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Silke Lipinski: Ein Pinguin unter Störchen

Rezensiert von Dipl.-Päd. Petra Steinborn, 13.05.2022

Cover Silke Lipinski: Ein Pinguin unter Störchen ISBN 978-3-86739-265-5

Silke Lipinski: Ein Pinguin unter Störchen. Leben mit Autismus. Psychiatrie Verlag GmbH (Köln) 2021. 137 Seiten. ISBN 978-3-86739-265-5. D: 18,00 EUR, A: 18,50 EUR.
Reihe: BALANCE Erfahrungen. In Beziehung stehende Ressource: ISBN: 9783867392754
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Thema

Der Klappentext beginnt mit einem Zitat: „Ich bin tough und stehe immer wieder auf, nachdem ich hingefallen bin. Ich lerne dazu. Andere hätten sicherlich schon mehrere Fremdsprachen gelernt, in der Zeit, in der ich die zwischenmenschliche Sprache im Miteinander erlernt habe. Aber ich habe sie erlernt.“ Dieses Zitat spiegelt den Grundgedanken des Buches wider: Das Bereitstellen von individuellen Erfahrungsberichten, damit andere Autist:innen unterstützt werden können, ihren Weg zu gehen, Hinweise zu bekommen, welche Strategien im Umgang mit anderen Menschen hilfreich waren und zu erfahren, wie es gelingt, zu entspannen und auftanken.

Herausgeberin

Das Buch wurde von dem Verein Aspies e.V. und Silke Lipinski herausgebracht. Aspies e.V. ist eine bundesweite Selbsthilfe- und Selbstvertretungsorganisation von und für Menschen im Autismus-Spektrum. Silke Lipinski arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Psychologie der Humboldt-Universität zu Berlin, ihr Arbeitsschwerpunkt ist die ambulante Psychotherapie für Erwachsene im Autismus-Spektrum. Sie ist selbst Asperger-Autistin, Mitglied der Berliner Autismus-Forschungs-Kooperation (AFK) und aktiv bei Aspies e.V.

Entstehungshintergrund

Der Verein Aspies e.V. veröffentlichte 2010 den ersten Sammelband mit dem Titel „Risse im Universum„ mit dem Ziel, ein Forum zu schaffen, in dem Menschen mit Autismus selbst zu Wort kommen. Das hier vorgelegte Buch ist ein Update. In der Reihe „BALANCE-erfahrungen“, ein Imprint des Psychiatrie-Verlags Köln berichten Menschen von eigenen Krisen, von ihren Erfahrungen und davon, wie sie diese bewältigt haben. Zentrales Ziel der Reihe ist, Lösungsmöglichkeiten aufzuzeigen.

Aufbau und Inhalt

Das vollständige Inhaltsverzeichnis findet sich auf der Homepage der Deutschen Nationalbibliothek.

Das Buch ist im DIN A 5 Softcover-Format erschienen und hat einen Umfang von 137 Seiten, die sich neben dem Vorwort in 20 Kapitel gliedern. Es sind Erfahrungsberichte von Menschen, die unter den Bedingungen von Autismus leben. Die Kapitel sind nicht durchnummeriert. Am Ende des Berichtes wird anhand eines Steckbriefs die Autorin/der Autor vorgestellt.

Das Erscheinungsbild Autismus-Spektrum (Störung) zeigt sich in vielfältigen Formen. Neben Schwierigkeiten und Problemen gibt es Erfahrungen, die verbinden und Mut machen können. Die beteiligten Autorinnen und Autoren der Texte kennen sozialen Stress und haben gelernt, mit schwierigen Situationen umzugehen. Sie haben bei sich besondere Talente entdeckt, die das eigene Leben reicher machen. Zum Beispiel ist da Jana Michel, sie bemerkt im Alter von 4 Jahren, dass sie anders ist. In ihrem Beitrag berichtet sie davon, wie es ihr gelang, die vermeintliche Schwäche in Stärke umzuwandeln. Sie hat eine Ausbildung zur Psychotherapeutin absolviert, hat allerdings ihren Autismus nicht benannt, aus Angst, dass ihr dann diese Berufsausbildung verwehrt geblieben wäre. Sie fragt, was eine Norm ist, zum normativen Denken, schreibt sie: „In einer Gesellschaft voller Farbenblinder ist der Regenbogen ein Symptom des Wahnsinns“ (S. 26). Am Ende ihres Berichts nennt sie einige klischeebehafteten Charakteristika, um ihnen mehr Dimensionalität zu geben wie z.B. bei der Aussage, Autisten hätten einen mangelnden Sinn für Humor. Sie stellt die Frage, wer bei dieser Zuschreibung wessen Witze nicht versteht.

Katharina berichtet von der Kraft der Details, auf die sie sich konzentriert. Katharina stellt die Frage: Bin ich behindert, nur weil ich Dinge im Alltag sehen kann, die andere Menschen nicht sehen können?

Lena Loki erlebte die Diagnose Autismus als Befreiung von der Odyssee durch andere Diagnosen wie Depression, Schizophrenie und Borderline. Ihr hilft das Schreiben von Fantasiegeschichten, sie hat ein Wochenplan, eine Tasche mit Hilfsmitteln wie einen Stressball oder ein Knistertuch.

