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Marcus Rautenberg: Transgender und non-binäre Menschen in der Psychotherapie

Rezensiert von Prof. em. Dr. rer. nat. Udo Rauchfleisch, 03.01.2023

Cover Marcus Rautenberg: Transgender und non-binäre Menschen in der Psychotherapie ISBN 978-3-8017-3087-1

Marcus Rautenberg: Transgender und non-binäre Menschen in der Psychotherapie. Diagnostik, Beratung und Begleitung. Hogrefe Verlag GmbH & Co. KG (Göttingen) 2022. 90 Seiten. ISBN 978-3-8017-3087-1. D: 19,90 EUR, A: 20,60 EUR, CH: 28,20 sFr.

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Thema

Das Buch führt in die besonderen Bedingungen der Diagnostik und begleitenden Behandlung von Transgender- und non-binären Menschen ein. Es informiert über zentrale Konzepte, die wesentlichen Gesetze, Standards und Leitlinien sowie über Theorien zur Ätiologie und Prävalenzstudien und erläutert das diagnostische Vorgehen und die psychotherapeutische Begleitung im Transitionsprozess.

Autor

Marcus Rautenberg, geb. 1968, hat von 1990 bis 1997 das Studium der Psychologie in Landau absolviert. 2006 Approbation zum Psychologischen Psychotherapeuten (Verhaltenstherapie). Seit 2006 Mitarbeiter an der Psychotherapeutischen Universitätsambulanz der Universität Koblenz-Landau. Ebenfalls seit 2006 tätig in eigener Praxis und rechtspsychologischer Gutachter sowie Supervisor und Dozent im Rahmen der psychotherapeutischen Ausbildung. Arbeitsschwerpunkte: Transsexualismus, Persönlichkeitsstörungen, Kriminalpsychologie.

Entstehungshintergrund

Seit gut zehn Jahren begleitet der Autor im Rahmen seiner Tätigkeit in der Psychotherapeutischen Universitätsambulanz sowie in eigener Niederlassung schwerpunktmäßig Menschen, die sich nicht dem ihnen zugewiesenen Geschlecht zugehörig empfinden. „Der Großteil der Betroffenen fühlt sich dabei dem anderen Geschlecht zugehörig, im Folgenden als transgender bezeichnet. Einige fühlen sich keinem der beiden Geschlechter männlich oder weiblich zugehörig, im Folgenden als non-binär bezeichnet“ (S. 5). Mit seinem Buch möchte der Autor Psychotherapeut:innen aller fachlichen Ausrichtungen für diese Thematik sensibilisieren und sie ermutigen, mit Transgender- und non-binären Menschen zu arbeiten.

Aufbau und Inhalt

Das Buch umfasst ein Vorwort, neun thematische Kapitel. weiterführende Informationen, ein Literaturregister und einen Anhang . Die wichtigsten Aspekte werden jeweils unter „Merke“ zusammengefasst. Fallberichte ergänzen und konkretisieren die theoretischen Ausführungen.

Im Vorwort verweist der Autor auf seine zehnjährige Arbeit mit Transgender- und non-binären Menschen und die in den letzten Jahren deutlich angestiegene Zahl von Anfragen nach einer psychotherapeutischen Begleitung. Leider höre er jedoch immer wieder, dass Kolleg:innen eine Übernahme dieser Behandlungen ablehnten, wobei neben einer fehlenden Spezialisierung vor allem Unsicherheit in Bezug darauf bestehe, „was eigentlich genau zu tun ist“ (S. 5). Dem entgegenzuwirken und für die Transgender-Thematik zu sensibilisieren, ist das Ziel seines Buches.

Ausgehend von einer kurzen kasuistischen Vignette geht es im Kapitel 1 „Einführung“ um die Frage nach der Geschlechtsidentität von Menschen, die sich dem ihnen zugewiesenen Geschlecht nicht zugehörig fühlen. Die Beratung und Begleitung sowie die Unterstützung im Transitionsprozess sind bei allen individuellen Unterschieden der Behandlung Suchenden wegen der formalen Voraussetzungen, welche die Kostenträger an die Bewilligung einzelner Behandlungsschritte stellen, die wichtigsten Themen.

