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Arno Deister: Zukunft. Psychiatrie

Rezensiert von Prof. Dr. Annemarie Jost, 05.10.2022

Cover Arno Deister: Zukunft. Psychiatrie ISBN 978-3-96605-138-5

Arno Deister: Zukunft. Psychiatrie. Herausforderungen. Konzepte. Perspektiven. Psychiatrie Verlag GmbH (Köln) 2022. 292 Seiten. ISBN 978-3-96605-138-5. D: 30,00 EUR, A: 30,90 EUR.
Reihe: In Beziehung stehende Ressource: ISBN: 9783966051644 .

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Thema und Zielgruppe

Mit dem Buch möchte der Autor Diskussionen zu einer langfristigen, den fachlichen Möglichkeiten entsprechenden psychiatrischen Versorgung anstoßen. Daher richtet es sich an Akteur*innen, die vor Ort, in Fachgesellschaften oder in der Gesundheitspolitik Weiterentwicklungen der sozialpsychiatrischen Versorgung gestalten möchten. Allerdings fokussiert Arno Deister hierbei besonders die Weiterentwicklung psychiatrischer Kliniken bzw. Fachabteilungen an Krankenhäusern zu einer sektorenübergreifenden, flexiblen, den Bedürfnissen der Menschen vor Ort entsprechenden Versorgung und die Finanzierungsmodelle für eine derartige Neuausrichtung. Mögliche Weiterentwicklungen in komplementären sozialpsychiatrischen Arbeitsfeldern sowie aktuelle gesamtgesellschaftliche Herausforderungen werden nur kurz angeschnitten.

Autor

Prof. Dr. Arno Deister war über 20 Jahre Chefarzt des Zentrums für Psychosoziale Medizin des Klinikums Itzehoe. Die Finanzierung der psychiatrischen und psychotherapeutischen Versorgung erfolgt dort durch das Regionale Budget, d.h. durch ein in Deutschland bisher nur an wenigen Kliniken als Modellprojekt eingeführtes Finanzierungssystem. 2017 und 2018 war Prof. Dr. Arno Deister Präsident der DGPPN und ist seit 2021 Bundesvorsitzender des Aktionsbündnisses Seelische Gesundheit. Das Buch stützt sich auch auf zahlreiche Interviews zu Fragen nach Konzepten für eine zukunftsfähige Gesundheitspolitik, wobei bei den Interviewten zahlenmäßig Chefärzt*innen erheblich überrepräsentiert sind.

Aufbau 

Das Buch gliedert sich in 16 Abschnitte, die oft durch Expert*inneninterviews untersetzt sind:

  • Die Psychiatrie der Zukunft – eine Zukunft für die Psychiatrie?
  • Faszination Psychiatrie – auf dem Weg in die Zukunft
  • Wo stehen wir? Der Blick auf die Psychiatrie von heute (mit Ingo Ulzhoefer, einem EX-IN Kursabsolventen und Kirsten Kappert-Gonther, der stellvertretenden Vorsitzenden des Gesundheitsausschusses, Bündnis 90/Die Grünen)
  • Orientiert am Menschen – Haltungen und Einstellungen
  • Herausforderung Qualität: Was ist gute Psychiatrie? (mit Bettina Wilms u.a. zur Personalgewinnung, zu Defiziten im Gesetzgebungssystem und zur Problem- statt Lösungsfixierung)
  • Die Würde des Menschen – ethische und rechtliche Rahmenbedingungen (mit Thomas Pollmacher: „Die Psychiatrie muss Teil der Medizin sein“)
  • Soziale Gerechtigkeit schaffen – für gesellschaftliche Verantwortung (mit Christian Kieser zum Thema der Lebensbedingungen der betroffenen Menschen, der Inklusion und Selbstbestimmung)
  • Diese Aufgabe ist entscheidend: die Frage der Finanzierung
  • Seelisch gesund in der Gesellschaft – Aspekte der verantwortlichen Teilhabe mit einem Exkurs zum Aktionsbündnis Seelische Gesundheit
  • Mehr Zeit für Menschen – für eine zukunftsfähige Personalbemessung
  • Mehr Wissen – Forschung für Menschen mit psychischen Erkrankungen (mit Georg Schomerus, Universitätsklinikum Leipzig u.a. zur Biologisierung der Psychiatrie und wichtigen Gegenbewegungen)
  • Flexibilität der Versorgung – Grundlagen für ein psychosoziales Gesundheitssystem (mit Iris Hauth u.a. zur Digitalisierung)
  • Das Krankenhaus der Zukunft – welche Rolle spielt es im Gesundheitssystem (mit Gerald Gaß: „Wir müssen Psychiatrie sichtbarer machen“)
  • Was wir brauchen: Die regionale Verantwortung (mit Nils Greve, dem Vorsitzenden des Dachverbandes Gemeindepsychiatrie, der u.a. kritisch die Spielregeln der Systeme hinterfragt und die Perspektive von der Neuausrichtung psychiatrischer Kliniken hin zu den Kommunen deutlich erweitert)
  • Über die Zukunft – über Psychiatrie

