Tino Pfaff, Barbara Schramkowski et al. (Hrsg.): Klimakrise, sozialökologischer Kollaps und Klimagerechtigkeit
Rezensiert von Prof. Dr. Matthias Euteneuer, 25.11.2022
Tino Pfaff, Barbara Schramkowski, Ronald Lutz (Hrsg.):Klimakrise, sozialökologischer Kollaps und Klimagerechtigkeit. Spannungsfelder für die Soziale Arbeit. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2022. ISBN 978-3-7799-6568-8.
Thema
Ausgehend von den Erkenntnissen der Klima(folgen-)forschung thematisieren neuere Soziale Bewegungen die massiven Risiken des Klimawandels für die menschliche Existenz sowie die damit einhergehenden Sozialen Ungleichheiten. Forderungen nach einem ambitionierten und zugleich sozial gerechten Klimaschutz sind dadurch prominent gesellschaftlich sichtbar geworden und beschäftigen inzwischen auch Sozialverbände. Gleichwohl wird die notwendige gesellschaftliche Transformation noch viel zu zögerlich angegangen. Debatten um die Rolle Sozialer Arbeit im Rahmen einer sozialökologischen Transformation sind fachlich randständig und stoßen teils noch auf Unverständnis. Der vorliegende Herausgeberband plädiert demgegenüber eindringlich dafür, die Soziale Arbeit mit ihren Institutionen, Handlungsfeldern und Methoden ‚ökozentriert‘ neu zu denken und versammelt dazu zentrale vorhandene Ansätze und Überlegungen.
Herausgeber*innen
Tino Pfaff, B.A. Sozialarbeiter/​Sozialpädagoge, Umweltaktivist, war zwei Jahre Pressesprecher bei Extinction Rebellion Deutschland und ist momentan Student im M.A. Gesellschaftstheorie in Jena.
Barbara Schramkowski, Professorin für Grundlagen und Methoden der Sozialen Arbeit, Duale Hochschule Villingen-Schwenningen, ist Sprecherin der DGSA-Fachgruppe ‚Sozial-ökologische Transformation und Klimagerechtigkeit in der Sozialen Arbeit‘.
Ronald Lutz, Soziologe und Kulturanthropologe, ist emeritierter Professor an der FH Erfurt und u.a. mit den Themen globaler Sozialer Ungleichheit, postkoloniale Theorien und internationaler Sozialer Arbeit befasst.
Aufbau und Inhalt
Nach einer Einführung, welche die Dimension der Klimakrise umreißt sowie die Dringlichkeit tiefgreifender gesellschaftlicher Veränderungen betont, sind die Beträge des Bandes in fünf große Abschnitte unterteilt:
- ‚Grundlegende Überlegungen zu Klimagerechtigkeit und sozialökologischen Kollaps‘ umfasst fünf Beiträge, die Konzepte und Prozesse des sozial-ökologischen Wandels diskutieren und theoretisch in ein Verhältnis zu Sozialer Arbeit stellen;
- Im Abschnitt ‚Handlungsfelder und Institutionen Sozialer Arbeit‘ diskutieren zwölf Beiträge Konsequenzen für die Verbände und Institutionen Sozialer Arbeit, für die Kinder- und Jugendhilfe, die Gemeinwesenarbeit sowie Migrations- und Geschlechterverhältnisse;
- ‚Methoden und Konzepte‘ sind in weiteren fünf Beiträgen Thema, bevor
- ‚Internationale Perspektiven‘ in drei Beträgen entfaltet werden und
- vier ‚Ausblicke auf Herausforderungen für die Soziale Arbeit‘ den Band abschließen.
Ad. 1: Angesichts der fachlichen Skepsis gegenüber einer Auseinandersetzung ‚auch noch‘ mit ökologischen Fragen möchte ich die Beiträge des ersten Abschnitts umfassender charakterisieren, da hier Begründungen für und Grundkonzeptionen einer die ökologische(n) Krise(n) mitbedenkenden Sozialen Arbeit verhandelt werden.
