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Albert Lenz: Kinder psychisch kranker Eltern stärken

Rezensiert von Dr. phil. Gernot Hahn, 03.02.2023

Cover Albert Lenz: Kinder psychisch kranker Eltern stärken ISBN 978-3-8017-3017-8

Albert Lenz: Kinder psychisch kranker Eltern stärken. Informationen zur Förderung von Resilienz in Familie, Kindergarten und Schule. Hogrefe Verlag GmbH & Co. KG (Göttingen) 2022. 2., vollständig überarbeitete Auflage. 170 Seiten. ISBN 978-3-8017-3017-8. D: 16,95 EUR, A: 17,50 EUR, CH: 23,32 sFr.

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Thema

Psychische Erkrankungen von Eltern stellen für deren Kinder oftmals eine erhebliche Belastung dar. Trotz dieser besonderen Lebensumstände entwickeln sich viele betroffene Kinder zu selbstsicheren, sozial kompetenten Persönlichkeiten. Sie verfügen über Fähigkeiten zur Bewältigung von Belastungen und auftauchenden Problemen. Der Ratgeber vermittelt umfangreiche Informationen zum Thema, insbesondere, wie die seelische Widerstandskraft von Kindern in der Familie, im Kindergarten und in der Schule gefördert werden kann.

Autorin und Entstehungshintergrund

Prof. Dr. Albert Lenz studierte Psychologie, Soziologie und Pädagogik und lehrte von 1994–2017 an der Kath. Hochschule Nordrhein-Westfalen/Paderborn im Fachbereich Sozialwesen die Fächer Klinische Psychologie und Sozialpsychologie. Zur Thematik Resilienzförderung bei Kindern psychisch kranker Eltern liegen zahlreiche Publikationen vor, z.B. zu Leitlinien für die Praxis mit Kindern psychisch kranker Eltern (https://www.socialnet.de/rezensionen/23082.php) oder zur ressourcenorientierten Gruppenarbeit mit psychisch kranker Eltern zur Prävention von Kindesmisshandlung und Vernachlässigung.

Aufbau und Inhalt

Der Ratgeber ist neben einer Einführung und einem Anhang mit Literaturhinweisen und Internetempfehlungen in die vier Kapitel

  • Kinder und ihre psychisch erkrankten Eltern
  • Resilienz und Schutzfaktoren
  • Resilienzförderung
  • Spezielle Hinweise für Fachkräfte

gegliedert.

Einführung

Ausgehend vom Zitat eines zehnjährigen Mädchens, dessen Mutter an einer Depression erkrankt ist zeigt Albert Lenz auf, welche Probleme auftauchen können, wenn ein Elternteil an einer psychischen Erkrankung leidet. Schuldgefühle, Verantwortungsübernahme durch das Kind, Überanpassung, Konflikte innerhalb der Familie und Ängste. Viele Kinder können mit solchen Belastungen konstruktiv umgehen, diese bewältigen. Sie verfügen über ausreichend Schutzfaktoren, um vor einer weitergehenden oder andauernden Schädigung geschützt zu sein. Andere Kinder entwickeln dagegen schwerwiegende Auffälligkeiten und Störungen, die wiederum behandlungsbedürftig sind. Hier setzt der Ratgeber an und zeigt „Wie können Eltern die Widerstandskraft ihrer Kinder fördern und was können Erzieher_innen und Lehrkräfte dazu beitragen?“ (11). Daneben findet sich ein kompakter Überblick zum Aufbau des Buches und den Inhalten der einzelnen Kapitel.

Kinder und ihre psychisch erkrankten Eltern

Im ersten Abschnitt finden sich grundsätzliche Ausführungen über psychische Erkrankungen (die überblicksartig erläutert werden) und deren Auswirkungen auf die Familie, insbesondere das Erkrankungsrisiko der Kinder und über die Bedeutung verschiedener Belastungsfaktoren, soziale und genetische Faktoren. Ausführlich geht Albert Lenz, der selbst jahrelang in diesem Bereich geforscht hat, darauf ein, was es für das Kind bedeutet, wenn die Mutter oder der Vater psychisch erkrankt sind und wie die erkrankten Eltern ihre Situation erleben. In der für Ratgeberliteratur typischen Gestaltung finden sich hier auch Infokästen und Empfehlungen, z.B. dazu, wo erkrankte Eltern Rat und Unterstützung finden können und wie man, z.B. mit Stigmatisierung und Verunsicherung umgehen kann (21). Ausführlich wird hier auch auf die Bedeutung genetischer und Umweltfaktoren bzgl. der Gefahr einer Weitergabe psychischer Erkrankungen an die Kinder diskutiert und -sehr verständlich formuliert- der aktuelle Forschungsstand umrissen. Als gestaltbaren Risikofaktor beschreibt der Abschnitt die Eltern-Kind-Beziehung und die Gestaltung der Lebenswelt von Kindern in Bezug auf Risikofaktoren und Belastungsmerkmale. Abschließend erfolgt die Darstellung der Thematik aus der Perspektive von Kindern: wie erleben Kinder die psychische Erkrankung eines Elternteils und die Situation in der Familie. Die häufigsten Belastungsreaktionen (Desorientierung, Schuldgefühle, Ängste, Tabuisierung, Verantwortungsübernahme etc.) werden erläutert und durch Interviewpassagen aus einem Forschungsprojekt illustriert. Die Darstellung der Kinderperspektive wird zum Abschluss noch um die Sichtweise psychisch kranker Eltern ergänzt, die Schwerpunkte liegen hier auf möglichen Ambivalenzgefühlen, Ängsten und dem oft typisch veränderten Erziehungsverhalten.

