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Sebastian Dierks, Fabian Kessl (Hrsg.): Sozialraumorientierung: Innovation durch Kleinräumigkeit?

Rezensiert von Prof. Dr. Erich Hollenstein, 03.03.2022

Cover Sebastian Dierks, Fabian Kessl (Hrsg.): Sozialraumorientierung: Innovation durch Kleinräumigkeit? ISBN 978-3-7799-5492-7

Sebastian Dierks, Fabian Kessl (Hrsg.): Sozialraumorientierung: Innovation durch Kleinräumigkeit? Die Perspektive der Kinder- und Jugendhilfepraxis. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2021. 307 Seiten. ISBN 978-3-7799-5492-7. 27,99 EUR.
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Thema, Hintergrund, Autor*innen

Der Band thematisiert umfangreich Theorien, Konzepte und Arbeitsfeldern einer recht unbestimmten Sozialraumorientierung. Aufmerksamkeit wird dabei unterschiedlichen Konkretisierungsebenen gewidmet wie z.B. Landesförderungsprogramme, eine diesbezügliche Umsetzung auf die kommunale Ebene sowie die Umsetzung auf die Handlungsebene im Arbeitsfeld der Kinder- und Jugendhilfe. Letzteres führt zu den empirisch mittels Befragungen, Interviews und Gruppendiskussionen erfassten Deutungsweisen und Wissensbeständen der beteiligten Akteur*innen auf den genannten Konkretisierungsebenen mit dem Schwerpunkt auf der kommunalen Ebene und dortiger Arbeitsfelder.

Im ersten Teil des Bandes wird das Forschungsprojekt „Innovation durch Kleinräumigkeit?“ in Nordrhein-Westfalen bezogen auf acht Kommunen und weitere fünf Institutionen beschrieben. Präsentiert werden u.a. Portraits einiger Kommunen, Interviewverläufe, z.B. mit Jugendamts- und ASD-Leitungen, Ergebnisse zu Deutungsmustern, Problemschwerpunkten und Perspektiven. Im zweiten Teil befinden sich Kommentierungen im Rahmen der aktuellen Fachdebatte zur Sozialraumorientierung. Erörtert werden Netzwerke, eine integrierte Sozialplanung, Ressourcenorientierung, Kinderschutz und Prävention. Der dritte Teil bezieht sich auf die Situation und Bedeutung der Sozialraumorientierung in der Schweiz und in Österreich.

Sebastian Dirks arbeitet als Sozialwissenschaftler und Sozialpädagoge und Fabian Kessl ist Professor an der Bergischen Universität Wuppertal, Institut für Erziehungswissenschaften. Neben diesen Herausgebern sind im Autor*innenspektrum weitere Professor*innen als auch wissenschaftliche Mitarbeiter*innen aus thematisch einschlägig ausgerichteten Instituten zu finden.

Inhalt

Eingeleitet wird der Band durch ein vertiefendes Vorwort der Herausgeber mit Hinweisen auf Begriffe, Definitionen und Interpretationen zur Sozialraumorientierung. Skizziert wird der Grundriss der Veröffentlichung bzw. des Forschungsberichtes.

Teil I – Einblicke in das Feld der Jugendhilfe

Der erste umfängliche Beitrag „Das Programm Sozialraumorientierung aus der Perspektive der öffentlichen Jugendhilfe in Nordrhein-Westfalen. Zur Rekonstruktion von Wissens- und Deutungsmustern“ von Sebastian Dirks, Fabian Kessl und Hannah Obert stellt die Ergebnisse des Forschungsprojektes dar. Trotz unterschiedlicher Interpretationen des Konzeptes Sozialraumorientierung lassen sich Interpretationsähnlichkeiten (Muster) feststellen. So verbinden die Gesprächspartner*innen mit Sozialraumorientierung die Ausrichtung ihrer Arbeit an ein kleinräumiges Territorium. Dieses gefundene Muster wird dann als „Sozialraum: Territoriale Organisation“ beschrieben. Es ist eine territoriale (Re)Organisation sozialer Dienstleistungen mit kleinräumiger Zuständigkeitsstruktur seitens des ASD bzw. der Jugendhilfe, die nicht automatisch mit Dezentralisierung gleichzusetzen ist. Weitere Muster bzw. Themenfelder sind:

