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Michael Borg-Laufs, Monique Breithaupt-Peters u.a.: Therapie-Tools Bindung und Bindungsstörungen

Rezensiert von Dr. Alexander Tewes, 23.11.2022

Cover Michael Borg-Laufs, Monique Breithaupt-Peters u.a.: Therapie-Tools Bindung und Bindungsstörungen ISBN 978-3-621-28667-1

Michael Borg-Laufs, Monique Breithaupt-Peters, Eva Jankowski: Therapie-Tools Bindung und Bindungsstörungen. Mit E-Book inside und Arbeitsmaterial. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2021. 308 Seiten. ISBN 978-3-621-28667-1. D: 36,95 EUR, A: 37,90 EUR.
Reihe: Therapie-Tools.

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Thema und Entstehungshintergrund

Die Reihe „Therapie-Tools“ umfasst bereits diverse Veröffentlichungen, von denen einige auch bereits auf socialnet rezensiert wurden. Sie wurde konzipiert um therapeutisch Tätigen Arbeitsmaterialien an die Hand zu geben. In der Regel erfolgt dies nach Störungsbildern (vgl. Wewetzer & Wewetzer, 2017; https://www.socialnet.de/rezensionen/23313.php), in anderen Fällen jedoch auch technikspezifisch (z.B. Faßbinder et al., 2011; https://www.socialnet.de/rezensionen/13459.php). Sie enthalten Materialien für Diagnostik, Therapieplanung und -durchführung und orientieren sich in der Regel am verhaltenstherapeutischen Vorgehen.

Zum Thema Bindung und Bindungsstörungen gibt es im verhaltenstherapeutischen Kontext bislang kaum Arbeitsmaterialien. Entsprechendes stellt das Autor:innenteam bereits im Vorwort fest:

„Dass »Bindung« ein zentrales Thema psychotherapeutischer und psychosozialer Hilfe ist, dürfe unbestritten sein. (…) Wir hatten damit gerechnet (…), schnell viele Beispiele für Materialien zu finden, die wir überarbeiten und für den vorliegenden Kontext anpassen könnten. Zu unserer Überraschung war aber die Recherche dann doch längst nicht so ergiebig, wie wir erwartet hätten“ (S. 10).

Folglich liegt mit der rezensierten Veröffentlichung eine der ersten Materialsammlung zu diesem Thema vor.

Autor:innen

Prof. Dr. Michael Borg-Laufs, Dipl.-Psych., ist Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut und Psychologischer Psychotherapeut, Professor sowie Dekan am FB Sozialwesen der Hochschule Niederrhein in Mönchengladbach. Seine Arbeitsschwerpunkte sind: Jugendhilfe, Kindes- und Jugendwohlgefährdung, Diagnostik, Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie, Soziale Online-Netzwerke.

Monique Breithaupt-Peters, Dipl.-Psych., ist systemische Supervisorin, Coach und Referentin, Neurofeedback- und Marte-Meo-Therapeutin. Sie arbeitet als Fachdienst- und Qualitätsmanagement-Beauftragte in einer pädagogisch-therapeutischen Jugendhilfeeinrichtung. Ihre Schwerpunkte sind: Neuropsychologie, Verhaltens- und Emotionsregulation bei Kindern und Jugendlichen, mehrdimensionale Hilfekonzepte bei komplexen Problemkonstellationen, Prozessbegleitungen und Beratungen im Organisationskontext.

Eva Jankowski, M.A. Psychosoziale Beratung und Mediation, ist Kinder- und Jugendlichenlichenpsychotherapeutin in Verhaltenstherapie, tätig in einer Praxis für Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie, sowie Systemische Familienberaterin und Lehrbeauftragte der Hochschule Düsseldorf.

Aufbau und Inhalt

Nach einem kurzen Vorwort wurde das Buch in folgende Kapitel aufgeteilt:

Kapitel 1 – Einführung

Dieses Kapitel führt mit vier Infoblättern in das Thema Bindung und Bindungsstörungen ein. Es werden die Bindungstypen im Kindes- und Jugendalter dargestellt und Typologie der Bindungsstörungen nach Brisch (2009) sowie die neuropsychologischen Grundlagen der Bindungsstörungen erläutert.

