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Bernhard Emunds, Jonas Hagedorn u.a.: Häusliche Pflegearbeit gerecht organisieren

Rezensiert von Dr. rer. soc. Gudrun Silberzahn-Jandt, 13.04.2022

Cover Bernhard Emunds, Jonas Hagedorn u.a.: Häusliche Pflegearbeit gerecht organisieren ISBN 978-3-7799-6723-1

Bernhard Emunds, Jonas Hagedorn, Marianne Heimbach-Steins, Lea Quaing: Häusliche Pflegearbeit gerecht organisieren. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2021. 170 Seiten. ISBN 978-3-7799-6723-1. D: 29,95 EUR, A: 30,80 EUR.
Reihe: Arbeitsgesellschaft im Wandel
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Thema

Das Buch ist erschienen in der Reihe Arbeitsgesellschaft im Wandel, die sich der Aufgabe widmet, soziale Phänomene des Arbeitsmarkts insbesondere des Dritten Sektors zu erforschen und Wege zur Verbesserung derselben zu formulieren. Der Fokus liegt auf der häuslichen Pflege und den Strukturen unter denen Pflegearbeit von den Angehörigen, den ambulanten Pflegediensten und den Live-Ins, die oft unter ausbeuterischen Bedingungen tätig sind, geleistet wird. Die Analyse und die daraus formulierten Reformvorschläge sind auf der Folie erstellt, die häusliche Pflege an dem Anspruch gerechter Arbeit zu prüfen und dahingehend zu verändern.

AutorInnen

Die AutorInnen verstehen sich alle als SozialethikerInnen. Bernhard Emunds hat die Professur für christliche Gesellschaftsethik und Sozialphilosophie an der Philosophisch Theologischen Hochschule Sankt Georgen in Frankfurt am Main inne und leitet zudem das dort angesiedelte Oswald von Nell-Breuning-Institut für Wirtschafts- und Gesellschafsethik. Der promovierte Politikwissenschaftler und Theologe Jonas Hagedorn arbeitet an diesem Institut. Marianne Heimbach-Steins ist als Professorin für Christliche Sozialwissenschaften und Sozialethische Genderforschung an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Münster tätig. Die Theologin Quaing Lea ist am Institut für Christliche Sozialwissenschaften in Münster tätig und koordiniert dort das Netzwerkbüro Theologie & Beruf.

Entstehungshintergrund

Die Analysen dieses Buches sind Ergebnisse des von 2016 bis 2020 von der DFG finanzierten Projekts des Oswald von Nell-Breuning – Institut und dem Institut für Christliche Sozialwissenschaft in Münster mit dem Titel „Pflegearbeit in Privathaushalten. Eine Frage der Anerkennung“. Zentral für dieses Projekt sind zwei empirische Studien: die eine vergleichend zu den Strukturen der häuslichen Pflege in Deutschland, den Niederlanden, Frankreich und Österreich, die andere in Form von Interviews mit ExpertInnen dieses Pflegesettings.

Aufbau und Inhalt

Dieses Buch nimmt sich dem Thema in vier Kapiteln mit unterschiedlichen Akzenten an. Nach der Einleitung, in der die Bedeutung dieser unsichtbaren und wenig in der gesellschaftlichen Öffentlichkeit anerkannten Arbeit sowie die Forschungsfrage und der Kontext der Studie dargelegt wird, folgt der Teil, der sich theoretisch fundiert mit der Gerechtigkeitsperspektive der Pflegearbeit beschäftigt. Unter dem Untertitel „Anerkennungstheoretische Grundlage“ führen die AutorInnen in die von Axel Honneth begründete Theorie kritischer Beschreibung gesellschaftlicher Verhältnisse in Arbeitskontexten ein und modifizieren diese für das spezifische Untersuchungsfeld. Knapp weisen sie zudem auf die Problematik der Intersektionalität hin, um dann bei den „Konkretionen für die Pflege(erwerbs)arbeit“ auf Grundlage ihrer qualitativen Studie drei Grundmaximen von Gerechtigkeit auszuführen. Diese sind: das Recht auf gerechte Arbeitsbedingungen sowie die Forderung nach sozialstaatlicher gesamtgesellschaftlicher politischer Beteiligung an der Frage, wie Menschen mit Pflegebedarf versorgt werden sollen. Als weiteren innovativ-kritischen Ansatz formulieren sie das „Right to care- Right not to care“. Sie kommen zu dem Schluss, dass aufgrund fehlender Pflegeinfrastruktur und eines in Deutschland existierenden ideologisch überhöhten familialistischen Pflegesystems eine tatsächliche Wahlfreiheit, ob Angehörige sich bei der Pflege eines Familienmitglieds engagieren wollen oder nicht, keineswegs existiert. Das nächste große Kapitel nimmt sich der „Angehörigenarbeit als familiäre Sorgearbeit“ an. Zunächst wird mittels Nutzung statistischer Daten die quantitative Dimension der Angehörigenpflege beschrieben. Im Anschluss folgt ausgehend von den qualitativ geführten Interviews die Darstellung der Angehörigenpflege und die Frage ihrer Wertschätzung, wobei deutlich wird, dass eine Übernahme der Pflege in der Häuslichkeit als positives solidarisches Familienbild transportiert wird, die Heimaufnahme aber als „Horrorszenario“. Besonders betont wird zudem, die Genderperspektive wonach weiterhin Pflege in allen Settings sich hauptsächlich als „Frauensache“ präsentiert. „Right to care und right not to care“ wird im Weiteren unter Gerechtigkeitsaspekten fokussiert. Dass die Angehörigenpflege unter einem Gerechtigkeitsdefizit leidet, stellen die Autorinnen mit Verweis auf die fehlende Vereinbarkeit von Beruf und Pflege oder den nicht vorhandenen finanziellen Ausgleich dar.

