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Friedrich W. Seibel, Armin Schneider u.a. (Hrsg.): Soziale Arbeit – Begegnung mit Grenzen. Social Work – The Encounter with Borders

Rezensiert von Prof. Dr. phil. Christian Philipp Nixdorf, 08.02.2022

Cover Friedrich W. Seibel, Armin Schneider u.a. (Hrsg.): Soziale Arbeit – Begegnung mit Grenzen. Social Work – The Encounter with Borders ISBN 978-3-7344-1309-4

Friedrich W. Seibel, Armin Schneider, Andreas Thimmel (Hrsg.): Soziale Arbeit – Begegnung mit Grenzen. Social Work – The Encounter with Borders. Wochenschau Verlag (Frankfurt am Main) 2021. 352 Seiten. ISBN 978-3-7344-1309-4.
Reihe: Wochenschau Wissenschaft
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Herausgeber

Prof. Friedrich W. Seibel lehrte bis 2006 an der Hochschule Koblenz und hatte Lehraufträge diversen Hochschulen inne. Zuletzt war er Leiter des Studiengangs „European Community Education Studies“ und „Jean Monnet Professor“ für „Interdisciplinary European Studies“.

Prof. Dr. Armin Schneider lehrt und forscht an der Hochschule Koblenz. Seine Schwerpunkte sind Management, Forschung, Nachhaltigkeit und Organisationsethik. Er leitet das Institut für Bildung, Erziehung und Betreuung in der Kindheit und ist Dekan des Fachbereiches Sozialwissenschaften.

Prof. Dr., Andreas Thimmel lehr Wissenschaft der Sozialen Arbeit an der Fakultät für Angewandte Sozialwissenschaften der Technischen Hochschule Köln. Er leitet dort den Forschungsschwerpunkt „Nonformale Bildung“.

Thema

Das Buch behandelt den Themenkomplex der Grenzen von und in Sozialer Arbeit. Was sind Grenzen, welche existieren und wie wirken sie auf Soziale Arbeit? Diesen Themen wird im Sammelband von 21 Autor:innen in 20 Texten nachgegangen, die teils in deutscher und teils in englischer Sprache verfasst sind. Es werden darin Grenzen aus physischen, psychischen und professionellen Perspektiven beleuchtet. Auf Wissensgrenzen, Grenzen zwischen Ländern und Religionen, Grenzen des eigenen Wirkens, Grenzüberschreitungen durch interkulturelles und interprofessionelles Arbeiten wird dabei ebenso eingegangen wie auf Abgrenzungsbedürfnisse und die Schutzfunktion von Begrenzungen.

Entstehungshintergrund

Der im Wochenschau Verlag publizierte Sammelband wurde zu Ehren Herrn Prof. Dr. Günter Friesenhahn herausgegeben, der langjährig als Dekan des Fachbereiches Sozialwissenschaften an der Hochschule Koblenz gewirkt hat. Er habe schon als wissenschaftlicher Mitarbeiter maßgeblich an der Entwicklung von Lehrmodulen zur europäischen Dimension in der Jugend- und Sozialarbeit mitgewirkt und später im SOKRATES-Programm (1996 – 1999) „wesentlich zur Verbreitung der Ergebnisse publizistisch beigetragen“ (S. 11). Ferner sei Friesenhahn von 2008 bis 2016 Mitglied im Vorstand der European Association of Schools of Social Work – EASSW gewesen, als deren Vizepräsident er zuletzt gewirkt habe (ebd.), schreiben die Herausgeber. Durch sein Wirken habe erimmer wieder verdeutlicht, „dass Begegnungen mit Grenzen und auf Grenzen, die Anerkennung und zugleich Überwindung von Grenzen ein notwendiger, ja substanzieller Bestandteil Sozialer Arbeit“ sei (S. 12). Das wird im hier rezensierten Werk reflektiert.

Aufbau und Inhalt

Der Sammelband umfasst 354 Seiten und beinhaltet 20 Texte von 21 Autor:innen, die sich mit dem Themenkomplex der Grenzen von und in Sozialer Arbeit befassen. Thematisch lassen sich die Texte, von denen 11 in deutscher und 9 in englischer Sprache verfasst sind, den folgenden Schwerpunkten zuordnen:

  • Grenzen überschreiten: Migration und Interkulturalität
  • Über Grenzen hinweg arbeiten: Inter- und transnationale Soziale Arbeit
  • Grenzbegegnungen professioneller Sozialer Arbeit
  • Grenzen überwinden und Brücken bauen: Neue Ansätze Sozialer Arbeit

Das Buch beginnt mit einer Einleitung, in der Seibel, Schneider & Thimmel die Weitläufigkeit des Thema Grenzen in Hinblick auf den Brexit und die Corona-Pandemie kontextualisieren. Soziale Arbeit habe, so schreiben sie (S. 10), „immer auch mit Grenzen aller Art zu tun, mit Mauern ebenso wie mit Grenzen zwischen einzelnen Individuen und unterschiedlichen Gruppen sowie mit der Grenzproblematik innerhalb von Individuen und Gruppen.“ Auf der disziplintheoretischen Ebene beschäftige sich die Soziale Arbeit „sowohl mit den Grenzen innerhalb der Postmigrationsgesellschaften als auch den Grenzen zwischen der Disziplin der Sozialen Arbeit und den entsprechenden Nachbardisziplinen“ (S. 11). Soziale Arbeit sei angewiesen auf diese Grenzziehung, „um die eigene Positionierung im Gefüge der Nachbardisziplinen herauszuarbeiten und entsprechend zu dokumentieren“ (ebd.). Dabei könne Soziale Arbeit, deren Selbstverständnis u.a. in ihrer „Allzuständig“ liegt, die eine klare Abgrenzung von (Allein-)Zuständigkeitsbereichen schwierig macht, im Umgang mit den Menschen, die sie in Anspruch nehmen, durchaus grenzenlos in dem Sinne sein, dass sie, wie etwa im SGB VIII gefordert, die Entwicklung der Menschen hin „zu eigenverantwortlichen, gemeinschaftsfähigen und kritischen Persönlichkeiten fördert“, schreiben die Herausgeber (ebd.). Grenzen spielten auch insofern eine wichtige Rolle in der Sozialen Arbeit, als sie „in der Auseinandersetzung mit den Grenzziehungen einer Hochschule sowie mit Herausforderungen des Bologna-Prozesses und deren jeweils nationaler Umsetzung“ zu reflektieren seien (S. 12). Es gehe dabei immer darum, „die Rahmenbedingungen zu nutzen, zu verbessern und Soziale Arbeit an der Hochschule als Gestaltungsaufgabe zu sehen sowie Grenzen, wo es möglich ist, entweder zu überwinden oder wenigstens durchlässiger zu machen“ (ebd.). Soziale Arbeit könne nur dann wirken, so Seibel, Schneider & Thimmel, „wenn sie als Disziplin und Profession die Grenzen, auch der eigenen Profession und Disziplin, wahrnimmt, aber nicht an diesen Grenzen stehen bleibt, sondern diese bzw. die Orte an der Grenze zu Begegnungsorten umfunktioniert. Wenn in diesem Sinne Mauern eingerissen und die Steine zu Brücken zwischen den Menschen verarbeitet werden, ist ein wichtiges Etappenziel erreicht“ (ebd.). Wie das geschehen kann, warum es wichtig ist und mit welchen Hürden Sozialarbeitende bei der Grenzverschiebung (und auch -ziehung) zu rechnen haben, wird in den Aufsätzen im Sammelband geschildert.