  • Sozialraumorientierung: Haltung und gemeinsame Sprache,
  • Kinderschutz als zentrales Aufgabenfeld des kommunalen ASD,
  • Sozialraumorientierung als kommunale Prävention,
  • Sozialraumorientierung als Ressourcenorientierung.

Im Rahmen der Untersuchung kommt Personalfluktuation als Problem zur Geltung zumal die Sozialraumorientierung Personalkontinuität benötigt. Bei der Thematisierung von Implementierung der Sozialraumorientierung wird festgestellt das entsprechende Landesprogramme relativ wenig Anschubimpulse geben. Sodann gilt die weitere Aufmerksamkeit nordrhein-westfälischen Kommunen. Dargestellt werden u.a drei Portraits aus den Sample-Kommunen. Der letzte Abschnitt in diesem Beitrag konzentriert sich auf die Zusammenhänge zwischen Landesprogrammen und der kommunalen Administration. Sozialraumorientierung ist auf der überkommunalen Ebene ein Planungs- und Steuerungskonzept. Ein dies unterstützendes kleinräumiges Monitoring dient u.a. auch der Steuerung finanzieller Ressourcen. Insgesamt zeichnet sich das Konzept einer bedarfsorientierten integrierten Sozialplanung ab (u.a. Familie, Kinder und Jugendliche, Baumaßnahmen, Strategien gegen Erwerbslosigkeit). Basierend auf einer sozialkartografischen Logik eines kleinräumigen Monitorings erhoffen sich die Programmverantwortlichen auf Landesebene eine wissensbasierte Planung durch Modernisierung mit präventiver Ausrichtung.

Die letzten beiden Beiträge von Sebastian Dirks in diesem Teil beschäftigen sich mit dem Thema Sozialraumorientierung und soziale Ungleichheit sowie mit der Thematik unterschiedlicher Ausformungen der Sozialraumorientierung in großstädtischen, kleinstädtischen und ländlichen Kommunen.

Teil II – Kommentierungen aus der Fachdebatte

In dem ersten Beitrag „Wer mit wem und wozu? Multiprofessionelles und institutionelles Netzwerk als Element sozialräumlichen Handelns“ von Sandra Landhäußer werden zunächst Vernetzungs- und Kooperationsmodalitäten der Sozialen Arbeit im Sozialraum erörtert. Auf diesem Hintergrund wird die vorgelegte Studie u.a dahingehend kritisiert, dass sehr stark die administrative Orientierung im Vordergrund steht und zu wenig die Adressat*innenperspektive Berücksichtigung findet.

Der Folgebeitrag von Anselm Böhmer mit Bezug zu Wissen in der Sozialraumorientierung und in der integrierten Sozialplanung stellt ebenso einen nicht hinreichenden Austausch zwischen Planungspersonal und Nutzer*innen fest: „Damit gilt nicht allein ‚mehr Forschung wird gebraucht‘, sondern darüber hinaus: mehr Dialog tut not – gerade in den Kommunen“ (S. 214). Gerade auch, um Unschärfen und irritierende Erwartungen zu korrigieren.

Im Beitrag „Ressourcenorientierung als Haltung und Arbeitsprinzip im Kontext von Sozialraumorientierung“ von Peter Marquard wird ein Verständnis von Ressourcen entwickelt welches eine reflexive Fachlichkeit voraussetzt, um Teilhabe am gesellschaftlichen Leben (Empowerment) und Partizipation an der Gestaltung des Hilfeprozesses zu ermöglichen. Lebensweltorientierung und Sozialraumorientierung sind dabei eng verzahnt. Auf diesem Hintergrund wird eine Kritik an der Studie entwickelt, die sich u.a. auf die Zusammenarbeit von freien und öffentlichen Trägern bezieht, die Haltung der Interviewten kritisch reflektiert sowie auf Vor- und Nachteile sozialräumlicher Arbeitskonzepte eingeht.

