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Timo Storck: Ich und Selbst

Rezensiert von Dr. phil. Ulrich Kießling, 25.04.2022

Cover Timo Storck: Ich und Selbst ISBN 978-3-17-041206-4

Timo Storck: Ich und Selbst. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2022. 207 Seiten. ISBN 978-3-17-041206-4. 36,00 EUR.
Reihe: Grundelemente psychodynamischen Denkens - 7
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Thema

Seine achtbändige Einführung „Grundelemente des psychodynamischen Denkens“ beschließt Timo Storck mit den beiden fast gleichzeitig erschienenen Bänden 7 und 8. Der hier zu besprechende Band 7:„Ich und Selbst“ stellt eine kritische Einführung zum aktuellen psychoanalytischen Diskurs zu diesem Thema dar. Das Werk Freuds bildet Ausgangs- und zugleich kontinuierlichen Bezugspunkt der Diskussion. Storck will offenbar nicht nur Freud-Exegese betreiben sondern Freud kritisch interpretieren, unter dem Motto „mit Freud gegen Freud“, was wohl am ehesten als historisch-kritischer Zugang verstanden werden kann. Somit wir das Verhaftet sein Freuds in der Denktradition des 19. Jhts. sichtbar und teilweise dekonstruiert. An die Stelle der Mechanik der Energieübertragung tritt Konstruktivismus, Sprachphilosophie und moderne Hermeneutik. Deutlich wird dabei, dass Freuds Ideen diese Dekonstruktion nicht nur gut vertragen, sondern in moderner ideengeschichtlichen Lesart neu überzeugen können.

Autor

Timo Storck (*1980) ist Professor für Klinische Psychologie und Psychotherapie (Schwerpunkt Tiefenpsychologie) an der Psychologischen Hochschule Berlin. Er hat in Bremen Psychologie, Religionswissenschaft und Philosophie studiert und war wissenschaftlicher Mitarbeiter an den Universitäten Bremen, Kassel und Wien. 2010 legte er eine Dissertation zu künstlerischen Arbeitsprozessen an der Uni Bremen vor; 2015 habilitierte er sich mit einer Arbeit zum Verstehen von Teamprozessen in der teilstationären psychosomatischen Therapie an der Universität Kassel. Er ist Psychoanalytiker der IPV und psychologischer Psychotherapeut. Er hat mehrere Bücher und zahlreiche weitere Texte publiziert; einer seiner Schwerpunkte ist die psychoanalytische Filminterpretation. Neben der Produktivität als Autor ist Storck auch Herausgeber und Mitarbeiter mehrerer Zeitschriften bzw. Buchreihen (z.B. Psychoanalyse. Texte zur Sozialforschung)

Entstehungshintergrund

Unmittelbar nach seiner Berufung nach Berlin stellte Storck in einer öffentlichen Vorlesung die Grundkonzepte Psychodynamischen Denkens dar. Im Wintersemester 2016/17 begann er mit „Trieb“, im Sommersemester 2020 endet er mit „Deutung“. In diesen Jahren handelt er gewissermaßen den konzeptuellen Rahmen des psychoanalytischen Denkens ab, von der unbewussten Symptombildung als Bewältigungsversuch des Eindringens eines Triebimpulses ins „Ich“, bis zur Deutung als Metapher für die Integration aller Strebungen der Person in ihr Selbst.

In 40 Veranstaltungen trägt er nicht nur die Grundkonzepte des psychodynamischen Denkens vor, sondern er vernetzt sie immer wieder mit aktuellen Lesarten innerhalb des Psychodynamischen Diskurses und erfüllt den Anspruch, konzeptuelle Kritik, klinische Praxis und wissenschaftlichen Transfer zu verbinden.

Im Band 7 nun geht es um die Grundkonzepte von Ich und Selbst, wie gewohnt bietet Storck neben der Lektüre auch die Möglichkeit sich in filmischen Kasuistiken mit dem jeweiligen Thema auseinanderzusetzen.

Aufbau und Inhalt

In sieben Kapiteln wird das psychoanalytische Wissen über die Konzepte Ich und Selbst zusammengefasst:

  1. Einleitung
  2. Die Grundlagen von Ich und Selbst bei Freud
  3. psychoanalytische Ich-Psychologie
  4. Die psychoanalytische Selbstpsychologie
  5. Strukturkonzeptionen in der Psychoanalyse
  6. Ich und Selbst interdisziplinär
  7. Zusammenfassung und Ausblick; es folgen Literatur und (wichtig bei Storck) ein Medienverzeichnis, in dem alle Filme (Serien) nebst Staffel und Episode aufgeführt sind, sodass RezipientInnen alle aufgeführten szenischen Fallillustrationen selbst ansehen und beurteilen können.