Kapitel 2 – Bindungspsychologische Basisthemen

Hier werden die im ersten Kapitel gelieferten theoretischen Grundlagen aufgegriffen und mittels diverser Arbeitsmaterialien ausgearbeitet. Unter den Oberbegriff „bindungspsychologische Basisthemen“ fassen die Autor:innen Inhalte wie beispielsweise die Entstehung individueller Bindungsbedürfnisse, die Auswirkung derartiger Erfahrungen auf andere psychologische Grundbedürfnisse (z.B. Autonomiestreben), Möglichkeiten, wie Bezugspersonen (Eltern und betreuende Personen) feinfühlig auf Bindungsbedürfnisse eingehen können und Strategien der Emotionsregulation in Abhängigkeit von entsprechenden Bindungserfahrungen.

Kapitel 3 – Bindungsdiagnostik

Die Diagnostik von Bindungsstörungen erfolgt laut Autor:innen ähnlich der anderer Störungsbilder, es können (mindestens) drei verschiedene Zugänge unterschieden werden:

  1. Kategoriale Diagnostik (z.B. anhand gängiger Klassifikationssysteme wie ICD-10)
  2. Standardisierte Bindungsdiagnostik (mit dafür konstruierten Verfahren)
  3. Individualisierte Diagnostik (um das Verhalten eines Kindes oder Jugendlichen zu erfassen, z.B. strukturierte Verhaltensbeobachtungen)

Zu allen oben genannten Zugängen werden Verfahren vor- und bereitgestellt.

Kapitel 4 – Bindungsaufbau

Dieses Kapitel richtet sich insbesondere an professionelle Fachkräfte oder an Pflege- und Adoptiveltern, welche mit Kindern und Jugendlichen zu tun haben, die in der Regel unsichere Bindungserfahrungen und/oder Bindungstraumatisierungen erfahren haben. Es geht lt. Angabe der Autor:innen um „eine ausführliche Beschreibung (…), wie Bindungsaufbau Schritt für Schritt gelingen kann“ (S. 109).

Kapitel 5 – Positive Bindungserfahrungen schaffen

Mit knapp 60 Arbeitsblättern auf 74 Seiten folgt das umfassendste Kapitel des Buchs. Die Materialien berücksichtigen unterschiedlichste Aspekte des Beziehungsaufbaus und der Beziehungsgestaltung und sie wurden sowohl für die professionell Tätigen, als auch für Eltern, Kinder und Jugendliche erstellt. Die Autor:innen erweitern hier den Fokus: „In diesen Materialien geht es nicht nur um Bindungsbeziehungen im engeren Sinne, sondern um positive Bindungserfahrungen auch mit anderen Personen, denn wir gehen davon aus, dass positive Bindungserfahrungen auch außerhalb der engsten Bindungen hilfreich auch auf Bindungsbeziehungen zurückwirken und insgesamt das innere Erleben von Beziehungen und Bindungen positiv beeinflussen“ (S. 124).

Kapitel 6 – Umgang mit Konflikten und herausfordernden Situationen

Die Arbeit mit bindungsgestörten Kindern und Jugendlichen führt immer wieder zu herausfordernden Situationen. Hier werden Materialien und Informationen geliefert, „die Handlungsoptionen eröffnen und Selbstreflexion in Bezug auf das Verhalten in schwierigen Erziehungs- und Beziehungssituationen unterstützen“ sollen (S. 199).

Kapitel 7 – Bindungsorientierte Biografie-, Eltern- und Familienarbeit

Hier steht die Arbeit mit Ressourcen im Vordergrund. Im Kontext dieser Thematik konzentrieren sich die Autor:innen hier auf die biografische Reflexion von Eltern und Bezugspersonen, aktuelle Bindungsressourcen, ggf. der Verbesserung der elterlichen Paarbeziehung, die Implementierung von Unterstützungsnetzwerken und die Reflexion familiärer und anderer Beziehungen. Des Weiteren wird eine Literaturliste für die vertiefende Lektüre geliefert.

