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Veronika Schröter: Messie-Syndrom und Pathologisches Horten – Das Praxisbuch (Leben Lernen, Bd. 332)

Rezensiert von Dr. phil. Ulrich Kießling, 23.02.2022

Cover Veronika Schröter: Messie-Syndrom und Pathologisches Horten – Das Praxisbuch (Leben Lernen, Bd. 332) ISBN 978-3-608-89280-2

Veronika Schröter: Messie-Syndrom und Pathologisches Horten – Das Praxisbuch (Leben Lernen, Bd. 332). Für Psychotherapie, ambulante und stationäre Einrichtungen. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2022. 308 Seiten. ISBN 978-3-608-89280-2. D: 28,00 EUR, A: 28,80 EUR.
Reihe: Leben lernen - 332. In Beziehung stehende Ressource: ISBN: 9783608860337
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Thema

Das Messie-Syndrom ist eine schillernde Erscheinung. Ursprünglich wurde es psychodynamisch am ehesten als Form der Zwangsstörung verstanden. Die Autorin geht aus von einer Traumafolgestörung auf dem Boden eines desorganisierten Bindungsstils. Phänomenologisch handele es sich um eine Wertbeimessungstörung. Das pathologische Horten ist vom Vermüllungssyndrom und der Verwahrlosung mit je unterschiedlicher Genese zu unterscheiden. Das Vermüllungssyndrom wird als eigenständige Störung gesehen, die mit hygienischer Verwahrlosung einhergeht (Geruch/​Feuchtigkeit).

Autorin

Das Motto der Autorin „Im Chaos werden Rosen blühen“ beschreibt anschaulich ihren wertschätzenden Umgang mit dem Messie-Syndrom. Schröter ist Heilpraktikerin für Psychotherapie und Gestalttherapeutin; 2001 hat sie das Zentrum für Messie-Therapie in Freiburg gegründet, seit 2016 betreibt sie ein entsprechendes Kompetenzzentrum in Stuttgart und bietet auch eine curriculare Ausbildung in Messie-Therapie an. 2010 bis 2012 hat sie mitgewirkt an der wissenschaftlichen Studie zu Messieverhalten an der Uni Freiburg unter der Leitung von Prof. Dr. med. Dieter Ebert (Leiter der Sektion Forensische Psychiatrie)

Schröter hat Ausbildungen zur Altenpflegerin, und Jugend- und Heimpädagogin absolvierte und war im Jugendamt und in einer psychotherapeutischen Klinik als Drama- und Kunsttherapeutin tätig.

Entstehungshintergrund

In ihrem ersten Buch ‚Messie-Welten‘ aus dem Jahre 2017 widmet die Autorin sich stärker einer Differentialtypologie (Perfektionisten, Sentimentale, Rebellen, idealistische, erholungsbedürftige, reinliche, Sicherheits-, Altmodische und Zeit-Messies) und umfassenden Klassifizierung des Messie-Syndroms. Das nun vorliegende Werk beschäftigt sich vordringlich mit therapeutischen Zugängen.

Inhalt

Das Buch gliedert sich in 9 Kapitel und ein Literaturverzeichnis. Da der Text als Praxisbuch bezeichnet ist, besteht der Text jedoch nicht nur aus Materialien zum engeren Thema sondern auch zu erklärenden und hinführenden Texten etwa zu Grundlagen der Krankheitslehre und Bindungstheorie. Offensichtlich ist es ein Anliegen der Autorin, die Messiethematik in den Diskurs der allgemeinen Psychiatrie und Psychotherapie einzubetten, um ihr Thema und ihre Patienten herauszuholen aus einer etwaigen Schmuddelecke der Verwahrlosung.

Kapitel 1 mit der Überschrift „Woran leiden desorganisierte Menschen“ (hier als Synonym zur Messieproblematik verstanden) führt ein in die dreiteilige Klassifikation: „Pathologisches Horten“ – die Betroffenen sind in der Regel hoch funktionale Akteure der Leistungsgesellschaft, sie sind eher überangepasst und kaum verwahrlost. Ein „Vermüllungssyndrom“ betsteht, wenn auch Lebensmittel und Objekte mit dem Potenzial zu verderben gesammelt werden, dabei kommt es Geruchsbildung, Schimmel und Parasitenbefall. Beim Verwahrlosungssyndrom lägen gravierende psychische und oder hirnorganische Prozesse vor, und die Fähigkeit zur hygienischen Selbstversorgung sei hochgradig eingeschränkt, die Wohnung in einem Ausmaß heruntergekommen, dass der Aufenthalt dort hochgradige gesundheitliche Risiken berge.

Im 2. Kapitel „Messies versehen“ geht es um die hochgradige Bedeutung der Bindungsstörungen. Die Theorie von John Bowlby und seinen Nachfolgern wird differenziert erklärt und in seinen Implikationen für die Messieproblematik ausgelotet.

Im 3. Kapitel wird dann ein umfassender Exkurs in die psychiatrische Krankheitslehre bis hin zur Erhebung des psychopathologischen Befunds geboten (das ist m.E. Überflüssig und stört die Lektüre).