Zum besseren Verständnis der Ausführungen in den folgenden Kapiteln geht Marcus Rautenberg in Kapitel 2 auf „Grundlegende Konzepte und Begriffe“ ein. Die Begriffe „Transsexualismus“ und Transgender sowie Non-Binarität werden in ihrer historischen Entwicklung dargestellt und definiert. Weitere Unterkapitel widmen sich den Begriffen „Geschlecht und Geschlechtsidentität“, wobei zwischen dem biologischen, dem sozialen und dem subjektiven Geschlecht resp. der Geschlechtsidentität unterschieden wird, sowie der Intergeschlechtlichkeit und dem Transvestitismus.

In Kapitel 3 werden die wesentlichen Gesetze, Richtlinien und Leitlinien sowie die Begutachtungsanleitung (BGA) für die sozialmedizinische Begutachtung geschlechtsangleichender Maßnahmen dargestellt: das in Deutschland nach wie vor gültige Transsexuellengesetz (TSG), das Personenstandsgesetz (PStGm), die Standards of Care (SOC-V7), die S3-Leitlinie und die Begutachtungsanleitung (BGA). Wichtig bei der letzteren der Hinweis des Autors auf die Unterschiede zwischen der S3-Leitlinie und der BGA/MDK, die beispielsweise an Zeitvorgaben für einzelne Behandlungsschritte und an der Notwendigkeit einer begleiteten Alltagserfahrung („Alltagstest“) festhalten.

Auch wenn bisher keine allgemein akzeptierte Theorie zur Frage der Entstehung der Geschlechtsidentität besteht, ist es wichtig, sich mit den Fragen nach „Ätiologie, Prävalenz und Komorbiditäten“, die der Autor im 4. Kapitel behandelt, auseinanderzusetzen. Marcus Rautenberg gibt einen kurzen Überblick über die somatischen und psychosozialen Theorien zur Ätiologie und verweist darauf, dass sich das Trans-Sein im Allgemeinen bereits sehr früh im Leben in Form einer Geschlechtsdysphorie zeigt. Die Prävalenzangaben weisen große Unterschiede auf. Der Autor geht jedoch davon aus, dass ca. 3.3 % der Menschen in Deutschland eine Geschlechtsinkongruenz erleben. Hinsichtlich psychischen Erkrankungen bestehen bei bis zu 80 % Selbstwertprobleme, Ängste, Depressionen und andere Symptome, die oft Reaktionen auf die schwierige Lebenssituation von Transgender- und non-binären Menschen darstellen und im Verlauf des Transitionsprozesses deutlich abnehmen.

Da für die Begutachtung und die Berichte für Schritte im Transitionsprozess eine sorgfältige „Diagnostik“ notwendig ist, ist diesem Thema das Kapitel 5 gewidmet: Diagnostische Einordnung, relevante Diagnosen und Kriterien (bei denen der Autor unter „Merke“ darauf hinweist, „dass sowohl für die weiteren Schritte im Transitionsprozess als auch – in den meisten Fällen – für die Belange im Rahmen der Namens- und Personenstandsänderung gemäß TSG einzig die folgenden Diagnosen relevant sind: ICD-10: F64.0 Transsexualismus (im Jugend- und Erwachsenenalter) und ICD-10: F64.2 Störung der Geschlechtsidentität des Kindesalters bzw. nach Einführung der ICD-11: ICD-11: HA60 Geschlechtsinkongruenz bei Jugendlichen und Erwachsenen und ICD-11: HA61 Geschlechtsinkongruenz bei Kindern. Alle anderen Diagnosen werden für die Betroffenen Probleme bereiten, so sie denn weitere Schritte im Transitionsprozess wünschen“, S. 43), das diagnostische Gespräch, der psychopathologische Befund und weitere störungsspezifische Abklärung sowie der Einbezug unterstützender diagnostischer Verfahren.

