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Miriam Bach, Lena Narawitz u.a. (Hrsg.): Flucht­Migrations­Forschung im Widerstreit

Rezensiert von Veronika Rosenberger, 01.04.2022

Cover Miriam Bach, Lena Narawitz u.a. (Hrsg.): Flucht­Migrations­Forschung im Widerstreit ISBN 978-3-8309-4441-6

Miriam Bach, Lena Narawitz, Joachim Schroeder, Marc Thielen, Niklas-Max Thönneßen (Hrsg.): FluchtMigrationsForschung im Widerstreit. Über Ausschlüsse durch Integration. Waxmann Verlag Marketing & Rezensionen (Münster, New York) 2021. 252 Seiten. ISBN 978-3-8309-4441-6. 36,90 EUR.
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Thema

Die Autor*innen der Publikationsbeiträge des Sammelbandes „FluchtMigrationsForschung im Widerstreit. Über Ausschlüsse durch Integration“ sind (assoziierte) Promovierende und Professor*innen, die Ergebnisse ihrer Dissertationen und Forschungsprojekte im Themenfeld Fluchtmigration an der Schnittstelle zu Behinderung und Delinquenz vorstellen. Bach, Narawitz, Schroeder, Thielen & Thönneßen begründen die Relevanz der Beiträge und die Herausgabe des Sammelbandes damit, dass fluchtmigrierte Personen, die gesellschaftlich gesetzte Maßstäbe zur Integration nicht erreichen „können, wollen, sollen oder dürfen“ (S. 230) als Untersuchungsteilnehmende in empirischen Arbeiten unterrepräsentiert seien. Stattdessen stünden vorrangig „leistungsfähige“ Geflüchtete im Untersuchungsmittelpunkt, die eine individuelle Anpassungsleistung an die Gesellschaft erreichen könnten.

Die Entwicklung des Buches geht auf das in den Jahren 2018 – 2021 durchgeführte Kooperative Graduiertenkolleg „Vernachlässigte Themen der Flüchtlingsforschung“ zurück, das von acht deutschen Hochschulen organisiert und von der Hans-Böckler-Stiftung gefördert wurde.

Inhalt

In der Einleitung des Sammelbandes führen die herausgebenden Personen Bach, Narawitz, Schroeder, Thielen & Thönneßen zum thematischen Schwerpunkt hin, indem sie sich mit der Bedeutung von Integration auseinandersetzen. Sie erklären die Verwendung einzelner Begrifflichkeiten und nehmen auf die Inhalte der folgenden Beiträge Bezug.

Teil I: Wirkungszusammenhänge des Integrationsparadigmas

Der erste Teil beginnt mit einem Beitrag von Abdelkader & Narawitz, die als Ergebnis ihrer Dissertation anführen, dass geflüchtete Personen aus sicheren Herkunftsnationen überwiegend von der Gewährung staatlicher Integrationsmaßnahmen ausgeschlossen seien. Durch ihren Ausschluss bemühten sich die Personen in vielen Fällen auf alternativen Wegen um ihre gesellschaftliche Teilhabe, beispielsweise durch einen Spracherwerb mit Hilfe von Büchern anstatt durch die Teilnahme an Sprachkursen.

Goetze beschäftigt sich anschließend mit dem Auftrag der Sozialen Arbeit, der in der Alltagspraxis oft im Widerspruch zwischen asyl- und aufenthaltsrechtlichen Vorgaben und berufsethischer Standards und Prinzipien stehe. Als Beispiel wird von ihr das Fehlen einer Arbeitserlaubnis angeführt, das als Hürde im sozialarbeiterischen Hilfeprozess bewertet wird, da einer Integration der zugewanderten Personen in den Arbeitsmarkt eine zentrale Rolle für die Entwicklung einer dauerhaften Aufenthaltsperspektive zukäme. Thönneßen bemängelt die häufig erfolgende Dichotomisierung in „tüchtige Flüchtlinge“ und „Sorgenkinder“, die Ehrenamtliche in Willkommensinitiativen vornehmen, und belegt, dass strukturelle Teilhabebedingungen bei dieser Einteilung überwiegend übersehen würden.

Im Weiteren vergleicht Anderson bayerische Berufsintegrationsklassen mit der Integrationspraxis in Großbritannien und berichtet von positiven Effekten des bayerischen Modelles auf die Arbeitsmarktintegration der Geflüchteten. Seine Resultate zeigen einen erheblichen positiven Einfluss von Ausbildungsunternehmen, der Arbeitsagentur und vergleichbaren beteiligten Akteur*innen auf die Teilhabe der zugewanderten Personen. Anderson empfiehlt, sozial- und berufspädagogische Ansätze in den Berufsintegrationsklassen weiter auszubauen. Jášová konstatiert in ihrem Beitrag „Doing nation“, dass „leistungsfähige Geflüchtete“ öfter beforscht würden, da sie größere Chancen auf eine gesellschaftliche Integration und auf eine Zugehörigkeit zum „nationalen Wir“ besäßen.

