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Heekerens Hans-Peter: Wie die Erlebnispädagogik laufen lernte

Rezensiert von Mag. Rainald Baig-Schneider, 05.04.2022

Cover Heekerens Hans-Peter: Wie die Erlebnispädagogik laufen lernte ISBN 978-3-947502-56-1

Heekerens Hans-Peter: Wie die Erlebnispädagogik laufen lernte. Outward Bound in der Bonner Republik. ZKS-Verlag für psychosoziale Medien (Höchberg) 2021. 429 Seiten. ISBN 978-3-947502-56-1. D: 39,90 EUR, A: 41,10 EUR.
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Thema

Die vorliegende Publikation behandelt die Entwicklungen der Erlebnispädagogik im deutschsprachigen Raum rund um die Entwicklungen der Kurzschulen in der damaligen Bundesrepublik Deutschland-oder wie Hans-Peter Heekerens es formuliert „Outward Bound in der Bonner Republik“. In 10 Kapitel werden historische Gegebenheiten durch einen Zeitzeugen vorgestellt und facettenreiche und akribisch recherchierte Einblicke in sieben Jahrzehnte geschichtlicher Entwicklung der Erlebnispädagogik gegeben- Oder, wie es am Rückendeckel formuliert wird, in „die erste, vielen hiesigen Erlebnispädagog(in-n)en wenig oder gar verzerrte bekannte Hälfte“ (Heekerens 2021, Rückendeckel).

Autor

Hans- Peter Heekerens, Prof. i.R. für Soziale Arbeit/​Sozialpädagogik und Pädagogik an der Hochschule München. Nach Wikipedia hat Heekerens „durch Praxis und Theorie dazu beigetragen, Erlebnispädagogik und Familientherapie als Methoden der Sozialen Arbeit zu etablieren und Fragen der Familienforschung für die Soziale Arbeit fruchtbar zu machen“ (Wikipedia o.J., www.wikipedia.org). Seine intensiven Auseinandersetzungen mit der Forschungsliteratur dokumentieren unter anderem seine über 180 socialnet Rezensionen, in denen er nachvollziehbar und quellenbasiert seine Betrachtungen darlegt.

Entstehungshintergrund

Diese Publikation erschien 2021 im ZKS Verlag für psychosoziale Medien – also 80 Jahre nach der Begründung von Outward Bound oder 70 Jahre nach Gründung der ersten Outward Bound-Kurzschule im deutschsprachigen Raum. Ein zum Inhalt der Publikation sehr passendes Erscheinungsjahr. Zeitlich endet sie mit den „1980er“, also an der Schwelle zur „modernen Erlebnispädagogik“. Schon 2019 erschien im selben Verlag die Monographie „100 Jahre Erlebnispädagogik“ (Heekerens, 2019), eine „Sammlung acht einzelner, je für sich zu lesender […] und in sich verständlicher unterschiedlicher Schriftstücke […] von Inhalt und Form, vom Thema und der literarischen Gattung her, höchst unterschiedlicher Art“ (Heekerens 2019, Rückendeckel). Die vorliegende Publikation kann auch ohne (Vor)Kenntnis der anderen gelesen werden, es gibt aber viele Querbezüge. Vor allem lassen sich dort einige „ideengeschichtliche Bezüge“ finden, die in dieser Publikation bewusst weggelassen wurden. Beide beschäftigten sich sehr intensiv mit der Outward Bound Bewegung bzw. mit der Persönlichkeit Kurt Hahns, des Begründers der organisierten Erlebnispädagogik und der daraus entstandenen deutschen Kurzschulbewegung. Dabei gilt auch für dieses Publikation, was Martin Kolbinger schon in seiner Rezension über die 2019 erschienene Publikation (Heekerens 2019) festgestellt hat: „Und auch bezüglich des meist als „Vater der Erlebnispädagogik“ bezeichneten Kurt Hahn erfolgt eine bisher so nie gelesene, weil auch wieder persönlich eingefärbte und letztlich auch entzaubernde Analyse. [..] Doch eins bleibt verblüffender Weise bestehen: Die Achtung vor den vielfältigen Gründungen, den Erfolgen und den praktischen Umsetzungen des Kurt Hahn“ (Kolbinger 2019, www. soziales-kapital.at).

