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Rainer Sachse: Komplexität in der Psychotherapie

Rezensiert von Prof. Dr. Klaus Fröhlich-Gildhoff, 06.07.2023

Cover Rainer Sachse: Komplexität in der Psychotherapie ISBN 978-3-8017-3127-4

Rainer Sachse: Komplexität in der Psychotherapie. Psychotherapie klientengerecht und nachhaltig gestalten. Hogrefe Verlag GmbH & Co. KG (Göttingen) 2022. 298 Seiten. ISBN 978-3-8017-3127-4. 34,95 EUR. CH: 44,39 sFr.

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Einführung

Der über viele Jahre wirkende Wissenschaftler und Psychotherapeut Prof. Dr. Rainer Sachse fasst mit dem hier zu besprechenden Buch seine langjährigen Erfahrungen, Erkenntnisse und Studien in einem Überblickswerk zusammen. Die Grundlagen sind beeindruckend, allein vom Autor selbst finden sich im Literaturverzeichnis über zehn Seiten etwa 150 eigene Publikationen.

Zentrales Thema – das differenziert aus verschiedenen Perspektiven betrachtet und analysiert wird – ist es, wie der Titel treffend wiedergibt, zu verdeutlichen, dass „Klienten [1] hoch komplex sind, dass Probleme und Therapieprozesse hoch komplex sind … hoch komplexe Klienten, Probleme und Prozesse erfordern eine hoch komplexe Psychotherapie“ (S. 13). Dies bedeutet auch, dass sich Psychotherapie dieser Komplexität stellen muss und es „keine simplen, vorgefertigten Lösungen und manualisierte Lösungswege gibt“ (S. 14). Psychotherapie muss „den Klienten gerecht werden“ (S. 15), dazu „sollte Psychotherapie sich weitgehend an Klienten anpassen, also ‚klientenzentriert‘ sein“ (ebd.).

Mit diesen Grundsätzen stellt sich der Autor neben, z.T. auch jenseits klassischer Therapieschulen und versucht, eine Meta-Theorie als Grundlage für psychotherapeutische Praxis zu entwickeln: „Es geht mir darum, aus bisherigen Forschungskonzepten, Forschungsergebnissen und Praxiserfahrungen Schlussfolgerungen abzuleiten, wie Theorie und Praxis der Psychotherapie im Sinne des Ziels, Klienten stärker gerecht zu werden, weiterentwickelt werden können“ (S. 21).

Inhalt

Das Buch ist in fünf Teile und 17 untergeordnete Kapitel gegliedert.

Im ersten Teil werden „Schlussfolgerungen aus erkenntnis- und wissenschaftstheoretischen Konzepten sowie aus Ergebnissen der Psychotherapieforschung“ (S. 29) vorgestellt. Die erkenntnis- und wissenschaftstheoretischen Überlegungen gliedert der Autor in 19 Thesen. Dabei werden wesentliche Grundbausteine für die späteren Ausführungen zur Psychotherapie gelegt. Einige der zentralen Thesen: „Menschen müssen in ihren Kontexten handeln“ (S. 29) und ihre „Handlungen sollen effektiv sein“ (S. 30). Dazu müssen sie „Realitätsmodelle“ (S. 31) bilden, die (unterschiedlich) valide sind. Die „Modelle oder Theorien sind immer vorläufig“ (S. 34), auch „wissenschaftliches Wissen ist immer hypothetisch“ (S. 35). Dabei ist „wissenschaftliche Forschung per definitionem reduktionistisch“ (S. 39), wodurch der Geltungsbereich wissenschaftlicher Aussagen eingeschränkt wird. Demgegenüber ist „Praxis deutlich komplexer als Forschung“ (S. 43) – wodurch wiederum „praktisches Handeln … nur teilweise auf wissenschaftlichen Modellen basieren“ kann (S. 44). „Wissenschaftliche Modelle sind [somit] Heuristiken für die Praxis“ (S. 45). Therapeuten arbeiten ebenfalls mit Hypothesen und die eigene „Expertise“, die auch aus „reflektierter Erfahrung im Praxisfeld“ (S. 46) besteht, spielt dabei eine bedeutende Rolle.

