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Thomas Bock: Psychose und Eigensinn

Rezensiert von Sebastian Kron, 29.12.2022

Cover Thomas Bock: Psychose und Eigensinn ISBN 978-3-96605-177-4

Thomas Bock: Psychose und Eigensinn. Noncompliance als Chance. Psychiatrie Verlag GmbH (Köln) 2021. 191 Seiten. ISBN 978-3-96605-177-4. D: 18,00 EUR, A: 18,50 EUR.

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Thema

Das Buch „Psychose und Eigensinn. Noncompliance als Chance“, geschrieben von Prof. Thomas Bock und veröffentlicht im Paranus-Verlag, schlüsselt eigensinnige, menschliche Eigenschaften im Kontext von herausfordernden Verhalten, gleichzeitig aber auch die besonderen Eigenschaften psychoseerfahrender Menschen, auf. Jede psychische Erkrankung bringt Eigenheiten mit sich, die gut entschlüsselt und schlussendlich diagnostiziert werden müssen. Das Buch zeigt auf, wie wichtig es ist, die Ursachen psychischer Erkrankungen und dem dahinterstehenden Leiden zu erkennen. Diese zentralen Gesichtspunkte werden anhand einiger Fallbeispiele untermauert. Nebensächlich wird auch die bipolare Störung thematisiert. Weiterhin geht es darum, die kontroverse Beziehung zwischen Compliance und Noncompliance im Kontext von eigensinnigen Eigenschaften psychotisch erfahrender oder erkrankter Menschen zu betrachten.

AutorIn oder HerausgeberIn

Herr Prof. Dr. Thomas Bock ist Professor für Klinische Psychologie und Sozialpsychiatrie sowie Psychologischer Psychotherapeut, seit 40 Jahren am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf und Autor von Fach- und Kinderbüchern. Zudem ist er renommiert für seine mit Dorothea Buck gegründeten Psychoseseminare.

Entstehungshintergrund

Das Werk entsteht in einer Zeit, in der die Vermutung aufkommt, dass es fast zu einer Selbstverständlichkeit geworden ist, psychische Störungen pharmakologisch zu behandeln. Zudem nehmen ätiologische Faktoren der Psychose, wie Einsamkeit begründet durch die Corona-Pandemie, mehr und mehr zu.

Aufbau

Das vorliegende Buch lässt sich aus meiner Sicht in zwei große Teilabschnitte einteilen. In einem ersten Part wird der Grundstein gelegt, spezifische Begrifflichkeiten benannt und erläutert. Der zweite Teilabschnitt verdeutlicht im Rahmen von Fallbeispielen bestimmte Eigenschaften Betroffener, die sich mitten in der Erkrankung befinden oder eine Psychoseerfahrung aufweisen.

Inhalt

Das mir vorliegende Werk könnte man ganz grob unter drei elementaren Gesichtspunkten zusammenfassen:

  • Eigensinn und Psychose
  • Ursachen- vor Symptombekämpfung
  • Psychose und Lebensgestaltung

An diesen drei Themen möchte ich mich orientieren und einige inhaltliche Schwerpunktfragen herausarbeiten:

  1. Was bedeutet Eigensinn und welche Bedeutung hat der Begriff in der Psychiatrie?
  2. Wie reagieren Angehörige oder Partner:innen auf die charakteristischen Gefühle und Stimmungen der erkrankten Menschen? Welche Rolle spielt die Gruppendynamik?
  3. Muss das aktuelle Psychiatrieverständnis umgedacht werden?

Unter Eigensinn versteht der Autor einen Begriff, der die Eigenschaften und Sinnhaftigkeiten bestimmter Verhaltensweisen beschreibt. Wahrscheinlich hat das gesamte Erleben bipolar oder psychotisch erkrankter Menschen einen Sinn (Einsamkeit kompensieren, Abhängigkeits-/​Autonomiekonflikt, Konflikte innerhalb des gruppendynamischen Systems Familie, usw.).

Daraus wiederum können Themen abgeleitet werden, die bei der Ätiologie der Psychose eine Rolle spielen können (Einsamkeit, innerpsychische Konflikte, Störungen in gruppendynamischen Systemen, u. ä.). Besondere Eigenschaften erkrankter Menschen können unerklärliche Wutausbrüche, Rückzugsverhalten, Panikattacken und damit verbundene Reaktionen der Derealisation und Depersonalisation sein.