Aufbau

Die Publikation ist in 10 Kapitel gegliedert. Im ersten Kapitel wird die methodische Vorgangsweise und die Positionen des Autors vorgestellt, in den weiteren sechs Kapitel werden die Entwicklungen rund um Outward Bound von der Weimarer Republik bis in die 1980er betrachtet (Kapitel 2, 3, 4, 6, 8, 10). Diese Darstellungen werden in drei Kapitel mittels biografischer Abrisse thematisch vertieft (Kapitel 5, 7, 9). Zeitlich spannt sich der Bogen von der Weimar bis zum Ende der Bonner Republik, also vom Beginn der institutionalisierten Erlebnispädagogik rund um Kurt Hahn und Outward Bound bis hin zum Einsetzen der Emanzipationsprozesse weg von Outward Bound und hin zur Entstehung einer differenzierteren modernen Erlebnispädagogik.

Übersicht der Kapitel

  1. Horizonteröffnung
  2. Von Weimar nach Bonn
  3. Von Gordonstoun bis Baad
  4. Die 1950er: Rollback & Rock n'Roll
  5. Golo Mann und George L. Mosse: Kurt Hahn im Urteil zweier „Salem“-Schüler
  6. Die 1960er: Bildung & Revolte
  7. Hermann Nohl & Hellmut Becker: zwei Männer um Kurt Hahn
  8. Die 1970er: Aufbruch zu neuen Ufern
  9. Minna Specht & Marina Ewald: zwei Frauen neben Kurt Hahn
  10. Die 1980er: Das Alte & das Neue

Inhalt

Inhaltlich wird in dieser Publikation vor allem die Entwicklung im deutschsprachigen Raum rund um Kurt Hahn und der Kurzschulbewegung, die deutsche Bezeichnung für die Outward Bound Bewegung, dargestellt. Dabei stehen weniger die ideengeschichtlichen Entwicklungen im Mittelpunkt, sondern die Netzwerker*innen und das aufgebaute Netzwerk im jeweiligen kulturpsychologisch-ökonomisch-politisch-soziologischen Kontext. Die historischen Gegebenheiten werden dabei durch, gewissenhaft recherchierte, biografische Bezüge ergänzt.

Horizonteröffnung

Hier wird der Aufbau des Werkes vorgestellt. Es werden die Begriffe Gefahr und Risiko thematisiert, begründend dargestellt und die inhaltliche Nähe zu den Soziwissenschaften bzw. die Skepsis gegenüber der geisteswissenschaftlichen Pädagogik. Weiters wird die methodische Vorgangsweise vorgestellt und die Bedeutung einer Geschichtsvermittlung anhand des aktuellen Beispiels des versuchten „Reichstagssturms“ im Jahr 2020 veranschaulicht. Schließlich werden noch jene Haltungen offengelegt, von denen der Autor sich klar distanziert: Nazismus, Preußentum und, vor allem im Spiegel der Missbrauchs-Vorgänge rund um die Odenwaldschule, (geisteswissenschafltiche) Pädagogik.

Von Weimar nach Bonn

In diesem Kapitel werden vier biografische Skizzen („der Attentäter“ Georg Elser, „der SS-Offizier“ Manfred Graf von Pourtale’s, „das„Monster“ Bruno Luedke und „die Anklägerin“ Alice Riccardi) vorgestellt, „an deren persönlichem Geschick sich das Allgemeine dieser Epoche sichtbar machen lässt“ (Heekerens 2021, S. 47).

Von Gordonstoun bis Baad

In diesem Kapitel werden wesentliche Entwicklungen auf dem Weg zur Gründung der ersten deutschen Kurzschulen skizziert. Dies betrifft einerseits die finanziellen Vorarbeiten in den USA, die planende und steuernde Rolle Kurt Hahns und die ausführliche Vorstellung der Teilnehmer*innen an der vorbereitenden Gordonstoun Konferenz. Weiters wird auf das verbindende Element der Hermann Lietz-Verehrung eingegangen und ihren Niederschlag in der Satzung der Deutschen Gesellschaft für die Europäische Erziehung (DGfEE), lange Jahre der Trägerverein der Kurzschulen in Deutschland. Ergänzend werden die curricularen Grundlagen der britischen Outward Bound Schools vorgestellt. Daran anschließend wird die Entstehungsgeschichte des Begriffs „Erlebnistherapie“, eine Übersetzung für den englischen Begriff „cleansing experiences“, dargestellt. Abschließend wird auf die Gründungen der ersten Kurzschulen (Nehmten, Weissenhaus und Baad) eingegangen und auf das Scheitern Kurt Hahns, seine Ideen in Form von „Stadtrandschule“ großflächig umzusetzen.