Diese Thesen werden in den folgenden Kapiteln des Buches vertieft.

So wird geschlussfolgert, dass die klassische Psychotherapieforschung mit dem variablenreduzierenden, experimentellen Design der Realität komplexer psychotherapeutischer Prozesse nur bedingt gerecht werden kann. Im 4. Kapitel („Ergebnisse der Psychotherapieforschung und Folgerungen für eine Konzeption von Psychotherapie“, S. 55ff) werden ausführlich Studienergebnisse über die Unterschiedlichkeit von Klientenvariablen, Therapeutenvariablen und Prozessvariablen sowie deren Einfluss auf messbare Therapieeffekte referiert. Das Ergebnis: „Die enorme Heterogenität von Klienten-Charakteristika bedeutet, dass man ganz offensichtlich nicht allen Klienten das gleiche therapeutische Angebot machen kann: Nicht das gleiche Beziehungsangebot machen, nicht die gleichen Strategien anwenden, nicht die gleichen Therapieziele usw.“ (S. 76).

Draus folgt, dass Diagnosen „nicht ausreichen“ (S. 78), sondern „dass ein Therapeut in jedem Fall ein Fallkonzept bzw. ein Klientenmodell entwickeln muss, um Entscheidungen treffen zu können“ (ebd.). Psychotherapie sollte also „klientenzentriert“ sein – ein Begriff der aus dem Person-/​klientenzentrierten Ansatz von Carl Rogers [2] entstammt, ohne dass Sachse hier explizit darauf eingeht oder Bezug nimmt.

Zur Kompetenz von Therapeuten gehört folglich eine hohe Flexibilität und die Fähigkeit, (Klienten)Modelle zu entwickeln – und diese im Rahmen des und durch den Therapieprozess verändern zu können.

Sachse verdeutlicht die Grundkonzeption eines heterogenitäts- und komplexitätssensitiven therapeutischen Vorgehens anhand der Behandlung von Angststörungen und Persönlichkeitsstörungen (Kap. 4.7).

Im zweiten Teil des Buches „Verarbeitung, Modellbildung, Wissen und Expertise“ (ab S. 98) werden die zuvor skizzierten Kompetenzen des Psychotherapeuten vertieft. Ein bedeutender Ausgangspunkt ist dabei das Verstehen des Therapeuten: „Verstehen ist die Bildung mentaler, strukturierter Modelle aufgrund einlaufender, vorwiegend verbaler Daten auf der Grundlage eigenen Wissens. ‚Verstehen‘ in diesem Sinne ist ein absolut notwendiger, grundlegender, psychologischer Prozess ohne den keine sinnvolle Psychotherapie denkbar ist“ (S. 101). Im Folgenden stellt Sachse ausführlich dar, wie (Klienten)Modelle gebildet werden – hierzu werden hilfreiche, praxisgerechte Fragen formuliert – und wie sich therapeutische Expertise entwickelt. Der Autor beschreibt 29 zentrale Kompetenzen, die Experten „auszeichnen“ (S. 123 ff).

Der dritte Teil des Buches (S. 137ff) befasst sich mit dem „Therapieprozess“. Dabei wird zunächst beschrieben, dass und wie sich zentrale Themen und Inhalte erst im Therapieverlauf zeigen. Sachse kritisiert hier und an mehreren anderen Stellen, dass die sog. fünf probatorischen Sitzungen zu Beginn der Therapie – nach denen eine Diagnose und ein Antrag zur Finanzierung gestellt werden müssen – nur ein sehr oberflächliches erstes Bild zeichnen können. Im Therapieprozess selbst kommt es zu einem „Wechsel von Chaos und Struktur“ (S. 149), wodurch „Vorhersagbarkeit und Kontrollierbarkeit“ (S. 154) eingeschränkt sind und vom Therapeuten ein Höchstmaß an Aufmerksamkeit und Flexibilität gefordert ist. Sachse stellt hierzu eine Reihe von Ergebnissen eigener Therapieforschung vor, bei der er Mikro-Interaktionsprozesse untersuchte.