Andrea Schmelz eröffnet den Band mit einem Beitrag dazu, was ein ‚Greening Social Work im Anthropozän‘ bedeuten könne. Ausgehend von einer kritischen Rekapitulation sozialwissenschaftlicher Zeitdiagnosen zum Anthropozän legt sie dar, wie anthropozentrische Vorstellungen einer Beherrschung der Natur durch den Menschen durch eine ‚ökozentrische‘ Perspektive gebrochen werden könnten. Letztere fokussiere die Rechte aller Lebewesen und der Natur und verstehe den Menschen als Teil der Natur (und nicht als sein gestaltendes Gegenüber). Indigenes Wissen aber auch Umwelt- und Klimaaktivismus in der Sozialen Arbeit außerhalb Europas sieht sie als Anknüpfungspunkte für ein solches Vorhaben, ebenso wie verschiedene Konzeptionen einer ‚grünen‘ oder ‚ökologischen‘ Sozialen Arbeit. Letztere seien allerdings weniger als klare Konzepte oder Theorien sondern als offene Suchbewegungen zu verstehen, in denen Soziale Arbeit versucht ihre „Mitschuld in der kapitalistischen Wachstumsproduktion“ (S. 30) und an den korrespondierenden sozial-ökologischen Folgen zu erkennen und zu überwinden. Als einen wichtigen Ansatzpunkt für ein ‚Greening Social Work‘ thematisiert sie die Etablierung ‚grüner‘ Curricula in Studiengängen der Sozialen Arbeit.
Christian Spatscheck expliziert in seinem Beitrag ‚Soziale Arbeit im Kontext Sozialökologischer Krisenlagen‘ deutlicher das Ausmaß des durch die Krise notwendig werdenden Sozialen Wandels: „Die bisher hegemonialen Formen einer externalisierenden Lebensform oder einer imperialen Lebensweise“, welche ökologische ‚Folgekosten‘ in ein gesellschaftliches ‚Außen‘ verschoben haben, würden an ihre Grenzen geraten und müssten „radikal infrage gestellt werden“ (S. 39). Soziale Arbeit, die, je nach Definition, mit Sozialen Problemen bzw. mit Lebensführungen oder Lebensbewältigungen im Spannungsfeld von individuellen Lebenswelten und gesellschaftlichen Strukturen befasst sei, treffe diese Veränderung im Kern. Eine angemessene Antwort liege in einer theoretischen Wende in der Sozialen Arbeit, die darauf abziele, die sozialen und ökologischen Auswirkungen der Lebensweisen der Moderne fortan gleichwertig in den Blick zu nehmen. Die Förderung eines anderen Denkens und Handelns im Sinne alternativer Wirtschaftsmodelle und Lebensführungen, eine ökologische Erweiterung von Gerechtigkeits- und Menschenrechtsansätzen sowie eine Bearbeitung von Nachhaltigkeitsfragen als Soziale Konflikte werden damit zu Aufgaben einer nun sozialökologisch agierenden Sozialen Arbeit, für die abschließend Grundprinzipien und methodische Grundideen vorgeschlagen werden.
