Suche nach Titel, AutorIn, RezensentIn, Verlag, ISBN/EAN, Schlagwort
socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Stephan Dettmers, Jeanette Bischkopf (Hrsg.): Handbuch gesundheitsbezogene Soziale Arbeit

Rezensiert von Prof. Dr. Dr. Hans-Peter Heekerens, 07.02.2022

Cover Stephan Dettmers, Jeanette Bischkopf (Hrsg.): Handbuch gesundheitsbezogene Soziale Arbeit ISBN 978-3-497-03083-5

Stephan Dettmers, Jeanette Bischkopf (Hrsg.): Handbuch gesundheitsbezogene Soziale Arbeit. Ernst Reinhardt Verlag (München) 2021. 276 Seiten. ISBN 978-3-497-03083-5.
Weitere Informationen bei DNB KVK GVK.

Kaufen beim socialnet Buchversand

Thema

Von „Gesundheitsbezogener Sozialer Arbeit“ spricht man in deutschsprachigen Raum außerhalb der jeweiligen „Szenen“ seit knapp zwei Jahrzehnten. Und damit ungefähr genausolange wie von „Klinischer Sozialarbeit“, einem aus der US-amerikanischen Sozialarbeit übernommenen Konzept, das auf eine bald hundertjährige Geschichte zurückblicken kann (Heekerens, 2016). Einem größeren Kreis in der deutschsprachigen Sozialen Arbeit bekannt wurden „Klinische Sozialarbeit“ und „Gesundheitsbezogene Soziale Arbeit“ durch zwei Publikationen. Da ist einmal die erste Auflage von Helmut Pauls' „Klinische Sozialarbeit. Grundlagen und Methoden psycho-sozialer Behandlung.“ (Weinheim: Juventa, 2004; socialnet Rezension: Kardorff, 2005) zu nennen. Und dann das im Schneider Verlag Hohengehren (Baltmannsweiler) in der Reihe „Grundlagen der Sozialen Arbeit“ erschienene Buch „Gesundheitsbezogene Sozialarbeit. Eine Erkundung der Praxisfelder“, herausgegeben von Karlheinz Ortmann und Heiko Waller. Der zweite Herausgeber war damals schon seit 1978 (und bis 2008) Professor für Sozialmedizin an der Fachhochschule Nordostniedersachsen (seit 2007 Leuphana Universität) in Lüneburg. Karlheinz Ortmann kam erst später zu akademischer Ehre; er war 2002 - 2019 Professor für gesundheitsorientierte Soziale Arbeit an der Katholischen Hochschule für Sozialwesen Berlin, wo er langjährig Studiengangsbeauftragter für den Masterstudiengang Klinische Sozialarbeit und Leiter der Psychosozialen Beratungsstelle sowie zuletzt Leiter des Instituts für Soziale Gesundheit war.

Die zwei mit den unterschiedlichen Etiketten „gesundheitsbezogene Sozialarbeit/​Soziale Arbeit“ bzw. „Klinische Sozialarbeit“ versehenen Entwicklungsstränge im Rahmen der deutsch(sprachig)en Sozialen Arbeit sind mit den Jahren eine Liaison eingegangen. Das vorliegende Buch ist Zeugnis dieser Beziehung. Damit könnte man die Frage, was das Thema des vorliegenden Buches sei, als beantwortet ansehen; die Eingeweihten wissen, worum es geht. Aber eben auch nur diese. Für all jene, die sich dem hier beackerten Feld erst noch nähern, sei eine Skizzierung des Themas geboten mit den Worten, die das Herausgeber-Duo in seiner Einleitung (auf S. 15) so formuliert hat:

„Wir möchten als Herausgeberteam gemeinsam mit den renommierten deutschen, schweizerischen und österreichischen Autorlnnen aus Praxis und Forschung mit diesem Handbuch folgende Perspektiven fundieren:

