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Michael Noack: Soziale Arbeit und Einsamkeitsregulation

Rezensiert von M.A. Rene Buchmüller, 25.03.2022

Cover Michael Noack: Soziale Arbeit und Einsamkeitsregulation ISBN 978-3-7799-6684-5

Michael Noack: Soziale Arbeit und Einsamkeitsregulation. Subjektives Einsamkeitserleben erkennen und verstehen. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2021. 126 Seiten. ISBN 978-3-7799-6684-5. D: 19,95 EUR, A: 20,60 EUR.

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Thema

In der Publikation wird Einsamkeit als soziales Problem aus sozialarbeiterischer Perspektive erörtert. Im Fokus steht das Modell der Einsamkeitsregulation, das Noack basierend auf empirischen Forschungsergebnissen entwickelt und theoretisch fundiert hat.

Autorin

Michael Noack ist staatlich anerkannter Sozialarbeiter und Professor für Methoden der Sozialen Arbeit mit dem Schwerpunkt Gemeinwesensarbeit am Fachbereich Sozialwesen der Hochschule Niederrhein. Er lehrt und forscht zur sozialraumorientierten Sozialen Arbeit und zur Sozialen Arbeit mit unfreiwillig vereinsamten Menschen.

Entstehungshintergrund

Laut dem Autor entstand die Publikation im Rahmen des Forschungsprojekts „Kontaktgestaltung vor den während der und nach den Kontaktbeschränkungen im Rahmen des ersten Lockdowns (Kokon)“ (vgl. S. 3).

Aufbau

Das Buch beinhaltet sieben Hauptkapitel. In den ersten beiden Kapiteln hat sich Noack mit der Frage beschäftigt, was Einsamkeit ist und was unter Einsamkeitsregulation verstanden werden kann. Im dritten Kapitel hat er Ergebnisse der Einsamkeitsforschung vorgestellt. In den Kapiteln vier bis sechs ist Noack auf das Design und die Ergebnisse der Studie KoKon eingegangen und hat die Forschungsergebnisse interpretiert. Basierend auf den Forschungsergebnissen hat sich der Autor im siebten Kapitel mit den handlungsmethodischen Möglichkeiten und Grenzen Sozialarbeitender auseinandergesetzt, subjektives Einsamkeitserleben zu erkennen und zu bearbeiten.

Inhalt

Nach einer Einführung in die Thematik des Buches und in die Fragestellung der Studie Kokon hat sich Noack im ersten Kapitel mit Einsamkeit aus phänomenologischer Perspektive befasst und dabei den Unterschied zwischen sozialer Isolation, freiwilliger und unfreiwilliger Einsamkeit herausgearbeitet (vgl. S. 12). Unfreiwillige Einsamkeit hat Noack mit Peplau und Perlman (1982) als „Resultat unerfüllter Erwartungen an die Qualität und Quantität sozialer Beziehungen“ (ebd.) definiert. Er beschreibt freiwillige und unfreiwillige Einsamkeit als „Kontinuum zwischen erfüllender sozialer Einbettung sowie gewollter Einsamkeit, nach der es manche Menschen giert und unfreiwilliger Einsamkeit, an der andere Menschen zugrunde gehen.“ (S. 13).

Als Einsamkeitsregulation bezeichnet der Autor Verschiebungen des subjektiven Einsamkeitserlebens auf diesem Kontinuum. Um diese Verschiebungen zu analysieren, hat Noack das Modell der Einsamkeitsregulation durch drei Theorienansätze fundiert. Dazu gehören

  1. das Salutogenese Modell nach Antonovsky,
  2. konstruktivistische Theorieansätze und
  3. Ansätze der Emotionsregulation.

(1) Die Idee, Einsamkeit als Erlebniskontinuum zu verstehen, hat Noack angelehnt an das von Antonovsky beschriebene Gesundheitskontinuum entwickelt. Orientiert an Antonovskys Stressorenkonzept beschreibt Noack sogenannte Einsamkeitsregulatoren. Einsamkeitsregulatoren würden subjektives Einsamkeitserleben beeinflussen und – im Unterschied zu Stressoren – auch durch subjektives Einsamkeitserleben beeinflusst werden: „Ein schlechter physischer Gesundheitszustand kann ebenso zu unfreiwilliger Einsamkeit führen, wie aus dem dauerhaften Erleiden unfreiwilliger Einsamkeit gesundheitliche Beeinträchtigungen folgen können.“ (S. 41 f.).