Das Erleben, als unmittelbare innere Erfahrung, mündet meist in bestimmte Verhaltensweisen. Betroffene leiden oftmals sehr, Außenstehende aber auch, da sie die besonderen Eigenschaften nicht oder nur schwer einordnen können. Bedingt durch die Verhaltensweisen der Erkrankten reagieren nahestehende Menschen, Freunde oder Bekannte mit Distanz, andere zeigen Mitleid, wieder andere ordnen sich diesen Mustern unter.

Grundsätzlich kann gesagt werden, dass keine dieser Reaktionen förderlich für den Genesungsprozess der Betroffenen ist. Es ist daher wichtig, das psychosoziale Umfeld in bestimmte therapeutische Interventionen einzubinden. Nahestehende Menschen können lernen, mit Manie, Wahn, Wut und Angst umzugehen. Gleichzeitig kann ein offener Austausch zwischen Erkrankten und Umfeld hilfreich sein, um angemessen auf bestimmte Muster zu reagieren. Einsame, erkrankte Menschen erleben zudem auch das Gefühl von Verständnis und Zuneigung besonders.

Betroffene brauchen ein Gefühl der inneren und äußeren Sicherheit. Bestimmte Orte oder Gegenstände können für diese Menschen eine wichtige und wesentliche Rolle einnehmen. Der Autor verdeutlicht dieses Gefühl von Sicherheit an einem Fall „Marc“ (S. 95), der nur seine Parkbank verließ, wenn er es wirklich musste. Sie bedeutete für ihn Sicherheit und Geborgenheit, wahrscheinlich (für eine:n Außenstehende:n kaum nachvollziehbar) einen Ort, an dem er Einsamkeit, Angst und Wut entkommen kann.

Das vorliegende Werk geht außerdem auf ein alternatives Psychiatrieverständnis, weg von einer (zu früh oder zu lang verordneten) medikamentösen Behandlung, hin zu einer, von Verständnis, Beziehung und Ursachenforschung geprägten Psychiatrie ein. Dabei systematisiert der Autor verschiedene Formen der Krankheitseinsicht und thematisiert die Frage, inwiefern Krankheitseinsicht Therapeut*innenaufgabe sei. Zentral wird zudem das Recovery-Konzept als ein Aspekt alternativer Behandlung bedacht.

Weiterhin wird das „Noncompliance“-Vorgehen beschrieben und die Frage nach Sinn und Alternativen möglicher Behandlungsstrategien aufgenommen. Ist es ratsam, jeder ärztlichen Verordnung nachzugehen oder heißt Genesung auch die Selbstsuche nach einem gelingenderem Leben? Gerade bei psychischen Erkrankungen ist diese Frage schwer zu beantworten. Viele erkrankte Menschen ordnen sich, aus Angst vor Rückfällen, ärztlichen Verordnungen unter, andere suchen im Umgang mit ihrer Störung nach alternativen Möglichkeiten.

Diskussion

Wo sehe ich wichtige, zentrale Ansatzpunkte für die Soziale Arbeit mit psychotisch erkrankten Menschen?

