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Sebastian Dirks, Fabian Kessl: Sozialraumorientierung: Innovation durch Kleinräumigkeit?

Rezensiert von Prof. Dr. Stefan Godehardt-Bestmann, 31.05.2022

Cover Sebastian Dirks, Fabian Kessl: Sozialraumorientierung: Innovation durch Kleinräumigkeit? ISBN 978-3-7799-5492-7

Sebastian Dirks, Fabian Kessl: Sozialraumorientierung: Innovation durch Kleinräumigkeit? Die Perspektive der Kinder- und Jugendhilfepraxis. Beltz Juventa (Weinheim und Basel). 307 Seiten. ISBN 978-3-7799-5492-7. 29,95 EUR.
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Thema

Sozialraumorientierung ist Jahrzehnten eine in der Tat schillernde Begrifflichkeit der Fachdiskurse nicht nur in der Kinder- und Jugendhilfe. So argumentierte bspw. Schrapper bereits 1995: „Die traditionell beziehungsgeschichtlich-biographisch orientierte Dimension des Verstehens muss durch eine sozialräumliche gleichberechtigt ergänzt, nicht ersetzt werden.“ (Schrapper 1995: 109). Noch zehn Jahre zuvor formuliert Thomas Olk „die alternative Zukunft der Sozialarbeit“ (Olk 1986: 240) und weist darauf hin, „dass eine solche Perspektive professionellen Handelns […] den Zuständigkeits- und Kompetenzbereich von Sozialarbeit sowohl ausweiten als auch einengen [würde; S.G.-B.]. Ausgeweitet wird der professionelle ‚Blick‘ in dem Sinne, als immer weniger lediglich die Person des Klienten oder seiner unmittelbaren Beziehungspartner berücksichtigt, sondern in zunehmenden Maße auch seine sozialen Netzwerke und seine sozialökonomisch und sozialräumlich geprägte materielle Lebenslage einbezogen würden. Die entsprechende Handlungskompetenz ist daher weniger einzelfallbezogen als vielmehr f e l d bezogen [Hervorhebung i. O.] ausgeprägt […]. Die Einschränkung des ‚professionellen Blickes‘ ergäbe sich aus der wachsenden Einsicht in die strukturellen (Interventions-)Grenzen sozialarbeiterischen Handelns“ (Olk 1986: 253).

Aus diesen frühen Diskurslinien haben sich im Gefolge der Lebensweltorientierung durchaus unterschiedliche Fassungen der Sozialraumorientierung entwickelt bspw. jüngst Becker (https://www.socialnet.de/rezensionen/27462.php), maßgeblich im Bereich der Jugendarbeit bereits seit über zwei Jahrzehnten Deinet (https://www.socialnet.de/rezensionen/6628.php), Früchtel et al. (https://www.socialnet.de/rezensionen/7319.php) oder auch Kessl/​Reutlinger (https://www.socialnet.de/rezensionen/4029.php) mit einem wiederum anders gefassten Verständnis und, maßgeblich die durchaus auch kommunale Handlungspraxis seit Ende der 1990er Jahren deutlich beeinflussend, das Fachkonzept Sozialraumorientierung mit Hinte & Co (bspw. https://www.socialnet.de/rezensionen/27796.php).

Das vorliegende Buch formuliert nunmehr ein ‚Programm Sozialraumorientierung‘ „als Überbegriff für all die unterschiedlichen Konzepte und Theorieentwürfe, die unter diesem Begriff fachwissenschaftlich, fachpolitisch, in der Fachberatung sowie von den sozialpädagogisch und sozialarbeiterisch tätigen Fachkräften in der öffentlichen Jugendhilfe aufgerufen, genutzt und unterstellt werden“ (S. 8) Diese gegebenenfalls etwas gewagte Bündelung wird empirisch in acht ausgewählten Kommunen in Nordrhein-Westfalen qualitativ erforscht bzgl. Deutungs- und Wissensmuster aus Sicht der befragten Fachkräfte. Diese im Gesamtumfang des Buches eher kompakte Darlegung der Empirie wird durch mehrere ‚Kommentierungen aus der Fachdebatte‘ (Teil II) sowie zwei ‚Internationale Korrespondenzen‘ (Teil III) gerahmt.