(2) Anknüpfend an konstruktivistische Theorieansätze (vgl. 20 f.) hat Noack ferner die Perspektive auf das subjektive Erleben von Einsamkeit herausgearbeitet. Er hat den Begriff der Viabilität nach Glasersfeld mit der Definition von Einsamkeit nach Peplau und Perlman verknüpft. Dabei hat er hervorgehoben, dass sich Diskrepanzen zwischen dem subjektiven Anspruch an die Quantität und Qualität sozialer Kontakte teilweise individuell bearbeiten ließen, teilweise aber auch mit Regulatoren zusammenhängen, die nicht individuell beeinflussbar sind.

(3) Den Regulationsbegriff hat Noack ausgehend von emotionsregulatorischen Diskursen eingeführt (vgl. S. 21 f.). In diesen Diskursen wird Einsamkeit als Emotion verstanden, die wie andere Gefühle auch durch die subjektive Bewertung und kontextuelle Faktoren reguliert wird. Dabei hebt Noack hervor, dass

  • Menschen ihr Einsamkeitserleben bewusst oder unbewusst regulieren würden.
  • Es positive und negative Regulationsmechanismen gebe. Die Verdrängung von negativem Einsamkeitserleben beschreibt Noack bspw. als negativen Regulationsmechanismus, weil sich Einsamkeitssignale des Organismus dadurch nicht unterbinden ließen.

Ausgehend von dieser Fundierung hat Noack die Regulationsperspektive geschärft. Er hat Mikro-, Meso-, und Makroansatz angewendet, um zu reflektieren, welche personen-, umfeld- und gesellschaftsbezogenen Aspekte mit Einsamkeit korrespondieren und wie diese Aspekte miteinander zusammenhängen. Diese Aspekte versteht er als Regulatoren (vgl. S. 25 f):

  • Regulatoren auf der Mikroebene: Charaktereigenschaften, psychische und physische Verfassung von Individuen und ihre engen bzw. intim erotischen Interaktionen.
  • Regulatoren auf der Mesoebene: Unter anderem gesellschaftliche Wertvorstellungen darüber, ab wann ein Mensch als einsam gilt und die individuelle Einbettung in freundschaftliche sowie nachbarschaftliche Netzwerke und organisatorische Strukturen.
  • Regulatoren auf der Makroebene: Gesellschaftspolitische Prozesse, die soziale Ungleichheit und Inklusions- sowie Explosionsprozesse beeinflussen und damit die Teilhabechancen der Menschen prägen.

Noack hebt hervor, dass es sich um eine analytische Unterscheidung handelt, die nicht darüber hinwegtäuschen darf, dass Einsamkeitsregulationen in der Regel mit verknüpften Mikro-, Meso- und Makroregulatoren zusammenhänge: „Werden Vereinsamungsprozesse in der Sozialen Arbeit ebenenübergreifend analysiert, können verhaltens- und verhältnisbezogene Rückschlüsse für die Praxis der Sozialen Arbeit gezogen werden, um unterschiedlichen Ausprägungen, unfreiwilligen Einsamkeitserlebens und den gesellschaftlichen Ursachen dieses Erlebens zu begegnen.“ (S. 28)

Bevor er Forschungsergebnisse zu einsamkeitsbezogenen Mikro-, Meso-, und Makroregulatoren aufgearbeitet hat, ist Noack auf die Vor- und Nachteile der indirekten und der direkten Abfrage des Einsamkeitserlebens bei der Datenerhebung eingegangen. Da er davon ausgeht, dass Einsamkeitserleben schambehaftet sein kann, hat er sich für die indirekte Erfassung des Einsamkeitserlebens positioniert. So begründet er, weshalb auf die direkte Abfrage des Einsamkeitserlebens im Rahmen der Studie Kokon verzichtet wurde. Außerdem hat Noack hervorgehoben, dass es keine allgemein anerkannten Grenzwerte gibt, anhand derer sich Personen als einsam oder nicht einsam einordnen lassen (vgl. S. 30).