Während Freud die Begriffe Ich und Selbst noch weitgehend austauschbar und eher in ihrer umgangssprachlichen Bedeutung zu gebrauchen schien, wird seit der Einführung des dreiteiligen Strukturkonzepts (Es, Ich und Über-Ich) das Ich eher als Metapher für eine Funktion der Persönlichkeit verstanden, wodurch zwischen Triebimpulsen und Realitätsanforderungen möglichst flexibel ein Kompromiss ermöglicht wird. Zu diesem Zweck setzt das Ich die von Anna Freud katalogisierten reifen Abwehrmechanismen ein, notfalls aber auch die vor allem von Melanie Klein und Otto F. Kernberg beschriebenen sogenannten primitiven Abwehrmechanismen. Nach Auffassung der psychoanalytischen Ich-Psychologie (vor allem Kris, Hartmann und Löwenstein) ist das Ich also ein Anpassungsorgan der Persönlichkeit, die bei ausreichender Ich-Stärke gegenüber einer durchschnittlich erwartbaren Realität die Anpassung einer Person gegen innere und äußere Widerstände gelingen lässt. Es gäbe auch eine konfliktfreie Sphäre des Ich, die die Anpassung an die vorgefundenen Umstände erleichtere.

Der Höhepunkt der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit diesem Konzept wurde Ende der 50er Jahre in New York erreicht, und vor allem die deutschen Psychoanalytiker folgten der Vorgabe bis weit in die 70er Jahre hinein. Erst die Frankfurter Gruppe um Alexander Mitscherlich konnte diese Tradition produktiv erweitern und entwickelte ihrerseits eine (in der Lesart der kritischen Theorie marxistisch vertiefte) Interpretation des Konzepts als kritische Theorie der Persönlichkeit; zu denken ist hier vor allem an Alfred Lorenzer, Hermann Argelander und, in eine eher konservative und später kleinianische Lesart gewendet, Wolfgang Loch. In den USA erreichte die konzeptuelle Kritik an der Ich-Psychologie einen ersten Höhepunkt mit der Einführung von Heinz Kohuts Selbstpsychologie, aber auch durch die interpersonelle und später intersubjektive Perspektive von Erich Fromm, Harry Stack Sullivan, Frieda Fromm-Reichmann. Mit Stephen A. Mitchell‘s Arbeit: Bindung und Beziehung, mit der er die relationale Psychoanalyse begründet, war um das Jahr 2000 ein weiterer Höhepunkt der Kritik erreicht. Feministische Forscherinnen wie Donna M. Orange (2004) oder Jessica Benjamin (1988) tragen zur Überwindung der sich naturwissenschaftlich (miss-) verstehenden Ich-Psychologie bei. Die sehr produktive Auseinandersetzung der 60er und 70er Jahre im deutschen Sprachraum, begonnen mit Jürgen Habermas‘ 1968 publizierter bahnbrechender Arbeit „Erkenntnis und Interesse“, die Freuds Selbstmissverständnis als Naturwissenschaftler klärt, über Alfred Lorenzers „Szenisches Verstehen“ (Sprachzerstörung und Rekonstruktion, zuerst 1970), die den Status der Psychoanalyse sprachphilosophisch beleuchtet, bis hin zu Hermann Argelanders Anwendungen des szenischen Verstehens in verschiedenen Feldern, soll die Psychoanalyse wissenschaftstheoretisch neu begründen, findet jedoch in der psychoanalytischen Szene selbst nicht die verdiente Resonanz.

Wenn sich heute das intersubjektive Verständnis der Psychoanalyse immer mehr durchsetzt, scheint das gleichermaßen hoffnungsvoll wie auch hoffnungslos, da die psychotherapeutische Forschungslandschaft längst in einem empiristischen Paradigma gefangen ist, das nur noch auf sogenannte evidenzbasierte Verfahren setzt und subjektwissenschaftliche Forschung erfolgreich marginalisiert.

Seit der Überwindung der Stagnation der Psychoanalyse (durch die Delegitimierung der Auffassungen der Ich psychologischen Orthodoxie in den 70er Jahren) ist an Stelle des Richtig oder Falsch im Sinn der Eisslerschen Nominal- oder Standardtechnik ein methodischer Pluralismus entstanden (vgl. Wallerstein 2006).