Inhalt

Besonders im Fokus steht in zahlreichen Abschnitten die Zukunft der Krankenhauspsychiatrie

  • Mit einer fachlich fundierten Personalbemessung: „Im Zentrum vieler gesundheitspolitischer Diskussionen stehen die Beratungen im Gemeinsamen Bundesausschuss (GBA). Dort wurden in den letzten Jahren verbindliche Richtlinien zur Frage der Personalbemessung in der Psychiatrie und Psychosomatik (PPP_RL) –… sowie zur berufsgruppenübergreifenden, koordinierten und strukturierten Versorgung … beraten …“. Diese Vorgaben müssten jedoch evidenzbasiert und leitliniengerecht weiterentwickelt werden.
  • Mit einer Weiterentwicklung von bisher in Modellprojekten erprobten innovativen Finanzierungsstrukturen im Sinne des Regionalbudgets. Diese pauschalierte Finanzierung umfasst jedoch nicht die gesamte psychiatrische Versorgung des betroffenen Menschen, sondern nur das Leistungsspektrum, das in und durch ein Krankenhaus erbracht wird. Es müsse zu deutlich mehr settingübergreifenden, neuen Versorgungsstrukturen kommen. Hierbei sei jedoch das zersplitterte Rechts- und Finanzierungssystem ein Hindernis.
  • Mit einer stärkeren Präventions-, Recovery- und Empowermentorientierung unter Mitwirkung von psychiatrieerfahrenen Genesungsbegleiter*innen und Angehörigen.
  • Mit einer Weiterentwicklung der im Hamburger/​Itzhoer RECOVER Projekt bereits entwickelten schweregradgestuften, evidenzbasierten Versorgung. Zu thematisieren sei auch die kritisch zu hinterfragende Ausweitung psychiatrischer Zuständigkeit für normale Lebenskrisen.

Weiterhin werden im vorliegenden Buch gesellschaftliche Herausforderungen angeschnitten. Hierbei wird in einem kurzen Abschnitt der Klimawandel thematisiert. Die pandemiebedingten Herausforderungen werden jedoch nicht vertieft analysiert, sondern an der einen oder anderen Stelle nur kurz erwähnt.

Die notwendigen Weiterentwicklungen im komplementären Bereich finden weniger Platz als die Entwicklungen der Krankenhauspsychiatrie. Im Abschnitt „Was wir brauchen: Die regionale Verantwortung“ spricht Nils Greve jedoch die notwendige Wende hin zu „ambulantbasierter Komplexsteuerung von … multiprofessionellen Teams“ unter Einschluss aller Hilfen, die Menschen mit psychischen Erkrankungen brauchen, an. Dies benötige aber erhebliche gesetzgeberische Eingriffe, die nur trialogisch im Sinne von gemeinsamen Anstrengungen Professioneller, Betroffener und Angehöriger sowie auch im Sinne von einem Zusammenwirken von Gesetzgeber, Ministerien und Akteuren zu stemmen seien. Sozialpsychiatrische Kernkompetenz umfasse dabei lebensweltorientierte, aufsuchende, alltagspragmatische und inklusive Arbeit. Das mehrfach thematisierte Konzept der Stationsäquivalenten Behandlung bringe die im/am Krankenhaus Tätigen in einen Lernprozess, der die gemeindepsychiatrischen Leistungserbringer seit 40 Jahren präge.