Die Aufarbeitung des Forschungsstands hat Noack mit der Auswertung der indirekten Erfassungsfrage zum Einsamkeitserleben aus der Allgemeinen Bevölkerungsumfrage (Allbus) 2018 begonnen: „Wie häufig hatten Sie in den vergangenen vier Wochen das Gefühl, dass sie ausgeschlossen werden?“ (S. 31). Bei der Auswertung des Einsamkeitserlebens verschiedener Altersgruppen hat Noack herausgearbeitet, dass sich in den Allbus-Daten für das Jahr 2018 ein sogenanntes „Alters-W“ abbilde, wonach junge, erwachsene und ältere Befragte am häufigsten angegeben haben, sich in den letzten vier Wochen ausgeschlossen gefühlt zu haben.

Ausgehend von einschlägigen Fachdebatten hat Noack dieses Ergebnis mit altersbezogenen Herausforderungen erklärt. So müssten junge Menschen, die aufgrund einer Ausbildung oder eines Studiums ihren Wohnort wechseln, neue sinnvolle Kontakte knüpfen. Erwachsenen Personen können aufgrund beruflicher und familiärer Sorgetätigkeiten die notwendigen zeitlichen Ressourcen fehlen, Kontakte zu pflegen und zu knüpfen. Ältere Menschen können sich mit der Herausforderung konfrontiert sehen, dass ihr berufliches, verwandtschaftliches und nachbarschaftliches Kontaktnetz ausdünnt (vgl. S. 35 f.).

Anschließend hat sich Noack mit Ergebnissen der Einsamkeitsforschung beschäftigt und dabei Mikro-, Meso-, und Makroregulatoren fokussiert:

  • Mikroregulatoren: Bei der Auseinandersetzung mit Ergebnissen der Einsamkeitsforschung, aus denen sich Mikroregulatoren ableiten lassen, hat Noack das Konstrukt der Lebenszufriedenheit als Einsamkeitsregulator dargestellt. Lebenszufriedenheit hänge mit dem subjektiven Gefühlserleben zusammen. Gleichwohl hat der Autor darauf hingewiesen, dass der Begriff Lebensqualität mehrdimensional zu denken sei. Die Lebensqualität eines Menschen hänge mit seinen Gefühlen sowie Erwartungen (Mikroebene), institutionellen Einbettungen (Mesoebene) und mit seinem sozioökonomischen Status zusammen, der durch Bildungs- und Teilhabechancen geprägt ist (Makroebene [vgl. S. 27]).
  • Mesoregulatoren: Neben institutionellen Einbettungen gehören für Noack soziale Einbindungen in freundschaftliche und nachbarschaftliche Kontaktnetze​ zu Mesoregulatoren. Aus einschlägigen Forschungsergebnissen arbeitete er heraus, dass sowohl die Quantität als auch die wahrgenommene Qualität sozialer Kontakte mit subjektivem Einsamkeitserleben korrespondiere.
  • Makroregulatoren: Gesellschaftliche Teilhabechancen hat Noack als Makroregulatoren bezeichnet. Er hat Studienergebnisse aufgearbeitet, aus denen hervorgeht, dass prekäre finanzielle Lebenssituationen, die vom Individuum nur bedingt beeinflussbar sind, einen entscheidenden Einfluss darauf haben, soziale Kontakte zu knüpfen und zu pflegen.

Die Aufarbeitung des Forschungsstands endet mit Einblicken in die im Entstehen begriffene Einsamkeitsforschung in der Sozialen Arbeit. Dabei hat Noack herausgearbeitet, dass es sowohl Personen gibt, die sich aufgrund ihres Einsamkeitserlebens hilfesuchend an soziale Dienste wenden. Subjektives Einsamkeitserleben könne aber auch bei Interventionen, die nicht einsamkeitsbezogen sind, eine Rolle spielen.

Aus den Forschungsergebnissen hat Noack Forschungsfragen für die Studie „KoKon“ abgeleitet, um an vorhandenem Wissen anzuknüpfen und es zu erweitern. Laut Noack handelt es sich bei Kokon um eine Querschnittsstudie, bei der jedoch dieselben Fragen aus zwei oder drei zeitlichen Perspektiven gestellt worden:

„Die Forschungsfragen beziehen sich entweder auf den Vergleich des Einsamkeitserlebens der Befragten

  • vor den und während der KB,
  • vor den, während der und nach der Lockerung der KB oder
  • während und nach der Lockerung der KB.“ (S. 35)

Im vierten Kapitel ist Noack auf das Design der Studie Kokon eingegangen und hat sie als quantitative Studie vorgestellt. Im Onlinefragebogen hätten Befragten jedoch häufig die Möglichkeit gehabt, „ihre Antworten auf die standardisierten Fragen offen zu kommentieren.“ (S. 52).

