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Uta Sonneborn, Ruthild Haage-Rapp u.a.: SELBST-geführte Psychotherapie

Rezensiert von Dr. rer. medic. Csilla Jeszenszky, 08.06.2022

Cover Uta Sonneborn, Ruthild Haage-Rapp u.a.: SELBST-geführte Psychotherapie ISBN 978-3-86781-295-5

Uta Sonneborn, Ruthild Haage-Rapp, Christa Middendorf, Ana Cristina Pires: SELBST-geführte Psychotherapie. Neue Wege der Integrativen Psychotherapie Innerer Systeme und der professionellen Selbstfürsorge. Arbor Verlag (Freiburg) 2021. 472 Seiten. ISBN 978-3-86781-295-5. D: 48,00 EUR, A: 49,40 EUR.
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Thema

„Ein IIFS-Erfahrungslehrbuch“ – wirbt das Deckblatt. Was der Titel des Buches noch im Ungewissen lässt, klären der Untertitel, der Klappentext und schließlich die Einleitung nach und nach auf. IIFS ist die Abkürzung für Integrative Systemische Therapie mit der Inneren Familie oder Integrative Psychotherapie Innerer Systeme. Sie ist eine Weiterentwicklung des IFS-Modells, bei der IFS für Internal Family Systems (auf Deutsch Systemische Therapie mit der Inneren Familie) steht. IIFS wird in dieser Ausgabe detailliert mitsamt Vorgeschichte und Wurzeln dargestellt. Besonderes Augenmerk wird dabei, wie der Untertitel verdeutlicht, auf die aus der Herangehensweise resultierenden neuen Wege sowohl in der Therapie als auch in der Selbstfürsorge für helfende Professionen gelegt. Die auf den ersten Blick eventuell ungewohnte Großschreibung des SELBST bezieht sich auf den in uns allen innewohnenden Teil unserer Persönlichkeit, unseren körperlich und mental erfahrbaren Wesenskern, welcher nicht nur die anderen Persönlichkeitsanteile wohlwollend steuert und begleitet, sondern auch mit dem größeren System des Menschseins (Beziehung zu anderen, zur Natur, zur Spiritualität) verbunden ist.

Die Zielgruppen sind primär Ärzt*innen und Psychotherapeut*innen, sowie andere helfende, therapeutisch arbeitende Berufe.

Autorinnen

Uta Sonneborn, Dr. med., Fachärztin für Psychotherapeutische Medizin und Fachärztin für Allgemeinmedizin und Akupunktur ist die Entwicklerin der IFS zu IIFS und zudem Gründerin und Leiterin des 1. IIFS-Instituts in Deutschland. Sie arbeitet neben ihrer eigenen Praxis als Dozentin, Balintgruppen-Leiterin, Lehrtherapeutin und Supervisorin.

Ruthild Haage-Rapp, Dipl.-Psych., Psychologische Psychotherapeutin, Supervisorin in eigener Praxis ist u.a. Dozentin an diversen Institutionen, darunter am IIFS-Institut in Heidelberg.

Christa Middendorf, Therapeutin für integrative humanistische Verfahren arbeitet in eigener Praxis, zusätzlich zum ambulanten und stationären psychoonkologischen Bereich, bzw. als Supervisorin, sowie Dozentin für IIFS und Psychoonkologie. 

Ana Cristina Pires, Dipl.-Psych., Trainerin, Personalentwicklerin, Coach, beschäftigt sich u.a. mit Konfliktmediation, -moderation und -beratung, Systemische Sexualtherapie für Paare und Supervision für IIFS.

Entstehungshintergrund

Das Buch ist ein Resultat und Destillat der langjährigen Berufserfahrung der Autorin(nen), aus der Praxis und der Lehre in den unterschiedlichen Gebieten der IIFS. Uta Sonneborn verfasste den Text federführend, die weiteren Autorinnen fügten jeweils ein Kapitel aus ihren Arbeitsbereichen hinzu.

Aufbau und Inhalt

Das Band gliedert sich in 4 Teile, bzw. insgesamt 18 Kapitel, zusätzlich zur Einleitung, Anmerkungen, Literaturliste, Vorstellung der Autorinnen, Danksagung und Kontaktadressen.

Der Text ist mit einzelnen Zitaten aus Belletristik bestückt und es finden sich darin an vielen Stellen Übungen, zum Teil gefolgt von leeren Zeilen zum schriftlichen Ausführen. Die Überschriften, auch die der Unterkapitel, sowie hervorgehobener Absätze und Beispiele sind in jeweils anderen Grüntönen markiert.

In der Einleitung wird der Leser darum gebeten, diese nicht zu überspringen, da wichtige Erklärungen zur Schreibweise und Bedeutung des SELBST aufgeführt werden.