Wir können heute von Kulturen der Psychoanalyse sprechen, die nicht mehr als richtig oder falsch angesehen werden, vielmehr als zulässige Interpretationen im Rahmen einer bestimmten wissenschaftlichen oder therapeutischen Kultur. Zwar hat im gleichen Zug auch die Bedeutung der empirischen Forschung zugenommen; deren Ergebnisse sind jedoch nur eingeschränkt auf den Gegenstand anwendbar, sodass teilweise absurde Effekte entstehen: Manche psychoanalytischen Diskurse schotten sich bewusst von den Ergebnissen der empirischen Forschung ab, andere betrachten die Ergebnisse der Nachbardisziplinen als hoch relevant (vgl. Kontroverse zwischen André Green und Daniel Stern, später Peter Fonagy (Zsfg in Thomä/Kächele 2006). Storck gibt einen nachvollziehbaren Überblick, indem er die Deutungspraktiken wieder aus diesem Kontext löst und in einem nachvollziehbaren Rahmen beschreibt. Ein Gelingen im Sinn der Theorieschulen muss hier offen bleiben; jedenfalls ist es anschaulich und vermittelt eine Vorstellung von den jeweiligen Problemverständnissen.

Diskussion

Meine Begeisterung angesichts der ersten drei Bände der Reihe hat sich im wesentlichen erhalten, auch wenn sich in den letzten beiden Bänden ein paar sprachlich-stilistische Schludrigkeiten eingeschlichen haben (die wohl der Arbeitsbelastung mit Corona im Homeoffice geschuldet sind). Im Vergleich mit anderen Einführungstexten in die analytisch-psychodynamische Arbeit sind Timo Storcks Texten herausragend, weil eine schier ungeheure Textmenge nicht nur systematisch überblickt wird (das findet sich auch bei Wolfgang Mertens), sondern die unterschiedlichen Perspektiven und Positionen auch aus relevanten Metaperspektiven untersucht und kritisch eingeordnet werden. Timo Storck tritt hier in die Fußstapfen von Otto Fenichel (1897-1946) als Enzyklopädist der Psychoanalyse, was um so bedeutungsvoller ist, da die Psychoanalyse kaum mehr an öffentlichen Hochschulen vertreten ist und in wissenschaftlichen Diskursen immer mehr marginalisiert wird.

Benutzerfreundlich und für didaktische Zwecke praktisch ist der Rückgriff auf Filmszenen zur Veranschaulichung gerade behandelter Themen; nebenbei machen sie auch Lust auf mehr und laden zu filmischen Exkursen ein.

Fazit

Psychoanalyse/​psychodynamische Psychotherapie hat, anders als naturwissenschaftlich begründete Psychologie (bei der jeweils die neueste Auflage der aktuellen Lehrbücher den Stand des Wissens repräsentiert), eine kaum noch überschaubare Komplexität erreicht. Umso verdienstvoller sind Einführungen und Überblicksarbeiten, die die Komplexität auf ein überschaubares Maß reduzieren. Mit seiner Konzentration auf konzeptuelle Kritik, klinische Praxis und wissenschaftlichen Transfer leistet die achtbändige Einführung von Timo Storck genau das in hervorragender Weise.

Literatur

Benjamin, Jessica (1990): Die Fesseln der Liebe.Psychoanalyse, Feminismus und das Problem der Macht, Frankfurt a. M. und Basel: Stroemfeld/​Nexus

Eissler, Kurt (1953): The Effect of the Structure of the Ego on Psychoanalytic Technique, in: J. Amer. Psychoanal. Assn. 4, 104–143

Mertens, Wolfgang (2010/11): Psychoanalytische Schulen im Gespräch. 3 Bd., Bern: Huber

Mitchel, Stephen A. (2003): Bindung und Beziehung, Gießen: Psychosozial

Thomä, H./H. Kächele (2006): Psychoanalytische Therapie, Bd. 1, Grundlagen, S. 55/56

Wallerstein, Robert S. (2006): Entwicklungslinien der Psychoanalyse seit Freud. Divergenzen und Konvergenzen einer Wissenschaft im steten Wandel, in Psyche 60. Jg., Heft 9/10 S. 798–828

Rezension von
Dr. phil. Ulrich Kießling
Dipl.-Sozialarbeiter/Soziale Therapie, Analytischer Psychotherapeut für Kinder und Jugendliche, Familientherapeut und Gruppenanalytiker, tätig als niedergelassener Psychotherapeut in Treuenbrietzen (Projekt Jona) und Berlin, Dozent, Supervisor und Selbsterfahrungsleiter in der Ausbildung von Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten
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Es gibt 16 Rezensionen von Ulrich Kießling.

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Zitiervorschlag
Ulrich Kießling. Rezension vom 25.04.2022 zu: Timo Storck: Ich und Selbst. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2022. ISBN 978-3-17-041206-4. Reihe: Grundelemente psychodynamischen Denkens - 7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/29113.php, Datum des Zugriffs 22.05.2022.


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