  • Gesundheitsbezogene Soziale Arbeit ist als ein Zweig Sozialer Arbeit zu verstehen. Somit dient sie als professionelle Konkretisierung bei Krankheit und Gesundheit im Kontext einer generalistischen Ausrichtung.
  • Die autonome Identitätsbildung der gesundheitsbezogenen Sozialen Arbeit über die Einbindung von Erkenntnissen aus Praxis und Forschung Sozialer Arbeit ist der Bestimmung über die Praxisfelder vorzuziehen.
  • Gesundheitsbezogene Soziale Arbeit bietet fachlich gemeinsame Merkmale für alle Praxisfelder mit konnotierten Gesundheitsthemen.
  • Gesundheitsbezogene Soziale Arbeit schätzt neben eigenen sozialarbeitswissenschaftlichen Entwicklungen die relevanten Bezugswissenschaften als unverzichtbar zum Verstehen und Erklären komplexer Lebenswelten bei Krankheit und Gesundheit [ohne Komma!] ohne sich allerdings von ihnen fremdbestimmen zu lassen.
  • Gesundheitsbezogene Soziale Arbeit umfasst weitere Spezialisierungen über Praxisfeldorientierungen, beachtet soziale und medizinische Indikationen und verfügt über eigene Handlungskompetenzen. Gesundheitsbezogene Soziale Arbeit gestaltet über Hochschulen und die Berufs- und Fachverbände in Deutschland, Österreich und der Schweiz professionsfokussierte Fort- und Weiterbildungen und Weiterqualifikationen über Masterstudiengänge wie z.B. Klinische Sozialarbeit als Fachsozialarbeit. Gesundheitsbezogene Soziale Arbeit kann durch eigene fachliche Forschungs- und Praxisbeiträge Handlungsfelder aktiv mitgestalten und dabei autonom handeln. Sie ist prädestiniert für multiprofessionelle Zusammenarbeit.
  • Gesundheitsbezogene Soziale Arbeit hat einen eigenen Gegenstand und kann fachliche Alleinstellungsmerkmale vorweisen, die sich über Kompetenzbeschreibungen plausibilisieren lassen. Neben normativen Setzungen begründet sie ihre Interventionen mit theoretischen und empirischen Erkenntnissen sowie elaborierten Methoden.
  • Gesundheitsbezogene Soziale Arbeit entwickelt und akzeptiert grundsätzlich konsensual entwickelte Definitionen, Qualifikationsbeschreibungen und (empirisch gesicherte) Kompetenzbestimmungen, die durch die internationale Scientific Community Sozialer Arbeit, internationale und nationale Berufs- und Fachverbände sowie Hochschulverbünde publiziert werden. Ziel ist es, kollektive Außenwirkung zu entfalten.“

Für all jene, die noch genauer wissen wollen, was denn der historische und sachliche Zusammenhang zwischen „Gesundheitsbezogene Soziale Arbeit“ und „Klinische Sozialarbeit“ sei, gebe ich zum Be- und Nachdenken die Worte, die Helmut Pauls, der Nestor der deutschsprachigen Klinischen Sozialarbeit im Vorwort des Buches gewählt hat:

„Es ist den Herausgebern Stephan Dettmers und Jeannette Bischkopf gelungen, eine große Zahl von Autorinnen und Autoren zu Beiträgen zu gewinnen, die eine beachtliche Breite und Diversität des Faches im Hinblick auf den Gesundheitsbezug repräsentieren. […] Die begriffliche Wendung 'gesundheitsbezogene Soziale Arbeit' ermöglicht die Inklusion sowohl von Fachvertreterinnen und -vertretern die den Gesundheitsbezug eher gesellschaftspolitisch und soziologisch bzw. sozialstrukturell oder pädagogisch verankern und denen, die das Fach und die Disziplin mit der offensiven Benennung 'Klinische Sozialarbeit' intra- und interdisziplinär profilieren und ihren Beitrag explizit der Klinischen Sozialarbeit zuordnen.“ (S. 11)

Herausgeberin und Herausgeber

Die beiden sind Hochschullehrer(innen) am Fachbereich Soziale Arbeit und Gesundheit, Fachhochschule Kiel, mit den Bachelor-Studiengängen Soziale Arbeit, Soziale Arbeit (BASA online), Erziehung und Bildung im Kindesalter sowie Physiotherapie und dem Master-Programm Forschung, Entwicklung, Management in Sozialer Arbeit, Rehabilitation/​Gesundheit oder Kindheitspädagogik mit zunehmender Forschungsorientierung. Stephan Dettmers ist seit 2013 dort als Hochschullehrer (erste Berufung) tätig, seit dem selben Jahr Jeannette Bischkopf als Hochschullehrererin (ebenfalls erste Berufung).