Der Beitrag von Kay Biesel und Aline Schoch „Kritische Anmerkungen zum Verhältnis von Sozialraumorientierung und Kinderschutz in der Kinder- und Jugendhilfe“ setzt sich sehr kritisch mit denkbaren Wirkungen der Sozialraumorientierung in Bezug auf Kindeswohlgefährdung auseinander u.a. auch deshalb weil die Fallebene zu wenig berücksichtigt wird, wenn der „Konzeption Lüttringhaus“ gefolgt wird. Das Programm Sozialraumorientierung muss stärker darauf fokussiert sein, Kinder und Jugendliche zu fördern und zu schützen – unter Einbezug der Eltern. Dazu muss „der partizipatorische und der emanzipatorische Kern des Programms stärkere Berücksichtigung finden“ (S. 243). Eine sozialräumlich organisierte Gefahrenabwehr im Kinderschutz ist nicht hinreichend.

Der letzte Beitrag in diesem Teil von Tilmann Lutz „Prävention durch Sozialraumorientierung“ untersucht das Leitbild einer präventiv ausgerichteten Sozialpolitik anhand der dargestellten Forschungsbefunde. Auf die innewohnende Vielfältigkeit, auf Widersprüche und positive Konnotationen des Begriffes Sozialraumorientierung (Zauberwort) wird kritisch eingegangen. So z.B. einerseits an einer Orientierung an Risiken und Gefährdungen und andererseits an der Gestaltung positiver Lebensbedingungen. Eine Übergewichtung der zuerst genannten Orientierung führt zu „einer zunehmend an Gefährdungen, Risiken und deren Management, Vermeidung und Kontrolle orientierten Kinder- und Jugendhilfe“ (S. 260).

Teil III – Internationale Korrespondenzen

Der erste Beitrag von Christian Reutlinger „Öffnung als Intention, Einriegeln als Folge – auf den Spuren von ‚Sozialraumorientierung‘ in der Schweiz“ stellt erhebliche Unterschiede zwischen den Entwicklungen in der Schweiz und in Deutschland fest. Der Autor spricht bei der tendenziellen Übernahme deutscher Aspekte der Sozialraumorientierung gar von einer „Überstülpung“, die schweizerische Gegebenheiten missachtet. In Deutschland „geht es dabei in den seltensten Fällen um eine Gestaltung des Sozialräumlichen, sondern um ganz andere Dinge!“ (S. 266; im Buchtext kursiv hervorgehoben). Die Unterschiede werden deutlich beschrieben (z.B. mit Verweis auf das schweizerische Laiensystem). Das St. Galler Modell zur Gestaltung des Sozialraums wird der deutschen Sozialraumorientierung gegenübergestellt. Diese Gegenüberstellung ist indessen komplex und bearbeitet Zusammenhänge wie z.B. Steuerung und Professionalität. Perspektivisch wird aus der Sozialraumkritik an der Schweiz und an Deutschland das Konzept einer Sozialraumarbeit skizziert.

Der letzte Beitrag von Christoph Stoik „Sozialräumliche Arbeit zwischen Verwaltungsprogrammatik diverser Praxen und theoretischer Reflexion. Der Versuch einer österreichischen Bestandsaufnahme“ unterscheidet Sozialraumorientierung, das Konzept einer sozialräumlichen Arbeit und praxisorientiertes sozialräumliches Handeln. Die Sozialraumorientierung ist in Österreich im Vergleich zu Deutschland nur wenig ausgeprägt, während sozialräumliches Handeln eher vorfindlich ist (Nachbarschaftszentren, Stadtteilzentren, Gemeinwesenarbeit). Darüber hinaus findet zunehmend eine Entwicklung und Etablierung sozialräumlicher Konzepte statt, die nicht primär mit dem „Fachkonzept Sozialraumorientierung“ (Hinte) in Verbindung steht. Als „grundlegende Perspektive wird Raum als ein soziales und gesellschaftliche Konstrukt bzw. Produkt verstanden“ (S. 304).