„Die Betroffenen suchen unsere psychotherapeutische Hilfe nicht, um von ihrem Transgender-Sein ‚geheilt’ zu werden, sondern sie brauchen und suchen in der Regel fast immer Unterstützung im Transitionsprozess“ (S. 54). Ihre psychotherapeutische Begleitung weicht insofern ab von anderen Begleitungen.

Mit diesen „Besonderheiten der psychotherapeutischen Begleitung“ beschäftigt sich das 6. Kapitel. Die hier behandelten Themen sind Vorbereitung und generelles Vorgehen, Fallkonstellationen und ihre Implikationen für die Psychotherapie, Besonderheiten der psychotherapeutischen Begleitung von Kindern, Aufklärung und Information, vertiefende Exploration und Anamnese, komorbide Störungen, Alltagserfahrungen, Indikationen für weiterführende Behandlungsmaßnahmen, die ausschleichende Begleitung sowie die psychotherapeutische Begleitung von non-binären Menschen, wobei der Autor hier unter dem Stichwort „Praxistipp“ darauf hinweist, dass bei nicht-binärer Geschlechtsidentität „dies mit den Betroffenen reflektiert werden (muss), vor allem im Hinblick darauf, dass eine Transition im Nachhinein dann nicht als zufriedenstellend erlebt werden könnte, aber eben in vielen Punkten auch nicht mehr reversibel ist“ (S. 71).

Einen Überblick über die „Schritte im Transitionsprozess“ vermittelt das Kapitel 7: Hormonbehandlung, Beantragung der Namens- und Personenstandsänderung sowie operative Maßnahmen und ergänzende Behandlungsmaßnahmen.

Unter dem Titel „Beispiele aus der Praxis“ schildert Marcus Rautenberg im „Fallbeispiel: Herr G.“ einen idealtypischen Verlauf (Kapitel 8.1.) und liefert unter 8.2. ein „Beispielgutachten gemäß TSG: Frau H.“. Letzteres dürfte vor allem Kolleg:innen, die sich in die Begleitung von Transgender- und non-binären Personen einarbeiten, sehr hilfreich sein.

Im „Fazit und Ausblick“ des Kapitels 9 betont der Autor: „Mir ist bewusst, dass eine ‚Anleitung zur psychotherapeutischen Behandlung’ für Betroffene kränkend sein und von ihnen als Pathologisierung empfunden werden kann. Mein Anliegen ist es jedoch, den sie begleitenden Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten eine Arbeitshilfe an die Hand zu geben, mit der diese dann eine ihren Wünschen entsprechende Unterstützung erreichen können. So lange wir Regelungen haben, die dieses Vorgehen zwingend vorschreiben, um einzelne Schritte im Transitionsprozess zu erreichen, so lange wird dies nötig sein“ (S. 89).

Im „Anhang“ findet sich ein „Informationsblatt für Betroffene und Angehörige“, die Vorlage für den „Bericht an die Gutachterin bzw. den Gutachter im Antragsverfahren“ (der von der sonst üblichen Vorgehensweise deutlich abweicht), ein Beispiel für das „Indikationsschreiben für eine gegengeschlechtliche Hormonbehandlung und weitergehende Behandlungsmaßnahmen“ sowie Hinweise zu den Online-Materialien.