Die 1950er: Rollback & Rock n'Roll

In diesem Kapitel wird eingangs ausgeführt, welchen Einfluss der kalte Krieg auf das „Klima“ in Deutschland hatte. Vor allem wird der Frage nachgegangen, wie nach dem Nationalsozialismus mit Schuld, Mittäterschaft und (Mit)Verantwortung umgegangen wurde. Sichtbar nachgezeichnet wird dies am Beispiel von Marion Gräfin Dönhoff, der langjährigen „Chefpropagandistin“ Kurt Hahns und späteren Herausgeberin des Magazins „Spiegel“. Es zeigt sich, wie ambivalent im Umfeld der Kurzschulen mit diesem Thema umgegangen wurde. Im Abschnitt Fort- und Rückschritte werden fortschrittliche gesellschaftliche Entwicklung wie das 1958 verabschiedete Gesetz über die Gleichberechtigung von Mann und Frau auf dem Gebiet des bürgerlichen Rechts eingegangen. An anderer Stelle wird detailliert an Hand von Textquellen herausgearbeitet, wie Kurt Hahn 1958, rückwärtsgewandt an seinen Gedanken aus dem Jahr 1928 festhaltend, seine Zuhörerschaft findet: „Kurt Hahn redet 1958 noch oder wieder so, wie er schon 1928 gesprochen hat. Dass es dazwischen den Genozid an den europäischen Jüdinnen und Jugend sowie den Roma gab, die Kriegsverbrechen und die Verbrechen gegen die Menschheit der Wehrmacht, deutscher Polizeieinheiten, der SA, SS, Waffen-SS und den schrecklichsten Krieg aller Zeiten gegeben hat, merkt man nicht.[…] Er redet aber keinesfalls an seinen Zuhörern von 1958 vorbei: Mit „Menschenwaren“ können die anwesenden bundesrepublikanischen Wirtschaftsführer etwas anfangen. „Menschenware“ hatte man doch noch bis vor 13 Jahren zuhauf bekommen-vor allem in folgenden Varianten: KZ-Häftlinge, russische Kriegsgefangene, Zwangsarbeiter(innen) und andere mehr“ (Heekerens 2021, S. 147). Dieser Text macht „das Allgemeine einer Zeit“ im Originalton sichtbar.

Golo Mann und George L. Mosse: Kurt Hahn im Urteil zweier „Salem“-Schüler

In diesem Kapitel werden Kurt Hahns Ansichten im Spiegel zweier Salemer Schüler, Golo Mann und George L. Mosse, kritische betrachtet. Beide Persönlichkeiten weisen parallelen zu Kurt Hahn auf: Sie waren zu Weimarer Zeit Mitglied der bürgerlichen Oberschicht, das Hitler-Regime hatte sie „aus dem Reich gedrängt“ und so verfolgten sie die weiteren Entwicklungen aus der Ferne. Mittels dieser Darstellungen werden den oft sehr eindimensionalen und unkritischen „Legenden“ rund um Kurt Hahn alternative, ergänzende Erzählungen zur Seite gestellt.

Die 1960er: Bildung & Revolte

In diesem Kapitel werden die Auswirkungen der beharrenden reaktionären Kräfte rund um Kameradschaft und Abenteuer und die emanzipativen Entwicklungen der 68er Jahre auf die inhaltliche Gestaltung der Kurzschulen ausgeführt. Gleichzeitig werden jene Netzwerke und Bündnisse vorgestellt, die im Hintergrund lange Jahre die Entwicklung von Outward Bound in Deutschland bestimmten. Auch ihre Schattenseiten. Diese Netzwerke umfassten einerseits den Kreis rund um die Heidelberger Universität (Karl Schwarz, Hermann Röhrs und Walter Köppen), das „Bundesdeutsche Bildungstriumvirat“ rund um Georg Picht, Hartmut von Hentig und Helmut Becker bzw. ergänzt um Marion Dönnhoff das informelle Netzwerk „der protestantischen Mafia“ (vgl. Heekerens 2021, S. 180–201). Weiters werden die Zustände in den „Erziehungs- und Erholungsheime“ dargestellt, die den Missbrauch der darin untergebrachten Kinder- und Jugendlichen Vorschub leisteten.