Resilienz – was stärkt Kinder?

Der zweite Abschnitt stellt die Grundlagen des Resilienzkonzepts vor, also die Frage nach den persönlichen, familiären und sozialen Schutzfaktoren, die Kinder stärken. Die einzelnen -wissenschaftlich belegten- Schutzfaktoren werden zunächst im Überblick, dann im Detail dargestellt und erörtert, wobei zentrale Begriffe und Konzepte (z.B. „Selbstwirksamkeitsüberzeugung“, „Kohärenzgefühl“) in grafisch herausgehobenen Infokästen präsentiert werden. Insgesamt wird dargestellt, dass v.a. die familiären Schutzfaktoren eine besondere Rolle spielen. Wie solche familiären Effekte in Familien mit einem psychisch kranken Elternteil gefördert werden können und wie es den Kindern gelingt, Schutzfaktoren als Puffer bei Belastungen und Problemen einzusetzen wird im zweiten Teil des Abschnitts dargestellt. Vor allem eine kindgerechte Vermittlung von Informationen, das Sprechen über die Erkrankungssituation und die damit verbundenen Schwierigkeiten und Belastungen entwickeln eine besondere Schutzwirkung für die Kinder.

Wie kann Resilienz gefördert werden?

Aufbauend auf den im zweiten Abschnitt dargestellten Grundlagen und Befunden der Resilienzforschung werden im dritten Abschnitt Hinweise und Empfehlungen zur Resilienzförderung von Kindern in Familien mit einem psychisch kranken Elternteil gegeben. Die Ansätze orientieren sich an der Kommunikation über die Erkrankung, die Beziehungsgestaltung, die Einbeziehung externer Personen, die Kontaktaufnahme zu professionellen Hilfeangeboten und die Unterstützung bei der konkreten Problembewältigung. Die einzelnen Förderebenen (z.B. Bindungsförderung) werden im Einzelnen kurz erläutert und in grafisch herausgehobenen Wissenskästen zusammengefasst sowie in leitlinienhaften Empfehlungen (z.B. Eltern „reagieren angemessen, dem Alter entsprechend auf die Bedürfnisse des Kindes. Angemessenheit meint, dass Überbehütung und Überfürsorge vermieden werden sollen und dem Kind nur die Form von Hilfe und Unterstützung gegeben wird, die altersgemäß notwendig ist oder vom Kind erbeten bzw. gefordert wird“ [79]) ausformuliert. Anhand von störungsbezogenen Beispielen (etwa depressive Erkrankung) werden die Empfehlungen dann weiter ausgeführt und beispielhaft konkretisiert. Dabei werden auch die Wechselwirkungen zwischen Resilienzförderung und Auswirkungen auf die Erkrankung des Elternteils dargestellt („Wenn es Ihnen gelingt, das Kind zu beruhigen, wird es Sie entlasten und dies wird sich zugleich positiv auf die Beziehung zum Kind auswirken“ [83]). Diese Empfehlungen werden dann in einem weiteren Schritt durch konkrete Kommunikationstips (z.B. lobende und anerkennende Sätze) expliziert und anhand von weiteren Beispielen illustriert. Der gesamte Abschnitt zur Resilienzförderung ist mit solchen konkreten Praxisbeispielen durchzogen, sodass der Transfer von der theoretischen Ebene (Grundlagen der Resilienzförderung) auf das praktische Handeln in einer konkreten Situation gut möglich erscheint. Die Praxishinweise zur Resilienzförderung enthalten weiter Tools zur Krisenbewältigung, Netzwerkarbeit und Problemlösung. Direkt auf die Erkrankung des Elternteils bezogen finden sich zudem in Tabellenform angelegte Kommunikationshinweise, z.B. zur Frage von Schuldgefühlen, Ängsten, dem Wesen psychischer Erkrankungen, Krankheitsverlauf und Behandlungsansätzen. Abschließend finden sich weiterführende Informationen zu altersabhängigen Fragestellungen, Kommunikationsansätzen und zur Resilienzförderung z.B. bei Vorschulkindern, Schulkindern oder älteren Jugendlichen. Abschließend folgen Hinweise zu Möglichkeiten externer professioneller Hilfeangebote speziell für psychisch kranke Eltern und deren Kinder.