Anna Aluffi Pentini schildert im Aufsatz Frauen in interkulturellen Spannungen – von Leiden zu Kompetenz (S. 27–41) den Verlauf sowie das Ergebnis einer ihrer Forschungsarbeiten, die zum Ziel gehabt habe, „den Geschichten italienischer Frauen, die nach Deutschland ausgewandert waren, eine Stimme zu verleihen“ (S. 29). Dafür habe sie 35 Frauen mit mindestens 20 Jahren Auswanderungserfahrung in drei deutschen Städten (Darmstadt, Stuttgart, Mainz) interviewt. Die Ergebnisse der Forschung werden geschildert. Der von Franz Hamburger verfasste Text Die Familie der Migrantinnen und Migranten: Konfrontation der Einwanderungsgesellschaft mit ihrer Vergangenheit (S. 42 bis 50) fokussierte die ambivalente Rolle der Familie bei der Integration. „Familie ist im Bewusstsein aller Gesellschaftsmitglieder die Basisinstitution gesellschaftlicher Organisation, die »Kernzelle« oder »Keimzelle« der Gesellschaft, die Grundlage des Lebens in einer komplexen Gesellschaft“, schreibt er (S. 43). Es verwundere daher nicht, dass 70 % der jungen Erwachsenen der Auffassung seien, „dass zum Glück des Lebens Familie dazugehört“ (ebd.). Ein Blick in die Jugendhilfestatistik zeige aber auch, dass Kinder in der Familie nicht unbedingt wohlbehalten aufwüchsen, da die Kindeswohlgefährdung ebenso zunehme wie Armutsgefährdung. Einerseits seien diverse migrantische Familien „stark in dem Sinne, dass sie die Belastungen der Migration, der Anpassung an neue Lebensverhältnisse, der Selbsthilfe in Armutslagen bewältigen, auf die verwandtschaftliche Unterstützung zurückgreifen können, Phasen der Trennung aushalten und die häufige Transformation der Familie nach der Zusammenführung ertragen oder gestalten“ (S. 48), andererseits aber sei diese „Kohäsion im Migrationsprozess mit besonderen Verpflichtungsgefühlen und auferlegten Bindungen verbunden. Das Individuum kann sich auf jederzeitige Unterstützung verlassen, es wird aber auch eingebunden und in die Pflicht genommen.“ (ebd.). Diese Dualität wird im Text beleuchtet.

Im von Sanela Bašić verfassten Text Social healing in the aftermath of collective Trauma (S. 51–63) setzt sich die Autorin mit Fragen der sozialen Heilung im Kontext individueller und kollektiver Traumata auseinander, wie sie in Bosnien und Herzegowina in Folge des Jugoslawien-Krieges vorhanden sind. Sie erläutert, wie sich traumatische Effekte über eine ganze Generation hinaus auswirken und beschreibt den sozialen Umgang mit diesen Traumata als ambivalente Dialektik von Zurückweisung und Konfrontation. Eine Möglichkeit für Aussöhnung sieht die Autorin in einem empathisch begründeten gemeinsamen Narrativ. „If we are to prevent the past from recurring in the future, we must engage in a process of self-examination that is pedagogical in nature, and which aims to teach the next generations lessons from history that will help them internalize human rights standards and enable them to envision and create a world that respects and protects those rights“, schreibt Bašić (S. 62). Andreas Thimmel befasst sich im Anschluss daran im Text Reflexive Internationalität in einer postmigrantischen Gesellschaft (S. 64–80) mit dem Konzept der Reflexiven Internationalität in der Postmigrationsgesellschaft. Er benennt diesbezügliche historische Schlaglichter in Deutschland, „die zu unterschiedlichen Gesellschafts- und Bildungskonzepten geführt haben, die unter den Überschriften subsumiert werden können: Vom Nationalstaat zur multikulturellen Gesellschaft und zur Postmigrationsgesellschaft sowie von der Ausländerpädagogik zum Interkulturellen Lernen und zur Migrationspädagogik“ (S. 66). Zudem stellt er die Internationale Jugendarbeit als politische Bildungsarbeit dar und zeigt die Relevanz eines kritischen Bildungsverständnisses für eine postmigrantische Gesellschaft auf. Thimmel rekapituliert, dass das Konzept „der Reflexiven Internationalitat insbesondere in seinem kritischen Gehalt, die »offenen Momente« einer postmigrantischen und zugleich international offenen Gesellschaft zu bearbeiten ermöglicht“ (S. 67). Wie das erfolgen kann und warum dem so sei, schildert er.