Diskussion

Die vorgelegte Studie erzielt Transparenz bezüglich der Sozialraumorientierung. Erwartungen, Definitionen und Arbeitskonzeptionen treten aus dem Feld einer schwer überschaubaren Vielfältigkeit hervor. Gleichwohl ist die Aussagereichweite begrenzt zumal „nur“ eine begrenzte Anzahl von Kommunen untersucht wird (Teil I). Der Wert der Studie und der dortigen Forschungsbefunde, ist deshalb eher in einem explorierenden Charakter zu sehen. Die nicht unerhebliche Kritik an der Studie und ihrer Durchführung im Teil II der Veröffentlichung erweckt gelegentlich den Eindruck, dass die Erwartungen an diese Studie enorm hoch sind. Teil II und Teil III des Bandes stellen jedenfalls wichtige Ergänzungen zum Forschungsbericht dar, sodass insgesamt ein konstruktives und aussagekräftiges Kompendium zum Begriff Sozialraumorientierung entstanden ist.

Auffällig ist im Debattenspektrum (Teil II), die mehrfach auftretende Kritik an zu geringen Beteiligungsformen der Nutzer*innen bzw. der Bewohner in Sozialräumen (z.B. Stadtteilen). Selbstverständlich müssen am Ende der (offenen) Planungs- und Entscheidungsketten – Land, Kommune, Sozialraum – Aktivierungs- und Beteiligungsmöglichkeiten bestehen, um Bedarfe und Bedürfnisse der Nutzer*innen in der Auseinandersetzung mit ihrer Lebenswelt in die Planung und die Praxis einzubinden. Die Umsetzung des Programms „Soziale Stadt“ zeigt beispielsweise welche Wege eingeschlagen werden können. Auf diesem Hintergrund ist auch dem Beitrag von Peter Marquard (Teil II)zuzustimmen, der in seiner Kritik auf die Notwendigkeit sozialräumlicher Arbeitsweisen aufmerksam macht, die von umfassend zuständigen kommunalpolitischen Organisationseinheiten begleitet werden (kleine Teams, integriertes Leistungspaket, Ressourcen der Betroffenen).

Fazit

Der zugrunde liegende Forschungsbericht „Innovation durch Kleinräumigkeit?“ (Teil I) analysiert Wissens- und Deutungsmuster bezüglich einer vieldeutigen Sozialraumorientierung der an Planung und Umsetzung beteiligten Leitungs- und Fachkräfte im Allgemeinen Sozialdienst bzw. der Kinder- und Jugendhilfe in Nordrhein-Westfalen. Fünf Beiträge aus der Fachdebatte Sozialraumorientierung (Teil II) erörtern sodann kritisch-konstruktiv den Forschungsbericht. Abgeschlossen wird der Band mit jeweils einem Beitrag aus der Schweiz und aus Österreich (Teil III). Durch diese inhaltliche Komposition ist ein beachtlicher Fachbeitrag zum Thema Sozialraumorientierung entstanden.

Rezension von
Prof. Dr. Erich Hollenstein
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Zitiervorschlag
Erich Hollenstein. Rezension vom 03.03.2022 zu: Sebastian Dierks, Fabian Kessl (Hrsg.): Sozialraumorientierung: Innovation durch Kleinräumigkeit? Die Perspektive der Kinder- und Jugendhilfepraxis. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2021. ISBN 978-3-7799-5492-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/29064.php, Datum des Zugriffs 05.10.2022.


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