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Silvia Schwarz: Flüchtige Räume – Aneignungsstrategien von Frauen in Situationen der Wohnungslosigkeit

Rezensiert von Süleyman Kanat, 11.04.2022

Cover Silvia Schwarz: Flüchtige Räume – Aneignungsstrategien von Frauen in Situationen der Wohnungslosigkeit ISBN 978-3-8474-2564-9

Silvia Schwarz: Flüchtige Räume – Aneignungsstrategien von Frauen in Situationen der Wohnungslosigkeit. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2022. 248 Seiten. ISBN 978-3-8474-2564-9. D: 33,00 EUR, A: 34,00 EUR.
Reihe: Beiträge zur Sozialraumforschung - 25
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Thema

In ihrem wissenschaftlichen Buch thematisiert die Autorin Silvia Schwarz das gesellschaftlich eher unterrepräsentierte Thema der Wohnungslosigkeit von Menschen. Sie geht dabei noch einen Schritt weiter und fokussiert aus einer geschlechterspezifischen Forschungsperspektive Frauen in prekären Situationen der Obdachlosigkeit und ihre je individuellen Umgangsweisen damit. Gleichzeitig kommen die von Wohnungslosigkeit betroffenen Frauen durch Interviewsequenzen selbst zu Wort und erhalten dadurch eine Stimme. Auch im Hinblick auf den demografischen Wandel und die zu erwartende Altersarmut sowie damit drohende Obdachlosigkeit insbesondere bei Frauen ist dieses Buch selbsterklärend von mehrfacher Bedeutung.

Autorin

Die Autorin Silvia Schwarz ist promovierte Diplom Sozialarbeiterin und Lehrkraft für besondere Aufgaben am Fachbereich Sozialwesen an der Hochschule Fulda. Ihr Lehrbereich umfasst unter anderem Geschichte und Genderdimensionen Sozialer Arbeit, Soziale Arbeit in der Drogen- und Wohnungslosenhilfe sowie sozialraumorientierte Methoden der Sozialen Arbeit. Neben ihrer wissenschaftlichen Fachexpertise hat Silvia Schwarz selbst Praxiserfahrungen im Bereich der Sozialen Arbeit, so zum Beispiel als ehemalige Sozialarbeiterin in der Drogenhilfe und in der Leitung eines frauenspezifischen Streetworkprojektes in Frankfurt/M.

Entstehungshintergrund

Das Buch entstand im Rahmen der empirischen Promotionsforschungsarbeit der Autorin. Gefördert wurde das Promotionsvorhaben nach Angaben der Autorin unter anderem durch den Fachbereich -Sozialwesen- der Hochschule Fulda.

Aufbau

Inhalt und Aufbau

Kapitel 1: Das erste Kapitel beginnt mit einer Einleitung in die Thematik. Darin thematisiert die Autorin eine erste gesellschaftliche Herleitung bezüglich ihres Forschungsthemas, der Wohnungslosigkeit von Frauen und deren Relevanz für die Praxis der Sozialen Arbeit. In dem Zusammenhang geht die Autorin auch auf ihre langjährige Praxiserfahrungen als Sozialarbeiterin im Feld niedrigschwelliger Drogenhilfe, die oftmals mit Kontakt zu obdachlosen Frauen verbunden war. Des Weiteren stellt die Autorin in der Einleitung die Fragestellung ihrer qualitativen Forschungsstudie und deren Relevanz vor.

Kapitel 2: Im zweiten Kapitel und deren Unterpunkte thematisiert die Autorin die sozialpolitische Dimension des Wohnens und die staatliche Regulierung von Obdach- und Wohnungslosigkeit. Dazu greift sie unter anderem die sozialräumliche Perspektive auf den Begriff ‚Wohnen‘ und ‚Wohnungslosigkeit‘ auf. Anschließend stellt die Autorin die institutionelle Regulierung von Wohnungslosigkeit im historischen Kontext und deren Verlauf dar. Daran anknüpfend thematisiert sie die Strukturen der Wohnungslosenhilfe und deren Adressat:innen. Am Ende des Kapitels wird von ihr abschließend ein Zwischenfazit der zuvor aufgezeigten Thematik gezogen.