Stephan Dettmers hat nach FH-Kiel-Angaben seit Januar 2022 die Studiengangsleitung des Master-Studiengangs Klinische Sozialarbeit, den die FH Kiel auch Ende Januar 2022 noch nicht auszuweisen wusste. Stephan Dettmers ist für die genannte Funktion gut vorbereitet; er hat – nach wenigen Jahren als freiberuflicher Musiker – eine steile Karriere hingelegt: examinierter Krankenpfleger, diplomierter Sozialer Arbeiter, mit Master-Diplom versehener Klinischer Sozialarbeiter und Promovierter in Soziologischer Medizin; die Berufung ereilte ihn schon vor Abschluss des Promotionsverfahrens. Zwischendurch wurde er 2015 Erster Bundesvorsitzender der Deutschen Vereinigung für Soziale Arbeit im Gesundheitswesen (DVSG), was er auch heute noch ist.

Die Diplom-Psychologin Jeannette Bischkopf vertritt an der FH Kiel das Themengebiet Psychologie und Gruppendynamik. Ihr Zugang zum hier behandelten thematischen Feld ist ein ganz anderer als jener Stephan Dettmers; sie kam dazu über eine Qualifizierungslaufbahn in Klinischer Psychologie. Ihre Schrift, für die sie habilitiert wurde, erregte vor bald einem Jahrzehnt einiges Aufsehen auch bei Psychotherapeut(inn)en: „Emotionsfokussierte Therapie. Grundlagen, Praxis, Wirksamkeit“ (Bischkopf, 2013; socialnet Rezension: Heekerens, 2013)

Entstehungshintergrund

Das vorliegende Buch ist die zweite und aktualisierte Ausgabe des unter gleichem Titel 2019 im selben Verlag erschienenen Buches (socialnet Rezension: Falk, 2020). Der Münchener Reinhardt-Verlag ist der Sozialen Arbeit eng verbunden. Er gibt er nicht nur die Reihe „Soziale Arbeit studieren“ heraus, sondern auch das breit gefasste und immer wieder aufgelegte „Handbuch Soziale Arbeit. Grundlagen der Sozialarbeit und Sozialpädagogik“ (Otto u.a., 2018; socialnet Rezension: Heekerens, 2018).

Aufbau und Inhalt

Das vorliegende Buch umfasst 276 Seiten und enthält 13 Abbildungen sowie 14 Tabellen. Sein Kern besteht aus drei Teilen (I-III), denen die insgesamt 30 Kapitel mit je gesondertem Literaturverzeichnis, verfasst von über 40 aus dem deutschsprachigen Raum (Deutschland, Österreich, Schweiz) stammenden Autor(inn)en einzeln, zu zweit oder dritt, zugeordnet sind: I. „Theoretische und methodische Aspekte“ (Kap. 1–11), II. „Rechtliche und politische Aspekte“ (Kap. 12–15) und III. „Handlungsfelder“ (Kap. 16–30).

Diesem Kern voran stehen ein Vorwort von Helmut Pauls und eine Einleitung der Herausgeberin und des Herausgebers, aus der oben schon ausführlich zitiert wurde. Am Ende des Buches findet sich der vom Herausgeber-Duo verfasste Abschnitt Fazit und Ausblick, dem ein Verzeichnis der Autor(inn)en sowie ein ausführliches Sachregister folgt.