Mit dem 4. Kapitel „Der Weg zurück in Würde“ beginnt der 2. Teil „Begleitende und therapeutische Hilfestellungen für Messies“. Auf 180 Seiten schildert die Autorin nun ihr Konzept der identitätsbildenden integrativen Messie-Therapie, die sich die Autorin mit einem Copyright hat schützen lassen. Das Motto lautet hier: vom Sollen zum Wollen, vom Wollen zum Sein. 

Im 5. Kapitel geht es „Möglichkeiten und Grenzen der Fachkräfte“. Im 6. Kapitel wird die Messie-Therapie nach Schröder differenziert dargestellt, wobei Gestalttherapie, Systemische Therapie, Hypnotherapie, Körpertherapie und Gruppentherapie das Konglomerat bilden, das Schröter als integrativ benennt (dem Eingeweihten erscheint diese Zuordnung beliebig ein Abbild der Bildungsbiographie der Autorin). Will man den theoretischen Diskurs theoretisch verorten, kann man ihn genauso gut psychodynamische Messie-Therapie nennen.

Teil 3 ist mit „Professionelle Fallarbeit mit Messies – durch klare Konzepte und standardisiertes Arbeiten“ überschrieben und beginnt mit dem 7. Kapitel „Leitfaden für die Fallarbeit“. Das 8. Kapitel „Prozessentwicklung und prozessorientiertes Vorgehen“ klingt, als würde die Autorin einer empirischen Methodologie folgen. Das tut sie aber nicht. In Wirklichkeit folgt das Prozedere der Maxime „Mehr Wirksamkeit durch klare Regeln“.

Das 9. Kapitel beschreibt den Aufbau eines Kompetenznetzwerks für die Messie-Therapie, wie es die Autorin das in Stuttgart verwirklicht hat.

Ein charakteristisches Fallbeispiel möchte ich gern komplett zitieren (vgl. Schröder 2022, S. 131):

„Ein Klient lebte in einer schwer vermüllten Wohnung, seine heute 15-jährige Tochter wurde in diesem sehr schmutzigen Umfeld groß. Die Mutter des Klienten hatte sich ungefragt einen Schlüssel nachmachen lassen und stand eines Tages in der Wohnung ihres Sohnes: >>So geht das nicht weiter!<<Dem Klienten war es aber unmöglich, die von ihr angebotene Unterstützung anzunehmen, denn gerade in der lebenslangen Übergriffigkeit der Mutter lag ja eine Ursache für sein Messie-Syndrom. Die Mutter informierte das Jugendamt. Dessen Mitarbeiter mussten selbstverständlich zuallererst die damals 12-jährige Tochter des Klienten schützen, sie wurde umgehend in eine betreute Wohngemeinschaft für Jugendliche gebracht. Die Tochter verfiel in Schweigen, die Betreuer kamen nicht an sie heran. Die unermüdlichen Versuche des Vaters, das Mädchen nach Hause zu holen erschwerten die Therapie. Erst nach zwei Jahren war die Wohnraumarbeit mit ihm so weit fortgeschritten, dass das Mädchen auf Wunsch ihres Vaters wieder bei ihm einziehen konnte. Als ich die Familie kennenlernte, verharrt die Tochter weiterhin in ihrem Schweigen, auch mit ihrem Vater redet sie jetzt nicht mehr. Sie verweigert sich komplett und torpediert jede Vereinbarung, die der Wohnraummitarbeiter mit ihrem Vater getroffen hat. Die Mutter des Klienten besitzt immer noch den Schlüssel zur Wohnung ihres Sohnes und taucht immer wieder unangemeldet auf.“

Die Autorin analysiert einige Punkte kritisch, so sei es versäumt worden eine Vertrauensbasis zu schaffen, die Inobhutnahme der Tochter sei unnötig lang gewesen, die Rolle der Mutter sei nicht adäquat reflektiert worden.

Deutlich wird auch der Verlust der sprachlichen Kommunikation als emotionaler Symbolisierung, wie sie für Menschen mit schweren Mentalisierungsstörungen (vgl. Fonagy & Target 2001) typisch ist. Ein intensive Psychotherapie mindestens für die Tochter mit integrierter Elternarbeit ist wohl dringend notwendig.

Diskussion

Das Ergebnis der explorativen Studie unter Leitung von Prof. Dieter Ebert klassifiziert das Messie-Syndom in drei Untergruppen: Wertbeimessungsstörung, Vermüllungssyndrom und Verwahrlosungssyndrom. 20 % aller untersuchten Probanden hatten keine zusätzliche psychische Störung, allerdings boten 63 % zusätzlich eine Major Depression (53 % eine Major Depression vom Subtyp Melancholie), 43 % zeigten zusätzlich Suizidalität. Ebert weist auf Überschneidungen zum Asperger-Autismus und zur ADHS hin, diagnostiziert aber keine Belastung mit Persönlichkeitsstörungen. Meiner Meinung nach handelt es sich bei letztem Aspekt um ein methodisches Artefakt. Mit den empirischen Untersuchungen, die Ebert anwendete, lassen sich strukturelle Vulnerabilitäten nicht messen. Dazu hätte es etwa des Einsatzes der OPD-Diagnostik bedurft. Ich vermute, die Mehrzahl der Patient*innen mit Messie-Syndrom haben eine zusätzliche strukturelle Störung. Oder anders formuliert: Das Messie-Syndrom ist eine Manifestation struktureller Vulnerabilität (mit anderen Worten gesagt: einer Persönlichkeitsstörung).