Kapitel 3: Das dritte Kapitel bildet die Theoriebezüge und die theoretische Rahmung der qualitativ empirischen Studie der Autorin. Hierzu stellt sie unter anderem die relevanten Begriffskonstruktionen wie Geschlecht als soziale Konstruktion und Raum als Handlungsrahmen und Struktur des Sozialen vor. Daran anschließend thematisiert die Autorin den Aneignungsbegriff des Raumes mit Bezügen wie etwa zu Karl Max und aus einer sozialpsychologischen Perspektive von Alexejew Nikolajew Leontjew. Das Kapitel wird dann mit einem Zwischenfazit beendet und das Theoriekonzept der Raumaneignung mit dem sozialen Begriff von Geschlecht zusammen gedacht.

Kapitel 4: Im Kapitel vier und den dazu gehörigen Unterpunkten präsentiert die Autorin ihr methodisches Vorgehen und das qualitative ausgerichtete Forschungsdesign. Zu Beginn des Kapitels erläutert sie dabei den Komplex der Forschungsfragen und das dahinterstehende Erkenntnisinteresse ihrer Arbeit. Ausgehend von dem in den vorherigen Kapiteln thematisierten theoretischen Annahmen im Hinblick auf das Forschungsfeld geht die Autorin unter anderem den biografieorientierten Fragen nach, wie die von ihr Interviewten wohnungslosen Frauen ihren Sozialraum lebensgeschichtlich wahrnehmen, welche Strategien sie verwenden, um trotz der Umstände handlungsfähig zu bleiben. Zudem soll rekonstruiert werden, wie sich die Situation der Wohnungslosigkeit reproduziert und die Wirksamkeit geschlechtlicher Repräsentation sich vollziehen. Im weiteren Verlauf des Kapitels stellt die Autorin die von ihr verwendete Forschungsmethodologie und das Erhebungs- und Auswertungsverfahren des empirischen Materials vor, hier die Methode der Grounded Theory.

Kapitel 5 und 6: In den Kapiteln werden von der Autorin schließlich ausgewählte Analyseergebnisse aus dem empirischen Material der Interviews mit den Proband:innen vorgestellt. Dies vollzieht die Autorin durch die Bildung und Rekonstruktion von den drei biografieorientierten Fallvignetten, Frau Lanz, Frau Nowak und Frau Zarah. Hierbei zeigt sie Befunde ihrer Studie anhand der Präsentation ausgewählter Interviewsequenzen aus den biografischen Interviews mit dem von Wohnungslosigkeit betroffenen drei Frauen und die daran anknüpfende theoretische Interpretation der Autorin. Die biografischen Fallrekonstruktionen werden jeweils entlang unterschiedlicher, sich aus dem empirischen Interviewmaterial gebildeten Kategoriendimensionen von ihr thematisiert und jeweils am Ende der Fälle mit einer Zusammenfassung abgeschlossen.

Kapitel 7: Nach der Präsentation der Analyseergebnisse und der Auswertung der Interviewdaten in Form der erhobenen biografieorientierten narrativen Interviews in den Kapiteln fünf und sechs thematisiert die Autorin im siebten Kapitel und den dazugehörigen Unterpunkten, die Ergebnisse aus den drei Fallvignetten noch einmal tiefgehend vor allem mit dem damit verbundenen „Geschlechtertext“ (Fraser 1994, zit. nach Schwarz 2022, S. 210). Der Begriff beinhaltet dabei so etwas wie eine unhinterfragte Hinterbühne gesellschaftlicher Geschlechterverhältnisse. Die Autorin diskutiert in dem Kapitel entlang von Unterpunkten, Zusammenhänge von Aneignungsprozesse (sozialer) Räume, die sich für die betroffenen Frauen in ihrer prekären Lebenssituation ergebenden ambivalenten Konflikte und Spannungsfelder. Wie etwa das Beispiel der Ambivalenz aus Autonomie und Abhängigkeit im Kontext von Geschlechterverhältnissen.