Teil 1 mit dem Titel Grundlagen der Integrativen Systemischen Therapie mit der Inneren Familie beinhaltet fünf Kapitel:

  1. Die Humanistischen Psychotherapien
  2. Psychotherapeutische Grundhaltung und Ideen
  3. Die Achtsame Wahrnehmungsschulung
  4. Körperpsychotherapien
  5. Traumatherapie

Wie die Titel zutreffend hervorheben, werden hier sämtliche Wurzeln der IIFS gewürdigt und die Zusammenhänge der miteinander verwobenen Konzepte prägnant hergeleitet. Begrifflichkeiten und derer Ursprünge werden vorgestellt.

Teil 2 IIFS – Die Integrative Systemische Therapie der Inneren Familie umfasst sechs Kapitel:

  1. Eine kompakte Zusammenfassung
  2. Das Konzept des Selbst – eine Annäherung von Ruthild Haage-Rapp
  3. SELBST-Qualitäten und Persönlichkeitsanteile in der IIFS erfahren und erleben
  4. SELBST und Persönlichkeitsanteile voneinander unterscheiden
  5. Die Arbeit mit Teilen in der Psychotherapie
  6. Weitere Charakteristika der IIFS

Dieser Teil kann als Kernstück des Werkes gesehen werden, da hier essenzielle Elemente der IIFS beschrieben werden. Die einzelnen Kapitel fungieren im Baukastenprinzip: Sie sind einzeln lesbar, bauen dennoch aufeinander auf. Von dem vielschichtigen Informationskomplex sind hier im Folgenden einige zentrale Aussagen hervorzuheben:

  • IFS vs. IIFS: Richard Schwartz, Familientherapeut und Professor für klinische Psychologie, konzipierte IFS ausgehend von dem Gedanken der Multiplizität der Persönlichkeit, wie schon u.a. aus Gestalttherapie, Jungianischer Psychologie, Transaktionsanalyse oder Psychosynthese bekannt; währenddessen erweitert IIFS diese Ideen um die Einflüsse aus humanistischen Psychotherapierichtungen, achtsamer Wahrnehmungsschulung und Körperpsychotherapie
  • die individuelle Entwicklung erfolgt inter- wie auch intrapersonell vermittelt durch die Beziehung; der Kontakt des SELBST zu den eigenen Anteilen formt analog zum Verhältnis zu anderen Personen das gesamte System
  • das SELBST verfügt über eine beobachtende, steuernde und integrierende Funktion und einer Haltung der Verbundenheit, die in jedem Menschen inhärent vorhanden sind und die sich neben der eigenen Innenwelt auch in der Außenwelt zeigen (zwischenmenschlich, bzw. der Natur, der Gesellschaft gegenüber)
  • die bezeichnenden Qualitäten des SELBST werden im Englischen mit 10 Cs zusammengefasst: calm/ruhig, gelassen; curious/neugierig, interessiert, offen; creative/kreativ; clear/klar, stimmig; centered/zentriert; confident/vertrauensvoll, zuversichtlich; compassionate/mitfühlend; connected/verbunden; constant/verlässlich; courageous/mutig
  • erlebt jemand etwas für sein aktuelles Alter Belastendes oder Traumatisierendes, wird dieses Erlebnis und damit ein Teil der Persönlichkeit (die Angst, die Wut, die Verzweiflung, die Scham) unterdrückt und erzeugt so einen Verbannten im System; Gleichzeitig stellen sich sog. Beschützer vor diesen Anteil um zu garantieren, dass diese Empfindungen tatsächlich nicht mehr erlebt werden (so wird z.B. ein Mensch, der in der Kindheit die Erfahrung machen musste, von primären Bezugspersonen verlassen zu werden, sich später ggf. vor der Erfahrung sofern schützen, indem er sich gar nicht erst auf enge Bindungen einlässt)
  • Beschützer Anteile können sich als Feuerbekämpfer oder Manager offenbaren; Manager sind langfristig bestrebt (z.B. durch Optimierung, Leistung, Kontrolle) dafür zu sorgen, dass die verbannten Empfindungen nicht mehr in den Vordergrund treten können, während Feuerbekämpfer sich bei Gefahr in Verzug aktivieren und kurzfristig versuchen, die unerwünschten Impulse im Bann zu halten (z.B. durch Suchtverhalten, bzw. Betäubung jeglicher Art, wie vermehrter Medienkonsum, Sport, Depressivität)
  • Umgang des SELBST mit den Anteilen im Sinne einer Integration (Kurzfassung): SELBST Qualitäten körperlich erspüren, Beschützer wahrnehmen, würdigen, wertschätzen, entlasten, Verbannte wohlwollend begegnen, willkommen heißen, schließlich alle Anteile im System ihren Platz einnehmen lassen, das Vertrauen in die Führung des SELBST stärken

Teil 3 Vertiefende Aspekte und Anwendungsbereiche der Therapie der IIFS verzeichnet drei Kapitel:

  1. Schamgebiete von Ana Cristina Pires
  2. Psychoonkologie mit IIFS von Christa Middendorf
  3. IIFS und Trauma

Jedes der Kapitel in dritten Teil stellt ein Spezialgebiet vor, bei dem zum Teil die aus anderen Schulen etablierte Methodik mit der Herangehensweise der IIFS ergänzt wird. Abgerundet werden die Texte mit ausführlichen Fallbeispielen, Abbildungen, Listen und selbst durchführbaren Übungen.