Hermann Nohl & Hellmut Becker: zwei Männer um Kurt Hahn

In diesem Kapitel werden die Beziehungen und Verflechtungen von Kurt Hahn, Hermann Nohl und Helmut Becker skizziert. An Hand der Biografie Hermann Nohls wird dargestellt, dass seine widersprüchliche Haltung zum Nationalsozialismus auf seine wissenschaftliche Karriere keinen Einfluss hatte und wie Kurt Hahn wiederum ohne Unterschied gleichzeitig mit Verfolgten und ihren Verfolgern verkehrte. Anschließend an Kapitel 6 wird hier ausgeführt, wie die Persönlichkeiten des Netzwerks und hier vor allem der langjährige Vorstand der DGfEE und der Vereinigung deutscher Landerziehungsheime Helmut Becker, ihren Einfluss geltend machten. So wird ausgeführt, wie dieser seine Möglichkeiten einsetzte, um die Kurzschulbewegung zu fördern, aber auch um den jahrelangen sexuellen Missbrauch an der Odenwaldschule zu decken.

Die 1970er: Aufbruch zu neuen Ufern

In diesem Kapitel werden sich ergebende Umbrüche und deren Folgen vorgestellt. So die Ablöse des Begriffs „Kurzschule“ durch die Rückbesinnung auf den international verwendeten Begriff Outward Bound“ und die darauf folgende Etablierung des neuen Begriffs „Erlebnispädagogik“. Hier wird auch auf die aus dem angloamerikanischen Raum kommenden curriculare Veränderungen, wie die Einführung des Modells „Outward Bound plus“ und der Einführung von Trainingskonzepte zur Förderung der Sozialkompetenz bzw. zur Integration in die berufliche Gemeinschaft, eingegangen. Weiters wird dargestellt, wie die DGfEE, auf Grund des Rückzugs langjähriger Führungspersönlichkeiten und der sich dadurch ergebenden Auflösung des informellen Netzwerkes, in personale und organisatorische Schwierigkeiten gerät.

Minna Specht & Marina Ewald: zwei Frauen neben Kurt Hahn

In diesem Kapitel wird besonders die Bedeutung von Minna Specht und Marina Ewald für die Entwicklung der Landerziehungsheime und der Kurzschulen sichtbar gemacht. Hier wird die bis heute fortwirkende „Unsichtbarkeit“ von Frauen markiert. Kurt Hahn selbst war sich deren Bedeutung bewusst, aber wie stellt Hans-Peter Heekerens fest: „Ja doch, Kurt Hahn hat Recht: Marina Ewald und Lina Richter waren für den Aufbau von Salem, dessen Aufrechterhaltung bzw. die Fortführung des Hahnschen Projekts in Gordonstoun unentbehrlich. Nur: Was hat Kurt Hahn denn selbst beigetragen, dass die beiden Frauen die Lorbeeren öffentlichen Ruhms hätten ernten können?“ (Heekerens 2021, S. 324). Ein bis heute aktuelles Thema (vgl. Heekerens 2022).

Die 1980er: Das Alte & das Neue

Im letzten Kapitel schließlich wird der Übergang zur modernen Erlebnispädagogik beleuchtet. Es wird ausgeführt, wie materialtechnische Entwicklungen eine neue Outdoorkultur entstehen lassen und wie sich in deren Gefolge ab Mitte der 80er Jahre eine, sich langsam von Outward Bound emanzipierende, moderne Erlebnispädagogik entsteht. Der sich neu etablierende Überbegriff „Erlebnispädagogik“ muss neu begründet werden und so werden alte Theorien wieder und aktuelle Theorien neu zur Legitimierung herangezogen. In der Praxis wird weiter auf alte Konzepte zurückgegriffen. Auf Grund dieser Entwicklungen kann man ab 1986 von einer sich von Outward Bound emanzipierten modernen Erlebnispädagogik sprechen (vgl. Heekerens 2021, 348–357).