Kapitel 8 – Bindung aufbauen und erhalten in Risikokontexten

Im abschließenden Kapitel wird noch mal spezifisch auf Risikokonstellationen eingegangen. Die Materialien aus den vorangegangen Kapiteln sind sowohl für die Arbeit mit bindungsgefährdeten oder -gestörten Personen als auch Risikofälle geeignet, während die hier die hier vorgestellten Arbeitsblätter ausschließlich für die Arbeit mit „Extremfällen“ entwickelt wurden. Die Autor:innen zählen hier folgende Risikokonstellationen auf: „Trennungsfamilien, Familien mit psychisch kranken Elternteilen, Pflege- sowie Adoptivfamilien, und Kinder/Jugendliche, die in stationären Jugendhilfeeinrichtungen leben“ (S. 249). Dieses Kapitel ist nahezu ähnlich umfassend wie das fünfte Kapitel.

Diskussion

Ich habe auf socialnet bereits einige Bücher von Michael Borg-Laufs und Kolleg:innen rezensiert. Sämtliche Rezensionen fielen positiv bis begeistert aus. Dies ist auch hier der Fall. Auch wenn ein Band aus der Reihe Therapie-Tools zwangsläufig ein wenig „dröge“ erscheinen mag – es handelt es sich halt um eine Materialsammlung – so haben die Autor:innen ein Thema identifiziert, das bislang sträflich vernachlässigt wurde. Bindungsprobleme zeigen fast alle Familien auf, mit denen man als Kinder- und Jugendlichenosychotherapeut:in konfrontiert wird. Entweder ist die eigentliche Diagnose Ursache oder Folge der Bindungsproblematik. Beispiel: Ein Kind kann aufgrund eines elterlichen Scheidungskonfliktes depressive Symptome entwickeln, andererseits stellt eine schwerwiegende psychische Erkrankung eines Kindes auch eine enorme Belastung für die Eltern dar, die zu Ehekonflikten führen können. Obwohl in Kapitel 7 eine umfassende Literaturliste geliefert wird, wird schnell deutlich, dass es in diesem wichtigen praktischen Arbeitsfeld noch eine große Publikationslücke gibt. Diese wurde hiermit zumindest anteilig geschlossen. Es wäre zu wünschen, dass das Autor:innenteam diesem Buch auch noch ein entsprechendes Fachbuch folgen lassen würde.

Die gelieferten Materialien können nicht nur in der Therapie genutzt werden; viele könnten auch in Beratung, Supervision, Selbsterfahrung und z.B. Deeskalationstrainings eingesetzt werden. Viel ist noch psychoedukativer Natur. Hier wäre es wünschenswert, in einer zukünftigen Auflage noch zusätzliche erlebnisbasierte Übungen hinzuzufügen, die direkt mit den Betroffenen durchgeführt werden können.

Fazit

Die Veröffentlichungen der Reihe Therapie-Tools sind überwiegend von hoher Qualität. Die Publikationen der Autor:innenteams um Michael Borg-Laufs ebenfalls. In der Summe konnte dieses Veröffentlichung eigentlich nur gut werden. Sie wurde es. Das Buch ist allen zu empfehlen, die regelmäßig mit Kindern und Jugendlichen arbeiten, die mit Herausforderungen im Bindungskontext konfrontiert werden und wurden – also beispielsweise Therapeut:innen, Lehrkräfte, pädagogisches Fachpersonal, Mitarbeitende im Jugendhilfekontext (stationär und ambulant), Sozialarbeiter:innen, etc. Für Lehrende (Supervisor:innen, Dozent:innen, Selbsterfahrungsleitung) findet sich ebenfalls viel hilfreiches.

Rezension von
Dr. Alexander Tewes
Instituts- und Ausbildungsleiter LAKIJU-VT (Lüneburger Ausbildungsinstitut für Kinder- und Jugendlichen-Verhaltenstherapie), Psychiatrische Klinik Lüneburg gemeinnützige GmbH im Verbund der Gesundheitsholding Lüneburg
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Es gibt 101 Rezensionen von Alexander Tewes.

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Zitiervorschlag
Alexander Tewes. Rezension vom 23.11.2022 zu: Michael Borg-Laufs, Monique Breithaupt-Peters, Eva Jankowski: Therapie-Tools Bindung und Bindungsstörungen. Mit E-Book inside und Arbeitsmaterial. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2021. ISBN 978-3-621-28667-1. Reihe: Therapie-Tools. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/29100.php, Datum des Zugriffs 29.11.2022.


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