Diskussion

Mit dieser zuletzt zitierten Erklärung (S. 89) umschreibt Marcus Rautenberg die Schwierigkeit, der sich alle Fachleute – und Transgender- und non-binäre Personen selbst auch – gegenübersehen: Vieles ist diskriminierend (z.B. die Verwendung der ICD-10-Diagnose „Transsexualismus“) und längst nicht mehr vertretbar (wie etwa das Transsexuellengesetz), muss aber aus formalen Gründen und wegen des unerbittliches Festhaltens daran (wie die Zeitvorgaben für einzelne Behandlungsschritte und die Forderung nach einer begleiteten Alltagserfahrung, „Alltagstest“, durch die BGA und die MDK) weitergeführt werden. Wie schwierig dieser Weg für alle daran Beteiligten ist, wird bei der Lektüre dieses Buches deutlich spürbar. Die Ausführungen des Autors hinterlassen aber nicht Rat- und Hilflosigkeit, sondern es gelingt ihm durch den Einbezug konkreter Beispiele und die differenzierte Auseinandersetzung mit den verschiedenen Themen den Leser:innen einen Weg aufzuzeigen, auf dem sie sich auf diesem schwierigen Terrain bewegen und ihren Klient:innen die nötige Unterstützung bieten können. Sehr hilfreich dürften für diejenigen Kolleg:innen, die sich in das Thema Transgender einzuarbeiten beginnen, das Beispielgutachten (Kapitel 8.2.) und die Vorlagen für Indikationsschreiben und den Bericht an die Gutachter:innen im Antragsverfahren sein.

Zwei kritische Anmerkungen:

Die erste Anmerkung betrifft den Inhalt. Das besondere Interesse des Rezensenten an diesem Buch ist vor allem durch den Hinweis im Titel auf non-binäre Geschlechtsidentitäten geweckt worden, da diese Fragen sonst kaum thematisiert werden. Es finden sich zwar immer wieder Hinweise auf die non-binären Identitäten, aber explizit ist dies nur Thema im Kapitel 6.10 („Psychotherapeutische Begleitung von non-binären Menschen“), das lediglich eine (!) Seite umfasst. Gerade weil sich mehr und mehr trans: Personen als nicht-binär definieren, wäre es wichtig, den Besonderheiten, die sich dadurch für die Begleitung dieser Personen ergeben, einen größeren Raum zu öffnen. Vielleicht kann der Autor dies in einer der folgenden Auflagen, die diesem ansonsten sehr instruktiven, praxisnahen Buch zu gönnen ist, realisieren.

Die zweite kritische Anmerkung richtet sich an den Verlag: In der Fußnote im Vorwort heißt es „In diesem Buch werden zur Bezeichnung von Personen entweder sowohl die männliche als auch die weibliche Form verwendet oder es wird entweder die männliche oder die weibliche Form genutzt; es sind jeweils aber immer alle Geschlechter mitgemeint“ (S. 5). Wenn im Titel des Buches auf nicht-binäre Identitäten hingewiesen wird, ist dieses Vorgehen absurd. Es geht ja eben nicht nur um männlich oder weiblich, sondern um das ganze Spektrum an Geschlechtsidentitäten, das sich zwischen männlich und weiblich auftut. Es sollte deshalb eine der in diesem Zusammenhang üblichen Schreibweisen (_, * oder :) verwendet werden.

Fazit

Ein sehr informatives, praxisnahes Buch, das anhand einer Fülle von konkreten Beispielen die Besonderheiten der Diagnostik, Beratung und Begleitung von Transgender-Menschen darstellt. Es ist gerade den Kolleg:innen, die sich in dieses Arbeitsfeld einarbeiten möchten, unbedingt zu empfehlen.

Rezension von
Prof. em. Dr. rer. nat. Udo Rauchfleisch
Dipl.-Psych., Psychoanalytiker (DPG, DGPT). Ehem. Leitender Psychologe Psychiatrische Universitätspoliklinik Basel. In privater psychotherapeutischer Praxis.
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Es gibt 17 Rezensionen von Udo Rauchfleisch.

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Zitiervorschlag
Udo Rauchfleisch. Rezension vom 03.01.2023 zu: Marcus Rautenberg: Transgender und non-binäre Menschen in der Psychotherapie. Diagnostik, Beratung und Begleitung. Hogrefe Verlag GmbH & Co. KG (Göttingen) 2022. ISBN 978-3-8017-3087-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/29133.php, Datum des Zugriffs 29.05.2024.


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