Mit dem Thema Social work education between internationalisation and indigenisation (S. 83–99) setzt sich Annamaria Campanini auseinander. Die Autorin postuliert in ihrem Text, dass das Interesse an internationaler Sozialarbeit in den letzten Jahrzehnten stark zugenommen habe – und zwar vor allem in den stärker industrialisierten Ländern, die die Herausforderungen der Globalisierung erlebt haben. Ein wichtiges Element, das dieses Interesse bestärkte, war laut Campanini die Initiative zur Schaffung eines International Social Work Journals, das seit 1958 im Besitz der drei internationalen Organisationen IASSW-ICSW-IFSW sei (S. 83). Diese Publikation solle das Wissen erweitern und den internationalen Austausch in den Bereichen Soziale Arbeit, Sozialfürsorge und Gemeindeentwicklung fördern. Im Anschluss an einen historischen Abriss bzgl. der Internationalisierung Sozialer Arbeit beschreibt die Autorin, wie und warum Soziale Arbeit eine wichtige Rolle in einer globalisierten Gesellschaft einnehmen könne. Sie setzt sich mit der Frage von „internationalisation vs indigenisation“ auseinander (S. 93 ff.) und schildert, wie Sozialen Arbeit sich in den letzten Jahrzehnten für die Notwendigkeit dessen sensibilisiert habe, das eigene Handeln zu indigenisieren und zu dekolonisieren. Campanini greift das bezugnehmend auf Publikationen des der International Federation of Social Workers (IFSW) und der International Association of Schools of Social Work (IASSW) auf (S. 95 ff.). Im Anschluss daran setzt sich Ewa Kantowicz in ihrem Beitrag mit dem Titel Activity of International and National Associations of Schools of Social work for creating a culture of professionalisation of social work (S. 10–110) mit dem Wirken internationaler und nationaler Zusammenschlüsse von Ausbildungs- und Lehrstätten der Sozialen Arbeit auseinander. Sie schildert, welche Bedeutung diese für die weltweite Professionalisierung Sozialer Arbeit haben und schreibt: „Analysis of the European dimension of contemporary social changes as well as the process of professionalisation of social work has shown unquestionable role of social work organisations and academic institutions of social work education in creating space for professional development“ (S. 101). Die Existenz von institutionellen und organisatorischen Räumen, in denen Arbeitnehmer:innen im Sozialwesen ihre beruflichen Aufgaben erfüllen, sei die erste Voraussetzung, um eine berufliche Identität und Professionalisierungskultur in der Sozialen Arbeit auszuprägen, ist Kantowicz überzeugt (S. 103). Gerade im Hinblick auf die Professionalisierungskultur käme der International Associations of Social Work Schools eine zentrale Rolle zu. Kantowicz zieht als Fazit, dass Vergleiche von Konzepten und Arbeitsweisen im internationalen Kontext Mittel und Wissen generieren könnten, die als Impulse für eine zunehmende Professionalisierung wirkten. Der Ausbau der Sozialen Arbeit und mehr Gleichberechtigung trügen zu mehr sozialer Gerechtigkeit bei. Soziale Arbeit sei ein Beruf, der einen dynamischen Raum zwischen Sozialpolitik und Zivilgesellschaft einnehme (S. 108). Er habe das Potenzial, dränge Probleme wie soziale Ausgrenzung und Diskriminierung anzugehen und das Soziale in den Vordergrund des Projekts zur europäischen Integration zu rücken.

Ewa Marynowicz-Hetka hat den Aufsatz The transcultural and transversal dimension of European cooperation in constructing a vision of social professions and their activity in the field of social/​societal work (S. 111–125) verfasst. Bezugnehmend auf eine Kooperation zwischen der Hochschule Koblenz und dem Fachbereich Sozialpädagogik der Universität Lodz beleuchtet sie die Bedeutung grenzübergreifender Kooperation bei der Entwicklung einer Vision dessen, wie professionelle transnationale Soziale Arbeit gestaltet werden kann. Im Rahmen dessen setzt sich Marynowicz-Hetka u.a. auch mit dem Konzept der Transkulturalität versus Transversalität auseinander (S. 119). Sie betont, dass Transkulturalität nicht schematisch verstanden werden sollte. Es gehe um eine nicht binäre Veränderung der Wahrnehmung von Kulturen, verstanden als heterogenes, hybrides Beziehungsnetzwerk (S. 121). Die Autorin betont, ihr Text stelle einen Vorschlag zur Beschreibung des erkenntnistheoretischen Rahmens einer Kooperationskonstruktion dar und könne bei der Konstruktion eines Analysewerkzeugs nützlich sein, das eine Beschreibung zentraler Aspekte der internationalen Zusammenarbeit ermögliche. Komponenten dieses Analysewerkzeuges seien die Konzepte „historische Generation“ und „gemeinsamer Erfahrung“ und die zwei Dimensionen „Transversalität“ und „Transkulturalität“ (S. 123). Diese beschreibt die Autorin in ihrem Text. Im sich daran anschließenden Aufsatz mit dem Titel Nurturing the community of social work educators in Europe. The role of organisations and key people (S. 126–141) befassen sich Terese Bertotti & Nino Žganec mit der Rolle von Organisationen und Schlüsselpersonen bei der Förderung der Lehrenden in der Sozialen Arbeit. Sie beschreiben ausführlich das Wirken der „European Association of Schools of Social Work (EASSW)“, die in den 1980er Jahren mit dem Ziel gegründet wurde, die Interessen der Sozialarbeitsausbildung auf europäischer Ebene zu fördern und einen Beitrag zur wissenschaftlichen Entwicklung der Sozialen Arbeit zu leisten. Die EASSW sei in den Jahrezehnten ihres Bestehens als Fachverband dabei stark durch das Wirken ihrer Leitungskräfte geprägt gewesen. Günter Friesenhahn, dem der hier rezensierte Sammelband gewidmet ist, sei unter ihnen einer der wichtigsten und einflussreichsten gewesen, schreiben Bertotti & Žganec. Die Sozialen Arbeit sei eine der wichtigsten, aber auch einer der am stärksten betroffenen helfenden Berufe in der Pandemie, meinen sie. In der jüngsten Zeit, in der mit den Folgen der Corona-Pandemie gekämpft werde, agiere die EASSW zusammen mit vielen anderen Berufsverbänden als eine stabile Säule für die Mitglieder und viele andere Einzelpersonen und Gemeinschaften, die sie mit aktuellen Informationen versorgen, denen sie Unterstützung bietet und für die sie eine klare Zukunftsvision schaffe (S. 139 f.).