Teil 4 Professionelle Selbstfürsorge mit IIFS setzt sich aus vier Kapiteln zusammen:

  1. Was ist professionelle Selbstfürsorge?
  2. SELBST-Qualitäten und Therapeut*innen-Teile im Beruf entdecken
  3. Balintgruppen
  4. Supervision

In diesem Teil wird ergänzend eine akribische Anwendung der bislang kennengelernten Vorgehensweisen auf das eigene Erleben von Therapeuten transferiert. Dies kann als Ergänzung zur Arbeit mit Klient*innen betrachtet werden. Hier sind die Ausführungen noch näher an Erfahrbarkeit orientiert als in den vorherigen Teilen, mit einem Exkurs explizit zur Herausforderungen bei Ärzt*innen und die Merkmale der Medizinerausbildung.

Das letzte Kapitel bietet Supervisor*innen, die IIFS in ihr Wirken implementieren möchten, fundierte Leitfäden und konkrete Beispieldialoge.

Diskussion

Das Buch ist als eine wahre Bereicherung für helfende Berufe zu betrachten. Allerdings können auch am Thema Interessierte mit diversen Hintergründen Anknüpfungspunkte darin finden. Die Schreibweise ist gendergerecht, inklusiv und traumasensitiv und bereitet so den Boden zum Modelllernen bereits beim Lesen. Die Konzepte der Ursprungsthesen der IIFS werden wertneutral skizziert und deren Komplexität mit Leichtigkeit und gut lesbar vermittelt.

Durch die vielen, bedacht platzierten Reflexionsaufgaben gleicht der Aufbau nahezu einem Selbsterfahrungskurs, jenseits der vielseitigen Funktionen als (Erfahrungs-)Lehrbuch. Somit können die unterschiedlichen Überlegungen und Methoden erprobt und sogar in das eigene Handeln oder in die eigene Weltsicht integriert werden. Die Sequenz der einzelnen wohl dosierten Kapitel ähnelt konzentrischen Kreisen: Die Kapitel bestehen in sich einzeln, gehen detailliert auf jeweils ein Gebiet ein und stellen gleichzeitig ein organischer Bestandteil des ganzen Werkes.

Der Schreibstil der Autorinnen ist durch flüssige Narrative, Kohärenz und kleinschrittiger Darstellung der Begrifflichkeiten charakterisiert – und durch eine Prise Humor. Die etwas differierende Erzählweisen der Autorinnen sind gut miteinander kompatibel; die Querverweise sind stimmig und vertieftes Verständnis fördernd.

Des Weiteren sind die herausragende Haptik und Optik des Buches hervorzuheben. Das Papier mitsamt Deckblatt wirkt geschmeidig und hat einen angenehmen Griff. Die verwendeten Farben für Überschriften, Abbildungen, sowie Beispiele harmonieren mit den Nuancen des Umschlages.

Fazit

Die vorliegende Publikation stellt eine Einleitung und Überblick (inkl. Sonderbereiche) und gleichzeitig ein Nachschlagewerk – mit den Worten der Autorinnen ein „Erfahrungslehrbuch“ – zur Therapiemethode Internal Family Systems (IFS) und zu der daraus entwickelten Integrativen Psychotherapie Innerer Systeme (IIFS) dar. Durch die graduelle Spezifizierung der Kapitel ist es möglich mit unterschiedlichem Vorwissen einzusteigen und entweder bereits vorhandene Kenntnisse in dem Gebiet zu vertiefen oder ganz neue Eindrücke und Impulse zu akquirieren.

Rezension von
Dr. rer. medic. Csilla Jeszenszky
Dipl.-Psych.
Psychologische Psychotherapeutin
Uniklinikum Carl Gustav Carus Dresden
Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie
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Es gibt 5 Rezensionen von Csilla Jeszenszky.

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Zitiervorschlag
Csilla Jeszenszky. Rezension vom 08.06.2022 zu: Uta Sonneborn, Ruthild Haage-Rapp, Christa Middendorf, Ana Cristina Pires: SELBST-geführte Psychotherapie. Neue Wege der Integrativen Psychotherapie Innerer Systeme und der professionellen Selbstfürsorge. Arbor Verlag (Freiburg) 2021. ISBN 978-3-86781-295-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/29102.php, Datum des Zugriffs 01.07.2022.


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