Im folgenden Kapitel drei wird der Frage nachgegangen, inwieweit sich die häusliche Pflegearbeit als ein Beruf wie jeder andere darstelle. Dazu werden zunächst Merkmale häuslicher Pflegeleistungen, wie „fehlende Standardisierung“, „personale Interaktionsarbeit“, oder „der Charakter des unverzichtbaren Vertrauensguts“ benannt. Danach wird auf Anstrengungen und politische Instrumente sowie Bemühungen hin zu einer Professionalisierung und dem gegenläufigen Trend der zunehmenden Deprofessionalisierung in der Pflegebranche, wie es die AlltagshelferInnen oder sie Live-Ins sind, eingegangen. Gerechtigkeitsdefizite werden dann als Folge von Prekarisierungsprozessen und der besonderen Zeitstruktur in der Pflege wie z.B. geteilten Diensten und vermehrter Teilzeitarbeit benannt. Der ökonomische Blick entlarvt das Trilemma der Pflegearbeit. Dieses bestehe daraus, dass von den Ansprüchen „gerechter, fürsorglicher und erschwinglicher Pflege jeweils nur zwei zu verwirklichen sind.“

Im letzten Kapitel münden die Analysen in Reformideen, die eine Entwicklung von einer „sorglosen zur sorgenden Gesellschaft“ ermöglichen sollen. So wird nicht nur für menschenwürdige und gerechte Arbeitsmodelle für Live-Ins plädiert, sondern auch als langfristiges Ziel für eine Pflege, die solche Strukturen – nur mit prekär Beschäftigten Pflege leisten zu können – überwunden hat. Auch zur Finanzierung werden konkrete Vorschläge unterbreitet: so die der zusätzlichen Finanzierung über Steuern insbesondere von den sehr vermögenden Haushalten und ganz konkret über die Anhebung der Erbschaftssteuer.

Diskussion

Diese Studie zeigt fundiert und präzise das Trilemma der Pflege, insbesondere das im häuslichen Setting auf und nimmt in einer sozialethischen Herangehensweise dazu Stellung. Die AutorInnen analysieren scharfsinnig die prekären Verhältnisse der in der häuslichen Pflege tätigen Angehörigen, Pflegekräfte und Live-Ins. Sie gehen theorie- und empiriebasiert vor und legen den Fokus auf bisher unterbelichtete Bereiche, wie den der Familialisierung von Pflege oder den der fehlenden Wahlmöglichkeit ob jemand pflegen möchte oder nicht. Die AutorInnen bleiben nicht in der Deskription und Kritik, sondern werden politikberatend tätig, indem sie langfristige Ziele formulieren, und zudem auch Wege dorthin über mittelfristige Lösungen benennen. Sie sind geleitet davon, dass Arbeit gerecht entlohnt sein muss, dass sie gerecht hinsichtlich der Arbeitszeiten und der -bedingungen zu sein hat und dass die Gesellschaft dafür Verantwortung trägt. Der Titel des Buches hätte angesichts der gesellschaftlichen Brisanz des Themas schärfer formuliert sein können, ähnlich dem des Unterkapitels „von der sorglosen zur sorgenden Gesellschaft“.

Fazit

Dieses Buch weist auf massive Schwächen in unserer Pflegelandschaft hin, und zeigt auf, wie durch die Deprofessionalisierung, Prekarisierung und der Setzung „ambulant vor stationär“ Gerechtigkeitsdefizite zementiert werden. Sprachlich klar formuliert werden Theorien präsentiert, mit der Empirie verschränkt und Lösungen zur Diskussion gestellt. Das Buch ist ein politisches Buch, das klar Positionen für die Schwachen bezieht und Vorschläge unterbreitet, wie der Weg zu einer sorgenden Gemeinschaft gelingen kann.

Rezension von
Dr. rer. soc. Gudrun Silberzahn-Jandt
Referentin Caritasverband der Diözese Rottenburg-Stuttgart e.V., freiberufliche Kulturwissenschaftlerin Esslingen, Lehrbeauftragte an Hochschulen und Universitäten
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Es gibt 14 Rezensionen von Gudrun Silberzahn-Jandt.

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Zitiervorschlag
Gudrun Silberzahn-Jandt. Rezension vom 13.04.2022 zu: Bernhard Emunds, Jonas Hagedorn, Marianne Heimbach-Steins, Lea Quaing: Häusliche Pflegearbeit gerecht organisieren. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2021. ISBN 978-3-7799-6723-1. Reihe: Arbeitsgesellschaft im Wandel. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/29115.php, Datum des Zugriffs 26.09.2022.


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