Joachim Wieler nimmt das Thema Grenzen in seinem Aufsatz Vom „Mauerfall“ zu internationaler und multikultureller Sozialer Arbeit (S. 142–156) am Beispiel der Gründung der Fachhochschule Erfurt im Herbst 1991 in den Blickpunkt. Im Anschluss an eine Definition des Begriffs der Begegnung geht Wieler darauf ein, dass grenzübergreifende Soziale Arbeit eine lange Tradition habe. Das legt er in einem historischen Exkurs dar. Im Rahmen dessen geht er auch auf die Gründung und „Honeymoon“-Phase der Fachhochschule Erfurt nach 1991 ein. „Das Interesse von Studierenden für Soziale Arbeit war groß, doch anfangs kamen die Bewerbungen hauptsächlich aus den ostdeutschen Bundesländern“, schildert der Autor (S. 147). Es sei ein Numerus Clausus festgelegt worden und viele Personen aus berufsverwandten Professionen wie dem Schuldienst seien durch die Wende arbeitslos geworden. „Sie bewarben sich im Fachbereich Sozialwesen und wurden von uns – neben den 90 regulär Studierenden – im Rahmen der Externenprüfung zusätzlich betreut“, schildert Wieler (ebd.). Es sei durch bestehenden persönlichen Beziehungen des wachsenden Kollegiums ins Ausland schnell zu Initiativen und Kooperationen gekommen. Später seien ein hochschulweites Auslandsamt und die „Austauschprogrammen wie DAAD, Erasmus, Socrates und International Human Ressource Development (IHRDE) etc.“ hinzugekommen (S. 148). Beispielhaft geht der Autor auf einige der Kooperationen ein und schildert, dass diese auch zur Weiterentwicklung des Fachbereiches Sozialwesen geführt hätten (S. 151 ff.). Zudem werden die Auswirkungen des Bologna-Prozesses auf die Hochschule und den Fachbereich beleuchtet. Kurzum habe es im Laufe der letzen 30 Jahre einiges an Veränderungen und viele bereichernde fachliche und persönliche Begegnungen gegeben, die den Fachbereich vorangebracht hätten. „Begegnungen werden bleiben – trotz oder gerade wegen unvermeidbarer Grenzen“, lautet ein Fazit Wielers (S. 154).

Im Anschluss an seine Darlegungen befasst sich Anette Kniephoff-Knebel ebenfalls mit grenzüberschreitende Perspektiven in der Sozialen Arbeit. Sie hat einen Aufsatz verfasst, der betitelt ist mit Im Spannungsverhältnis zwischen Universalisierung und Kontextualisierung: Internationale Kooperation und grenzüberschreitende Perspektiven in der Sozialen Arbeit von den Anfängen bis ins digitale Zeitalter (S. 157–172). Die Autorin nimmt einen Blick über die nationalstaatlich begründeten Grenzen hinaus ein und fokussiert die Entwicklungsgeschichte der Sozialen Arbeit. Kniephoff-Knebel schreibt, dass internationale Kooperation und grenzüberschreitende Austauschbeziehungen die Soziale Arbeit „seit dem Beginn ihrer nunmehr über einhundertjährigen Berufs- und Professionsgeschichte“ geprägt hätten und benennt einige der relevanten Akteur:innen (S. 158). Die Autorin erklärt, dass die internationale Dimension eine „wichtige Strategie im Kampf um mehr soziale Gerechtigkeit in der Weltgesellschaft“ sei und meint, dass seitens der Profession Soziale Arbeit „im digitalen Zeitalter vermehrt auch das Internet mit seinen vielfältigen Möglichkeiten der Kommunikation und Vernetzung genutzt werden“ sollte (S. 157). Die Bedeutung von Grenzen beschreibt sie u.a. am Beispiel des Ausstiegs Großbritanniens aus dem europäischen ERASMUS‑Programm. Bezugnehmend auf Friesenhahn (2014, 211) postuliert Kniephoff-Knebel, dass es „im Verlauf der Entwicklungsgeschichte der sozialen Professionen“ auch in Zukunft „darum gehen [wird], durch reflexive Vergleiche von Konzepten und Handlungsmodellen neue Wissensbestände zu generieren, die Impulse für einen internationalen Professionalisierungsprozess Sozialer Arbeit geben und gleichermaßen daran mitwirken können, dass sowohl die zivilgesellschaftlichen Strukturen in der Welt wachsen als auch die Lebensverhältnisse für die Menschen gerechter werden (vgl.)“ (S. 170). Das könne über analoge und virtuelle Begegnungsformen erfolgen. Die Zielrichtung von Internationalisierungsinitiativen müsse dabei sein „vielfältige Perspektiven und unterschiedliche Herangehensweisen gleichberechtigt zu repräsentieren und dabei gleichzeitig für die Möglichkeit zu Differenz und Kontextualisierung, als auch für gemeinsame Werte und Merkmale der sozialen Professionen einzutreten“ (ebd.). Wie das im Rahmen der Entwicklung transnationaler Zusammenarbeit in der Sozialen Arbeit bisher geschehen ist und was sie sich für die Zukunft erhofft, legt die Autorin dar.

