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Bundesministerium für Arbeit und Soziales (Hrsg.): Lebenslagen in Deutschland

Rezensiert von Prof. Dr. Gernot Weißhuhn, 11.02.2022

Bundesministerium für Arbeit und Soziales (Hrsg.): Lebenslagen in Deutschland. Der sechste Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung. Eigenverlag 2022. 533 Seiten.
Open Access
Kurz- und Langfassung sowie weitere Daten zum 6. Armuts- und Reichtumsbericht

Thema

Die Publikation Sechster Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung-Lebenslagen in Deutschland ist die Fortführung der vorherigen Veröffentlichungen zur sozioökonomischen Lage in Deutschland anhand einer Vielzahl von Daten und wirtschaftlichen und sozialen Indikatoren. Darüber hinaus setzt sich die Berichterstattung zum Ziel, die Ursachen für beobachtete Phänomene, hier vor allem die Entwicklung der Einkommens- und Vermögensverteilung, die Entstehung und Verfestigung von Armut und Reichtum sowie von Chancenungleichheit und Diskriminierung, zu identifizieren. Schließlich sollen auch die Auswirkungen der konstatierten Ungleichheiten auf die allgemeine Lebenssituation, die Lebensgestaltungsaussichten, die gesellschaftliche Teilnahme sowie das Selbstwertgefühl der Bürger analysiert werden.

Eingerahmt wird der Bericht durch die Ausbreitung der wichtigsten Indikatoren zur Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt (Erwerbsquote und Arbeitslosigkeit) und zu Armut und Reichtum (Nettoäquivalenzeinkommenswachstum, Armutsrisikoquote, Vermögensverteilung).

Schließlich werden bisherige verteilungspolitische Maßnahmen zur Existenzsicherung, zum Risikoschutz und zur Schaffung von Chancengleichheit reflektiert und weitere Maßnahmen in der Legislaturperiode von 2017–2021 dargestellt.

Autoren

Der Bericht wurde unter der Federführung des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales von der Bundesregierung erstellt und von einem Gutachtergremium (16 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler) und einem Beraterkreis, bestehend aus staatlichen Stellen und vorrangig aus zivilgesellschaftlichen Institutionen begleitet.

Entstehungshintergrund

Die Erstellung der periodischen Armuts- und Reichtumsberichte durch die Bundesregierung wurde im Jahr 2000 vom Deutschen Bundestag beschlossen.

Aufbau und Inhalt

Der Bericht besteht aus einer Kurzfassung und der umfangreichen Langfassung mit den Teilen A, B, C und D. Nach der Einleitung (Kapitel 1 in Teil A) mit Erläuterungen des Auftrages und der Konzeption des Berichts werden in Teil A, Kapitel 2 sozioökonomische Rahmenbedingungen für den Berichtszeitraum charakterisiert. Im Einzelnen werden die demografische Entwicklung und Struktur sowie die Wanderungsbewegungen dargestellt. Hinzu kommen Informationen zu den Formen der Haushalte und der Familien. Daran anschließend folgen Kennzahlen für die wirtschaftliche Entwicklung, den Arbeitsmarkt und die funktionale Verteilung des Volkseinkommens. Abgerundet wird dieser Bereich durch Ausführungen zum Zusammenhang zwischen Wachstum und Ungleichheit, zum Handlungsbedarf und zu Potenzialen für nachhaltiges und inklusives Wachstum.

Teil B enthält die zentralen Themenbereiche „Einkommens- und Vermögensverteilung und soziale Mobilität“ und ist der umfangreichste Teil des Berichts mit fünf Unterkapiteln.

Kapitel 1 von Teil B charakterisiert die materielle Situation der privaten Haushalte. Herangezogen werden zahlreiche Indikatoren, darunter für den Bereich Armut und Reichtum (Armutsrisikoquoten, materielle Deprivation, Reichtumsquote, Vermögensverteilung) und für Einkommen in einer Längsschnittbetrachtung. Darüber hinaus wird die Entstehung der Einkommensverteilung (Markteinkommen und Nettoeinkommen) dargestellt, ferner die Erfassung von Determinanten der Einkommensverteilung sowie die intra- und intergenerative Mobilität in der Einkommensverteilung.

Dieses Kapitel weist ferner zahlreiche Indikatoren für die faktische Vermögensverteilung (Haushaltsvermögen und individuelle Vermögen, Längsschnittaspekte der Vermögensverteilung) aus. Hinzu kommen Informationen zum Umfang von Hochvermögen sowie zur Verteilung der Nettovermögen sowie zum Verschuldungsgrad. Das Kapitel wird dann durch den Einbezug der Reichweite und der Effekte der Sozialleistungen für Bedürftige abgerundet.