Schröter konzeptualisiert ihren Text ganz maßgeblich vor dem Hintergrund ihrer persönlichen Erfahrungen. Das führt einerseits dazu, dass sie sich in fruchtlose Kontroversen begibt, etwa wenn sie Peter Dettmerings Konzept des Vermüllungs-Syndroms ablehnt oder Reiner Rehbergers psychodynamisches Konzept von Messie-Verhalten als einer Sucht und Zwangsstörung. Sie besteht darauf, dass das Messie-Syndrom eine eigenständige Störung sei, die nichts mit einer ICD-kompatiblen Zwangsstörung oder gar Sucht zu tun habe und verkennt dabei die gemeinsame Psychodynamik, die sich an der Oberfläche/phänemonologisch eben sehr unterschiedlich darstellen kann (die sogenannte Unspezifität psychopathologischer Symptome). Auch die umfassende Auseinandersetzung mit der Bindungstheorie ist so ein Fallstrick. Wahrscheinlich haben alle psychischen Störungen einen wesentlichen Hintergrund in Bindungsstörungen. Ich vermute, beim Messie-Syndrom handele es sich um einen vergleichbaren Bindungshintergrund (desorganisierte Bindung) wie bei allen auch externalisierenden Persönlichkeitsstörungen (etwa Borderline). Überhaupt muss eine mangelnde Fähigkeit zur Symbolisierung, wie sie für schwere Persönlichkeitsstörungen typisch ist, auch für das Messie-Syndrom angenommen werden (vgl. Fonagys Mentalsierungsstörung).

Sieht man die methodischen Fehler nach, bleibt Schröters aktuelles Werk ein erfahrungsgesättigtes Buch, das auch als Selbsthilfeleitfaden genutzt werden kann. Vermutlich gibt es nur wenige Fachkräfte in Deutschland, die mehr Messiehaushalte gesehen haben und sich umfassender mit der Thematik beschäftigt haben. Ich verstehe jedoch nicht wirklich, warum der Verlag keine 2. durchgesehene und ergänzte Auflage publiziert hat, sondern den Text mit neuem Titel erscheinen lässt.

Fazit

Veronika Schröters neues Buch „Messie-Syndrom und pathologisches Horten-Das Praxisbuch“ ist inhaltlich vielfach redundant mit ihrem alten Titel „Messie-Welten“ (2017). Das Buch kann auch weiterhin als Erfahrungsbericht und Selbsthilfeleitfaden uneingeschränkt empfohlen werden – als wissenschaftlichen Text kann ich das Buch nur mit Einschränkungen empfehlen.

Literatur

Dettmering, Peter und Renate Pastenaci (2004, 4. Aufl.): Das Vermüllungssyndrom, Magdeburg: Klotz

Ebert, Dieter (2017): Empirische Untersuchungen zum Messie-Syndrom, in: Schröter, Veronika 2017

Fonagy, P. Und M. Target (2001): Mit der Realität spielen. Zur Doppelgesichtigkeit psychischer Realität von Borderline-Patienten, in Psyche, 55. Jg. (9-10), S. 961–995

Peters, Uwe H. (2017): Diogenes war kein Messie. Zur Unterscheidung zwischen Diogenes-Syndrom, Messie-Syndrom und anderen ähnlichen Zuständen. Köln: Green

Rehberger, Rainer (2013, 4. Auflage): Messies – Sucht und Zwang. Psychodynamik und Behandlung bei Messie-Syndrom und Zwangsstörung. Stuttgart: Klett-Cotta

Schröter, Veronika (2017, 4. Auflage 2021): Messie-Welten, Das komplexe Störungsbild verstehen und behandeln. Stuttgart: Klett-Cotta

Rezension von
Dr. phil. Ulrich Kießling
Dipl.-Sozialarbeiter/Soziale Therapie, Analytischer Psychotherapeut für Kinder und Jugendliche, Familientherapeut und Gruppenanalytiker, tätig als niedergelassener Psychotherapeut in Treuenbrietzen (Projekt Jona) und Berlin, Dozent, Supervisor und Selbsterfahrungsleiter in der Ausbildung von Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten
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Es gibt 21 Rezensionen von Ulrich Kießling.

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Zitiervorschlag
Ulrich Kießling. Rezension vom 23.02.2022 zu: Veronika Schröter: Messie-Syndrom und Pathologisches Horten – Das Praxisbuch (Leben Lernen, Bd. 332). Für Psychotherapie, ambulante und stationäre Einrichtungen. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2022. ISBN 978-3-608-89280-2. Reihe: Leben lernen - 332. In Beziehung stehende Ressource: ISBN: 9783608860337 . In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/29119.php, Datum des Zugriffs 30.09.2022.


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