Das Zentrum des Buches machen, wie schon gesagt, 30 Kapitel aus der Feder von über 40 Autor(inn)en, Herausgeberin und Herausgeber eingeschlossen, aus, die drei Buchteilen zugeordnet sind. Der socialnet-Rezensent der Erstauflage des Buches (Falk, 2020) hat nicht nur alle 40 Autor(inn)en namentlich aufgelistet, sondern auch alle 30 Kapitelüberschriften. Ich habe mich nach wiederholter Lektüre seiner Rezension entschlossen, anders zu verfahren. Der Informationsverlust ist damit kein geringerer, aber ein anderer. Ich wähle die Möglichkeit zusammenfassender Darstellungen der angesprochenen drei Buchteile. Das haben in ihrem Vorwort schon die Herausgeberin und der Herausgeber getan, und ich habe, mein Bedürfnis an „Originalität“ zurückstellend, keine Schwierigkeiten, deren Text (S. 14–15) zum Besten zu geben:

  • Teil 1 [„Theoretische und methodische Aspekte“; Kap. 1-11] umfasst theoretische und methodische Aspekte, die für gesundheitsbezogene Soziale Arbeit relevant sind. Dies wird anhand spezifischer Qualifikations- und Kompetenzbeschreibungen aus Berufs-, Fach- und Hochschulverbänden erläutert. Thematisch werden aus sozialarbeitswissenschaftlicher sowie soziologischer und gesundheitswissenschaftlicher Perspektive Aspekte zum Verhältnis zwischen sozialen und gesundheitlichen Faktoren im Kontext von Bildungsprozessen vorgestellt. Der Gegenstand gesundheitsbezogener Sozialer Arbeit wird sozialarbeitstheoretisch abgeleitet. Methodenkompetenz mit der exemplarischen Darstellung von Case Management wird in diesem Kapitel ebenso thematisiert wie Evidenzstärkung und Forschungsoptionen Sozialer Arbeit am Beispiel der Klinischen Sozialarbeit. Mit dem Fokus auf Migration und Gesundheit werden komplexe Herausforderungen vorgestellt.
  • Im zweiten Teil [„Rechtliche und politische Aspekte“; Kap. 12–15)] werden die rechtlichen und politischen Rahmenbedingungen behandelt unter Darstellung einer berufsverbandlichen Positionierung und der rechtlichen Regulierung sowie Leistungsrechtsaspekten am Beispiel Deutschlands. Die Zugänge in 0sterreich und der Schweiz sind z.T. später in den Praxisbezügen benannt. Daneben findet eine Auseinandersetzung mit der aktuellen Teilhabedimension statt, um dann die gesundheitsökonomische Rahmung für gesundheitsbezogene Soziale Arbeit exemplarisch zu setzen.
  • Die Betrachtung von wesentlichen Praxisfeldern hinsichtlich der Feldbeschreibung und wichtigsten fachlichen Aufgaben und Zugänge erfolgt im dritten Teil [„Handlungsfelder“, Kap. 16-30]. Beginnend mit einer Darstellung gegenwärtiger Entwicklungen und Trends in der gesundheitsbezogenen Sozialen Arbeit werden die Bereiche Gesundheitsförderung und Prävention, Soziale Arbeit in Krankenhäusern, medizinische Rehabilitation, Suchthilfe, öffentlicher Gesundheitsdienst, Sozialpsychiatrie, Onkologie sowie Soziale Arbeit mit den Zielgruppen Kindern und Jugendlichen und alten Menschen konkretisiert. Gesundheitsbezogene Soziale Arbeit in der Eingliederungshilfe, im Sozialwesen und im Zusammenhang mit Selbsthilfeoptionen des Klientel sowie die notwendige Selbstsorge Sozialer Arbeit werden thematisiert.“

Diskussion

Das vorliegende Buch nennt sich „Handbuch“. Unter einem solchen wird in der Literaturwissenschaft eine geordnete Zusammenstellung eines bestimmten, kleineren oder größeren, mehr oder wenig klar umrissenen Ausschnitts menschlichen Wissens verstanden, womit ein Handbuch denn auch als Nachschlagewerk dienen kann. Angemerkt wird in deutschen Lexika-Artikeln zu „Handbuch“, dass Handbücher bei Unternehmen und Behörden in arbeitsrechtlicher Hinsicht zu den Dienst- und Arbeitsanweisungen gehören (können). Das vorliegende Handbuch hat einen solchen Verbindlichkeitscharakter nicht. Aber es kann für alle auf dem Gebiet der „Gesundheitsbezogenen Sozialen Arbeit“ Tätigen orientierende Funktion haben. Und ich kann mir gut vorstellen, dass in einem Konfliktfall – und sei es einem juristischen – die glaubwürdige Berufung auf das vorliegende Handbuch als „Handeln lege artis“ gewertet werden dürfte.