In Kapitel 2 von Teil B des Berichts werden die sozialen Lagen in Deutschland in multidimensionaler und längsschnittlicher Betrachtung behandelt. Dahinter steht die Überlegung, dass die Phänomene „Armut“ und „Reichtum“, gemessen in Einkommens- und Vermögenskategorien, nicht hinreichend die Komplexität der sozialen Lage bzw. von Lebenslagen erfassen können. Daher werden multidimensionale Typologien entwickelt und dann quantifiziert. 

In Kapitel 3 von Teil B werden aktuelle und vergangene Entwicklungen der sozialen Mobilität dargestellt. Dabei handelt es sich um die Analyse der Chancen für Aufstiege in Bildung, beruflicher Stellung und Einkommensposition in generationaler Betrachtung.

 In Kapitel 4 von Teil B wird die gesellschaftliche und regionale Bedeutung der Daseinsvorsorge und der Versorgung mit öffentlichen Dienstleistungen und Infrastruktur erläutert. Insbesondere soll die Notwendigkeit des Bedarfs in strukturschwachen Regionen charakterisiert werden. Es wird aber auch gezeigt, dass Städte und Ballungsräume gleichfalls Bedarf an öffentlichen Dienstleistungen (z.B. Wohnraum, ÖPNV) haben.

Das 5. Kapitel schließt den Teil B mit Ausführungen über subjektive Wahrnehmungen und Sichtweisen in Hinblick auf Armut, Reichtum und soziale Mobilität. Im Einzelnen werden subjektive und vergleichende Einschätzungen von Armut und Reichtum und deren Verteilung dokumentiert. Thematisiert werden auch das Gerechtigkeitsempfinden hinsichtlich der Einkommens- und Vermögensverteilung sowie die Beurteilung der Gerechtigkeit von unterschiedlichen Höhen der Erwerbseinkommen. Charakterisiert werden ferner Wahrnehmungen und Bewertungen der eigenen Lebenssituation und der gesellschaftlichen Position sowie die eigene Lebenszufriedenheit. Dieses äußerst wichtige Kapitel besitzt ein hohes Diskussionspotenzial hinsichtlich subjektiver Bewertungen, u.a. von „Gerechtigkeit“ und „Zufriedenheit“. 

Teil C enthält vertiefende Analysen für einzelne Lebenslagen. Dabei handelt es sich um folgende Themen:

  • Kapitel 1: Erwerbsleben mit Daten zu Erwerbstätigkeit, Arbeitslosigkeit, zur Entwicklung von Löhnen und Gehältern (nominal und real), Lohnspreizung, zum prekären Beschäftigungssektor, Arbeitsmarkteintritt, zu Diskriminierung sowie zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Daran schließt sich eine Zusammenfassung an und die Darstellung von Maßnahmen;
  • Kapitel 2: Bildung mit Daten zum Umfang von Bildungsinvestitionen, zu den Bildungsniveaus der Bevölkerung, zu frühkindlicher Bildungsbeteiligung, zu Übergängen Schule-Ausbildung, zur beruflichen Bildung und Weiterbildung sowie Darstellung bildungspolitischer Maßnahmen und deren Evaluation;
  • Kapitel 3: Wohnen, Wohnkosten und Wohnumfeld mit Daten zur Wohnsituation, Bildung von Wohneigentum, Mietbelastung und Wohnungslosigkeit. Darauf folgt die Darstellung von Maßnahmen zur sozialen Sicherung des Wohnens;
  • Kapitel 4: Gesundheit mit Indikatoren zum Gesundheitsstand im Lebensverlauf, Gesundheitsverhalten und Beschreibung von gesundheitspolitischen Maßnahmen und Evaluationsergebnissen bestehender Maßnahmen;
  • Kapitel 5: Gesellschaftliche und politische Teilhabe sowie freiwilliges Engagement mit differenzierten Informationen zur sozialen Einbindung und politischer und kultureller Teilhabe, zur sozialen Isolation und Maßnahmen zur Förderung der Partizipation. 

Der Bericht schließt mit Teil D, bestehend aus einem Indikatoren – Tableau zum sechsten Armuts- und Reichtumsbericht.