Diskussion

Hans-Peter Heekerens ergänzt die Beschreibungen im deutschsprachigen Raum rund um Kurt Hahn, dem Begriff Erlebnistherapie und der Entwicklung der Erlebnispädagogik um eine ergänzende, alternative und auf genau recherchierten Quellen bezogene sachliche Darstellung. Dabei versteckt er sich allerdings nicht hinter einem „sachlich-neutralen Ton“, sondern trägt seinen Standpunkt und seine Haltung pointiert vor. Manchmal mit Ironie: „Er hätte, [Fritz Christiansen-Weniger], wie das Beispiel seines Roman-schreibenden Weggefährten zeigt, allein schon beim Bericht über die Rio-Reisen auf der Pamir viele Badewannen mit dem Zusatz „Erlebnis“ duftend aufschäumen können“ (Heekerens 2021, S. 104–105), manchmal mit unbeschönigender Direktheit: „Lieb'Pädagogenschaft, magst ruh sein […] Die intellektuell dürftige und moralische fragwürdige (Heekerens, 2016a) autobiographische Schrift des Hartmut von Hentig, jahrzehntelang Schirmherr der pädokriminellen Verbrechen seines Günstlings Gerold Becker, mit dem trotzigen Titel „Noch immer Mein Leben“ (Hentig 2016) wird von der DNB in die Sachgruppe „370 Erziehung […]“ eingeordnet, das Pädagogische Poem [von Semjonowitsch Makarenko] hingegen in die Sachgruppe „08a Schöne Literatur“. Ja dann… „ (Heekerens 2021, S. 40). Manchmal verfällt er in einen gefälligen Plauderton: „Und ja doch: Das vorliegende Buch ist ein Lese-buch, das zum Nach-Sinnen anregen möchte. Und dabei kann der eine oder andere Schluck Rotwein, der gar keinen großen Namen tragen und von bedeutender Herkunft sein muss, wohl aber rund und bekömmlich, ein hilfreicher Begleiter sein.“ (Heekerens 2021, S. 44). Das alles kann man mögen oder auch nicht, aber Hans-Peter Heekerens legt durchgehend den Hintergrund und die verwendeten Quellen für seine Formulierungen und Schlussfolgerungen präzise offen. So ist gewährleistet, dass seine Schlussfolgerungen transparent, nachvollziehbar und nachprüfbar sind. Man muss seine Haltungen nicht teilen und man kann durchaus zu anderen Schlussfolgerungen gelangen, aber man ist wohl aufgerufen, dabei den gleichen Qualitätsstandard einzuhalten.

In dieser Publikation untersucht Hans Peter Heekerens die Entwicklungen der Erlebnispädagogik im Zeitraum der Bonner Republik von 1945 bis 1986. Also die Entwicklung der (west) deutsch(sprachig)en Erlebnistherapie ab dem Ende des zweiten Weltkrieges bis hin zur modernen Erlebnispädagogik in den 1980er Jahren. In seiner Horizonteröffnung am Anfang der Publikation bezeichnet er diese als „Vorstudie“ für eine noch zu schreibende Geschichte der Erlebnispädagogik. Damit räumt er ein, dass die von ihm angebotenen Diskursstränge bei weitem nicht ausdiskutiert sind. Mit dieser Publikation wird wohl die Richtung der weiteren Betrachtungen vorskizziert. Hans-Peter Heekerens geht mit dieser Publikation voran und beginnt damit, einige der Lücken in der deutsch(sprachig)en Literatur zur Erlebnispädagogik zu füllen. Andere macht er sichtbar.

Wie aktuell diese Publikation ist, zeigt ein Blick in die Zeitschrift erleben und lernen 1/2022 mit dem Schwerpunkt „Frühe Wurzeln der modernen Erlebnispädagogik – eine Bücherschau“ (vgl. erleben&lernen 1/2022). Hans-Peter Heekerens liefert zu allen angeführten Sachbüchern, die in den Betrachtungszeitrum seiner Publikation fallen, einen, auf aktueller Forschungslage beruhenden, kritischen Kommentar. So werden, obwohl seine Publikation vorher erschien, auch hier die dahinter liegenden strukturellen, prozessualen und inhaltlichen Dimensionen freigelegt. Hans-Peter Heekerens meint, er möchte mit seiner „Vorstudie“ nicht den zweiten Schritt vor den ersten setzen, tatsächlich schreitet er hurtig voran.

In seiner „Horizonteröffnung“ legt Hans-Peter Heekerens seine methodischen Vorgangsweisen und spezifischen Fragestellungen offen. Für seine geschichtliche.Darstellung greift er auf unterschiedliche methodische Ansätze zurück. Erstens auf eine „Geschichtsschreibung als auf Fakten (auf)bauende Erzählung“. Gerade was die Abläufe rund um die Gründung der ersten Kurzschule in Deutschland betrifft, werden die hier wirkenden Personen, auf Basis gründlich recherchierter Quellen, sehr ausführlich vorgestellt. Zweitens auf „erzählte Geschichten“. Einerseits Geschichten vom Autor selber, andererseits biografische Ausschnitte involvierter Personen, welche er ausführlich zu Wort kommen lässt. Hier werden stellenweise auch längere Textpassagen als üblich angeboten. So kommen diese Menschen wirklich zu Wort. Biografische Ausschnitte von Personen „an deren persönlichem Geschick und Lebenslauf sich das Allgemeine einer Epoche sichtbar machen lässst“ (Heekerens 2021, S. 47) runden die Geschichtsbetrachtung ab. Durch diesen methodischen Mix bleibt es nicht bei der rein personale Dimension (politician/citizen). Sie wird durch die ausgewählten biographischen Darstellungen und Texten facettenreich um das „klassische Dreieck von polity (strukturelle Dimension), politics (prozessuale Dimension) und policy (inhaltliche Dimension der Politik)“ (Heekerens 2021, S. 35) ergänzt.