„Lehrbuch“ nennt sich das vorliegende Buch nicht, Das ist für die einzelnen Sozialen Arbeiter(innen) im Felde arbeits- und berufsrechtlich nicht von Bedeutung. Wie aber steht es damit in Hinsicht auf die disziplinäre und professionelle Identitätsbildung? „Lehrbuch“ würde man meiner Einschätzung nach auf dem großen Feld der deutsch(sprachig)en Sozialen Arbeit als Anmaßung ansehen. Es gibt dort bis heute kein Buch, das den Titel „Lehrbuch der Sozialen Arbeit“ trüge. „Handbuch Soziale Arbeit“ (Otto u.a., 2018; socialnet Rezension: Heekerens, 2018), ja das geht. Und ist von der Sache her vollkommen gerechtfertigt: Die Soziale Arbeit ist selbst noch im Jahr 2022 zu wenig disziplinär gefestigt, als dass sie Vorschriften in Gestalt von Lehrbüchern oder auch nur „Leitlinien“, wie man sie für das Gebiet der Medizin von Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF) kennt, erlassen könnte.

Ein Handbuch heraus geben zu können ist eine meisterliche Leistung, die noch schwerer wiegt als die Herausgabe eines „bloßen“ Sammelband; man muss viele Menschen zusammen und unter einen Hut bringen. Im vorliegenden Falle hört man, Stephan Dettmers sei der Networker, ein Menschenfischer geradezu. Mag sein. Indes: Man sollte nicht vergessen, dass Jeannette Bischkopf auf Grund ihrer spezifischen beruflichen Sozialisation bestimmte Autor(inn)en besonders angezogen hat. Und: Dass es maßgeblich ihr zuzuschreiben ist, dass die „Frauenquote“ in der Autor(inn)enschaft des vorliegenden Buches bei bald der Hälfte liegt.

Ein Handbuch, das im Titel die Kennzeichnung „Soziale Arbeit“ trägt, weckt die Vorstellung, dort seien die beiden Entwicklungsstränge der deutsch(sprachig)en Arbeit, die Sozialarbeit und die Sozialpädagogik gleichermaßen vertreten. Man konnte da im Vorhinein skeptisch sein, weil es ja zu Recht immer noch „Klinische Sozialarbeit“ heißt und es 2005 bekanntermaßen (s.o.) mit „Gesundheitsbezogene Sozialarbeit“ anfing. Hoffnung darauf, hier würde auch die Sozialpädagogik zu Wort kommen, ruft auch die oben referierte Anschauung Helmut Pauls' hervor, „Gesundheitsbezogene Soziale Arbeit“ würde – im Unterschied zu „Klinische Sozialarbeit“ – auch die sozialpädagogischen Optionen zur Geltung bringen. Wer so denkt, sieht sich getäuscht. Das vorliegende Buch könnte dem sachlichen Gehalt nach auch – ganz traditionell – „Gesundheitsbezogene Sozialarbeit“ heißen.