Armin Schneider führt in Grenzen der Disziplin überschreiten – zur Stärkung der eigenen Disziplin (S. 175–188) aus, dass und warum die Überschreitung der Disziplingrenzen für die Soziale Arbeit eine Möglichkeit der Aufwertung und Professionalisierung sei. „Wenn Soziale Arbeit auch in Zukunft wirksam ihrem Anspruch gerecht werden will, sozialen Wandel aktiv zu betreiben, und will sie nicht auf der »Zuschauerbank« sitzen bleiben, so muss sie unmittelbar und direkt andere Disziplinen nutzen, um diesem gerecht zu werden“, schreibt Schneider (S. 187). Die Soziale Arbeit müsse „Politik, Ökonomie und Medien nutzen, ohne sich von diesen Disziplinen vereinnahmen zu lassen“. Sie dürfe die eigene Disziplin dabei „mit keiner anderen verwechseln, sie kann keine Politik ersetzen, die Ökonomie dominieren oder selbst ausschließlich Medium sein“, müsse aber lernen, Politik, Wirtschaft und Medien von innen heraus zu verstehen (ebd.). Es reiche nicht aus, dass die Soziale Arbeit einfach nur Sozialpolitik, Sozialwirtschaft oder auch Sozialinformatik in ihrer Disziplin aufgreife, sie müsse ihre Aktivitäten vielmehr so lenken, „dass ihr eigenes Proprium sicht-, erkenn- und wahrnehmbar wird. Wenn sich Soziale Arbeit um die soziale Existenz des Menschen müht, dann darf sie sich nicht zu schade sein, ihr politisches Engagement für diese einzusetzen, die Verschränkungen und Ursache-Wirkungs-Verbindungen zwischen (der Art der derzeit vorherrschenden) Ökonomie aufzuzeigen und die Medien für diese Botschaft und für ihre Kernkompetenz einzusetzen“, ist der Autor überzeugt (ebd.).

Jan Hesselink & Karl-Heinz Lindemann nehmen in ihrem Text Störpotenziale und Bruchstellen in Hilfeprozessen (S. 189–205) eine systemische Perspektive ein. Sie befassen sich mit Störungen und der Frage, durch was diese im Hilfeprozess ausgelöst werden und wie konstruktiv mit ihnen umgegangen werden kann. Die Autor:innen schreiben: „Wenn sich ein Klient skeptisch zeigt oder nicht kooperiert, werden die Ablehnungsgründe von den Profis nicht selten im Klienten vermutet. Die Fachleute sprechen dann von Widerstand, mangelnder Motivation oder Desinteresse“ (S. 189). Die Defizite würden im Klienten selbst verortet, was auch der Grund dafür sei, dass „manche Profis ihre Klienten gerne als »Fall«“ sprächen und Worte wie „Fallbesprechung oder Fallkonferenz“ nutzten. Fast nie würden die Besonderheit der Hilfesituation und die Art des Wirkens der Profis selbst als möglicher Verursacher der Störung in den Blick genommen. Hilfeprozesse beruhten auf einem Beziehungsarrangement ganz eigener Art, sind Hesselink & Lindemann überzeugt. Dieses Beziehungsarrangements sei aus diversen Gründen, die nicht unbedingt in den Beteiligten verortet liegen müssen, störanfällig. Dies könne als „normal“ angesehen werden und sei mitnichten eine Ausnahme. Um eben diesen „Störpotenzialen und Bruchstellen in Hilfeprozessen auf die Spur zu kommen“, stellen die Autorin in ihrem Aufsatz unterschiedliche theoretische Zugänge und Erklärungsansätze „aus der Kommunikationstheorie, der Psychologie und der Neurowissenschaft“ vor (S. 190). Sie kommen zum Schluss, dass die Vorbehalte und die scheinbare Demotivation mancher Klient:innen der Sozialen Arbeit auch „vor dem Hintergrund einer Profession verstanden werden [muss], bei der sich in den letzten Jahren die grundlegenden Koordinaten schleichend verschoben haben. Der Profi spielt dabei manchmal eine höchst fatale Rolle. Wie ein Januskopf zeigt er zwei Gesichter: Im Vordergrund verspricht er Hilfe, im Hintergrund verfolgt er aber andere Interessen. Vor allem soziale Kontrolle. Damit bekommen die Themen Macht, Mitspracherecht, Transparenz, Ombudssystem, »Eintrittskarte« der Hilfe und der Defizitzuschreibungen, die dafür Voraussetzung sind, und die Folgen, die damit einhergehen können, ein neues Gewicht“ (S. 204). Es gehe letztlich und die Frage, „wofür die Profession stehe und worauf sich Klient:innen verlassen können“. Das müssten Sozialarbeitende selbst kritisch reflektieren. (Anmerkung des Rezensenten: Zur impliziten Kritik der Autoren daran, dass manche Sozialarbeiter:innen von Fällen statt von Klient:innen sprechen, sei angemerkt, dass das durchaus in guter Absicht passieren und nicht als ent-personalisierende Versachlichung gemeint sein muss. Es kann auch aus dem Bedürfnis erwachsen, sich der Menschen gerade nicht vollumfänglich anzunehmen, weil das als übergriffig ausgelegt werden kann, sondern explizit nur deren „Fälle“ in den Fokus zu nehmen. Umfassend dazu siehe das zuletzt 2009 neu aufgelegte Werk Sozialpädagogisches Können: Ein Lehrbuch zur multiperspektivischen Fallarbeit von Burkhard Müller).