Im vierten Teil des Buches stellt Sachse die „Verankerung der Psychotherapie in der Psychologie, Menschenbild und Therapieziele“ (S. 181ff) dar. Es handelt sich dabei zum Teil um Wiederholungen bzw. neue Einordnungen der vorherigen Therapiekonzeption, wobei der Autor explizit herausstellt, dass Psychotherapie „ein Teilgebiet der Psychologie“ (S. 183) und nicht der Medizin ist. Ein gesondertes Kapitel befasst sich mit Selbstregulation (von Klienten und Therapeuten) und Selbstorganisation.

Im fünften und letzten Teil werden anhand von drei Aspekten „Beispiele für Theorie- und Therapiekonzeption“ gegeben. Zum einen wird die „Beziehungsgestaltung“ (S. 197ff) differenziert betrachtet und die Komplementarität im Therapieprozess ausführlich beschrieben. Zum zweiten wird die Bedeutung von „Schemata“ – „organisierte Strukturen von Inhalten, die sich durch Erfahrungen und Schlussfolgerungen von Erfahrungen“ (S. 208) – und der Klärung (Bewusstmachung) von Schemata herausgestellt. Das Buch schließt mit dem dritten Beispiel, der „Alienation und Entwicklung von Therapiezielen“ (S. 220ff), wobei mit Alienation hier die „Entfremdung einer Person von ihren eigenen impliziten Motiven, Bedürfnissen, Zielen …“ (S. 221) gemeint ist.

Diskussion

Rainer Sachse beleuchtet umfassend und mehrperspektivisch das Thema der Komplexität und unterschiedlichen Einflussfaktoren in der Psychotherapie – aus praktischer und wissenschaftlich-empirischer Sicht. Er wendet sich dabei explizit gegen Vereinfachungen, Reduktionismen und kostengeschuldete Effizienzüberlegungen und nimmt damit auch eine fachpolitische Positionierung vor. An vielen Stellen sind die Überlegungen gut begründet, auch wenn es z.T. zu Redundanzen in der Argumentation kommt.

Vereinzelt fehlen leider Bezüge zu oder auch Einbettungen in klassische Konzepte der Psychotherapie(forschung):

  • So betont der Autor mehrfach das Primat der „Klienten-Zentrierung“ – ohne explizit darauf zu verweisen, dass diese Begrifflichkeit – und das damit verbundene therapeutische Vorgehen – durch Carl Rogers schon vor 50 Jahren konzipiert wurde. Moderne Weiterentwicklungen des Personzentrierten Ansatzes (z.B. Finke, 2019) weisen eine hohe Übereinstimmung mit Sachses Therapiekonzept auf. Sachse beschreibt die Grundprinzipien des Klienten-/​personzentrierten Ansatzes (S. 64ff), ohne dass der Autor begrifflich darauf eingeht.
  • Bei der Beschreibung der therapeutischen Beziehungsgestaltung finden sich ebenfalls große Überschneidungen zum Personzentrierten Ansatz, aber auch zu Psychodynamischen Grundlagen. Eine Aufgabe des Therapeuten ist das Anbieten neuer (Beziehungs)Erfahrungen – dies entspricht dem Grundprinzip des Anbietens „korrigierender emotionaler Erfahrungen“(z.B. Cremerius, 1979), ohne dass Sachse dies explizit benennt.
  • In diesem Zusammenhang wird auch das bedeutende Phänomen der Übertragung (und der Gegenübertragung) ignoriert – wenngleich es von Sachse implizit beschrieben wird („Erwartungen“ an den Therapeuten…, S. 57, 107, 179).
  • Und nicht zuletzt haben unbewusste Motive, Konflikte etc. keinen Platz in Sachses Therapiekonzept. Das dargestellte Konzept der psychischen Schemata (Kap. 16) stellt Prozesse dar, die von Entwicklungspsychologen schon vor vielen Jahren beschrieben und in psychotherapeutische Konzepte integriert wurden (z.B. Stern, 2007; Dornes, 2009). Auch hier werden implizit Prozesse des Unbewussten beschrieben, ohne dass Sachse darauf Bezug nimmt.