  1. Beziehungsgestaltung: Gerade bei Menschen mit einer Psychose ist eine gute Beziehungsgestaltung sehr wichtig. Tiefenpsychologische Theorien gehen davon aus, dass Psychosen Beziehungsstörungen sind. Die Störung versucht Gefühle der Ohnmacht und Einsamkeit mit psychotischen Symptomen zu kompensieren. Dinge, Stimmen oder andere Menschen können dann visuell und akustisch wahrgenommen werden. Zurückliegende Traumatisierungen und Konflikte werden nicht selten in der Psychose dramatischer wiedererlebt. Verschiebungen zwischen Realität und Wahn können nur in einer verständnis- und vertrauensvollen Atmosphäre bearbeitet werden.
  2. Arbeit an den Symptomen/​Ursachen: Jede psychische Störung zeigt bestimmte Symptome. Oftmals stecken diverse Ängste, Selbstunsicherheiten und ein negatives Selbstbild dahinter. Soziale Arbeit kann diese Symptome aufgreifen und systematisch angehen. Eine gute Ressourcenaktivierung kann helfen, um das Selbstbild „aufzubessern“. Imaginäre Übungen, wie die Suche nach einem sicheren, inneren Ort, können dazu beisteuern, dass sich Betroffene selbst vor schädlichen Außeneinwirkungen schützen können. Soziale Arbeit kann helfen, Hemmungen und Unsicherheiten abzubauen, in dem sie begleitend den Kontakt Betroffener zu anderen Menschen unterstützt. Entspannungsübungen bauen Spannungszustände ab und verhelfen zu einem gesunden Maß der inneren Ruhe.
  3. Kommunikationstechniken: „Klare“ Kommunikationstechniken sind bei psychoseerfahrenden Menschen wichtiger denn je, um realitätsferne Zustände zu vermeiden. Eine „Double-Bind“-Kommunikation kann der:die Betroffene nicht einordnen. Daher ist im sozialen Umfeld und in helfenden Berufen eine eindeutige Kommunikation wichtig. Unter „Double Bind“ versteht man in der Psychologie eine Kommunikation, die durch Zwiespaltigkeit gekennzeichnet ist (z.B. Aussagen der Annäherung und Auseinandersetzung zu vereinen).
  4. Umgang mit Stress: Bereits erwähnte Entspannungstechniken, wie die progressive Muskelentspannung oder das autogene Training, können helfen, inneren Stress abzubauen. Soziale Arbeit muss sicherstellen, dass sich Erkrankte auf diese Formen der Stressreduktion einlassen können. Oftmals führen Sozialarbeitende Entspannungstechniken durch.
  5. Systemische Sozialarbeit: Bei der Unterstützung psychotisch erkrankter Menschen ist ein sicheres Umfeld von besonderer Bedeutung. Eine klare, sichere und möglichst konfliktfreie Beziehung kann zur Gesundung förderlich sein.

Nach dieser kurzen Übersicht, die diskutabel und nicht vollständig ist, möchte ich eine Möglichkeit darstellen, die als Alternative zur „normalen“, stationär-psychiatrischen Behandlung gesehen werden kann. Im Rahmen des Soteria-Konzepts werden Menschen in einem bestimmten Rahmen milieutherapeutisch, psychotherapeutisch und alltagsnahe begleitet. Der Grundgedanke einer partizipativ-orientierten Alternativbehandlung ohne oder nur mit einem geringen Einsatz von Neuroleptika wird seit 2013 in der Psychiatrischen Universitätsklinik der Charité im St. Hedwig-Krankenhaus in Berlin umgesetzt. Leider sind derartige Wohnformen, die aus der psychiatriekritischen Bewegung der 1970-er Jahre hervorgingen, eher selten in Deutschland vertreten. (vgl. Nischk o.J.)

Als Sozialarbeiter kann und möchte ich mir keine Urteile über das aktuelle Psychiatrieverständnis erlauben. Die Dosis beim Einsatz von Medikamenten muss angemessen der Ausmaße einer Störung sein und darf nicht zu leichtfertig erhöht werden. Aus meiner Sicht muss eine genaue Abwägung von Nutzen und Nebenwirkungen erfolgen. Neben der medikamentösen Behandlung ist eine gute therapeutische Arbeit und Beziehung wesentlich.

Fazit

Ein beeindruckendes Werk von knapp 200 Seiten beschreibt eigensinnige Besonderheiten im Kontext psychischer Störungen, insbesondere der Psychosen. Es beschreibt die Notwendigkeit, psychische Störungen ursachenspezifisch zu behandeln, näher und stellt die besondere Bedeutung einer kontroversen Beziehung zwischen Compliance und Noncompliance dar.

Das vorliegende Buch ist aus meiner Sicht sehr gelungen. Fallbeispiele untermauern das theoretisch Geschriebene.

Weiterführende Quelle

Nischk, D. (o.J.): Soteria-Gedanke. Online: URL: https://soteria-netzwerk.de/entstehung-des-soteria-gedankens [Datum der Recherche: 01.12.2022]

Rezension von
Sebastian Kron
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Es gibt 31 Rezensionen von Sebastian Kron.

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ISSN 2190-9245