Herausgeber

Sebastian Dirks ist Sozialwissenschaftler und Sozialpädagoge mit dem Schwerpunkt raum(re)produktionstheoretischer Perspektiven auf Soziale Arbeit sowie kritischer Gemeinwesenarbeit. Fabian Kessl hat am Institut für Erziehungswissenschaft an der Bergischen Universität Wuppertal die Professur Sozialpädagogik mit dem Schwerpunkt sozialpolitische Grundlagen inne. Neben diesen Herausgebern sind im Autor:innenspektrum weitere Hochschullehrende aus thematisch einschlägig ausgerichteten Instituten bzw. der Handlungspraxis zu finden.

Aufbau und Inhalt

Das Buch eröffnet mit einer orientierenden Einleitung der Herausgeber zur fachlichen Ausrichtung, einem kurzen Einblick in die Forschungsausgangslage und das methodische Vorgehen und dem Aufbau des Buches sowie den Inhalten der Beiträge. Es folgt in Teil I, überschrieben mit ‚Einblicke ins Feld der Kinder- und Jugendhilfe‘, der umfangreiche Beitrag von Dirks, Kessl und Obert mit dem Titel „Das Programm Sozialraumorientierung aus der Perspektive der öffentlichen Jugendhilfe in Nordrhein-Westfalen. Zur Rekonstruktion von Wissens- und Deutungsmustern“. Zunächst werden aus den durchaus sehr unterschiedlichen kommunalen Kontexten sowie Interviewpartner:innen acht verschiedene Muster und Themenfelder identifiziert und entlang von Interview-O-Tönen vorgestellt (Territoriale Organisation, Haltung und gemeinsame Sprache, Kinderschutz als zentrale Aufgabenfeld des kommunalen ASD im Kontext von Sozialraumorientierung, kommunale Prävention, Ressourcenorientierung, Personalfluktuation und Kontinuität als Schwierigkeit, Wege der Implementation, Re- und Dezentralisierung). Dem folgt ein Blick in „die kommunale Praxis der Sozialraumorientierung in Nordrhein-Westfalen“ (S. 62ff), in dem u.a. drei kommunale Portraits als ‚Muster der Neujustierung und Reorganisation‘ (S. 77 ff.) in ihrer durchaus unterschiedlichen Ausgestaltung nachgezeichnet bzw. angedeutet werden. Es schließt sich die Perspektive der Landesebene an, bei der „Sozialraumorientierung als Planungs- und Steuerungskonzept für die kommunale Administration“ (S. 92ff) durchaus kritisch beleuchtet und hinterfragt wird. Aspekte der Modernisierung, der Prävention durch Sozialplanung sowie die Debatte um Kostenspareffekte bis hin zu stadteilbezogenen Segregationsprozessen und Ideen ‚sozialer Mischung‘ werden kurz angerissen.

Genau dieser letzte Aspekt wird in einem zweiten Beitrag von Dirks, überschrieben mit „Sozialraumorientierung als Antwort auf soziale Ungleichheit?“ (S. 119ff), zu der These vertieft, „dass insbesondere residentielle Segregation als Begründungszusammenhang für das Programm Sozialraumorientierung dient“ (S. 129) und fokussiert sodann in der Kritik, dass soziale Differenz nicht maßgeblich durch die Korrektur des Raumes sondern als gesellschaftliches Problem in Veränderung zu bringen sei. In einem weiteren Beitrag von Dirks wird diskutiert, „ob konkrete sozialraumorientierte Strategien und Maßnahmen Mündigkeit oder Provinzialität fördern“ (S. 170).

Die fünf ‚Kommentierungen aus der Fachdebatte‘ in Teil II fokussieren jeweils unterschiedliche Aspekte sozialräumlicher Diskurse und gehen nun differenziert in die fachliche Tiefe. So diskutiert Landhäußer kritisch den Sinn, Zweck und die Risiken von Vernetzung, Kooperation und multiprofessionellen Fachkräfteteams, insbesondere wenn eine „geringe Berücksichtigung der Adressat_innenperspektive mit der „konzeptionellen Unbestimmtheit des Programms Sozialraumorientierung“ (Dirks/Kessl 2022, S. 19) in Verbindung gebracht wird“ (S. 185).

Böhmer thematisiert die Herausforderungen und Chancen der Sozialraumorientierung in der integrierten Sozialplanung fordert neben einer begrifflichen Schärfung einen stärkeren Austausch zwischen bspw. Planer:innen und Nutzer:innen (statt einer zumeist akademischen Selbstbeschäftigung).