Ich will dieses Urteil an einem Beispiel illustrieren. Da findet sich etwa als 25. Beitrag der von Hans Günther Homfeldt, emeritierter Universitätsprofessor für Sozialpädagogik/​Sozialarbeit, unter dem Titel „Gesundheitsbezogene Soziale Arbeit – Kinder und Jugendliche“. Dass die bundesdeutsche Jugendarbeit in öffentlicher und privater Trägerschaft je irgendetwas zur Förderung der geistigen, körperlichen und/oder seelischen Gesundheit von Kindern und Jugendlichen beigetragen hätte oder zumindest prinzipiell beitragen könnte, scheint Hans Günther Homfeldt entweder unbekannt und/oder nicht bemerkenswert. Zu seinem blinden Fleck gehört insbesondere die Nicht-Wahrnehmung eines hierzulande seit über sieben Jahrzehnten bestehenden sozialpädagogischen Angebotes namens „Erlebnispädagogik“, das sich ganz dezidiert der Förderung geistiger, körperlicher und/oder seelischer Gesundheit von Kindern und Jugendlichen widmet (Heckmair & Michl., 2018; Heekerens, 2019a, 2019b, 2020, 2021a; Michl, 2020; Michl & Seidel, 2021). Ich habe besagtes „Übersehen“ schon beim Erscheinen des 13. Kinder- und Jugendberichts „Mehr Chancen für gesundes Aufwachsen – Gesundheitsbezogene Prävention und Gesundheitsförderung in der Kinder- und Jugendhilfe“ (BMFSJ, 2009) moniert (Heekerens, 2009, 2010); Hans Günther Homfeldt war damals das einzige für „Sozialpädagogik“ ausgewiesene Mitglied der Sachverständigenkommission.

Es liegt an der „Gesundheitsbezogenen Sozialarbeit“ dieses Landes, ob sie den Titel „Gesundheitsbezogene Soziale Arbeit“ nicht nur mit Hinweis auf Formalia (man spricht eben heute nur noch von „Sozialer Arbeit“) legitimieren möchte, sondern auch inhaltlich dadurch, dass sie explizit und dezidiert sozialpädagogische Ansätze in ihr Handlungsrepertoire integriert. Allen voran die Erlebnispädagogik. Denn von der könnte sie auch lernen, wie man in Sachen Evaluation über bloß programmatisches Reden hinauskommt. Bei „programmatischem Reden“ habe ich beim Blick auf das vorliegende auch und vor allem den 10. Beitrag „Evidenzbasierte Klinische Sozialarbeit“ von Daniel Deimel, Professor für Klinische Sozialarbeit an der Katholischen Hochschule NRW vor Augen. Der kommt freilich über Grundsätzliches und Programmatisches, wie man es immer und überall und seit Jahrzehnten zu „Evidenzbasierung“ nachlesen kann, nicht hinaus. Es fehlt hier und im ganzen Buch auch nur der Versuch, irgendetwas Näheres zur faktischen Evidenzbasierung der „Gesundheitsbezogenen Sozialen Arbeit“ auf der Basis von Evidenzanalysen auszuführen. So etwas gibt es freilich schon seit Jahren zumindest in Ansätzen: Sekundäranalysen zu psychosozialen Interventionen im Feld der Sozialen Arbeit im Allgemeinen (Heekerens, 2016) und solchen auf dem Gebiet der Erlebnispädagogik im Besonderen (Heekerens, 2019a, 2021b).

Über Bücher sollte man vernünftigerweise nur reden, wenn man sie gelesen hat. Ob man ein Buch liest oder nicht, hängt von vielen Faktoren ab, die man meist auf der Leser-Seite lokalisiert (Motivation, Vorkenntnisse etc.). Aber es gibt auch Faktoren auf der Lektüre-Seite. Und da kann man dem Buch seiner Aufmachung nach in Sachen Leser(innen)freundlichkeit nur das Prädikat „mangelhaft“ verleihen. Das Druckbild präsentiert sich im gesamten Textteil zweispaltig, was die Lesbarkeit freilich nur unwesentlich verbessert; die Schrift ist einfach zu klein, der Zeilenabstand zu gering und die Druckerschwärze lässt zu wünschen übrig. Auch einem wohl trainierten Leser wie dem Rezensenten gerät das binnen fünf Seiten zum Ärgernis. Da helfen auch die zur Anwendung gekommenen Lesehilfen wie deutliche Absätze zwischen Textabschnitten, Fettschreibung und Aufzählungspunkte nicht weiter.

