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Christiane Eichenberg, Felicitas Auersperg: Digitale Selbsthilfe bei psychischen Störungen

Rezensiert von Dr. Alexander Brandenburg, 07.04.2022

Cover Christiane Eichenberg, Felicitas Auersperg: Digitale Selbsthilfe bei psychischen Störungen ISBN 978-3-8017-3104-5

Christiane Eichenberg, Felicitas Auersperg: Digitale Selbsthilfe bei psychischen Störungen. Chancen, Risiken und Auswirkungen auf die Behandlung. Hogrefe Verlag GmbH & Co. KG (Göttingen) 2022. 82 Seiten. ISBN 978-3-8017-3104-5. 19,95 EUR. CH: 26,24 sFr.
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Thema

Wir sind es gewohnt, im Internet nachzuschauen, wenn wir irgendetwas genauer wissen wollen. Bei vielen Themen erkennen wir genau, ob wir den Informationen trauen dürfen oder nicht. Oft kommt es auch darauf an, wie tief wir in die Sache einsteigen wollen. Bisweilen reicht uns die kurze Info, um zufrieden zu sein. Wenn es allerdings um Fragen der Gesundheit und/oder Erkrankung geht, die uns direkt betreffen, wollen wir Auskünfte haben, die von jemanden stammen, der kompetent ist, also genau weiß, wovon er spricht. Auch sind wir in der Regel dann bereit, unterschiedliche Informationen einzuholen und die erhaltenen Aussagen zu vergleichen und zu überprüfen. Es geht um uns selbst, und in diesem Fall sind wir sehr, sehr vorsichtig. Diese Art von Selbsthilfe bedarf eigentlich keiner Kritik, dient sie doch einfach unserer Orientierung und Wissenserweiterung. Im schlechtesten Fall haben wir uns im Internet verrannt. Anders sieht die Sache aus, wenn wir glauben, dass wir so viel Informationen bekommen haben, um uns selbst helfen zu können, wenn also unsere Internet-Recherche von uns selbst „umgesetzt“ werden soll. Jetzt kann es kritisch werden, insofern das persönliche Gespräch, die Anamnese und die Autopsie durch einen Arzt oder einen anderen fachlich Geschulten nicht ersetzt werden können durch die noch so sorgfältige eigene Informationsbeschaffung. Es gibt in Fragen von Gesundheit und Krankheit wohl keinen Ersatz für die Notwendigkeit einer persönlichen und vertrauensvollen Begegnung mit dem geschulten Helfer. Diese Marschroute dürfte gerade bei psychischen Störungen besonders wichtig sein, insofern hier ein gewisses persönliches Maß an Empathie, Zuwendung und Offenheit zwischen Erkrankten und Behandelnden nicht nur hilfreich, sondern vor allem auch Bedingung jeder sinnvollen Behandlung ist. Kann also eine digitale Hilfe bei psychischen Störungen überhaupt sinnvoll sein? Worin könnte eine solche digitale Hilfe überhaupt bestehen?

Autorinnen

Prof. Dr. Christiane Eichenberg ist Psychologische Psychotherapeutin und Psychoanalytikerin und seit 2016 Leiterin des Institutes für Psychosomatik an der Medizinischen Fakultät der Sigmund Freud PrivatUniversität Wien. Einer ihrer Forschungsschwerpunkte ist E-Mental Health.

Dr. Felicitas Auersberg ist Psychologin und seit 2014 Universitätsassistentin an der Psychologischen Fakultät der Sigmund Freud PrivatUniversität in Wien.

Aufbau und Inhalt

Kapitel 1: Digitale Selbsthilfe bei psychischen Störungen

Um die Chancen und Grenzen des Internets als Selbsthilfemedium einzuschätzen, muss zwischen den unterschiedlichen Nutzungsmöglichkeiten unterschieden werden. Daher wird zunächst das Spektrum digitaler Selbsthilfeangebote dargestellt. Anschließend werden die Besonderheiten der digitalen Selbsthilfe im Vergleich zur traditionellen Selbsthilfe herausgearbeitet. Mit einem Blick auf die Inanspruchnahme digitaler Medien bei psychischen Erkrankungen wird das Kapitel beendet:

Das Internet erlaubt Zugang zu einer Fülle von Ressourcen zu gesundheitlichen Problemen, von gesundheitsbezogenen Webseiten bis hin zu Online-Diagnosegeneratoren.