Peter Schäfer beleuchtet im Anschluss daran in Revisiting Nils Christie and his ideas against professionalisation of Restorative Justice (S. 206–230) die Soziale Arbeit im Kontext der Justiz. Er bezieht sich in seinen Darlegungen vor allem auf den norwegischen Kriminologen Nils Christie, der sich umfassend mit Funktion von Konflikten in der Gesellschaft auseinandergesetzt hat. Der Autor geht im Kontext dessen u.a. auch auf Mediation ein und setzt sich kritisch mit der Frage deren Nutzens auseinander. Marc-Ansgar Seibel nimmt im Text Soziale Arbeit in gespaltener Gesellschaft – deutsch-französische Perspektiven zum Verständnis sozialer Spaltung (S. 231–246) eine Gegenüberstellung von Deutschland und Frankreich im Hinblick auf deren Verhältnis zum Problem der zunehmenden sozialen Spaltung vor. Er konstatiert, dass diese in beiden Ländern ein Problem sei, aber unterschiedlich wahrgenommen würde. Bezugnehmend auf Schriften u.a. von Pierre Bourdieu und Didier Eribon reflektiert Seibel die Spezifika dessen, wie es um Phänomene wie Klassenbewusstsein, sozialer Abstieg und Milieus in Frankreich bestellt ist. „Jede_r von uns trägt die Markierung durch ihr oder sein Milieu, in das man geboren wurde, mit sich, die Markierung durch den Platz, der einem zugewiesen ist oder früher zugewiesen war, der aber dennoch in allen Situationen, die man danach erleben kann und in allen Erfahrungen, die man durchlebt, präsent bleibt“ – so zitiert Seibel aus den Grundlagen eines kritischen Denkens von Didier Eribon (2018, 23 f.). Was den Umgang mit sozialer Spaltung in Deutschland angeht, rekurriert der Autor u.a. auf Analysen von Andreas Reckwitz, die sich als „hermeneutischer Schlüssel für die Überblendungen der französischen Analysen auf die bundesdeutsche Sozialstruktur eignen“ (S. 234). „Die nivellierte Mittelstandsgesellschaft hatte die Arbeiterschaft – auch dank der erfolgreichen Kämpfe der sozialdemokratischen und gewerkschaftlichen Bewegung – in sich aufgenommen, die postindustrielle Gesellschaft der Spätmoderne stößt diese […] Gruppe wieder aus, nimmt ihr Statuts, Einkommen und Sicherheit“, zitiert der Autor Reckwitz (2019, 103 f.). Ebenfalls geht er auf Analysen von Oliver Nachtwey, Zygmunt Bauman und Anna Mayr ein. Er kommt zum Schluss, das soziale Ungleichheit die beanspruchte Chancengleichheit desavouiere. Die „Anrufung“ der „Norm der Chancengleichheit“ verdecke, „dass etwa Begabung eben keine angeborene, individuelle Prädisposition ist, die in der Schule nur gleichmäßig gefördert werden sollte. Vielmehr zeigt sich ein meritokratisches Selbstverständnis der Bildungsinstitutionen mit untergründigen, die gesellschaftlichen Verhältnisse (re-)produzierenden und legitimierenden Machteffekten“ (S. 244). Das gelte es seitens der Sozialen Arbeit zu bearbeiten, „damit aus der gespaltenen Gesellschaft eine Gesellschaft der Gleichen wird“ (S. 245).

Fünfzig Jahre Fachbereich Sozialwissenschaften: Grenzen und Grenzakteure (S. 249–268)ist der Titel des Aufsatzes von Friedrich W. Seibel, der Grenzen und Grenzakteure am Beispiel des Koblenzer Fachbereichs der Sozialwissenschaften beleuchtet. Er nimmt sich deren Entwicklungsgeschichte an ein und beschreibt Abgrenzungen, Profilbildungen, Kooperationen und Zusammenlegungen, die sich im Laufe der Jahrzehnte ergeben hätten. Seibel beleuchtet die dynamische Entwicklung vor und nach der Bologna-Reform und geht auf die Bachelor- und Masterstudiengänge am Fachbereich ebenso ein wie auf Weiterbildungsstudiengänge und Forschungsaktivitäten. Summa summarum zieht er das Fazit, dass die 50-jährige Geschichte des Fachbereichs zeige, „dass durch Erkennen, Aushandeln, Verschieben und Überschreiten von Grenzen vormals Trennendes überwunden und Gemeinsamkeiten entdeckt werden können“ (S. 265). Das mache deutlich, dass eine offene Begegnung mit Grenzen Fortschritt bedeute und dass sich durch die Freisetzung der daraus entstehenden Kräfte Synergie entwickeln können, wodurch man sich und die eigene Arbeit zukunftsfähig positionieren könne (ebd.). Kurt-Peter Merk nimmt in Grundeinkommen nur für „Minderjährige“ (S. 286–292) einige Überlegungen zur Begründung eines existenzsichernden Grundeinkommens für Kinder vor. Er nimmt Bezug auf die seit Jahrzehnten diskutierte und beforschte Idee des bedingungslosen Grundeinkommens, die in der Corona-Krise so stark an Fahrt aufgenommen habe, „dass sogar der Finanzminister und Kanzlerkandidat der SPD sich veranlasst sah, diese Vorstellung öffentlich als »neoliberal« deutlich abzulehnen“, schreibt Merk (S. 286). Aufgrund der hohen Armutslage gerade von Kindern sei es überlegenswert, „die Idee des bedingungslosen Grundeinkommens zwar beizubehalten, aber auf die besonders diskriminierte Gruppe der »Minderjährigen« und ihre Familien zu fokussieren“ (S. 287). Wie dieses Grundeinkommen für diese Gruppe ausgestaltet sein könnte und warum das ein sozialpolitischer Gewinn wäre, wird beschrieben. Merk beendet seinen Text mit der Aussage, dass die Situation, der Kinder und ihre Familien ausgesetzt sind, von struktureller, altersbedingter Armutsgefährdung geprägt sei, was eine „systembedingte Altersdiskriminierung dar[stellt]“ (S. 291). Diese sei europarechtlich verboten, weshalb die Soziale Arbeit als Menschenrechtsprofession dringend angehalten sei, zur Situation der seit Jahrzehnten kaum effektiv gelinderten Kinderarmut Stellung zu beziehen.

Stefan Schäfer beschäftigt sich in Social Work as a political actor – Konzepte und Studien zu politischem Handeln Sozialer Arbeit in internationaler Perspektive (S. 293–317) mit neueren Konzepten des politischen Handeln in internationaler Perspektive. „Das Verhältnis von Sozialer Arbeit und Politik und die damit verbundenen Fragen, welchen politischen Abhängigkeiten Soziale Arbeit unterliegt und wie sie selbst Einfluss auf die Rahmenbedingungen ihres professionellen Handelns nehmen kann“, sei immer wieder Gegenstand wissenschaftlicher Debatten, meint der Autor (S. 293). Dies aufgreifend schildert er in seinem Beitrag die Bedeutung, die der Sozialen Arbeit als politischem Akteur zukommt. Er beschreibt, wie sich das Verhältnis von Sozialer Arbeit und Politik im internationalen Diskurs konstituiere und geht auf das Policy Practice Engagement-Modell von Gal und Weiss-Gal (2014, 2015, 2020) ein, das ihm zufolge das „bisher wohl am weitesten ausgearbeitete Konzept zu Sozialer Arbeit als policy practice dar[stellt]“ (S. 295). Der Autor beschreibt dieses Modell und dessen Bedeutung für die Soziale Arbeit. Zudem thematisiert er kritisch die Policy-Forschung in der Sozialen Arbeit (S. 311) und zieht das Fazit, dass „politische Prozesse in einer globalisierten Welt nur bedingt als ein nationales Geschehen konzipiert werden können, auch wenn sozialpolitische Entscheidungen nach wie vor maßgeblich auf nationalstaatlicher Ebene getroffen und umgesetzt werden“ (S. 313). Es gelte in diesem Kontext, „Fragen nach Sozialer Arbeit als politische Akteurin differenzierter zu betrachten, theoretisch-konzeptionell weiterzuentwickeln und politisches Handeln Sozialer Arbeit empirisch gezielter zu erforschen“, schreibt Schäfer (ebd.).