Auch die über den Text verteilten 13 Abbildungen und 14 Tabellen sind entgegen ihrer Intention nicht, zumindest nicht bei und für „Normalleser(inne)n“ geeignet, den potentiellen Informationsgehalt gedruckter Darbietungen zu erhöhen. Im Gegenteil: Sie geraten meist zum Lese-Ärgernis. Etwa Abbildung 1 auf S. 21, die man größtenteils nur mit zusammengezogenen Augenbrauen lesen kann – und die Beschriftung der y-Achse nur mit einer Lupe. Oder die Tabelle 1 auf S. 84, die informativ so heillos überfrachtet ist, dass man selbst als Profi-Leser den Blick abwendet, um Überforderung des Wahrnehmungsapparates zu vermeiden. Seit Jahrzehnten gibt es in der Erwachsenenbildung, allen voran in der betrieblichen, vernünftige Regeln über die Gestaltung von Powerpoint-Präsentation und sich später entwickelnden Internet-Präsentationen. Die dortige pädagogische Grundregel „so wenig als möglich“ ist in den vorliegenden Abbildungen und Tabellen durch den faktischen Grundsatz „so viel als möglich“ gründlichst missachtet.

Fazit

Das vorliegende Buch kann ich am ehesten und besten verstehen, wenn ich es verstehe als Dokument der Selbstvergewisserung einer Community, die sich um die Fahne „Gesundheitsbezogene Sozialarbeit“ schart. Für diese kann es zur Identitätsbildung beitragen, wenn man sich dieses Leser(innen)-unfreundliche Buch im wahrsten Sinne des Wortes erarbeitet, was aus eigenen Stücken nur die Mitglieder(innen) vorhandener Gemeinden tun werden – unter dem Zwang von Prüfungsberechtigt(inn)en hie und da auch Studierende. Nun meint „Identität“ ja immer beides: „Sich identifizieren“ mit und „Identifiziertwerden als“, das eine meint den Blick von innen, das andere den Blick von außen. Welchen externen Beobachter(inne)n kann man das Buch guten Gewissens zur Lektüre empfehlen? In seiner Gänze nur den Hartgesottenen unter ihnen, die sich der Thematik „Gesundheitsbezogene Sozialarbeit“ aus irgendwelchen Gründen verpflichtet fühlen.

Literatur

Bischkopf, J. (2013), Emotionsfokussierte Therapie. Grundlagen, Praxis, Wirksamkeit. Göttingen: Hogrefe.

BMFSJ (Hrsg.) (2009). 13. Kinder- und Jugendbericht. Verfügbar unter: https://www.bmfsfj.de/resource/blob/93144/​f5f2144cfc504efbc6574af8a1f30455/​13-kinder-jugendbericht-data.pdf

Falk, R. (2020). Rezension vom 18.05.2020 zu Dettmers, J. & Bischkopf, J. (Hrsg.) (2019). Handbuch gesundheitsbezogene Soziale Arbeit. München: Reinhardt. socialnet Rezensionen. Verfügbar unter: https://www.socialnet.de/rezensionen/​26496.php,

Heckmair, B. & Michl, W. (2018). Erleben und Lernen. Einführung in die Erlebnispädagogik (8., überarb. Auflage). München: Reinhardt.

Heekerens, H.-P. (2009). Erlebnispädagogik nach dem 13. Kinder- und Jugendbericht – Teil I. erleben & lernen, 17(6), 29–31.

Heekerens, H.-P. (2010). Erlebnispädagogik nach dem 13. Kinder- und Jugendbericht – Teil II. erleben & lernen, 18(1), 56–60.

Heekerens, H.-P. (2013). Rezension vom 11.11.2013 zu Bischkopf, J. (2013), Emotionsfokussierte Therapie. Grundlagen, Praxis, Wirksamkeit. Göttingen: Hogrefe. socialnet Rezensionen. Verfügbar unter: https://www.socialnet.de/rezensionen/​14524.php.

Heekerens, H.-P. (2016). Psychotherapie und Soziale Arbeit. Studien zu einer wechselvollen Beziehungsgeschichte. 2016. Coburg: ZKS-Verlag. Verfügbar unter https://zks-verlag.de/wp-content/​uploads/​Hans-Peter-Heekerens-Psychotherapie-und-Soziale-Arbeit.pdf.