Es folgt ein die Studie sowohl im Fachverständnis als auch im forschungsmethodischen Ansatz angenehm kritisch lesender Beitrag von Marquardt, vermutlich weil der Autor maßgeblich die meiste Handlungspraxiserfahrung vorweisen kann und so auch durchaus angenehm einige Darstellungen der Studie schlicht entzaubert bzw. erdet bspw. in jugendhilferechtlichen Aspekten (S. 226). Zugleich schafft dieser Beitrag in der Tat eine begriffliche Klärung zum differenzierten Ressourcenverständnis eines deutlich fachlich-handlungspraktischen denn rein akademisch-abstrakten Sozialraumorientierungsdiskurses.

Biesel und Schoch lassen in ihrem Beitrag eine Verwunderung ob des mutigen Schrittes vermuten, die unterschiedlichen Sozialraumorientierungsverständnisse „mit ihren dahinter liegenden, sich teilweise widersprechenden, programmatischen und konzeptionellen Logiken als ‚ein Leitbild‘ bzw. ein ‚übergeordnetes Programm‘ der Sozialraumorientierung‘“ (S. 235) überhaupt fassen zu können. Dabei fokussieren sie die Möglichkeiten und Grenzen der Sozialraumorientierung im Kinderschutz und argumentieren für eine Stärkung der Rolle und Position von Kindern, Jugendlichen und Eltern, um „paternalistischen Tendenzen im Kontext der Anbahnung und Erbringung von Hilfen entgegenzuwirken“ (S. 243) im Sinne einer partizipativen Kinderschutzarbeit.

Auch Lutz nimmt in seinem Beitrag zu „Prävention durch Sozialraumorientierung“ (S. 249ff) die sehr „unterschiedlichen Verständnisse von (sozialräumlicher) Prävention“ (S. 249) kritisch und differenziert argumentierend mit Bezug auf eine „wachsende Sicherheits- und Risikoorientierung“ (S. 260) in den Blick.

Zwei im ‚Teil III – Internationale Korrespondenzen‘ geführten Beiträge runden das Buch ab. Eröffnet wird dies mit einem Beitrag von Reutlinger, überschrieben mit „Öffnung als Intention, Einriegeln als Folge – auf den Spuren von ‚Sozialraumorientierung‘ in der Schweiz“ (S. 264). Hoffentlich nicht ernst meinend, resümiert Reutlinger, ausgehend vom Ulbricht-Zitat zum Mauerbau bis zum Fall der innerdeutschen Grenze: „Im Nachgang dieser politischen, gesellschaftlichen und räumlichen Großwetterlage und im Zuge der Suche nach neuen Einheiten avancierte ab den 1990er Jahren der Begriff Sozialraumorientierung“ (S. 264). Folgend fokussiert er, dass der in der Schweiz eher sparsam verwendete Begriff ‚Sozialraumorientierung‘ maßgeblich ein als ‚Fachkonzept Sozialraumorientierung‘ vom Essener Beratungsinstitut ISSAB übergestülpter und unreflektierter Import sei, der „fremd und daher wenig wirksam“ (S. 265) ist. Nachfolgend wird das von ihm mitentwickelte St. Gallener Modell der Sozialraumarbeit vorgestellt, wobei leider unklar bleibt, ob dieses dann originär in der Schweiz entwickelte Modell dort nunmehr nicht nur stärker rezipiert, sondern auch deutlich wirksamer umgesetzt wird als das so stark kritisierte Fachkonzept Sozialraumorientierung.

Im letzten Beitrag des Buches wird von Stoik der „Versuch einer österreichischen Bestandsaufnahme“ (S. 293) unternommen. Bis auf die Stadt Graz sei eine „Programmatik Sozialraumorientierung“ nur in wenigen Kommunen und Organisationen überhaupt wahrnehmbar. Vielmehr wird „Raum als ein soziales und gesellschaftliches Konstrukt bzw. Produkt verstanden“ (S. 304), wenngleich sozialräumliches Handeln bspw. in der Nachbarschaftsarbeit durchaus breit entwickelt sei.