Teil II: Ausschließende Diskurse in ‚vernachlässigten‘ Untersuchungsfeldern

Die Autor*innen Lätzsch, Mehring & Shah Hosseini setzen sich zu Beginn des zweiten Teils mit dem einschlägigen internationalen und nationalen Forschungsstand zu Fluchtmigration und Behinderung auseinander. In ihrem Beitrag verweisen sie auf Untersuchungslücken und -bedarfe; so besprechen sie die Möglichkeit eines Einbezugs von spanisch- oder arabischsprachigen Veröffentlichungen aus dem „Globalen Süden“ in Forschungsprozesse. Afeworki Abay, Schülle & Wechuli fokussieren in ihren wissenschaftlichen Untersuchungen eine postkoloniale und intersektionale Perspektive an der Schnittstelle Fluchtmigration und Behinderung. Sie befürworten eine Berücksichtigung des Postkolonialismus bei Studien mit diesen Themenschwerpunkten. Ein Einbezug könne dazu beitragen, Reproduktionen von stereotypisierenden Konstruktionen zu überwinden, z.B. das häufig verbreitete Vorurteil, dass alle Menschen mit Behinderung eine weiße Hautfarbe haben.

Kytidou leistet einen englischsprachigen Beitrag, indem sie auf mediale Diskurse zur Kriminalisierung von Zugewanderten eingeht. Sie konstituiert, dass Einwanderung in vielen Fällen als Bedrohung für die Sicherheit der Gesellschaft betrachtet werde, da sich die Berichterstattung auf negative Ereignisse stütze und dadurch ein einseitiges Bild kreiere. Kytidou befürwortet Medienanalysen, um deren Effekte auf die Identitätskonstruktion zu untersuchen.

Abschließend setzen sich Alhajja & Schroeder mit Studien auseinander, die eine Kategorisierung von „deutschen“ und „ausländischen“ straffällig gewordenen Personen vornehmen. Die Autoren werfen die Frage auf, ob eine Differenzierung in der Kriminalitätsforschung bedeutsam und legitim sei, die mit Hilfe von Diskursanalysen beantwortet werden könne.

Teil III: (Re)Produktionen und Verstrickungen von Forschung und Wissenschaft

Zu Beginn des dritten und letzten Teils befassen sich Bach, Schroeder & Westphal mit der historischen Forschung zu Flucht und fordern Forschende dazu auf, postkoloniale und transnationale Aspekte in empirischen Arbeiten zu betrachten. Im weiteren Beitrag formuliert Jusuf einen Reflexionsbedarf dahingehend, inwieweit wissenschaftliche Ergebnisse der Fluchtforschung der staatlichen Verwaltung von Migration diene. Hinsichtlich der Vielzahl an Forschungsprojekten in der jüngeren Vergangenheit, die auf Problemlagen bei Geflüchteten hingewiesen hätten, sei der Eindruck entstanden, dass die gesellschaftlichen Probleme auf die Geflüchteten zurückgingen.

Plöger & Runge erörtern im Anschluss Möglichkeiten und Grenzen des Einbezugs postkolonialer Traditionen bei Studien der Ethnografie und der Reflexiven Grounded-Theory. Sie plädieren für eine vermehrte Berücksichtigung von Machtasymmetrien in Forschungsprozessen, die sich durch die Ausgestaltungsmacht einer ethnografischen Beobachtung durch die Forschenden ergäbe. Aden & Schütte zeigen auf wie Forschende zum gesellschaftlich oftmals einseitigen Verständnis des „integrationsfähigen Flüchtlings“ beitragen und appellieren an Wissenschaftler*innen, ihren Einfluss zu hinterfragen. Weiterhin berichten sie von ihren Positionalitäten in ihren durchgeführten Projekten. Abdelkader, Bach, Narawitz, Runge, Schäfermeier & Thönneßen legen den Schwerpunkt auf eine mögliche erfolgende Schädigung von beforschten Personen, die durch eine obligatorische Veröffentlichung der Dissertation und somit durch die Herausgabe der empirischen Ergebnisse erfolgen könne. Als eine mögliche Lösung sehen sie eine Begleitung der Teilnehmenden während des Veröffentlichungsprozesses.