Hans-Peter Heekerens macht das, vom Netzwerker Hahn initiierte Netzwerk bzw. die darin handelnden Personen sichtbar. Mit seiner akribischen Quellenkritik verlässt er den Boden der „Legendenbildung“, sondern bemüht sich, wie oben erwähnt, die strukturellen, prozessualen und inhaltlichen Dimensionen freizulegen. Damit ergeben sich viele neue Perspektiven. Outward Bound in Deutschland ist nicht (nur) eine Geschichte einer pädagogischen Idee, sondern die eines menschlichen Netzwerkes, eingebettet in dem jeweiligen historischen Kontext.

Hans-Peter Heekerens legt in seiner Horizonteröffnung auch drei im Längsschnitt immer wieder auftauchende „kritische Perspektiven“, er selbst bezeichnet sie als „Unwucht“, offen: Nazismus-Preußentum-(geisteswissenschaftliche) Pädagogik. „Nazismus“ ist eine, leider muss man sagen wenig beachtete, Perspektive, in der erlebnispädagogischen Geschichtsbetrachtung. Bis heute ist Nationalsozialismus und Erlebnispädagogik eine so gut wie ausgeklammerte Thematik in der erlebnispädagogischen deutsch(sprachig)en Literatur. Dabei ist dieses Thema nicht nur für Zeit von 1933 bis 1945 bedeutsam, sondern auch für die Zeit danach. Besonders der Zeitraum zwischen 1945 und 1950 ist wesentlich für die (Weiter-)Entwicklung der organisierten Erlebnispädagogik in Deutschland. Zu dieser Zeit stellt sich im gerade besiegten Deutschland die Frage nach Täter/Mitläufer/Opfer und persönlicher (Eigen)Verantwortung. Welche, in der Nazizeit in Deutschland verbliebenen, Menschen konnte schon von sich behaupten, ohne Fehl und Tadel gewesen zu sein. Vielleicht regte sich deshalb in Deutschland relativ bald innerhalb der deutschen Elite Widerstand gegen die „Siegerjustiz“. Alles zusammen führte dazu, dass die Motivation sich diesem Prozess zu stellen, gesamtgesellschaftlich nicht besonders hoch war. Viele Sympathisanten, Mitläufer und auch Täter konnten relativ schnell wieder ein „geschätztes Mitglied der Gesellschaft“ werden. Im Zuge des sogenannten kalten Krieges nahmen die West-Alliierten Deutschland zunehmend als Verbündete war, was die Frage der Entnazifizierung nochmals in den Hintergrund rücken lies. Hahn selbst ignorierte dieses Thema ebenfalls weitgehend. In diesem Klima wurden die ersten Kurzschulen gegründet. Hans-Peter Heekerens vermittelt dieses Klima „spürbar“. Am Ende des Kapitels vermerkt er lapidar: „Die deutsche Kurzschule ist ein Kind des kalten Krieges“ (Heekerens 2021, S. 75).

Hans-Peter Heekerens betritt mit seinen Betrachtungen neuen Boden und ergänzt damit die Darstellungen in der deutschsprachigen erlebnispädagogischen Literatur. Selbst in der zweiten Auflage des „Handbuch Erlebnispädagogik“ wird das Thema „Erlebnispädagogik und Nationalsozialismus“ (noch immer) ausgeblendet (Michl/Seidel 2018). Da gibt es noch einiges zu tun und Hans-Peter Heekerens liefert mit seinen Betrachtungen wertvolle Vorarbeit. Hier ergibt der von ihm verwendete Ausdruck einer Vorstudie viel Sinn.