Damit ist ein Rahmen aufgespannt, in dem zwei weitere Beiträge des ersten Teils vertiefende Fragen stellen: Chaitali Das & Yari Or fragen in einem Art Zwischenruf nach der Repräsentation marginalisierter Stimmen in den Diskursen (auch) der ‚ökologischen‘ Sozialen Arbeit. Sie betonen, dass die gegenwärtige ökologische Ungerechtigkeit eng verzahnt ist mit dem postkolonialen Verdrängen der Stimmen von Minoritäten aus öffentlichen und akademischen Diskursen. Eine Dekolonialisierung Sozialer Arbeit, auch und gerade im Kontext ökologischer Fragen sei daher dringlich. Yannick Liedholz untersucht dagegen spezifischer, inwieweit sich ‚Konzepte von Klimagerechtigkeit im Kontext Sozialer Arbeit‘ als anregend erweisen. Während dies bei quantitativen Modellen weniger der Fall sei, da diese strukturkonservativ auf Marktprozesse setzen, böten qualitative Modelle gewichtige Ansatzpunkte. Diesen gehe es um einen „Prozess des Kampfes gegen die gesellschaftlichen Strukturen, die Klimaungerechtigkeit verursachen“ (S. 76), mithin also um gesellschaftlichen Wandel, der partizipativ, durch Empowerment und sozial gerecht gestaltet werde. Hier sieht der Autor Soziale Arbeit gefragt, auch wenn sie sich als staatlich-kapitalistisch finanzierte und mandatierte Profession mit Forderungen nach einer Überwindung kapitalistischer Produktionsverhältnisse, wie sie in diesen Diskursen oftmals zu finden sind, sicherlich schwer tue.
Der erste Teil schließt dann mit einem Beitrag von Lisa Dörfler, die in der Tradition Sozialer Arbeit als Menschenrechtsprofession und unter Berufung auf den Ethikkodex des IFSW vor allem normativ begründet, dass Soziale Arbeit angesichts der besonderen Betroffenheit vulnerabler Gruppen vom Klimawandel einerseits und der Infragestellung grundlegender Menschenrechte durch Klimawandelfolgen andererseits gar nicht darum herum komme, sich der Klimakrise als Querschnittsthema anzunehmen. Sie mahnt an, ökologische Werte deutlicher in nationalen und internationalen Berufskodizes zu verankern.
Ad. 2: Es spricht für die Konzeption des Bandes, dass grundlegende Linien der einführenden Beiträge auch in den Texten des zweiten Abschnitts auftauchen. Dabei verdeutlichen die meisten Beiträge, wie weit der Weg zu einer Integration ökologischer Perspektiven in die Praxis Sozialer Arbeit noch ist und das vorhandene Bemühungen wenig im Blick der Forschung sind: Für die Institutionen und Verbände Sozialer Arbeit zeigen dies der stark programmatische bleibende Beitrag zu den Perspektiven des Caritasverbandes auf das Thema Klimawandel einerseits (Kieslinger & Schaffert) sowie der auf einem studentischen Forschungsprojekt beruhende Beitrag zur Umsetzung der 17 Sustainable Development Goals in Einrichtungen der Sozialen Arbeit, andererseits. Die Studierenden fanden nämlich wenig systematische Bemühungen und systematisches Wissen zur Verfolgung der SDG in der Sozialen Arbeit (Hensky u.a.). In den Überlegungen zur Kinder- und Jugendhilfe wird u.a. argumentiert, dass ‚ökologische Gewalt‘, wie sie in Folge der Klimakrise entsteht durchaus als Kindeswohlgefährdung gefasst werden könne, da sie z.B. psychische und körperlich-gesundheitliche Belastungen verursacht. Zugleich sind aber die üblichen Möglichkeiten Sozialer Arbeit zur Abwendung von Kindeswohlgefährdungen nicht geeignet, eine solche durch unzureichendes politisches Handeln verursachte kollektive Gefährdungslage abzuwenden (Schramkowski). Neben politischer Einmischung und Parteilichkeit werden daher und in weiteren Beiträgen (emotionssensible) Jugendbildungsangebote (Niessen & Peter) sowie Konzepte einer Bildung für nachhaltige Entwicklung (Brebeck & Liedholz) als relevant gesehen – was plausibel ist, aber dem Thema einen sehr begrenzten und chronisch unterfinanzierten Bearbeitungsort zuweist: Politische Jugendbildung. Dass die Gemeinwesenarbeit unmittelbar mit sowohl der Bewältigung von Klimafolgen als auch Fragen kommunaler und städtebaulicher Transformation zu tun hat, zeigen zwei weitere Beiträge (Wendt, Schmidt) eingängig. Dies gilt aber Wendt zufolge insbesondere für eine sich als politisch und einmischend verstehende GWA und eben weitaus weniger für eine wohlfahrtsstaatlich-integrativ ausgelegte – womit das Thema wiederum in einer quantitativen Nische angekommen ist. Postkoloniale und geschlechterpolitische Perspektiven (Abay & Schmitt, Klus & Schramkowski, Or) sowie ein migrationsbezogener Beitrag (Brizay) schließen diesen Abschnitt des Bandes, wobei insbesondere die Analyse von Brizay überrascht, dass die migrations- und fluchtbezogene Soziale Arbeit in Deutschland mittelfristig vermutlich wenig gefragt seien wird, spezifische Angebote für klimabedingte Einwanderung oder Flucht zu schaffen, sich aber für eine verbesserte internationale Situation mit Blick auf Migrationsoptionen einsetzen sollte.