Kapitel 8: Im letzten Kapitel thematisiert und diskutiert die Autorin abschließend ihre qualitative Studie und deren Ergebnisse im Kontext der Bedeutung für die Soziale Arbeit. Wobei sie hier darauf aufmerksam macht, dass eine Mehrebenenperspektive und die biografieorientierte Analyse von individuellen Aneignungsstrategien sozialer Räume zum Beispiel im Zusammenhang von Wohnungslosigkeit, „die wechselseitigen Verflechtungen subjektiver Praktiken und Strategien mit gesellschaftlichen und sozialen Strukturen“ (Schwarz 2022, S. 221) aufdecken können. In dem Kapitel fasst die Autorin gleichzeitig die zuvor präsentierte Gesamtarbeit zusammen und zieht ein Fazit.

Diskussion

In dem Buch gelingt es der Autorin, die Lesenden zu Beginn mit der theoretischen Rahmung und der Klärung von relevanten Begriffen in ihre empirische Arbeit einzuführen. Dies geschieht durch Perspektiven auf das Thema Obdach- bzw. Wohnungslosigkeit im Allgemeinen wie zu Beispiel der Sozialpolitik des Wohnens als auch im Hinblick auf die Bedeutung der sozialen Konstruktion von Geschlecht und seine Bedeutung im Kontext des Forschungsfeldes im Speziellen. Die daran anschließende Vorstellung ihres methodischen Vorgehens ist sehr gut strukturiert, allerdings könnte der Teil, subjektiv gesehen etwas mehr in die Tiefe gehen. Wie etwa der Thematisierung von forschungsethischen Implikationen der Studie mit einer marginalisierten Gruppe von Menschen, die sich im Forschungsfeld ergeben können. Der empirische Teil mit den drei Fallrekonstruktionen obdachloser Frauen anhand von Fallvignetten stellt gewissermaßen das Herzstück der Arbeit dar. Auch hier ist die Struktur nachvollziehbar aufgebaut und als Lesender kann dieser gut gefolgt werden. Durch die Präsentation einzelner Interviewsequenzen und damit das zu Wort kommen der Betroffenen erhält die Thematik einen realistischen Praxisbezug. Die Balance zwischen Theorie und Empirie ist grundsätzlich gelungen, subjektiv gesehen könnte der empirische Teil etwas mehr gewichtet sein. Sehr positiv fällt auf, dass die Autorin die einzelnen Kapitel am Ende mit einem Zwischenfazit zusammenfasst.

Fazit

Durch das Buch thematisiert die Autorin ein sehr wichtiges und gleichzeitig gesellschaftlich eher unterbelichtetes Thema. Zudem wird im Speziellen Wohnungslosigkeit und seine Auswirkungen auf Frauen sowie deren Umgangsweisen damit aus einer geschlechterspezifischen Perspektive sensibel fokussiert. Gleichzeitig kommen die von Obdachlosigkeit betroffenen Frauen durch die Fallvignetten selbst zu Wort und erhalten damit auch eine Stimme. Dies ermöglicht einen Einblick in die Lebenswelten von obdachlosen Menschen im Allgemeinen und im Speziellen in die von Frauen. Damit ist das Buch sowohl für interessierte Lesende als auch für eine vor allem lebensweltorientierte Soziale Arbeit eine Bereicherung und regt für weitere Forschungsarbeiten an, da es neue Fragen aufwirft. Es ist ein Buch, das im Grunde im Zusammenhang der darin enthaltenden Thematik längst überfällig wurde.

Rezension von
Süleyman Kanat
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Es gibt 1 Rezension von Süleyman Kanat.

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Zitiervorschlag
Süleyman Kanat. Rezension vom 11.04.2022 zu: Silvia Schwarz: Flüchtige Räume – Aneignungsstrategien von Frauen in Situationen der Wohnungslosigkeit. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2022. ISBN 978-3-8474-2564-9. Reihe: Beiträge zur Sozialraumforschung - 25. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/29051.php, Datum des Zugriffs 24.05.2022.


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