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Mario H. Kraus: Mediation - wie geht denn das?

Cover Mario H. Kraus: Mediation - wie geht denn das? Ein Praxis-Handbuch für die außergerichtliche Streitbeilegung. Junfermann Verlag GmbH (Paderborn) 2005. 252 Seiten. ISBN 978-3-87387-605-7. 22,00 EUR.
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Einführung in das Thema und Autor

Mediation hat sich, vor allem in den 90er Jahren, als eine Methode der konstruktiven Konfliktbearbeitung etabliert, bei der mit Hilfe einer dritten Person (Mediator) eine "win-win-Situation" angestrebt wird. Grundannahme ist dabei, dass Menschen, die in einen Konflikt geraten sind, alle Kompetenzen haben, die sie zu einer gemeinsamen Lösung ihres Konflikts benötigen. Voraussetzung ist allerdings, dass die Beteiligten wieder in eine Gesprächssituation kommen, die konstruktiv im Sinne einer konsensuellen Problemlösung ist. Der Mediator/die Mediatorin macht aus der Frontstellung eine Dreieckskonstellation und bringt so kommunikative Bewegung in festgefahrene Situationen. Eine unerlässliche Voraussetzung für erfolgreiche Mediation ist die Freiwilligkeit der Teilnahme an diesem Verfahren der außergerichtlichen Konfliktregulierung.

Mario H. Kraus ist Diplom-Chemiker und Fachökonom Personalwesen, NLP-Master und Mediator in Berlin. Zugleich ist er Lehrbeauftragter für Mediation an der Universität Rostock und Dozent für Kommunikation an der VHS Rostock.

Aufbau, Inhalte und Gliederung

Ein erstes Kapitel umreißt des Feld der Mediation: das Verfahren wird unterschieden von anderen Formaten der außergerichtlichen Konfliktlösung wie bspw. Schiedsverfahren oder Schlichtung. Es werden Rechtsgrundlagen beschrieben und Grenzen für die Methode der Mediation aufgezeigt ["Negativkriterien für die Mediation (Ausschlussliste) S. 33].

Das zweite Kapitel ist überschrieben mit "Kommunikation und Konflikt". Es bietet (in aller Kürze) grundlegende Kommunikations- (Watzlawick u.a.) und Konfliktmodelle (Besemer, Glasl u.a.). Kommunikation ist von der jeweiligen Wahrnehmung bestimmt - dieser Tatsache ist ebenso ein längerer Abschnitt gewidmet wie der Rolle, die unterschiedliche Werte und Kulturen für die Kommunikation spielen.

Ein drittes Kapitel stellt die "Methodik der Mediation" dar. Allerdings werden unter dieser Überschrift auch grundlegende Fragen wie z.B. Grundannahmen und Grundsätze der Mediation verhandelt, ein Phasenmodell (mit sieben Phasen eines Mediationsprozesses) wird dargestellt, die Rolle von Mediatoren wird reflektiert und schließlich auch die "Ethik der Mediation". Weiter geht es um Fragen, die vor Beginn eines Mediationsprozesses bedacht werden müssen: Was muss ein Mediand vom Mediator wissen? Was muss der Mediator von sich selbst wissen? Wie kam es zum Kontakt mit dem Mediator? Was soll erreicht werden? Etc. Wie in allen Beratungsformen ist die Frage des Kontraktes wesentlich, auch das wird auf einigen Seiten bedacht. Ein weiterer Abschnitt reflektiert die besonderen Bedingungen mediativer Arbeit in Organisationen, bevor ein letzter Abschnitt des Kapitels dann tatsächlich zu methodische Fragen unter dem Stichwort "Rapport" kommt.

Methodische Fragen verfolgt auch das vierte Kapitel, das den "Ablauf des Verfahrens" behandelt. Die Themen sind vielfältig und breit gestreut: Was bedeutet "verhandeln"? Moderation, Präsentation, Intuition, Konflikttypen, Sprache als grundlegendes "Werkzeug" der Mediation, Methodenwahl bei komplexeren Mediationsformaten etc.

Weitere Methoden bringt das fünfte Kapitel, diesmal bezogen auf die Suche nach der Lösung. Hier werden wieder verschiedene Kreativitätstechniken (z.B. 635-Methode, DISNEY-Strategie etc.) vorgestellt. Zugleich aber werden in diesem Kapitel Grundsatzfragen wie in den Abschnitten "Der große Zielrahmen", "Die rechtliche Seite", "Kosten der Mediation", die Frage der Nachhaltigkeit von Mediation, Mediatorenfehler, Praxisfelder etc. dargestellt.

Ein sechstes Kapitel stellt die deutsche "Mediationsbranche" und ihre Rahmenbedingungen vor, ein siebtes ein Curriculum für einen Kompaktkurs Mediation. Das achte Kapitel stellt einige Texte rechtlicher Art zusammen, das neunte verzeichnet relevante Adressen und das zehnte schließlich umfasst das Literaturverzeichnis.