Ausgehend von den Forschungsfragen hat Noack 24 Hypothesen formuliert. Statistisch signifikante Hypothesen hat der Autor mit den offenen Angaben der Befragten in Beziehung gesetzt, um sie zu interpretieren. Die offenen Angaben der Befragten hat er einer zusammenfassenden Inhaltsanalyse nach Mayring unterzogen. Aus den induktiv gebildeten Kategorien hat Noack Bereiche der Einsamkeitsregulation abgeleitet:

  • Einsamkeitsregulation und Lebensqualität
  • Einsamkeitsregulation und Krisenerfahrung
  • Einsamkeitsregulation und Beziehungsqualität
  • Einsamkeitsregulation und Gesundheit.

Für jeden Regulationsbereich hat Noack beschrieben, welche Mikro-, Meso-, und Makroregulatoren mit dem Einsamkeitserleben der Befragten der Studie Kokon korrespondierten. Durch die Beschreibung wird deutlich, dass ein und derselbe Einsamkeitsregulator im Zusammenspiel mit anderen Regulatoren mit negativen und positiven Einsamkeitserleben zusammenhängen kann.

Einsamkeitsregulation und Lebenszufriedenheit

So beschreibt Noack die „transformierten Zeitstrukturen“ aufgrund der pandemiebedingten Kontaktbeschränkungen als Makroregulator, weil sie von den Befragten nicht beeinflussbar gewesen sind. Während der Kontaktbeschränkungen hätten transformierte Zeitstrukturen „die Lebenszufriedenheit von Befragten ohne Kinder oder mit einem Kind, die über einen Job verfügten, der zu Hause ohne materielle Einbußen abgewickelt werden konnte“ (S. 88) positiv beeinflusst. Diese Befragten hätten „individuelle Freiheiten für die Alltagsgestaltung als erweitert erlebt, wodurch subjektive Ansprüche an die familiäre Kontaktfrequenz und -qualität besser eingelöst werden konnten. Das Erleben unfreiwilliger Einsamkeit veränderte sich bei diesen Befragten durch die KB positiv.“ Der Makroregulator „transformierte Zeitstrukturen“ habe in Verbindung mit dem Mesoregulator ‚Work-Life-Balance“ auch negative Einsamkeitsregulationen begünstigt: „Befragte mit mehreren Kindern, die berufliche Tätigkeiten und Home-Schooling im Privathaushalt erbringen mussten, erlebten eine Gefährdung ihrer „Work-Life-Balance‘. (…) Dies begünstigte auch unfreiwillige Einsamkeit, wie aus diesen offenen Angaben einer alleinerziehenden Mutter hervorgeht: ‚Nur Kinder um mich haben, nervte mich. Ich wollte mal andere Themen mit anderen Menschen besprechen. Stattdessen machte ich Homeschooling‘.“ (S. 89).

Einsamkeitsregulation und Krisenerfahrung

In diesem Regulationsbereich ist Noack unter anderem auf dem Mikroregulator Alltagsaktivität eingegangen. Befragte, die aufgrund der Kontaktbeschränkungen gewohnten Alltagsaktivitäten nicht mehr nachgehen konnten, hätten Stress erlebt, ihre familiären Beziehungen als belastend und den Alltag als ziellos wahrgenommen. Dies habe ihr Einsamkeitserleben negativ reguliert. Befragte, die die eingeschränkten Aktivitäten durch neue Tätigkeiten (beispielsweise eine neue Sprache lernen) kompensierten, hätten ihre Einsamkeitserleben während der Kontaktbeschränkung positiv regulieren können. Diese Beobachtung hat Noack bezugnehmend auf Antonovskys Salutogenese Modell als Gefühl der „Bewältigbarkeit“ interpretiert (vgl. S. 91).

Darüber hinaus beschreibt Noack die Lebensauffassung als Mikroregulator, der aus zwei Gründen mit einer negativen Einsamkeitsregulation einhergegangen sei. Einerseits habe es Befragte gegeben, die den politischen Maßnahmen zur Pandemiebekämpfung skeptisch gegenüberstanden. Diese Skepsis sei mit einem negativen Einsamkeitserleben einhergegangen, da sie nicht nachvollziehen konnten, weshalb Arbeitskontakte möglich waren, private Kontakte jedoch eingeschränkt werden mussten. Darüber hinaus habe es Befragte gegeben, deren Einsamkeitserleben negativ reguliert wurde, weil sie Freunde und Bekannte an Verschwörungstheorien verloren hätten.