Besonders positiv sind immer wiederkehrende praktische Hinweise, z.B. in Form von „Leitfragen“. Ebenso hilfreich sind die Zusammenfassungen bzw. „Schlussfolgerungen“ am Ende der meisten Kapitel.

Fazit

Rainer Sachse hat mit seinem Buch ein wichtiges Thema – Komplexität und Wirk-Gefüge in der Psychotherapie – systematisch bearbeitet und den Fokus auf die im Therapieprozess wirkenden Faktoren gelegt und diese sorgfältig analysiert. Wünschenswert wären klarere Bezüge zu den ‚klassischen‘ Psychotherapieschulen gewesen – oder zumindest das Benennen augenscheinlicher Parallelen/​Entsprechungen.

Das Buch ist empfehlenswert für Dozierende an therapeutischen Ausbildungsstätten und -instituten, für Psychotherapieforscher*innen und für erfahrene Praktiker*innen, auch zur Eichung des eigenen Psychotherapieverständnisses.

Quellenverzeichnis

Cremerius J. (1979). Gibt es zwei psychoanalytische Techniken? Psyche – Z Psychoanal 33, 577–599.

Dornes, M. (2009). Der kompetente Säugling. Die präverbale Entwicklung des Menschen (12. Aufl.). Frankfurt a. M.: Fischer.

Finke, J. (2019). Personzentrierte Psychotherapie und Beratung. Störungstheorie – Beziehungskonzepte – Therapietechnik. München: Reinhardt.

Stern, D. (2007). Die Lebenserfahrung des Säuglings (9. erweiterte Auflage). Stuttgart: Klett – Cotta;


[1] Da R. Sachse mit dem generischen Maskulinum arbeitet, wird dieser Stil hier übernommen; es werden alle Geschlechter (m/w/d) umfasst.

[2] Z.B.: Carl R. Rogers (2009). Eine Theorie der Psychotherapie. München: Ernst Reinhardt.

Rezension von
Prof. Dr. Klaus Fröhlich-Gildhoff
Ehem. hauptamtlicher Dozent für Klinische Psychologie und Entwicklungspsychologie an der EH Freiburg. Approbation als Psychologischer Psychotherapeut und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut. Abgeschlossene Ausbildungen in Psychoanalyse (DGIP, DGPT), Personzentrierter Psychotherapie mit Kindern und Jugendlichen (GwG), Gesprächspsychotherapie (GwG). Supervisor bzw. Dozent/Ausbilder bei verschiedenen Psychotherapie-Ausbildungsstätten. Gemeinsam mit Prof. Dr. Dörte Weltzien und Prof. Dr. Maike Rönnau-Böse Leiter des Zentrums für Kinder- und Jugendforschung an der EH Freiburg; Forschung im Bereich Jugendhilfe, Pädagogik der Kindheit, Psychotherapie mit Kindern und Jugendlichen.
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Es gibt 16 Rezensionen von Klaus Fröhlich-Gildhoff.

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Zitiervorschlag
Klaus Fröhlich-Gildhoff. Rezension vom 06.07.2023 zu: Rainer Sachse: Komplexität in der Psychotherapie. Psychotherapie klientengerecht und nachhaltig gestalten. Hogrefe Verlag GmbH & Co. KG (Göttingen) 2022. ISBN 978-3-8017-3127-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/29140.php, Datum des Zugriffs 14.06.2024.


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