Heekerens, H.-P. (2018). Rezension vom 26.02.2018 zu Otto, H.-U., Thiersch, H., Treptow, R. & Ziegler, H. (Hrsg.) (2018). Handbuch Soziale Arbeit. Grundlagen der Sozialarbeit und Sozialpädagogik (6., überarb. Aufl.). München: Reinhardt. socialnet Rezensionen (https://www.socialnet.de/rezensionen/​23789.php).

Heekerens, H.-P. (2019a). 100 Jahre Erlebnispädagogik. Rück-, Rund- und Ausblicke. 2019. Goßmannsdorf: ZKS-Verlag. Verfügbar unter: https://zks-verlag.de/wp-content/​uploads/​FINAL-Heekerens_1.8PaperbackInnenteil.pdf.

Heekerens, H.-P. (2019b). Rezension vom 22.02.2019 zu Heckmair, B. & Michl, W. (2018). Erleben und Lernen. Einführung in die Erlebnispädagogik (8., überarb. Auflage). München: Reinhardt. socialnet Rezensionen. Verfügbar unter: https://www.socialnet.de/rezensionen/​24926.php.

Heekerens, H.-P. (2020). Rezension vom 29.07.2020 zu Michl, W. (2020). Erlebnispädagogik (4. aktualisierte Aufl.). München: Reinhardt. socialnet Rezensionen. Verfügbar unter: https://www.socialnet.de/rezensionen/​27266.php.

Heekerens, H.-P. (2021a). Wie die Erlebnispädagogik laufen lernte. Outward Bound in der Bonner Republik. Höchberg: ZKS Verlag für psychosoziale Medien. Verfügbar unter: https://zks-verlag.de/wp-content/​uploads/​Heekerens_Erlebnispaedagogik_ebook.pdf.

Heekerens, H.-P. (2021b). Ergebnis- und Prozessforschung in der Erlebnispädagogik. In Michl, W. & Seidel, H.(Hrsg.) (2021), Handbuch Erlebnispädagogik (2., aktual. Aufl.; S. 314–321). München: Reinhardt.

Ernst von Kardorff, E.v. (2005). Rezension vom 08.02.2005 zu Pauls, H. (2004). Klinische Sozialarbeit. Grundlagen und Methoden psycho-sozialer Behandlung. Weinheim: Juventa. socialnet Rezensionen. Verfügbar unter https://www.socialnet.de/rezensionen/1837.php.

Michl, W. (2020). Erlebnispädagogik (4. aktualisierte Aufl.). München: Reinhardt.

Michl. W.& Seidel, H. (Hrsg.) (2021). Handbuch Erlebnispädaogik (2., aktual. Aufl.). München: Reinhardt.

Ortmann, K. & und Waller, H. (2005). Gesundheitsbezogene Sozialarbeit. Eine Erkundung der Praxisfelder (Grundlagen der Sozialen Arbeit). Baltmannsweiler: Schneider Verlag Hohengehren.

Otto, H.-U., Thiersch, H., Treptow, R. & Ziegler, H. (Hrsg.) (2018). Handbuch Soziale Arbeit. Grundlagen der Sozialarbeit und Sozialpädagogik (6., überarb. Aufl.). München: Reinhardt.

Rezension von
Prof. Dr. Dr. Hans-Peter Heekerens
Hochschullehrer i.R. für Sozialarbeit/Sozialpädagogik und Pädagogik an der Hochschule München
Website
Mailformular

Es gibt 170 Rezensionen von Hans-Peter Heekerens.

Lesen Sie weitere Rezensionen zu früheren Auflagen des gleichen Titels: Rezension 26496

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Hans-Peter Heekerens. Rezension vom 07.02.2022 zu: Stephan Dettmers, Jeanette Bischkopf (Hrsg.): Handbuch gesundheitsbezogene Soziale Arbeit. Ernst Reinhardt Verlag (München) 2021. ISBN 978-3-497-03083-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/29075.php, Datum des Zugriffs 14.08.2022.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht