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Thomas Kusitzky: Stadtklang­gestaltung

Rezensiert von Dr. Antje Flade, 22.02.2022

Cover Thomas Kusitzky: Stadtklang­gestaltung ISBN 978-3-8376-5949-8

Thomas Kusitzky: Stadtklanggestaltung. Konditionen einer neuen Entwurfs-, Planungs- und Entwicklungspraxis. transcript (Bielefeld) 2021. 294 Seiten. ISBN 978-3-8376-5949-8. D: 49,00 EUR, A: 49,00 EUR, CH: 59,80 sFr.
Reihe: Urban Studies
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Thema

In dem Buch wird der Frage nachgegangen, wie bedeutsam der Klang der Stadt ist und welche Voraussetzungen gegeben sein müssen, um ihn zu gestalten. Die bisherige Fokussierung auf die Lärmproblematik hat bewirkt, dass kaum beachtet wurde, dass Geräusche in urbanen Räumen auch positiv und nutzbringend sein können. Das Buch ist ein Plädoyer für die Etablierung eines Stadtklangnetzwerks.

Autor

Thomas Kusitzky war in der Auditory Architecture Resarch Unit an der Universität der Künste in Berlin tätig. Hier begann er mit der Arbeit an seiner Dissertation zur Fragestellung, wie sich der Klang einer Stadt gestalten lässt. Er hat an der Bauhaus-Universität Weimar promoviert. Das Buch basiert auf seiner Dissertation.

Inhalt

Das Buch umfasst eine knappe Einleitung, fünf nicht nummerierte Kapitel und ein zusammenfassendes Resümee sowie einen Anhang, in dem Auszüge aus den Experteninterviews und Protokollen von zwei Workshops zum Thema Stadtklang wieder gegeben sind.

In der Einleitung betont der Autor, dass ein aufeinander bezogenes Handeln unterschiedlicher Akteure ein konstitutives Moment der Stadtklanggestaltung ist.

Im Kapitel „Der Klang der Stadt“ wird zunächst auf die Gesundheit mindernde Lärmbelästigung eingegangen. Insbesondere der Straßenverkehrslärm ist ein viel diskutiertes Thema. Zu den Maßnahmen der Lärmbekämpfung gehören Schallschutzfenster und Schallschutzwände, Flüsterasphalt und die Einrichtung von Räumen der Stille sowie die Festlegung von Grenzwerten des Schalldruckpegels. Weil der Lärm ein psychologisches Phänomen ist, nämlich unerwünschter Schall, wird er mit dem Schalldruckpegel als einer objektiven physikalischen Größe nur annähernd erfasst. Die Aussagekraft des Schalldruckpegels hinsichtlich der Lärmbelästigung ist demzufolge begrenzt. Schallschutzfenster isolieren den Menschen von der Außenwelt, sie schirmen ihn aber auch von positiven Klangerlebnissen ab. Kusitzky beschreibt frühere Ansätze und Arbeiten, in denen der Faszination städtischer Klänge nachgespürt wurde. Die Entwicklung der Tontechnik, die es ermöglichte Geräusche aufzunehmen, war ein entscheidender Schritt gewesen, um Geräusche zu untersuchen und deren Wirkungen zu analysieren. Tonaufnahmen fehlt indessen der Kontext, von dem es auch abhängt, wie Geräusche erlebt werden. Die Hinweise des Autors auf das „World Soundscape Project“ (WSP) und thematisch ähnliche Projekte zeigen, dass Kusitzky den aktuellen Stand der Forschung kennt.

Im KapitelKlang als Gegenstand der Stadtgestaltung“ greift der Autor auf die Überlegungen von R. Murray Schafer, dem Hauptakteur des WSP zurück. Er kommt auf das Akustikdesign und die drei Stufen: Analyse, Planung und Gestaltung, zu sprechen und schildert Projekte und bereits vorhandene Konzepte. Im Zusammenhang mit der Gestaltbarkeit des Klangs liefert auch der Begriff der Atmosphäre bzw. des gestimmten Raums einen möglichen Einstieg. Nicht nur Größe und Proportion, Licht und Farbe, sondern auch Töne und Klänge bestimmen die Atmosphäre von Räumen, von der die individuelle Befindlichkeit abhängt. Kusitzky weist auf bereits vorhandene Projekte hin wie einen Leitfaden zur akustischen Raumplanung und die Entwicklung eines Modells zur Erhebung und Bewertung von Klangraumqualitäten und dann auf seine eigene Konzeption einer auditiv-architektonischen Entwurfsmethodik. Als Grund, warum bislang noch keine Stadtklanggestaltung praktiziert wird, sieht er die fehlende Integration verschiedener Fachrichtungen und Tätigkeitsbereiche. Damit fehlt das konstitutive Moment einer Stadtklanggestaltung.

Im Kapitel „Der Weg zu einer Stadtklanggestaltung“ werden der Art-World Ansatz von Howard S. Becker und die Kunstfeld-Theorie von Pierre Bourdieu vorgestellt. Beide Theorien stimmen darin überein, dass sich die Produktion von Kunst nur in einem Netzwerk (Art World bzw. Kunstfeld) vieler Beteiligter herausbilden und stabilisieren kann. Grundlegende Mechanismen sind in beiden Fällen sowohl Konkurrenz als auch Kooperation. Die Verbindung zur Stadtklanggestaltung stellt der Autor her, indem er das aufeinander bezogene Handeln mehrerer Beteiligter als gemeinsames Charakteristikum heraus stellt. Die Frage ist demzufolge, wie das Netzwerk für die Produktion von Klangräumen aussehen müsste. Literaturrecherchen, Experteninterviews und die Teilnahme an Workshops sind mögliche Einstiege in das Thema.

Im Kapitel „Stadtklangnetzwerk“ konstatiert der Autor, dass das Stadtklangnetzwerk aus einem Team von Fachleuten bestehen sollte. Die nächste Frage ist dann, wie die Diversität verschiedener Fachrichtungen und Perspektiven zu organisieren ist. Es müssen nicht nur Zuständigkeiten und Befugnisse verteilt werden, sondern es muss auch geklärt werden, inwiefern und in welcher Weise die Stadtbevölkerung einbezogen werden sollte. Der organisatorische Unterbau von Netzwerken ist die Infrastruktur, die informell oder auch institutionalisiert sein kann.

Es folgt das überaus lange Kapitel „Notwendige Bedingungen und wesentliche Merkmale des relationalen Handelns“, in dem Kusitzky auf das Stadtklangbewusstsein, das Stadtklangwissen und die Voraussetzungen relationalen Handelns eingeht. Klangbewusstsein umfasst mehr als nur ein Gewahrwerden der auditiven Dimension, sondern auch die Überzeugung, dass der Stadtklang gestaltbar ist. Der Hinweis, dass auch vielen Fachleuten, die Stadtplanung betreiben, kaum bewusst ist, dass ihre Planung klangliche Auswirkungen haben kann, weist auf das mangelnde Bewusstsein hin. Mit Stadtklangwissen bezeichnet der Autor Kenntnisse und Theorien über den Stadtklang sowie Handlungswissen. Ansätze, den Gestaltungsgegenstand betreffend, sind die Akustik, die Soundscape im Sinne der umgebenden akustischen Landschaft, die nicht nur ein akustisches Phänomen, sondern auch Symbol und Kommunikationsmittel ist, und das vom Autor zusammen mit Alex Arteaga entwickelte Konzept der Klangumwelt, das definiert wird als temporäre auditive Manifestation eines in Körper und Umwelt situierten Wahrnehmens. Die Frage, wer die gestaltenden Personen sind, wird zunächst mit dem Hinweis, dass wir als Gemeinschaft das Umfeld erzeugen bzw. die Geräuschproduzenten sind, beantwortet, doch dann wird auf die Fachleute verwiesen, die ihr Wissen für eine gezielte Klanggestaltung einbringen. Der Begriff der Choreofonie taucht hier auf: eine gezielte Steuerung der Schallausbreitung durch Fassaden und Bauten, was der Autor jedoch nicht konkretisiert. Eine gemeinsame Sprache der beteiligten Fachleute, um sich bei Vorhaben der Stadtklanggestaltung zu verständigen, fehlt derzeit noch. Unklar ist auch bislang, wie mit der dynamischen Natur von Schallereignissen verfahren werden kann.

Methoden, um den Stadtklang zu erfassen, sind ein bewusstes Hören im Rahmen von Klangspaziergängen, wobei mit Notizen, Karten, Zeichnungen, individuellen Hörbeschreibungen oder Eintragungen auf einer Auditory Map die Beobachtungen festgehalten werden, Gespräche, Befragungen, Messungen, Beobachtungen und Tonaufnahmen. Der darauf folgende Schritt ist die Analyse der erhobenen Daten. Zu den Analysemethoden gehören unter anderen das Klassifizieren von Klangelementen und die Erstellung von Klangkarten. Der dritte Schritt, der Erfahrungs- und Handlungswissen voraussetzt, ist das Entwerfen und Planen. Engagement und Ressourcen sind stets die Voraussetzung, um ein Stadtklangnetzwerk entstehen zu lassen, in dem gemeinsam entworfen und geplant wird.

Im „Resümee und Ausblick“ präsentiert der Autor eine kurze Zusammenfassung. Er stellt fest, dass die vorhandenen Ansätze und Projekte nicht dazu geführt haben, Klänge zu einem integralen Bestandteil der Stadtgestaltung zu machen. Als Gründe sieht er den Mangel an Austausch. Diese Lücke gilt es zu füllen. Er legt dementsprechend den Schwerpunkt auf die Schaffung eines Netzwerks, das die Basis für den erforderlichen Austausch bildet.

Diskussion

Auditive Erfahrungen in Städten werden in erster Linie der Rubrik „Lärm“ zugeordnet. Damit ist die Lärmbekämpfung das dominierende Thema. Deshalb konzentrieren sich die Maßnahmen in diesem Bereich auf die Eindämmung dieses Übels. Lärmschutzfenster schützen zwar vor unerwünschtem Schall, sie verhindern aber auch, dass erwünschter Schall wahrgenommen werden kann. Es ist das Verdienst des Autors, diese andere Seite ins Blickfeld gerückt zu haben, dass nämlich Geräusche in urbanen Räumen auch positiv erlebt werden. Damit wird einer vernachlässigten Perspektive Raum gegeben.

Doch im Unterschied zum Lärm sind nicht störende und angenehme Geräusche in Umgebungen in erster Linie ein Hintergrundphänomen. Klänge umgeben die Menschen, sie sind aus wahrnehmungspsychologischer Sicht Hintergrund. Gegenstand der Planung sind dagegen die sich davon abhebenden Figuren wie Bauwerke sowie auch der unüberhörbare Lärm. Eine Stadtklanggestaltung, wie sie dem Autor vorschwebt, bezieht sich auf den Hintergrund. Das zeigt sich auch daran, dass erst einmal ein Bewusstsein für die umgebenden Klänge hergestellt werden muss, worauf Kusitzky ausführlich eingeht. Man muss sozusagen den Hintergrund erst einmal in den Vordergrund befördern.

Auch wenn das Interesse des Autors vor allem auf die Etablierung eines Netzwerks gerichtet ist, in dem Klangstadtgestaltung vonstatten geht, ist doch ein Blick auf Inhaltliches unverzichtbar, um deutlich zu machen, welche Vorhaben sich das Netzwerk vornehmen würde. Hier wären ein Leitfaden und konkrete Beispiele wünschenswert, wie z.B. das Anlegen eines Springbrunnens auf einem öffentlichen Platz, dessen plätscherndes Wasser als angenehm erlebte Klänge erzeugt.