Zuletzt beziehen sich die herausgebenden Personen Bach, Narawitz, Schroeder, Thielen & Thönneßen auf die einzelnen Beiträge des Sammelbandes. Aufbauend auf die bereits erörterten Bedarfe weisen sie auf weitere Leerstellen in der Forschungslandschaft hin. Die Herausgeber*innen formulieren offen gebliebene und weiterführende Fragen und skizzieren abschließend vier Aufgaben für die Wissenschaft.

Diskussion

Forschende, die auf der Suche nach Themen für ihr Untersuchungsprojekt sind, erhalten in der Publikation „FluchtMigrationsForschung im Widerstreit. Über Ausschlüsse durch Integration“ durch eine vielseitige Auseinandersetzung der Autor*innen mit Leerstellen in der Fluchtmigrationsforschung Anregung für ihre eigenen Projekte. In der Publikation werden thematische Anknüpfungs- und Konkretisierungsbedarfe formuliert, die Raum für Diskussionen aufwerfen und Forschungsinteresse für weiterführende empirische Untersuchungen wecken können.

Darüber hinaus bietet die Publikation auch informative Erkenntnisse für Lehrende und für Fachkräfte in der professionellen Berufspraxis, die sich mit der Integration geflüchteter Personen beschäftigen. Einzelne Beiträge sind anschaulich und nachempfindbar aufbereitet, was der Lektüre einen einprägsamen und praxisnahen Charakter verleiht, z.B. der Beitrag von Aden & Schütte; die Selbstpositionierung im Forschungsfeld.

In dem Sammelband begründen die Autor*innen die Verwendung ihrer Begrifflichkeiten. Dadurch wird ihr hoher wissenschaftlicher Anspruch verdeutlicht, und die Lesenden zu ihrer eigenen Reflexion über die Wahl von Begriffen angeregt. Allerdings wirkt der sprachliche Ausdruck an mehreren Stellen diffizil und verkompliziert, was sich durch den Gebrauch häufiger Fach- und Fremdwörter verstärkt. Darüber hinaus kann durch die Verwendung der verschiedenen Schreibweisen „Flucht*Migration“, „Flucht_Migration“, „(Flucht-)Migration“ und „FluchtMigration“, die auf die Unterschiedlichkeit der zugewanderten Personen hinweisen soll, der Lesefluss behindert werden. Die reflexive Auseinandersetzung der Autor*innen mit der Begrifflichkeit wird von mir als bedeutsam bewertet, eine einheitliche Entscheidung für eine Schreibweise in allen Beiträgen würde zur Leserlichkeit beitragen.

Fazit

Im Sammelband „FluchtMigrationsForschung im Widersteit. Über Ausschlüsse durch Integration“ setzen Bach, Narawitz, Schroeder, Thielen & Thönneßen das gesellschaftlich vorherrschende Integrationsverständnis des „integrationsfähigen Flüchtlings“ in den Mittelpunkt der diskursiven Auseinandersetzung. Mit dieser normativen gesellschaftlichen Integrationsauffassung seien Personengruppen, u.a. in den Bereichen Behinderung und Delinquenz, vernachlässigt, wenn sie die Leistung zur Integration nicht erbringen können, sollen oder wollen. In Forschungsbeiträgen der Publikation werden gesellschaftliche hinderliche Strukturen zur Integration aufgezeigt. Die Autor*innen des Buches beabsichtigen die Lesenden, zu denen Forschende, Lehrende und auch Fachkräfte der professionelle Berufspraxis gehören, zum Reflektieren über weitere mögliche Reproduktionen des allgemein vorherrschenden Integrationsverständnis anzuregen. Auf 252 Seiten finden die Leser*innen informative Erkenntnisse zum Themenfeld der Fluchtmigrationsforschung. In der Publikation wird ein hoher wissenschaftlicher Anspruch verfolgt und Anregung für weitere Forschung gegeben.

Rezension von
Veronika Rosenberger
Doktorandin im BayWISS Verbundkolleg „Sozialer Wandel"
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Es gibt 1 Rezension von Veronika Rosenberger.

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Zitiervorschlag
Veronika Rosenberger. Rezension vom 01.04.2022 zu: Miriam Bach, Lena Narawitz, Joachim Schroeder, Marc Thielen, Niklas-Max Thönneßen (Hrsg.): FluchtMigrationsForschung im Widerstreit. Über Ausschlüsse durch Integration. Waxmann Verlag Marketing & Rezensionen (Münster, New York) 2021. ISBN 978-3-8309-4441-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/29147.php, Datum des Zugriffs 24.05.2022.


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