Jonathan war als Kind von Reizen überflutet und hat durch Ergotherapie und familiäre Unterstützung gelernt, einen Umgang zu finden. Erwartungen und Ansprüche an ihn machen Druck, er nutzt einen sicheren Ort, um zur Ruhe zu kommen. Auch hat er sich „antrainiert“ (S. 106), frühzeitiger darüber zu reden und nicht seiner Neigung nachzugeben, zu schweigen. Reize nutzt er nun für seine Geschichten, in denen er auch seine Lebensthemen verarbeitet, die Welt besser zu begreifen und Strategien zu entwickeln.

Leopold Tscheezsch beschreibt seine Identitätsfindung als Puzzle, er wurde als Frau geboren und lebt jetzt als Transmann.

Gyde Pulmer erlebt ihre Autismus-Diagnose als Wendepunkt des Lebens und Beginn der Emanzipation von Erwartungen anderer Menschen.

Diskussion

Bis in die 1980-er Jahre haben Wissenschaftler:innen und Angehörigenorganisationen die Bilder über Autismus geprägt. Erst in der zweiten Hälfte der 1980-er Jahre wurden sich Erwachsene aus dem hochfunktionalen Spektrum zunehmend ihrer eigenen Stimme bewusst, sie begannen von ihrer Lebenswirklichkeit zu berichten und zu zeigen, dass unter den Bedingungen von Autismus leben bedeutet, die Welt anders wahrzunehmen.

Denken und Wahrnehmen des Menschseins wird als ein Spektrum verstanden, in dem Autismus seinen Platz hat. „Nur diese neurodiverse Sichtweise kann Grundlage einer sinnvollen Unterstützung, Förderung und Inklusion autistischer Menschen sein.“ (S. 7). Folglich sind autistische Lebensmodelle und Lebensweisen anzuerkennen und als Potenziale zu verstehen.

Dieses kleine Büchlein ist eine Wundertüte an Erfahrungsberichten und praxiserprobten Strategien. Die einzelnen Lebensgeschichten zeigen die Vielfalt an Erfahrungen auf, so wie das Leben vielfältig ist.

In diesem Teil „Diskussion“ besteht die Möglichkeit der Bewertung. Das ist in diesem Format nicht möglich, denn es sind individuelle erlebte Erfahrungsberichte. Zusammengestellt sind 20 Berichte von Menschen, die unter den Bedingungen von Autismus leben, auffällig ist die Verteilung von Frauen zu Männern. Von den 20 Teilnehmenden sind 12 Frauen und 8 Männer. Es mag Zufall sein, vielleicht aber auch ein Statement dahingehend, dass die landläufige Meinung, dass es unter hochfunktionalen Autisten mehr Männer als Frauen gibt, auf diese Art infrage gestellt wird.

Fazit

Der Klappentext des Buches beginnt mit einem Zitat: „Ich bin tough und stehe immer wieder auf, nachdem ich hingefallen bin. Ich lerne dazu. Andere hätten sicherlich schon mehrere Fremdsprachen gelernt, in der Zeit, in der ich die zwischenmenschliche Sprache im Miteinander erlernt habe. Aber ich habe sie erlernt.“ Dieses Zitat spiegelt den Grundgedanke des Buches wider: Das Bereitstellen von individuellen Erfahrungsberichten, damit andere Autist:innen Möglichkeiten kennenlernen, ihren Weg zu gehen, Berichte, die aufzeigen, welche Strategien im Umgang mit anderen Menschen hilfreich waren und mitzuteilen, wie es gelingt, zu entspannen und auftanken.

Natürlich gibt es Geschichten vom schwierigen Alltag und dem enormen Druck, sich anzupassen, aber es gibt auch Geschichten, die von der Erforschung und Entdeckung eigener Bedürfnisse, von Stärken und Fähigkeiten handeln. Das Buch möchte Autisten Mut machen, eigene Wege zu finden, die Erfahrungsberichte können die Wirkung von positiven Vorbildern haben. Alle anderen werden eingeladen, Gemeinsamkeiten wahrzunehmen und Unterschiede als Bereicherung für das eigene Leben und für die Gesellschaft zu sehen.

Rezension von
Dipl.-Päd. Petra Steinborn
Tätig im Personal- und Qualitätsmanagement in einer großen Ev. Stiftung in Hamburg-Horn. Freiberuflich in eigener Praxis (Heilpraktikerin für Psychotherapie). Leitung von ABC Autismus (Akademie-Beratung-Coaching), Schwerpunkte: Autismus, TEACCH, herausforderndes Verhalten, Strategien der Deeskalation (systemisch), erworbene Hirnschädigungen
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Es gibt 272 Rezensionen von Petra Steinborn.

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Zitiervorschlag
Petra Steinborn. Rezension vom 13.05.2022 zu: Silke Lipinski: Ein Pinguin unter Störchen. Leben mit Autismus. Psychiatrie Verlag GmbH (Köln) 2021. ISBN 978-3-86739-265-5. Reihe: BALANCE Erfahrungen. In Beziehung stehende Ressource: ISBN: 9783867392754 . In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/29151.php, Datum des Zugriffs 23.05.2022.


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