Einsamkeitsregulation und Beziehungsqualität

In diesem Regulationsbereich ist Noack unter anderem auf den Mikroregulator „instrumentelle Kontakte“ eingegangen. Alleinlebende befragte, die aufgrund der Kontaktbeschränkungen auf instrumentelle Unterstützung ihrer Freunde und Bekannten verzichten mussten, hätten sich dadurch einsam gefühlt (vgl. S. 92).

Einsamkeitsregulation und Gesundheit

Als Makroregulator hat Noack aus den offenen Angaben der Befragten den sozioökonomischen Status herausgearbeitet. Befragte, die aufgrund von Kurzarbeit finanzielle Ängste entwickelten, hätten nicht nur von einer Verschlechterung ihrer psychischen Verfassung, sondern auch von negativen Einsamkeitsgefühlen berichtet.

Im letzten Kapitel hat Noack die Praxisperspektive eingenommen und die Frage erörtert, ob und wie unfreiwillig vereinsamten Menschen geholfen werden kann (vgl. S. 95). Er schildert seine Position, Einsamkeit vorrangig als Querschnittsthema zu denken, das in Interventionen, die sich um andere Themen drehen, aufflackern kann. Dennoch plädiert er dafür zu berücksichtigen, dass es auch Personen gibt, die sich aufgrund ihres negativen Einsamkeitserlebens Hilfe suchend an einen sozialen Dienst wenden würden.

Damit begründet er seine Position, auch im Rahmen einsamkeitsunspezifischer Interventionen sensibel für das Einsamkeitserleben der Menschen zu sein. Er spricht sich dafür aus, vorliegende „methodische Ansätze zu nutzen, mit denen es gelingt, die Handlungsoptionen von Menschen, die unter unfreiwilliger Einsamkeit leiden, derart zu erweitern, dass sie ihre subjektiven Ansprüche an die Qualität und Quantität soziale Kontakte (wieder) einlösen können.“ (S. 97).

In den folgenden drei Unterkapiteln hat der Autor die Möglichkeiten und Grenzen der Einsamkeitsregulation in einzelfall-, gruppen- und gemeinwesensbezogenen Arbeitssettings erörtert. Als eine Möglichkeit, auch bei thematisch anders gelagerten Interventionen, Menschen dabei zu begleiten, sich mit ihrem Einsamkeitserleben, das sie möglicherweise verdrängen, auseinanderzusetzen, hat Noack personenzentrierte Gesprächsführung nach Rogers geschildert. Mit diesem Ansatz könne es gelingen, das Ideal- und Realselbst einer Person einsamkeitsbezogen aufeinander zu beziehen: „Wenn eine Person ein Idealselbst als kontaktfreudiger Mensch mit erfüllenden Freundschaften entworfen hat, ihre Erfahrungen diesem Selbstbild jedoch nicht entsprechen, kann sie die damit einhergehenden Einsamkeitsgefühle ignorieren oder abwehren, aber dennoch unter ihnen leiden.“ (S. 100).

Als einen handlungsmethodischen Ansatz für Menschen, die sich aufgrund ihres negativen Einsamkeitserlebens Hilfe suchend an einen sozialen Dienst wenden, ist Noack auf die lösungsorientierte Beratung eingegangen. Mit dieser könne es gelingen, Menschen dabei zu unterstützen, Strategien zu entwickeln, mit denen sie Einsamkeitsregulationen umgestalten (vgl. S. 104).

In gruppenbezogenen Arbeitssettings sieht Noack die Möglichkeit, Gruppenrollen und damit einhergehende Gruppendynamiken zu beobachten. Er schlägt vor, dass mit Personen, die eine Außenseiterrolle eingenommen hätten, in Einzelgesprächen reflektiert werden kann, wie es ihnen mit dieser Rolle geht und welche Möglichkeiten es gibt, einen gewollten Rollenwechsel zu unterstützen (vgl. S. 111).