Diskussion

Es ist stets hochinteressant, aktuelle Forschungen und deren Erkenntnisse nachlesen zu können. Ein besonders bereichernder Einfall der Herausgebenden sind die Fachdebattenbeiträge, die die Forschung selbst mit jeweils unterschiedlichen Themenfokussierungen differenziert vertiefen. Nach Lektüre dieses Herausgeberbandes bleiben gleichwohl zahlreiche Fragen offen, die hier in Gänze nicht ausgeführt werden können. Doch zunächst sei deutlich hervorgehoben, dass die differenzierten und in die Tiefe gehenden Beiträge in Teil II durchweg den Diskurs um Sozialraumorientierung, egal in welcher konzeptionellen und diskursiven Fassung, bereichern und daher passend als ‚Kommentierungen aus der Fachdebatte‘ gerahmt sind. Wie angedeutet ist bspw. der Beitrag von Marquardt sehr nah an den praxisbezogenen Herausforderungen und Reflexionen einer Kinder- und Jugendhilfe, die die Ermöglichung eines selbstbestimmteren, gelingenderen Alltags der Adressat:innen (Thiersch 1986) eben nicht nur akademisch proklamiert sondern in Handlungsvollzüge übersetzen darf. Ebenso hervorgehoben sei der als Plädoyer für eine partizipative Kinderschutzarbeit zu lesende Beitrag von Biesel und Schoch, wobei auch dieser inhaltlich betrachtet eben gerade im Fachkonzept Sozialraumorientierung deutliche Resonanzen findet.

Die grundlegende Frage geht daher an die Studiendesignenden, die ein ‚Programm Sozialraumorientierung‘ zunächst diskursiv konstruieren, im Wissen, dass es dieses in der Praxis so nicht gibt, um eben dieses dann in der Praxis zu ‚beforschen‘. Wie das geht und was das bringen soll, außer vermutlich weiterer begrifflicher Verwirrung, erschließt sich zumindest mir nicht.

Und eine letzte Frage geht an den Schweizer Kollegen: wieso wird von Schweizer Kommunen etwas ‚Fremdes‘ importiert, was nicht wirksam ist, obwohl es was ‚nicht-fremdes‘ und offensichtlich deutlich wirksameres vor Ort zu geben scheint? Vermutlich hängt auch dies mit dem Niedergang der DDR zusammen?

Fazit

Das Fachbuch gibt einen guten Einblick in einen spezifischen Ansatz zur Beforschung der vielfältigen und unterschiedlichen Rezeptionen des häufig unscharf formulierten Begriffs Sozialraumorientierung. Der maßgeblich in Teil II gut lesbare und durchaus zugänglich gefasste und dort mit differenzierten Fachdebattenbeiträgen angereicherte Sammelband ermöglicht gleichwohl einen eher engen Blick in die kommunale Praxis mit einem spezifisch konstruierten Forschungsbefund.

Literatur:

Olk, Thomas (1986). Abschied vom Experten. Sozialarbeit auf dem Weg zu einer alternativen Professionalität, Weinheim: Juventa Verlag

Schrapper, Christian (1995). Vom Plan zur Planung. Über den Zusammenhang von Hilfeplan im Einzelfall und Sozialplanung im Gemeinwesen. Blätter der Wohlfahrtspflege, (5), S. 106–109.

Thiersch, Hans (1986): Die Erfahrung der Wirklichkeit. Perspektiven einer alltagsorientierten Sozialpädagogik, Weinheim.

Rezension von
Prof. Dr. Stefan Godehardt-Bestmann
Professor für Soziale Arbeit im Fernstudium an der IU Internationale Hochschule und Studiengangleiter sowie seit 2000 in freier Praxis als Sozialarbeitsforscher, Praxisberater und Trainer tätig [www.eins-berlin.de]. Schwerpunkte: Sozialraumorientierte Soziale Arbeit, Gesundheitsförderung von Kindern und Jugendlichen, Lösungsfokussierter Beratungsansatz, Inklusion, Partizipation, Organisationsentwicklung, Personalentwicklungsmaßnahmen in Organisationen Sozialer Arbeit, Gestaltung von Qualitätsmanagementprozessen, partizipative Praxisforschungen und Evaluationen.
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Zitiervorschlag
Stefan Godehardt-Bestmann. Rezension vom 31.05.2022 zu: Sebastian Dirks, Fabian Kessl: Sozialraumorientierung: Innovation durch Kleinräumigkeit? Die Perspektive der Kinder- und Jugendhilfepraxis. Beltz Juventa (Weinheim und Basel). ISBN 978-3-7799-5492-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/29065.php, Datum des Zugriffs 04.07.2022.


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