Die zweite Unwucht betrifft die geisteswissenschaftliche Pädagogik. Hier gibt es zwei Aspekte die Hans-Peter Heekerens herausarbeitet. Einerseits die mit wortreichen Formulierungen kaschierte mangelnde Methodik innerhalb dieser. Andererseits der tiefe Spalt zwischen schriftlich dargelegten (moralischen) Ansprüchen und deren praktische Einlösung. Dargestellt wird dieses an Hand des Themas „Nazismus“ und der jahrelang missachteten Missbräuchen an der Odenwaldschule. Hier zeigt Hans-Peter Heekerens im Detail auf, wie handelnde Personen unethisch Macht und Einfluss gebrauchen. Er macht sichtbar, welche Folgen intransparente (männliche) persönliche Netzwerke haben (können). Besonders „unwuchtig“ wird es, wenn (ethisch) fragwürdiges Verhalten mit pädagogischen Floskeln kaschiert wird.

Hans-Peter Heekerens Literaturauswahl ist nachvollziehbar und gut begründet. Dennoch folgt sie der Tradition der deutsch(sprachig)en erlebnispädagogischen Literatur, welche englische Texte zur Geschichte der deutschsprachigen Outward Bound Bewegung (überwiegend) ausblendet. Hans-Peter Heekerens kennt diese Quellen und greift auch punktuell darauf zurück, wo es ihm angezeigt scheint. Im Großen und Ganzen beschränkt er sich aber auf die deutsch(sprachig)e Quellen. Will man aber Geschehnisse rund um Kurt Hahn und der Outward Bound Bewegung darstellen, kann dieses Vorgehen hinterfragt werden. Denn gerade zwischen 1933 und 1944 differenzieren sich, veröffentlicht ausschließlich auf Englisch, seine pädagogischen Ideen aus (vgl. Baig-Schneider 2021 und Baig-Schneider 2022). In der deutschsprachigen Literatur wird dies bis heute weitgehend ausgeblendet. Viele Betrachtungen enden mit 1932 und setzten erst wieder mit den deutschsprachigen Texten rund um den neu geschaffenen Begriff der Erlebnistherapie um das Jahr 1952 ein. Damit wird eine Kontinuität „von Salem bis Baad“ konstruiert und auf die Zeit vor dem zweiten Weltkrieg zurückprojiziert. Hans-Peter Heekerens macht darauf aufmerksam und begründet seine Literaturauswahl nachvollziehbar: „Ich habe das Blickfeld bewusst auf die Bundesrepublik begrenzt, weil auf beschränktem Raum nur so die besonderen Wirkfaktoren hierzulande sichtbar werden, die die Entwicklung der Outward Bound Bewegung in der Bonner Republik beeinflusst haben. Ich wollte den zweiten Schritt nicht vor dem ersten tun und hoffe, mit meinem Buch die bis dato fehlenden Grundlage für einem soliden internationalen Vergleich geschaffen haben. Diesen mögen andere angehen“ (Heekerens 2021, S. 22). Dennoch prolongiert seine (überwiegende) Fokussierung auf deutschsprachige Texte und Literatur das traditionelle Erzählschema. Hier zeigt sich reflektiert „das Allgemeine einer Zeit“.

Hans-Peter Heekerens Betrachtungen setzen im Schwerpunkt mit jenem Zeitraum ein, in dem der in Großbritannien entwickelte und in Form von vierwöchigen Projekten umgesetzte Outward Bound Ansatz in Deutschland unter dem Überbegriff Erlebnistherapie eingeführt wird. Daraus entsteht in weiterer Folge in den 80er Jahren die emanzipierte moderne Erlebnispädagogik (vgl. Baig-Schneider 2012 und Baig-Schneider 2018).

Fazit

Zusammenfassend kann man sagen, dass es sich um eine herausstechende, differenzierte, akribisch recherchierte und auf eine Vielzahl von historischen Quellen und aktueller Literatur fußende Publikation handelt, die einen detaillierten Einblick in die personale, strukturelle und prozessuale Entwicklung von Outward Bound in der Bonner Republik gibt.

Heekerens spricht von einer „Vorstudie“ für eine noch zu schreibende Geschichte der Erlebnispädagogik. Dieses Vorhaben wird vollinhaltlich eingelöst. In dieser Publikation werden bisher wenig beachtete Inhalte zur Geschichte von Outward Bound in der Bonner Republik in ihrer personalen, strukturellen und prozessualen Dimensionen dargestellt. Darüber hinaus wird gezeigt, wie gerade in den frühen Jahren von Outward Bound in der Bonner Republik mit geschichtlicher und moralischer (Eigen)Verantwortung umgegangen wurde, wie (männliche) Netzwerke funktionieren und wie sich aus einer Pädagogik von Wagnis & Bewährung eine modernen Erlebnispädagogik entwickelt.