Diskussion

Es hätte dem Buch – falls man nicht den Titel „Zukunft Krankenhauspsychiatrie“ wählt – gutgetan, wenn gemeindepsychiatrische Perspektiven noch mehr Platz gefunden hätten und wenn mögliche Konflikte zwischen einer Psychiatrie als medizinischem Fachgebiet und der stärkeren Beteiligung anderer Professionen deutlicher ausgetragen worden wären. So ist der immer wieder geforderte Bezug zu gesellschaftlichen Entwicklungen blass geblieben. Auch aktuelle Herausforderungen, wie die im Zuge der Pandemiemaßnahmen unterschiedlich bewertete Systemrelevanz der verschiedenen sozialpsychiatrisch Tätigen und die Zunahme bestimmter psychiatrischer Erkrankungen seit 2020 werden nur am Rande thematisiert. Die Reflexionen zur sozialen Ungleichheit und zur Diversitätssensibilität hätten noch weiter vertieft werden können. Psychische Erkrankung bei Menschen mit Behinderung, wie zum Beispiel bei Menschen mit FASD, und deren spezielle Behandlungsbedarfe scheinen in den Zukunftsperspektiven kaum eine Rolle zu spielen. Auch psychisch kranke Menschen in Pflegeheimen, insbesondere deren Situation während pandemiebedingter Quarantänemaßnahmen sind völlig aus dem Blick geraten. Im Fokus der Betrachtung des vorliegenden Buches steht besonders die Krankenhausfinanzierung und ein sektorübergreifendes Versorgungssystem im Bereich der Krankenkassenfinanzierung. Eine wirkliche Reflexion von kommunalen Aktivitäten z.B. von kommunalen Teilhabeplänen und einer gut aufgestellten individuellen Teilhabeplanung unterbleibt. Auch eine Thematisierung von ausbaufähigen Angeboten für psychisch kranke Eltern sowie die Mitwirkung von psychiatrischen Expert*innen bei einer psychiatrisch präventiven Pädagogik der frühen Kindheit und der Förderung der psychischen Gesundheit im Bildungssystem sowie eine Auseinandersetzung mit psychiatrischer Prävention am Arbeitsplatz findet kaum statt. Das Buch bietet so in einem umschriebenen Bereich sehr fachkundige und interessante Perspektiven, lässt aber viele andere wichtige Themen außen vor. Zugleich werden Möglichkeiten der politischen Einflussnahme und Aktivitäten von Verbänden und Fachgesellschaften deutlich. Der Titel Zukunft.Psychiatrie ist daher meiner Auffassung nach zu weit gefasst.

Fazit

Es handelt sich um ein mit großer Expertise geschriebenes Buch zur Zukunft der psychiatrischen Kliniken mit einer besonderen Fokussierung der Personalbemessung, der Genesungsbegleitung, der Möglichkeiten sektorübergreifender Versorgungsstrukturen (Regionalbudgets) und schweregradbasierter Versorgungsangebote. Die notwendigen/möglichen Weiterentwicklungen im komplementären gemeindepsychiatrischen Bereich sowie aktuelle gesellschaftliche Bezüge haben demgegenüber einen deutlich geringeren Raum gefunden.

Rezension von
Prof. Dr. Annemarie Jost
Professorin für Sozialpsychiatrie an der Fakultät 4 der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus-Senftenberg
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Es gibt 138 Rezensionen von Annemarie Jost.

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Zitiervorschlag
Annemarie Jost. Rezension vom 05.10.2022 zu: Arno Deister: Zukunft. Psychiatrie. Herausforderungen. Konzepte. Perspektiven. Psychiatrie Verlag GmbH (Köln) 2022. ISBN 978-3-96605-138-5. Reihe: In Beziehung stehende Ressource: ISBN: 9783966051644 . In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/29152.php, Datum des Zugriffs 29.11.2022.


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