Diskussion

Eine Diskussion und Bewertung des vorliegenden sechsten Armuts- und Reichtumsberichts (Lebenslagen in Deutschland) ist in Anbetracht des Umfanges des Berichts und der Vielfalt der behandelten sozioökonomischen Themenfelder an dieser Stelle nicht umfassend möglich. Daher sollen einige Ergebnisse, die allerdings einen zentralen Stellenwert in der Verteilungsdebatte besitzen, diskutiert werden. Insbesondere wird erörtert, ob die berechneten Indikatoren zur Einkommens- und Vermögensverteilung geeignet sind, Stand und Entwicklung der Verteilung valide abzubilden.

Darüber hinaus sollen auch die im Bericht reihenweise aufgeführten sozial-, wirtschafts- und bildungspolitischen Maßnahmen diskutiert werden, dabei insbesondere die Verfahren der Evaluation solcher Maßnahmen.

Ausgeblendet werden dagegen die sehr umfangreichen Erweiterungen der engeren ökonomischen Armuts- und Reichtums-Analyse in Form von multidimensionalen und längsschnittlichen Ansätzen. Auch die Aspekte der sozialen Mobilität als Einflusskomplex in Hinblick auf die Verteilung werden nicht diskutiert. Dies gilt auch für die Darstellung der Versorgung mit öffentlichen Dienstleistungen und der Infrastruktur. Dieser Themenblock fällt eher in den Bereich der Finanzwissenschaft, namentlich in die Theorie der Öffentlichen Güter und deren volkswirtschaftliche Effekte.

Im sechsten Armuts- und Reichtumsbericht wird bei der Analyse der Einkommensverteilung die Entstehung der Verteilung nach Markteinkommen dargestellt. Dabei handelt es sich um folgende Einkommensarten der privaten Haushalte (äquivalenzgewichtet zur Vergleichbarkeit unterschiedlicher Zahlen von Haushaltsangehörigen und vor Steuern und Sozialabgaben): Einkommen aus Vollzeitarbeit abhängig beschäftigt, aus Vollzeitarbeit selbstständig beschäftigt, aus Teilzeitbeschäftigung, aus geringfügiger Beschäftigung, aus Mieteinnahmen und aus Kapitalbesitz). Im Bericht werden die Anteile der einzelnen Einkommensarten an der gesamtwirtschaftlichen Summe der Markteinkommen für die Jahre 2005 und 2015 sowie informative Differenzierungen nach Verteilungs- Quintilen (einkommensschwächste 20 Prozent, mittlere 20 Prozent, einkommensstärkste Prozent) ausgewiesen. 

Die Heranziehung der zuvor genannten Anteilswerte ist problematisch. Die Bezugsgröße für die einzelnen Einkommensarten ist jeweils die Gesamtsumme der Markteinkommen, aber nicht jeder Haushalt bezieht auch z.B. ein Mieteinkommen, sondern lediglich ein Einkommen aus abhängiger Beschäftigung. Das bedeutet, dass anhand dieser Berechnung der Anteilswerte nicht erkennbar ist, wie viele Haushalte z.B. nur Einkommen aus marktbewerteten Arbeitsleistungen (unselbstständige oder selbstständige Tätigkeit) oder nur Kapitaleinkommen erzielen. Dies liegt daran, dass die ermittelten Anteilswerte der Einkommenskategorien am gesamten Markteinkommen nur durchschnittlich für die Gesamtheit der Haushalte gelten, d.h. keine Verteilungsaussage erlauben. Auch die Differenzierung nach Quintilen behebt diesen gravierenden Mangel nicht.

Zwingend erforderlich wären daher Betrachtungen verschiedener Kombinationen von Einkommensarten bei den Haushalten:

  • Einkommenssumme von Haushalten mit nur einer einzigen Einkommensart im Anteil an der Gesamtsumme der Markteinkommen,
  • Einkommenssumme von Haushalten mit nur zwei Einkommensarten usw. 

Es ergibt sich eine Reihe von Kombinationsmöglichkeiten, aber im Zuge entsprechender empirischer Auswertungen ließen sich die vorherrschenden Typen bestimmen.

Nur diese Vorgehensweise erlaubt eine valide Verteilungsanalyse der Markteinkommen. Es ließe sich u.a. zeigen, wie hoch die Einkommenssumme bei Haushalten ist, die Einkommen aus selbstständiger Vollzeitarbeit und zusätzlich noch Kapital- und Mieteinnahmen erzielen und welcher Anteil am Markteinkommen besteht. Von Interesse ist aber auch das Markteinkommen von Haushalten mit Einkommen aus Vollzeitarbeit (unselbstständig) kombiniert mit Vermögenseinkünften, weil unter den unselbstständigen Erwerbstätigen auch hochverdienenden Vorstände, Manager, CEO etc. geführt werden, die eher Vermögen bilden können.