Das Inhaltliche kommt zu kurz. Andererseits befasst sich der Autor wiederholt und mit größter Ausführlichkeit dem Netzwerk und dem relationalen Handeln als Voraussetzung einer Stadtklanggestaltung. Mit einer nicht zu übersehenden Redundanz bringt er sein Anliegen immer wieder vor. Zu blass bleibt demgegenüber der Hinweis auf konkrete Inhalte, mit denen sich dann ein solches relational handelndes Netzwerk befasst. Sollte man z.B. auf den Plätzen vor großen Bahnhöfen klassische Musik spielen, um Menschen, die das nicht hören wollen, zu vertreiben? Oder sollte man in den Stadtparks kleine Wasserfälle installieren, um die Erholung gestresster Menschen zu fördern? Hinweise auf mögliche konkrete Projekte und das Aufzeigen von deren Nutzen sind vonnöten, um dazu zu motivieren, solche Netzwerke zu etablieren.

Das Konzept der Klangumwelt, wie es der Autor beschreibt, und die Erläuterungen dazu werden immer wieder geschildert und mitunter auch in abgehobener Form. Ein Satz wie „Eine Erfahrung ist insoweit subjektiv, dass sie aufgrund der Interaktion eines Subjekts mit seiner Umwelt emergiert“ (S. 135) ließe sich auch einfacher formulieren. Ein Blick in die Umweltpsychologie, die Mensch-Umwelt-Interaktionen und –Transaktionen erforscht, hätte an dieser Stelle sogleich Klarheit geschaffen.

Voraussetzung, um Stadtklangprojekte zu initiieren und umzusetzen, ist ein fachübergreifendes Netzwerk. Klar ist indessen, dass Stadtplanung und Stadtgestaltung Aufgaben der Stadtplanungsämter sind, sodass ein solches Netzwerk hier verortet werden müsste. Wie der Autor konstatiert hat, ist jedoch das Stadtklangbewusstsein bei den planenden Professionen nicht selten unterentwickelt. Der erste Schritt wäre damit, erst einmal die für die Stadtplanung und Stadtgestaltung zuständigen Fachleute in der Weise zu sensibilisieren, dass sie sich darüber Gedanken machen, mit welchen Geräuschen und Klängen bei diesem oder jenem Flächennutzungs- und Bebauungsplan zu rechnen ist. Die Schaffung eines interdisziplinären Netzwerks ist letztlich nur sinnvoll, wenn es Kenntnisse darüber gibt, wie Bauliches und Klangliches zusammenhängen und sich abschätzen lässt, welche klanglichen Auswirkungen bauliche Maßnahmen haben werden, und wie groß die Bereitschaft und die vorhandene Kapazität ist, diesen Aspekt einzubeziehen.

Fazit

Der Autor nimmt sich einer Frage an, die infolge der Konzentration auf die Bekämpfung von Lärm kaum zur Kenntnis genommen wird. Er führt vor Augen, dass es auch positiv erlebte Geräusche in Städten gibt und entwickelt im Zusammenhang damit ein Konzept, das eine Grundlage für eine bewusste Stadtklanggestaltung sein könnte. Es ist ein innovativer Ansatz, um die Stadtumwelt mit positiven auditiven Erfahrungen zu bereichern und lebenswerter zu machen. Das Buch, das über den Stand der Stadtklangforschung informiert, rückt einen wichtigen Aspekt urbaner Umwelten in den Blickpunkt.

Rezension von
Dr. Antje Flade
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Es gibt 49 Rezensionen von Antje Flade.

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Zitiervorschlag
Antje Flade. Rezension vom 22.02.2022 zu: Thomas Kusitzky: Stadtklanggestaltung. Konditionen einer neuen Entwurfs-, Planungs- und Entwicklungspraxis. transcript (Bielefeld) 2021. ISBN 978-3-8376-5949-8. Reihe: Urban Studies. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/29125.php, Datum des Zugriffs 30.09.2022.


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