Auch wird das Internet als Austauschmedium für gesundheitliche Probleme genutzt. Es gibt One-to-one-Kommunikation via Chat oder E-Mail sowie die Realisierung von Online-Beratung im Sinne einer Peer-Beratung von Betroffenen für Betroffene.

Internetbasierte Selbsthilfegruppen ermöglichen die Gruppenkommunikation via Webboards etc. Auch gibt es Selbsthilfeaktivitäten mit massenmedialem Charakter. Feedbackmöglichkeiten sichern hier einen Austausch.

Die Besonderheiten der digitalen Selbsthilfe können wie folgt zusammengefasst werden:

Es herrscht eine Autonomie des Nutzers, insofern er immer Kontrolleur der Situation bleibt, die er mit einem Mausklick beenden kann.

Durch die Anonymität können Schwellenängste bei Äußerungen über persönliche Themen leichter überwunden werden.

Die Alokalität des Internet-Angebotes ermöglicht fast jedem Interessierten eine Teilnahme an dieser Art von Selbsthilfe.

Für Hilfesuchende ist das Angebot Rund-um- die-Uhr erreichbar. Die permanente Verfügbarkeit ist bei Bedarf gewährleistet.

Es gibt ein hohes Maß an Interaktivität und u.a. die Möglichkeit, sich der weltweiten Netzgemeinde zu präsentieren.

Die Corona-Zeit hat offensichtlich dazu beigetragen, dass die Inanspruchnahme digitaler Medien, also die Online-Behandlungen, bei Psychotherapeuten als neues Setting auf erhöhte Akzeptanz stoßen. Das Online-Setting soll auch nach der Corona-Zeit flexibel angewandt und in den Leistungskatalog der Krankenkassen aufgenommen werden.

Kapitel 2: Bereiche digitaler Selbsthilfe

Die gesundheitsbezogenen Webseiten, die von immer mehr Menschen aufgesucht werden, haben einen durch Daten belegten immensen Einfluss auf die Nutzer. Auch depressive Menschen benutzen zum Beispiel das Internet zur Krankheitsbewältigung. Allerdings gibt es in der Qualität der entsprechenden Webseiten eine große Varianz. Unter den klinisch relevanten Effekten auf die Nutzer gehört es auch, dass zum Beispiel bei hypochondrisch veranlagten Nutzern auch unbegründete Angst vor ernsthaften Krankheiten verstärkt werden können. Was die sozialpsychologischen Aspekte der Selbstbestimmung und Selbstwirksamkeit angeht, so besteht die Möglichkeit, dass die Nutzer ihre Wahrnehmung von bestehenden Handlungsspielräumen und damit ihre Selbstwirksamkeit bestärken können. Allerdings setzt dieses Ergebnis eine Webseite voraus, die keine falschen Informationen enthalten.

Was die Online-Diagnosegeneratoren betrifft, sind die Folgen der Selbstdiagnose von Patienten für die Ärzte und Psychotherapeuten durchaus unerfreulich. Um so wichtiger wird eine nur schwer vom automatischen Onlinediagnosetool zu leistende präzise Diagnostik.

Bei der Online-Therapie muss zwischen drei Varianten unterschieden werden: kein Therapeutenkontakt, minimaler Therapeutenkontakt und therapeutisch angeleitete Programme. Auch in diesem Bereich gibt es neben klaren Vorteilen für die Betroffenen auch eindeutige Nachteile: Die Qualitätssicherung der Angebote sowie die Indikationsstellung sind oft nicht gesichert, sodass nicht erwünschte Nebenwirkungen beim Nutzer auftreten können.