Ad. 3: Die Beiträge des Abschnitts ‚Methoden und Konzepte‘ legen mit Ausnahme eines Beitrags zu Boals Theater der Unterdrückten (Brokow-Loga & Brokow-Loga) vornehmlich Konzepte einer ökologischen Sozialen Arbeit dar – ausgehend von Ideen einer Regenerativen Praxis (Or), von Resilienz (Becker), Naturbildung (Vogel u.a.) oder Umweltgerechtigkeit (Frieters-Reermann u.a.). Die Beiträge kreisen dabei (mal radikal-grundsätzlicher, mal pragmatischer) um bereits in den vorangehenden Kapiteln zentrale Topoi der Etablierung eines „neuen Bewusstseins“ (Or, S. 261), in dem Mensch-Naturverhältnisse neu gedacht werden, um eine dezidierte Politisierung Sozialer Arbeit, eine ökologischere Ausrichtung der Einrichtungen Sozialer Arbeit sowie eine Natur- und Nachhaltigkeitsbildung für Sozialpädagoginnen und ihre Klientinnen. Durch das weitgehende Verbleiben auf konzeptioneller Ebene ergeben sich dabei deutliche Redundanzen zu den theoretischen und arbeitsfeldbezogenen Beiträgen des Bandes.
Ad. 4: Mit Blick auf internationale Perspektiven vertiefen schließlich Schellhammer aus philosophisch-spiritueller Sicht und Spitzer aus einer eher politischen Perspektive die Frage, welche Anregungen nicht-westliche Traditionen, Aktivitäten und Denkweisen für eine ökologisch inspirierte Sozialer Arbeit beinhalten, bevor Khoo & Kleibel didaktische, gleichwohl aber das Verhältnis von Hochschulen und Gesellschaft berührende Überlegungen zu internationalen Austausch und Begegnungen in Studiengängen internationaler Sozialer Arbeit darlegen.
Ad. 5: Die vier am Ende des Bandes gegebenen Ausblicke sind sehr unterschiedlich angelegt. Sie eint jedoch die Prämisse, dass Soziale Arbeit angesichts des drohenden sozialökologischen Kollapses aktiv einen tiefgreifenden gesellschaftlichen Wandel vorantreiben müsse. Lutz legt dies noch mal systematisch unter der Bezeichnung einer Transformativen Sozialen Arbeit dar, die sich von einem „‚Sich-Einrichten‘ im Neoliberalismus“ verabschieden müsse und stattdessen „zu einem politischen und öffentlichen ‚Sich-Einmischen‘ für ökologische, ökonomische und soziale Transformation auf lokaler und globaler Ebene“ (S. 385) kommen solle. Hierzu müsse sich Soziale Arbeit nicht neu erfinden, sondern „ihr Mandat, das Wissen aus ihrer Geschichte, das Wissen aus anderen Traditionen (indigenes Wissen, lokales Wissen) sowie die ihr eingeschriebenen utopischen Elemente der Befreiung ernstnehmen.“ (ebd.) Pfaff ruft darüber hinaus aus einer aktivistischen Perspektive die Soziale Arbeit zum zivilen Widerstand auf, den er als Präventionsarbeit rahmt, während Coutinho in einem subjektiven Bericht Perspektiven eines Wiederauflebens einer radikalen Sozialen Arbeit im Kontext radikaler Alltagsveränderungen durch Corona entwirft. Der Band schließt dann mit einer Zusammenstellung der Perspektiven von ökosozial engagierten Studierenden auf das Thema (Schramkowski).