Im Übrigen sollten die genannte Auswertung von Einkommenskombinationen nicht nur für Äquivalenzeinkommen vorgenommen werden, sondern auch für die nicht gewichteten Haushaltseinkommen.

Außerdem sollten für alle genannten Kombinationstypen des Einkommensbezugs die üblichen Verteilungsmaße berechnet werden.

Ferner müsste aber auch die Verteilung der Nettoäquivalenzeinkommen auf die Kombinationstypen der Haushalte bestimmt werden, wobei diese Betrachtung um die Nettoeinkommen der Haushalte aus Renten, Pensionen und Sozialtransfereinkommen ergänzt werden könnte. Diesbezüglich wären auch Kombinationen (z.B. nur Haushalte mit Rentenbezügen, Pensionen usw.) von Interesse.

Es soll hier noch erwähnt werden, dass die im Bericht ausgewiesene „Funktionale Verteilung“ in der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung (VGR) nicht aussagekräftig ist. Es werden nur zwei Verteilungspositionen (Entlohnung der Produktionsfaktoren „Arbeit“ und „Kapital“) ausgewiesen: Die Summe der Bruttoarbeitsentgelte und die Summe aus Unternehmens- und Vermögenseinkommen. Das Statistische Bundesamt argumentiert seit Jahrzehnten, dass die Aufspaltung dieser letztgenannten Größe in „Unternehmenseinkommen“ (spezifiziert als Einkommen aus selbstständiger Arbeit und Einkommen von Unternehmen als Kapitalgesellschaften) und „Vermögenseinkommen“ (Zinsen, Dividenden, Spekulationsgewinne, Miete, Pacht usw.) nicht möglich sei.

Es wäre daran zu denken, die gesamtwirtschaftlichen Summen der Markteinkommensarten für eine solche Aufspaltung heranzuziehen. Die Positionen (Einkommen aus unselbstständiger Arbeit, d.h. Löhne und Gehälter, aus selbstständiger Arbeit, d.h. aus Unternehmer-Tätigkeit in Personengesellschaften und in Einzelunternehmen, aus Mieteinkommen und aus Kapitaleinkommen) stellen eine differenziertere Funktionale Verteilung dar. Es fehlen aber die nicht ausgeschütteten Gewinne der Kapitalgesellschaften. Ausgeschüttete Gewinne sind dagegen den privaten Haushalten als Dividenden etc. zugeflossen. Auf der anderen Seite wird aber in der VGR die Summe der Einkommen aus Unternehmenstätigkeit zusammen mit den Vermögenseinkünften offiziell berechnet. Zieht man davon die gesamtwirtschaftlichen Einkommen aus selbstständiger Tätigkeit, die Einkommen aus Vermögen und die Mieteinkommen ab, so ergibt sich eine gesamtwirtschaftliche Restsumme, bestehend vornehmlich aus nicht ausgeschütteten Gewinnen.

Valide Verteilungsanalysen sollten die erläuterten Aspekte und Kritikpunkte aufgreifen. Ermöglicht werden z.B. Quantifizierungen des Einkommensblocks „Haushalte nur mit Kapitaleinkommen“ bzw. des Blocks „Haushalte nur mit Mieteinkommen“ als nicht arbeitsbezogene Einkommensarten. Aber auch das Gewicht „Haushalte nur mit Einkommen aus unselbtändiger Arbeit“ sowie „Haushalte nur mit Einkommen aus selbstständiger Arbeit“ als arbeitsbezogene Einkommen muss betrachtet werden.

Es handelt sich in dieser Sichtweise auch um die Offenlegung der faktischen Zurechnung des gesamtwirtschaftlichen Produktionsergebnisses auf die Produktionsfaktoren „Arbeit“ und „Kapital“. Dies gilt aber nur auf der gesamtwirtschaftlichen Ebene (Block „Einkommen aus unselbstständiger und selbstständiger Arbeit“) getrennt vom Block „Kapitaleinkommen aus Mieten, weiteren Vermögensarten und nicht ausgeschütteten Gewinnen“.

Im Abschnitt „Vermögensverteilung“ werden die Netto- Privatvermögensbestände (verzinstes Geldvermögen, z.B. Spar- und Bausparguthaben, Wertpapiere, angesammeltes Kapital in Lebensversicherungen, und Immobilien) je Haushalt ausgewiesen sowie Messzahlen der Verteilung.