Tauglichkeit, Lesbarkeit, Nützlichkeit

Tauglichkeit: Tauglichkeit lässt sich nicht abstrakt beurteilen, sondern nur als Frage: Tauglich wofür? Da misst man Autoren sinnvollerweise am eigenen Anspruch. Und der Autor selbst sieht das Buch als

"1. Anwender-Handbuch. Es soll ein Leitfaden sein für Klein- und mittelständische Unternehmer, kommunale Schiedsleute, Berufsmediatoren und Schlichter, Betriebsräte, Personalreferenten, Existenzgründer, Ehrenamtliche, WeiterbildnerÉ

2. Orientierung für Ratsuchende. Dargestellt sind Methodik und Potenziale der Methode, Ansprechpartner und Instanzen, Chancen und Risiken, Lösungsideen und Verfahrensgänge, Rechtsgrundlagen und Regeln.

3. Arbeitsmaterial für die Weiterbildung. Die Gliederung ist einfach und orientiert sich, wie in anderen Büchern zum Thema, am Ablauf einer Mediation. Das Buch ist 'mehrdimensional' - es gibt Querverweise, um schnelles Suchen von Details zu bestimmten Fragen zu erleichtern. Exkurse in Randgebiete und persönliche Kommentare sind kursiv gehalten (wer mich kennt, weiß jetzt, dass ich das ganze Buch am liebsten kursiv gesetzt hätte.)" (S. 9f)

Damit ist das Problem des Buches ziemlich gut formuliert: der Autor hat es zu voll gepackt - und schreibt selbst im nächsten Satz: "Meine größte Sorge war, den Umfang und damit den Preis des Buches erträglich zu halten." Ich glaube einfach nicht, dass es gelingen kann, ein Buch über eine komplexe Beratungsmethode zu schreiben, das für Kleinunternehmer ebenso tauglich ist wie für Berufsmediatoren, für Personalreferenten ebenso wie für Weiterbildner. Deshalb stehen in diesem Band ganz verschiedene Elemente unverbunden und wenig vertieft nebeneinander: Beispielgeschichten ("Montagmorgen. Da kommt der Chef. Was macht der denn für ein Gesicht?") neben (viel zu kurzen) Zusammenfassungen komplexer theoretischer Modelle (Soziogramm nach Moreno, das Johari-Fenster, Konfliktphasen nach Glasl etc.). Man muss sich in dem Metier recht gut auskennen, um sich orientieren zu können, sonst findet man im assoziativen Wald das Nutzholz nicht. Also: tauglich für Insider!

Lesbarkeit: Auch der Schreibstil ist uneinheitlich und wechselt zwischen eher erzählenden Passagen, gegliederten Aufzählungen, Exkursen und Anmerkungen. Nicht alles, was kursiv ist, enthält Exkurse oder persönliche Kommentare. Nicht alles persönlichen Kommentare sind kursiv, z.B.: "In der Mediationstheorie (gibt es tatsächlich!) kursiert der (praxisfremde!) Glaubenssatz, nach dem Mediatoren prinzipiell jden Konflikt bearbeiten und notfalls auch ohne Fachkenntnis auskommen können." (S. 72) Ich finde einen solchen Ebenenwechsel irritierend. Angenehm ist, dass Kraus weitgehend ohne Fachchinesisch auskommt und fähig ist, auch komplexe Sachverhalte verständlich darzustellen.

Nützlichkeit: Steinbrüche sind nützlich. Man kann sich herausbrechen, was man braucht, und daraus bauen, was das Material hergibt. In einem ähnlichen Sinn halte ich das Buch für nützlich: es gibt sehr vieles, das man (vor allem auch in Fortbildungszusammenhängen) brauchen kann. Wer allerdings eine Darstellung sucht, die wirklich am Verlauf eines Mediationsprozesses orientiert ist und ein "how to do" liefert, der wird immer wieder über die eingestreuten Themen stolpern, deren Sinn gerade an dieser Stelle nicht immer klar ist. Man muss, wie gesagt, den Faden gut kennen, um ihn immer wieder zu finden.

Fazit

Der Autor hat ein kenntnisreiches Buch geschrieben, das informativ und ergiebig ist. Der Titel "Praxis-Handbuch" ist im Sinne einer Themensammlung und eines Nachschlagewerks durchaus angemessen.


Rezensent
Peter Schröder
Pfarrer
(Lehr-)Supervisor (DGSv), Seniorcoach (DGfC)
Homepage www.resonanzraeume.de
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Zitiervorschlag
Peter Schröder. Rezension vom 20.09.2005 zu: Mario H. Kraus: Mediation - wie geht denn das? Ein Praxis-Handbuch für die außergerichtliche Streitbeilegung. Junfermann Verlag GmbH (Paderborn) 2005. ISBN 978-3-87387-605-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/2915.php, Datum des Zugriffs 20.07.2019.


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