.


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