Spezielle Hinweise für Erzieher_innen und Lehrkräfte

Der abschließende vierte Abschnitt richtet sich an pädagogisches Fachpersonal, das vor allem auf seine Alltagsnähe und oft langjährige Kenntnis von Kindern und kindlichem Verhalten angesprochen wird. Verhaltensänderungen als Ausdruck familiärer krankheitsbedingter Probleme, Hilfe- und Interventionsansätze für Kinder und deren Eltern und die Netzwerkbildung für Kinder psychisch kranker Eltern sind die Schwerpunkte des Kapitels, das neben konkreten Ansätzen für die Gesprächsführung Fallbeispiele, Merkkästen, Hintergrundwissen und diagnostische Aspekte erfasst.

Zielgruppe des Buches

Der Ratgeber richtet sich an betroffene Eltern und Fachpersonal in Kita und Schule

Diskussion

Albert Lenz hat sich sein halbes Leben lang mit Fragen der Resilienzförderung von Kindern, insbesondere Kindern psychisch kranker Eltern beschäftigt. Dieses Wissen, die genau Kenntnis der Verhältnisse in betroffenen Familien, vor allem aber die Bedürfnisse und Bedarfe von Kindern in solchen Belastungssituationen fließt in diesen Ratgeber für Betroffene und pädagogisches Fachpersonal ein. Das umfangreiche Wissen kommt dabei in leicht verständlicher Sprache daher und vermittelt Anerkennung und Wertschätzung für betroffene Eltern und Kinder. Für die zweite Auflage des Ratgebers wurden neue wissenschaftliche Erkenntnisse und Entwicklungen aus der Resilienzforschung eingearbeitet, neben den bekannten Ansätzen und Aspekten findet die Thematik der der Resilienz zugrunde liegenden Prozesse und Mechanismen eine besondere Rolle, z.B. die Frage wie es Kindern gelingen kann in Belastungssituationen Ressourcen zu aktivieren und einzusetzen. Lenz setzt dazu an der Interaktions- und Kommunikationskompetenz der Betroffenen (Kindern, Eltern und Fachleute) an, sodass die Praxistipps sehr konkret an exemplarischen Situationen festgemacht werden. Der Ratgeber erscheint, auch aus diesem Grund, höchst praxisrelevant und gut umsetzbar. Die Verknüpfung der verwendeten Fallbeispiele mit wissenschaftlichen Passagen gelingt durchgehend sehr gut, der Ratgeber erscheint dadurch als Musterbeispiel für Ratgeberliteratur im allgemeinen, weil er die Leser*innenschaft mit dem vermittelten Wissen nicht alleine lässt, sondern konkrete Ansatzpunkte für das eigene Handeln vermittelt. Die Fokussierung auf die Wahrnehmung von hinter den Handlungen bestehenden Gefühlen der Betroffenen (Mentalisierung) und die entsprechende Thematisierung dieser Inhalte sind die zentrale Stärke des Buches. Die angesprochenen Akteure finden so einen Zugang für die Gestaltung der Kommunikation in und mit Familien und ermöglichen dadurch Bewältigungserfahrung und Selbstwirksamkeit. Ausgehend von der thematisierten Grundproblematik (psychisch kranke Eltern) ein wichtiger Ansatz für Entwicklung und Problemlösung. Angesichts der stark steigenden Zahlen im Bereich psychischer Erkrankungen ein äußerst wichtiger Ansatz. Der Anhang vermittelt weiterführende -auch kindgerechte- Literaturhinweise und Internetadressen zur weiteren Vertiefung der Thematik.

Fazit

Albert Lenz legt mit „Kinder psychisch kranker Eltern stärken“ einen Ratgeber vor der zentrales Wissen zum Erleben von Kindern, zu Fördermöglichkeiten und Resilienzstärkung der Betroffenen vermittelt. Der durchweg verständlich geschriebene Ratgeber erschließt fundiertes Wissen und verknüpft die enthaltenen Ratschläge mit konkreten Fallsituationen, sodass die Übertragung auf reale Verhältnisse leicht gelingen wird. Für Fachpersonal in Kita und Schule finden sich diagnostische und Interventionshinweise, welche für das Thema sensibilisieren und den Umgang mit den betroffenen Kindern und Eltern erleichtern. Das Buch gehört in jede Kita, jede Schule und Beratungsstelle!

Rezension von
Dr. phil. Gernot Hahn
Diplom Sozialpädagoge (Univ.), Diplom Sozialtherapeut
Leiter der Forensischen Ambulanz der Klinik für Forensische Psychiatrie Erlangen
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Es gibt 173 Rezensionen von Gernot Hahn.

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Zitiervorschlag
Gernot Hahn. Rezension vom 03.02.2023 zu: Albert Lenz: Kinder psychisch kranker Eltern stärken. Informationen zur Förderung von Resilienz in Familie, Kindergarten und Schule. Hogrefe Verlag GmbH & Co. KG (Göttingen) 2022. 2., vollständig überarbeitete Auflage. ISBN 978-3-8017-3017-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/29142.php, Datum des Zugriffs 05.03.2024.


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