Diskussion
Zusammenfassend entwerfen die Beiträge des Bandes in verschiedenen Mischungen folgende Perspektiven zu den Zusammenhängen von Sozialer Arbeit und Klimakrise:
- Soziale Arbeit wird als (Menschenrechts)Profession begriffen, die sozialen Wandel mitgestalten soll und sich für eine gerechtere globale Gesellschaftsgestaltung einsetzt. Im Kontext der Klimakrise wird daher gefordert, dass sie sich mit Blick auf ökologische Fragen (re)politisiere und zu einem grundlegenden Bewusstseins- und Gesellschaftswandel beitrage. Im Zentrum dieses Wandels steht die Überwindung dualistischer und herrschaftsbezogener Mensch-Naturverhältnisse zugunsten eines ökozentrierten (monistischen?) Denkens in gemeinwohlorientierten Ökonomien. Dekolonialisierung wird dabei in vielen Beiträgen als notwendige und Indigenisierung als hilfreiche Strategie dieser Umorientierung begriffen.
- Die Klimakrise wird als Soziale Frage begriffen, da Menschen entlang der klassischen Ungleichheitsrelationen ungleich von den Klimafolgen betroffen seien werden und ungleich für ihre Entstehung verantwortlich sind. In diesem Kontext schreiben die Beiträge Sozialer Arbeit die klassische Rolle zu, marginalisierten eine Stimme zu geben, d.h. anwaltschaftlich zu agieren einerseits, andererseits aber Beteiligung und Empowerment zu fördern.
- Die Klimakrise wird in lokalen sozial-ökologischen Gefügen Niederschlag finden und ist somit ein zentrales Thema der Stadt- und Regionalentwicklung, des Quartiersmanagements aber besonders für eine sich als politisch begreifende Sozialraumarbeit.
- Der Klimawandel lässt sich im Kontext einer Bildung zur nachhaltigen Entwicklung verankern und ist somit überall in der Sozialen Arbeit ein wichtiges Thema, wo politische (Jugend)Bildungsarbeit geleistet wird.
- Der notwendige ökologische Umbau stellt alle Einrichtungen Sozialer Arbeit vor betriebswirtschaftliche und organisationale Herausforderungen, wie diese sich zunehmend auch Gedanken um Schutzkonzepte vor Klimagefahren machen müssen.
- Der Klimawandel kann als ‚Kindeswohlgefährdung‘ gedacht werden. Der Sozialen Arbeit fehlen allerdings Instrumente zu einer Abwehr dieser Gefährdung bzw. diese Abwehr muss gesamtgesellschaftlich organisiert werden und politisch gestaltet und verantwortet werden. Es ist fraglich, bzw. noch unklar was sozialrechtliche Überlegungen zu bereits vorhandenen Debatten (z.B. zum Straftatbestand ‚Ökozid‘) beitragen könnten.
- Ökologische Fragen müssten aus diesen Perspektiven jedenfalls dringend Teil der Curricula Sozialer Arbeit werden und stärker Teil der professionellen Identität Sozialer Arbeit.