Für folgende Menschen sei diese Publikation empfohlen: Den an der Geschichte und Entwicklung der Erlebnispädagogik interessierten Menschen ermöglicht es gut lesbar vertiefende Einblicke. Den sich forschend mit dieser Thematik beschäftigenden Menschen liefert sie eine solide Basis für die weitere Forschung.

Will man ergänzend etwas über die inhaltlichen Dimensionen erfahren sei hier explizit auf die Publikation Heekerens 2019 verwiesen (Heekerens 2019).

Für beide Publikationen gilt, dass die Lektüre „für diejenigen Leser*innen spannend und gewinnbringend sein [wird], die Parallelen schlagen können zwischen dem Buchinhalt und der eigenen Lebensgeschichte. […] Es ist die Verknüpfung mit dem eigenen Leben, die die Erkenntnisse und die Spannung und das Geschriebene in den notwendigen Rahmen stellt. Insofern handelt es sich um ein sehr persönlich gefärbtes Buch“ (Kolbinger 2019, www. soziales-kapital.at). Beide zusammen ergeben ein echtes Powerduo.

Somit eine klare Leseempfehlung für alle an der Geschichte der Erlebnispädagogik Interessierten und ein „must have“ in einer gut ausgestatteten Bibliothek zur deutsch(sprachig)en Erlebnispädagogik.

Literatur

Baig-Schneider, Rainald (2021): Von der Grand Passion zur christlichen Passion of [Samaritan] Service, in: erleben&lernen, Internationale Zeitschrift für handlungsorientiertes Lernen 6/2021, S. 38–39.

Baig-Schneider, Rainald (2022): Rettungsdienst und Erlebnistherapie, in: erleben & lernen, Internationale Zeitschrift für handlungsorientiertes Lernen 2/2022, S. 24–26.

Baig-Schneider, Rainald (2012): Die moderne Erlebnispädagogik, Augsburg, Ziel.

Baig-Schneider, Rainald (2018): Was nach 1945 kam-Die Entwicklung zur modernen Erlebnispädagogik, in: Michl/Werner und Holger Seidel (Hrsg): Handbuch Erlebnispädagogik, München, Reinhardt, S. 116–120.

Frühe Wurzeln der modernen Erlebnispädagogik-eine Bücherschau, erleben&lernen, Internationale Zeitschrift für handlungsorientiertes Lernen 1/2022.

Heekerens, Hans-Peter (2021): Wie die Erlebnispädagogik laufen lernte. Outward Bound in der Bonner Republik, Höchberg, ZKS Verlag für psychosoziale Medien.

Heekerens, Hans Peter (2019): 100 Jahre Erlebnispädagogik – Rück-, Rund- und Ausblicke, Höchberg, ZKS Verlag für psychosoziale Medien.

Heekerens, Hans-Peter (2022): Marina Ewald – Pionierin der Erlebnispädagogik, in: erlebenI&lernen, Internationale Zeitschrift für handlungsorientiertes Lernen 1/2022, S. 21–23.

Kolbinger, Martin „Lu“ (2019): Rezension Hans-Peter Heekerens: 100 Jahre Erlebnispädagogik – Rück-, Rund- und Ausblicke, Höchberg, ZKS Verlag für psychosoziale Medien, URL: https://soziales-kapital.at/index.php/sozialeskapital/article/download/648/1167.pdf/0 (Stand: 26.03.2022).

Michl, Werner und Holger Seidel (Hrsg) (2018): Handbuch Erlebnispädagogik, München, Reinhardt.

Wikipedia (o.J): Hans Peter Heekerens, URL: https://de.wikipedia.org/wiki/Hans-Peter_Heekerens (Stand: 26.03.2022).

Rezension von
Mag. Rainald Baig-Schneider
Mag. phil., Erlebnispädagoge be, Leitung Bereich Bildung&Erlebnispädagogik des Arbeitskreis Noah
Forschungsschwerpunkt: Theorie und Praxis der modernen Erlebnispädagogik
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Es gibt 1 Rezension von Rainald Baig-Schneider.

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Zitiervorschlag
Rainald Baig-Schneider. Rezension vom 05.04.2022 zu: Heekerens Hans-Peter: Wie die Erlebnispädagogik laufen lernte. Outward Bound in der Bonner Republik. ZKS-Verlag für psychosoziale Medien (Höchberg) 2021. ISBN 978-3-947502-56-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/29052.php, Datum des Zugriffs 24.05.2022.


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