Walter Lorenz reflektiert im letzten Aufsatz des Buches mit dem Titel Social work – Europe – the Corona Crisis: which way forward? (S. 318–333) schließlich, wie es in und nach der Pandemie weitergehen könne und welchen Einfluss die Pandemie auf das Sozialgefüge genommen habe. In der Pandemie zeige sich die voranschreitende gesellschaftliche Spaltung auf diversen Ebenen und werfe neue Probleme wie auch Dilemmata auf, meint der Autor. „The various ruptures evidenced by the Corona crisis are therefore indications of a much more profound crisis of ‘the social’. The festering divisions between rich and poor, private and public, global and national, privileged and marginal can ‘earn their merits’ in the hope to belong, all come together in this pandemic and impede also a solution more comprehensively than the absence of a vaccine“ (S. 320 f.). Aber, so führt er weiter aus, das als soziale Krise zu sehen, mache es umso angebrachter, darüber nachzudenken, wie Soziale Arbeit grenzüberschreitend einen Beitrag zur Überwindung der sich in der Pandemie verschärften Probleme leisten könne. Brückenfähigkeit sei das Wesen Sozialer Arbeit, meint Lorenz (S. 331). Deren Elemente seien direkte Ableitungen von Überlegungen, die sich aus der Analyse eines gemeinsamen europäischen Sozialwesens ergeben, dem sich die Soziale Arbeit verschrieben habe. Was das heißt und wie sich das zeige, führt er aus.

Diskussion

Was lässt sich zum Buch Soziale Arbeit – Begegnung mit Grenzen nun festhalten? Für wen ist es geschrieben, wie ist es im Fachdiskurs zu verorten und inwieweit kann das Werk empfohlen werden? Dazu kann der Rezensent folgendes festhalten:

Formalia & Zielgruppe: Das Buch ist für einen Sammelband typisch aufgebaut und gestaltet. Die Serife-Schrift ist hinreichend groß gedruckt, das Schriftbild ist klar und gut zu erkennen. Abbildungen finden sich in fast keinem der Text. Die Verständlichkeit der einzelnen Aufsätze variiert sehr stark. Manchen der Autor:innen gelingt es deutlich besser als anderen, sich trotz dessen, dass sie die nicht immer ganz leicht zu erklärende Thematik angemessen differenziert und nuanciert betrachten, relativ „unkompliziert“ und allgemeinverständlich zu schreiben. Andere Aufsätze indes sind wirklich „harte Kost“, die durchzuarbeiten einiges an Zeit braucht und die ohne Vorwissen kaum zu verstehen sind. Diverse Absätze in einigen Aufsätzen musste der Rezensent mehrfach lesen, um deren Bedeutung zu erfassen (was ihm dennoch nicht immer gelang). Die meisten der Texte sind auf einem sehr hohen sprachlichen und inhaltlichen Niveau, sodass manche von ihnen für Studierende (gerade in den unteren Semestern) extrem herausfordernd sein dürften. Nichtsdestotrotz kann der Sammelband auch Studierenden (in höheren Semestern) empfohlen werden, weil die Auseinandersetzung mit Grenzen in ihm auf mehreren Ebenen erfolgt, die zu kennen für (angehende) Sozialarbeitende ein Mehrgewinn sein kann. Zudem ist es so, dass die Bedeutung der internationalen Perspektive und das Suchen nach transnationalen Lösungen und Bearbeitungsmöglichkeiten für globale Probleme im Sozialarbeitswissenschaftsdiskurs stetig zunimmt – und eben diese Perspektive wird im Sammelband umfassend aufgezeigt. Dieser eignet sich daher auch für wissenschaftliche Mitarbeiter:innen an Hochschulen, die das Werk für die Ausarbeitung eines Seminares zu Sozialer Arbeit und Grenzen ebenso nutzen können wie für die Auseinandersetzung mit transnationaler Sozialer Arbeit. Darüber hinaus richtet sich das Werk selbstverständlich auch – oder sogar vor allem – an berufserfahrene Wissenschaftler:innen und Sozialarbeitende, die praktisch und/oder forschend im Feld transnationaler Sozialer Arbeit unterwegs sind.

Verortung im Fachdiskurs: Der Umgang mit und die Bedeutung von Grenzen, Grenzziehungen, Grenzübertritten und der Verschiebung von Grenzen wird im Sammelband auf physische, psychische und professionelle Aspekte bezogen. Die Grenzthematik wird also umfassend beleuchtet, sie ist Inhalt und Programm des Buches. „Die Begegnung mit Grenzen, die Arbeit mit und an Grenzen bietet Einblicke in andere Perspektiven und trägt zu anderen Sichtweisen auf die Welt, die Gruppe und das Ich bei“, schreiben Seibel, Schneider & Thimmel (S. 11). Weil dem so ist, kann es angehenden Sozialarbeitenden nur empfohlen werden, sich mit dem Themenkomplex der Grenzen von und in Sozialer Arbeit auseinanderzusetzen. Grenzen begrenzen, sie schaffen aber auch Sicherheit. Sie zu überqueren kann belastend wie auch bereichernd sein. Es kann Chancen bieten und Gefahren bergen. Das Thema der Grenzen von und in Sozialer Arbeit ist eines, welches in der Praxis und Forschung der Sozialen Arbeit umfassend thematisiert wird. Gegenüber wem müssen sich Sozialarbeitende abgrenzen? Wo ziehen sie die Grenzen ihrer Zuständigkeit? Wo müssen sie im Rahmen interdisziplinärer Kooperation andere Professionelle mit einbeziehen oder Fälle an diese abgeben? Wie ist das Verhältnis der Sozialen Arbeit zu ihren juristischen, pädagogischen, sozialwissenschaftlichen und medizinischen Bezugswissenschaften? Diese (Grenz-)Fragen, die den Wesenskern der Sozialen Arbeit tangieren, werden im Feld ebenso beleuchtet wie physikalische, psychologische und gesellschaftlich konstruierte, soziale Grenzen, die Auswirkungen auf das Leben von Menschen haben. Die Aus-»Grenzung« von Menschen (Obdachlosen, Migranten, Suchtkranken, Armen usw.) bzw. das Streben danach, diese zu überwinden oder zumindest zu lindern, ist ein Kernthema Sozialer Arbeit. All das wird im Sammelband reflektiert.