Was die Computerspiele (serious games) angeht, so wird zur Verbesserung dieses Angebotes vorgeschlagen, dass zukünftig die Spieleentwickler die Psychotherapeuten eibeziehen sollten, damit negative Effekte bei den Nutzern vermieden werden.

Blogs und Onlinecommunities sind ebenfalls Medien, die sich mit psychischen Erkrankungen und ihrer Behandlung beschäftigen. Im besten Fall kann die Thematisierung in einer Online-Community dazu führen, dass der Nutzer eine niedrigschwellige soziale Unterstützung erhält.

Der Ausblick auf zukünftige Trends im Bereich der Online-Selbsthilfe fällt bei unseren Autoren insgesamt positiv aus. In der Robotik sowie bei den Wearables (am Körper getragene Accessoires und Textilien) gibt es auch Befunde, die für ihre heilsame Wirkung auf psychische Erkrankungen sprechen. So werden (davon gehen unsere Autorinnen aus) Fragen der Affiliation von Menschen und Roboter eine wichtige Rolle bei der Erforschung von Menschen und Roboter spielen.

Kapitel 3: Empfehlungen für Behandelnde

Der Medienkonsum der Patienten sollte in Bezug auf seine psychische Krankheit bzw., Gesundheit vom Therapeuten zum Thema gemacht werden.

Die digitale Selbsthilfe darf nur im Einzelfall einer differenziellen Indikation Anwendung finden. Es sind die Behandlungsphase, biografische Erfahrungen, störungsspezifische Symptomatik, Persönlichkeitsakzentuierung, Strukturniveau und Medienkompetenz und Reflexion bei einer „Verordnung spezifischer Online-Selbsthilfeaktivitäten“ zu berücksichtigen.

Am Ende heißt es: Online-Selbsthilfe hat in ihren unterschiedlichen Varianten für viele Patienten ein zusätzliches Potenzial, das den therapeutischen Fortschritt unterstützen kann. Ebenso sind aber auch Szenarien denkbar, die genau das Gegenteil bewirken.

Diskussion

Ich bleibe skeptisch. Sicherlich gibt es das große Thema der Information, Beratung und Aufklärung. Eingeschränkt mag der Gebrauch des Internets als Informationslieferant gelten. Doch bis zur Beratung und Aufklärung gibt es noch Stufen, von denen die derzeitigen Selbsthilfeangebote weit entfernt sind. Vielleicht sind die therapeutischen Erwartungen an das Medium Internet überhaupt falsch adressiert. Es gibt in diesem Buch einige Passagen, die mir eher als Horrorgeschichte durchgegangen sind denn als Hilfestellung für einen psychisch Erkrankten. Ein Beispiel dafür ist ADA, Download als App sowohl im App-Store als auch bei Google Play.

Der große Kenner des Computers und Kämpfer gegen den Imperialismus der instrumentellen Vernunft, Joseph Weizenbaum, lehnt den Computer als Therapeuten nicht deswegen ab, weil es vielleicht technisch nicht durchführbar wäre, sondern schlicht und einfach weil es unmoralisch ist. Respekt, Verständnis und Liebe finden sich nicht in den Internet-Angeboten, sind aber zentral Faktoren jeder heilsamen Zuwendung. Wer wollte das bestreiten?

Fazit

Man sollte wissen, was in Zukunft auf die Hilfesuchenden der Psychiatrie zukommt. Die schöne neue Welt ist offensichtlich im Aufbruch und erspart uns viel Leid, wenn wir nur wissen, welche Internet-Angebote wir aufsuchen müssen. Dazu bedarf es auch einer Expertise. Die Lektüre kann jedem die Augen öffnen.

Rezension von
Dr. Alexander Brandenburg
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Zitiervorschlag
Alexander Brandenburg. Rezension vom 07.04.2022 zu: Christiane Eichenberg, Felicitas Auersperg: Digitale Selbsthilfe bei psychischen Störungen. Chancen, Risiken und Auswirkungen auf die Behandlung. Hogrefe Verlag GmbH & Co. KG (Göttingen) 2022. ISBN 978-3-8017-3104-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/29141.php, Datum des Zugriffs 01.10.2022.


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