Insgesamt wird deutlich, dass zwar vielfältige Bezugspunkte bestehen, die defakto stark wohlfahrstaatlich denkende und agierende Profession Soziale Arbeit bislang aber wenig Spielraum im alltäglichen ‚Geschäft‘ sehen wird, sich diesen Fragen zuzuwenden. An vielen Stellen werden von den Autorinnen sehr grundsätzliche Fragen angesprochen, die in der Kürze der Beiträge nicht ausführlich diskutiert werden können: Dies reicht von die Organisation des Wirtschaftssystems infragestellenden alternativökonomischen Konzepten über kritische Infragestellungen westzentrierter Machtordnungen auch im wissenschaftlichen Diskurs bis hin zu einer generellen Umwertung von Wissensordnungen, wie sie der Forderung nach der gleichwertigen Anerkennung von naturphilosophischen, d.h. traditionellen und teils auch mystischen Wissensdomänen neben wissenschaftlichen anklingt. Das alles ist insofern plausibel, als es ja ganz offenbar darum geht, das Projekt der Moderne angesichts der nicht nur chronischen sondern akut bedrohlichen Krisen grundlegend zu verändern. Es ist allerdings in den Beiträgen nicht immer ganz klar zu erkennen, was das etwas genauer bedeuten kann und soll. So fügen sich z.B. nicht alle traditionell-philosophischen Überlegungen in universalistische Wertvorstellungen und ebensowenig ergänzen sie bruchlos wissenschaftliches Wissen. Zum anderen ist tatsächlich an vielen Stellen schwer vorstellbar, dass Soziale Arbeit, die gerade durch ihre Etablierung als Berufsfeld im Kontext des modernen Wohlfahrtsstaat an Macht gewonnen hat, so geeignet und geneigt ist, Systemtransformationen voran zu treiben. Die Organisation von oder Beteiligung an Protest und zivilen Ungehorsam etwa wird in überwiegenden Teiles des Berufsfelds kaum beruflich ausgeübt werden können, sondern bleibt realistischer Weise eher etwas, was Sozialpädagog*innen in ihrer Rolle als Bürger*innen tun können (und vielleicht sollten).
Fazit
Der vorgelegte Band versammelt wichtige Perspektiven zum Thema und füllt damit eine Lücke. Es ist (leider) von überzeugender Evidenz, dass auch die Soziale Arbeit zukünftig immer mehr mit der Klimakrise und ihren Folgen zu tun haben wird. Hier bietet der Band einen wichtigen Baustein, um in eine Auseinandersetzung mit dem Thema einzusteigen. Dabei wurde erkennbar versucht, auf der Ebene der Autor*innen Vielfalt zu verwirklichen. Während dies für die Beteiligung von Studierenden sehr gut gelungen scheint, so sind Stimmen aus den Verbänden und der Praxis Sozialer Arbeit seltener im Band vertreten. Die internationale Dimension der Debatte wird von den fast ausschließlich deutschsprachigen Autor*innen nur indirekt eingeholt, was an der engen Anbindung des Buchs an die Fachgruppe „Sozial-ökologische Transformation und Klimagerechtigkeit in der Sozialen Arbeit“ liegen könnte. In vielen Beiträgen ermutigt der Band dazu, Soziale Arbeit politischer, stärker gesellschaftsutopisch und gesellschaftstransformativ zu denken, was zugleich spannend wie herausfordernd ist. So ist zu konstatieren, dass sich die Soziale Arbeit zwar immer wieder diskursiv selbst mit einem derart weitreichenden Mandat ausstattet, ‚realpolitisch‘ aber nicht ansatzweise mit den notwendigen Mitteln ausgestattet ist, eine solch breite gesellschaftliche Transformation zu begleiten oder gar zu initiieren. Es ließe sich also einerseits konstatieren, dass sich Soziale Arbeit mit solchen Ansprüchen, wie sie in den Beiträgen des Bandes formuliert werden, kolossal übernimmt. Andererseits kann solcherart utopisches Denken ja durchaus dazu dienen, das aktuell in dieser Hinsicht im Rahmen der Sozialen Arbeit machbare praktisch auszuloten und zugleich eine Erweiterung von Handlungsspielräumen einzufordern. In dieser Hinsicht kann die Lektüre von Texten aus dem Sammelband für Praktiker*innen und Wissenschaftler*innen anregend sein.
Rezension von
Prof. Dr. Matthias Euteneuer
Professor für Theorie und Methoden Sozialer Arbeit an der Fliedner Fachhochschule Düsseldorf.
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