 Offen bleibt aber eine Zurechnung der Vermögensbestände auf die Haushalte, insbesondere auf die unterschiedlichen Haushaltstypen (z.B. Haushalte nur mit einem arbeitsbezogenen Einkommen oder nur mit Vermögenseinkünften usw.). 

Ferner wird das individuelle Durchschnitts-Nettovermögen und dessen Verteilung dargestellt, wobei auch hier eine Zurechnung dieser Vermögensbestände auf die einzelnen Haushalte fehlt, besonders auf die oben skizzierten Kombinationstypen von Haushalten.

Ergänzt wird dieser Teil um neuere Ergebnisse aus einer Stichprobe aus dem Kreis der Hochvermögenden, und zwar solcher Personen, die mindestens eine Unternehmensbeteiligung besitzen. Nicht vorgenommen wird eine Zurechnung dieser individuellen Beteiligungsvermögen auf die privaten Haushalte, u.a. z.B. auf solche mit nur Einkommen aus selbstständiger Arbeit.

Eingewendet werden könnte gegen diese geforderte erweiterte Analyse der Einkommens -und Vermögensverteilung, dass die Datenlage für entsprechende Auswertungen nicht ausreichend sei. Allerdings sind die aufgeworfenen Problemstellungen in der Verteilungsanalyse einer Volkswirtschaft seit Jahrzehnten in der Theorie erforscht worden. Daher stellt sich die Frage, warum solche Datenlücken bis heute nicht geschlossen worden sind.

Weitere Teile des sechsten Armuts- und Reichtumsberichts beschäftigen sich mit der Beschreibung von wirtschafts-, sozial- und bildungspolitischen Maßnahmen. Es werden eine Vielfalt von Sicherungs- und Förderstrategien ausgebreitet sowie Ergebnisse von Evaluierungen des Erfolges. Nicht geliefert werden aber Angaben zu den öffentlichen Kosten (Staatsausgaben) dieser Instrumente, obwohl diese bei den Trägern der Maßnahmen aufzufinden sein dürften. Die Kosten könnten dann den Wirksamkeiten der Maßnahmen gegenüber gestellt werden. Allerdings werden die Erfolge nur als Erfolgsquoten bzw. Erfolgswahrscheinlichkeiten erfasst. Eine ökonomische Analyse stellt diese Vorgehensweise nicht dar. Vielmehr müssten „Nutzen“ in Form von monetären Effekten (z.B. Verbesserung und Verstetigung von Lebenseinkommen bei den Geförderten, zusätzliche Steuereinnahmen und vermiedene Sozialausgaben) einbezogen werden. In Anbetracht chronischer Engpässe in den öffentlichen Haushalten, derzeit auch pandemiebedingt, wären Kosten-Nutzen-Analysen ökonomisch gesehen erforderlich.

Fazit

Prinzipiell ist die kontinuierliche Berichterstattung über Lebenslagen in Deutschland zu begrüßen. Erst eine solche Betrachtungsweise ermöglicht die Fortführung sowie die Weiterentwicklung sozialpolitischer Reformen. Darüber hinaus bietet der Bericht eine umfassende Quelle von Informationen für die Bürger über die wirtschafts-, arbeitsmarkt-, bildungs- und sozialpolitischen Maßnahmen der staatlichen Institutionen. Erschwerend für die Lektüre, vor allem für nicht fachkundige Leser, sind aber die sehr zahlreichen Verweise auf wesentliche und vertiefende empirische Analysen in den Gutachten der wissenschaftlichen Begleitforschung des sechsten Armuts- und Reichtumsberichts.

Allerdings sind zwei zentrale Defizite im Bericht hervorzuheben, einerseits die äußerst unvollkommene empirische Analyse der Einkommensverteilung und die mangelnde Integration der Vermögensverteilungsbefunde in die Einkommensverteilung, und andererseits die Vernachlässigung einer ökonomischen Evaluation von Maßnahmen in Form von Kosten-Nutzen- Überlegungen.

Rezension von
Prof. Dr. Gernot Weißhuhn
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Es gibt 2 Rezensionen von Gernot Weißhuhn.


Zitiervorschlag
Gernot Weißhuhn. Rezension vom 11.02.2022 zu: Bundesministerium für Arbeit und Soziales (Hrsg.): Lebenslagen in Deutschland. Der sechste Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung. Eigenverlag () 2022. Open Access
Kurz- und Langfassung sowie weitere Daten zum 6. Armuts- und Reichtumsbericht. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/29099.php, Datum des Zugriffs 10.08.2022.


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