Großes Potenzial schreibt Noack der Einsamkeitsregulation im gemeinwesensbezogenen Arbeitssetting zu. Es sei ein integraler Bestandteil der Gemeinwesensarbeit, aufsuchend auf die Menschen in ihrem Wohnquartier zu zugehen. Insbesondere im Rahmen einer aktivierenden Befragung sei es möglich, quasi „nebenbei“ auch von den sozialen Kontakten und damit vom Einsamkeitserleben der Menschen Kenntnis zu erlangen.

Diskussion

Mit dieser Publikation hat Noack einen Beitrag geleistet, den Einsamkeitsdiskurs in der Sozialen Arbeit zu intensivieren, der bisher noch erstaunlich zaghaft geführt wird.

Indem Noack ausgehend von der Funktion Sozialer Arbeit, an der Schnittstelle zwischen Menschen und Gesellschaft zu agieren, die Berücksichtigung von Mikro-, Meso-, und Makroregulatoren als Spezifikum der Einsamkeitsforschung und -intervention in der Sozialen Arbeit hervorhebt, hat er erste Vorschläge für die Rolle der Sozialen Arbeit bei der Einsamkeitsbekämpfung und -prävention entwickelt. Diese Vorschläge bedürfen jedoch teilweise noch einer weiteren Ausdifferenzierung.

So bleibt etwa offen, durch welche anamnestischen Verfahren Sozialarbeitende bei thematisch anders gelagerten Interventionen erkennen können, ob möglicherweise auch das Thema Einsamkeit eine Rolle spielt, von den Menschen jedoch verdrängt wird. Außerdem bleibt offen, ob die genannten Regulationsbereiche erschöpfend sind oder ob das Regulationsmodell als Mosaik begriffen werden kann, dass durch weitere Studien mit Regulationsbereichen und Regulatoren ergänzt werden kann.

Zumindest hat Noack herausgearbeitet, welche phänomenologischen Prämissen er dem Modell zugrunde gelegt hat und wie es sich theoretisch fundieren lässt. Insbesondere der Bezug auf Antonovskys Modell der Salutogenese kann aus Perspektive des Gesundheitscoachings als innovativ begriffen werden. Denn im Rahmen des Gesundheitscoachings flackert unfreiwilliges Einsamkeitserleben immer wieder als ein Aspekt auf, der das gesundheitsbezogenen Verhalten von Menschen beeinflusst.

Der mehrfach erfolgte Hinweis auf den sogenannten Turn-away-Effekt (S. 96, 100, 118) kann dafür sensibilisieren, bei der spezifischen und unspezifischen Bekämpfung sowie Prävention negativen Einsamkeitserlebens nicht allein auf kommenorientierte Angebote zu setzen. Menschen, die unter Einsamkeit leiden, können entweder aus Stigmatisierungsbefürchtungen oder schlicht aufgrund fehlender Informationen davon abgehalten werden, Hilfe und Unterstützung zu suchen und anzunehmen. Hier erwähnt Noack zwar aufsuchende Arbeit als Lösungsmöglichkeit. Wie jedoch konkret aufsuchende Arbeit umgesetzt werden kann, damit Menschen, die sich von ihrem Einsamkeitserleben abwenden, aber dennoch darunter leiden, erreicht werden können, bleibt offen.

Die geschilderten Desiderate hat Noack aber möglicherweise bewusst offengelassen, weil er abschließend empfiehlt, „den Gegenstand, Einsamkeitsregulation und Soziale Arbeit“ durch weitere Studien zu bearbeiten (vgl. S. 118).

Fazit

Die Publikation führt solide in das Thema Einsamkeit aus sozialarbeiterischer Perspektive ein. Wissenschaftler:innen können das Regulationsmodell nutzen um Einsamkeit an der Schnittstelle zwischen Individuum und Gesellschaft zu analysieren. Berufspraktiker:innern können durch diese Publikation dafür sensibilisiert werden, Einsamkeit als Querschnittsthema zu verstehen und einsamkeitssensibel zu handeln.

Quellenverzeichnis

Peplau, L. A.; Perlman, D. (Hrsg.) (1982): Loneliness: A sourcebook of current theory, research, and therapy. New York: Wiley

Rezension von
M.A. Rene Buchmüller
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Zitiervorschlag
Rene Buchmüller. Rezension vom 25.03.2022 zu: Michael Noack: Soziale Arbeit und Einsamkeitsregulation. Subjektives Einsamkeitserleben erkennen und verstehen. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2021. ISBN 978-3-7799-6684-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/29054.php, Datum des Zugriffs 27.01.2023.


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