Das Überwinden nationaler Grenzen durch die weltweite Vernetzung von Menschen ist ein weiteres Thema der Sozialen Arbeit. Gleiches gilt für den Themenkomplex der transnationalen sozialen Unterstützung, die viele Chancen bietet und individuelle positiv wirken kann, gesamtgesellschaftlich aber auch soziale Verwerfungen nach sich zieht. Man denke etwa Care-Arbeiter:innen, die sich armutsbedingt gezwungen sehen, als Kinder-, Kranken- und Altenpfleger:innen in den westlichen Ländern zu arbeiten, wofür sie ihre Familie zurücklassen, was in ihren Herkunftsländern dann jene Probleme nach sich zieht, die zu lindern die reichen Ländern mittels der Abwerbung dieser Menschen bestrebt sind. Auch die Soziale Arbeit mit jungen Menschen, die staatliche Betreuungseinrichtungen (früher Kinderheime genannt, die in den letzten Jahrzehnten durch dezentral Wohngruppen ersetzt wurden) verlassen, ist von der Auseinandersetzung mit Grenzen geprägt: Grenzen der Zuständigkeiten, Rechte und Pflichten, Herkunftsfamilie und Wohngruppe, Kindern und Jugendlichen selbst, Grenzen von Nähe und Distanz usw. spielen in der Praxis und deren Beforschung eine Rolle. Das Thema Grenzen tangiert auch das Handeln von Sozialarbeitenden, die sich für migrantische Arbeiter:innen wie Erntehelfer:innen, Bau-Helfer:innen, Paketbot:innen und Mitarbeitenden in Schlachthöfen einsetzen, weil deren Wissen über ihre Recht oft begrenzt ist. Nicht zuletzt findet Soziale Arbeit tagtäglich auch mit geflüchteten Menschen statt. Sozialarbeitende leisten Unterstützung für Menschen, die unter teils katastrophalen Bedingungen in provisorischen Flüchtlingslagern an den Grenzen Europas ausharren. Der hier vorgestellte Sammelband rückt die Vielfältigkeit von Grenzthematiken in der Sozialen Arbeit ins Blickfeld der interessierten Fachöffentlichkeit.

Gesamturteil: Die obigen Beispiele zeigen, wie zentral der Grenzkomplex für die Soziale Arbeit ist. Dass das Buch diesen aufgreift, macht ihn lesenswert. Das Werk kann als Alleinstellungsmerkmal für sich reklamieren, dass im deutschsprachigen Raum kein anderes Fachbuch existiert (oder dem Rezensenten keines bekannt ist), das sich explizit mit dem Themenkomplex der Grenzen in der Sozialen Arbeit befasst. Es finden sich zwar unzählige Lehrbüchern und Aufsätzen, in denen Begrenzungen eine Rolle spielen, die Auseinandersetzung mit Grenzen steht aber kaum je primär im Fokus. (Anmerkung dazu: Ein lesenswertes Buch, dass sich speziell mit Grenzfragen auseinandersetzt, wenn auch eher aus philosophischer Perspektive, ist das 2012 erschienene Werk Lob der Grenze von Konrad P. Liessmann). Summa summarum legen Seibel, Schneider & Thimmel mit Soziale Arbeit – Begegnung mit Grenzen einen nicht immer leicht zu lesenden, aber dennoch informativen Sammelband vor, der es Leser:innen ermöglicht, das eigenen Fachwissen bzgl. der Frage zu erweitern, welche Relevanz es für die Soziale Arbeit hat, sich mit Grenzphänomenen zu befassen.

Fazit

Grenzen sind in modernen Gesellschaften allgegenwärtig. Sie begrenzen die eigene Wirkmacht und dienen der Unterscheidung von Professionen, Kulturkreisen und vielem mehr. Grenzen können Fortschritt verhindern und Frustration erzeugen, aber auch Schutz und Entlastung bieten. Grenzen sind weder per se gut noch schlecht, sondern ambivalente Phänomene, die sich auf personaler, sozialer und physischer Ebene manifestieren. Wer mehr über die Funktion, die Konstitutionsmodi und die Wirkung von Grenzen erfahren will, dem/der kann die Lektüre des Sammelbandes empfohlen werden – gerade auch, weil in den Aufsätzen aus unterschiedlichen Perspektiven auf die Grenzthematik geblickt wird. Im Idealfall ermöglicht die Lektüre die Verschiebung der Grenzen des eigenen Wissenshorizontes.

Rezension von
Prof. Dr. phil. Christian Philipp Nixdorf
Sozialwissenschaftler, Diplom-Sozialarbeiter/-pädagoge (FH), Sozial- und Organisationspädagoge M. A., Systemischer Berater (DGSF), Case Manager im Sozialwesen (DGCC), zertifizierter Mediator, lehrt Soziale Arbeit und Integrationsmanagement an der Hochschule der Wirtschaft für Management (HdWM) in Mannheim.
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Zitiervorschlag
Christian Philipp Nixdorf. Rezension vom 08.02.2022 zu: Friedrich W. Seibel, Armin Schneider, Andreas Thimmel (Hrsg.): Soziale Arbeit – Begegnung mit Grenzen. Social Work – The Encounter with Borders. Wochenschau Verlag (Frankfurt am Main) 2021. ISBN 978-3-7344-1309-4. Reihe: Wochenschau Wissenschaft. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/29062.php, Datum des Zugriffs 02.07.2022.


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