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Reinhard Plassmann: Das gefühlte Selbst

Rezensiert von Dr. med. Joachim Gneist, 27.06.2022

Cover Reinhard Plassmann: Das gefühlte Selbst ISBN 978-3-8379-3129-7

Reinhard Plassmann: Das gefühlte Selbst. Emotionen und seelisches Wachstum in der Psychotherapie. Psychosozial-Verlag GmbH & Co. KG (Gießen) 2021. 286 Seiten. ISBN 978-3-8379-3129-7. D: 32,90 EUR, A: 33,90 EUR.
Reihe: Therapie & Beratung
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Thema

Das Buch verschafft Lesern einen Überblick über neurobiologische Grundlagen der Selbstentwicklung und über das Selbstkonzept der Säuglingsforschung. Verarmung des Selbstkontakts und Brüche im Selbst machen psychosomatische Krankheiten und Persönlichkeitsstörungen als Notlösung verstehbar. Behandlungsansätze und Verläufe werden im umfangreichen Praxisteil mit ausführlichen Fallstudien erläutert.

Autor

Prof. Dr. med. Reinhard Plassmann ist Nervenarzt und Psychotherapeut, Lehr- und Kontroll-Analytiker der DPV, EMDR-Therapeut. Er ist an Universitäten, in stationärer Psychotherapie sowie in eigener Praxis tätig. Seine zahlreichen Veröffentlichungen der letzten 30 Jahre umfassen analytische Körperpsychologie, Traumatherapie, Prozessarbeit u.a.

Inhalt

Teil I: Die Forschung

Sie beschäftige sich zunehmend mit Selbstemotionen des Patienten als Instrument seiner Selbstregulation und -organisation. Darauf bezieht Plassmann auch sein Transformationsmodell mit den drei Hauptfunktionen Bewertung, Steuerung und Kommunikation. Sie werden intersubjektiv im Rahmen sicherer Bindung erworben.

Bei Konzepten des Selbst unterscheidet der Autor philosophische, phänomenologische, sprachbezogene und psychoanalytische Ansätze. Daniel Stern habe Emotionen für Kommunikation und Selbstentwicklung in seiner Säuglingsforschung neu konzipiert. Für die Psychotherapiepraxis findet Plassmann Befunde und Modelle der Neurobiologie wichtig. „Lebewesen nehmen die innere und äußere Welt nicht an sich wahr, sondern sie bilden sie ab“ (S. 29). Das Gehirn kartiere nicht nur Inhalte, sondern auch Prozesse. Wissen vom Maß der Prozessverarbeitung zeige sich in der emotionalen Resonanz zwischen Patient und Therapeut. Sie symbolisiere Repräsentanzen und koordiniere sie mit Gefühlen der Personen. Die Säuglingsforschung beziehe sich auf unbewusste und mentale Interaktionen. Dem Spracherwerb gehe das Gefühl, Urheber seines eigenen Tuns zu sein, voraus. Schon der Säugling erkenne die Mutter wieder, wenn sie das resonant aufnehme: „Ich bin so stolz, dass ich weiß, wer du bist. Ist das die Mama? Ja, das ist die Mama!“ (S. 55). Ähnlich werden in der Therapie Selbstemotionen der Patienten wahrgenommen und beantwortet.

Krankmachende seelische Komplexe nähmen dem Selbst das Gefühl von Handlungsfähigkeit. Wenn das intersubjektive Selbst nicht entwickelt oder wie bei Borderline-Patienten traumatisch beschädigt sei, müsse in der Therapie auf Muster geachtet werden, die Selbst-Regulation behindern oder fördern. Plassmann sieht seinen Beitrag zur Krankheitstheorie nicht in der Idee einer Regression, sondern Prozesse zu transformieren.

Teil II: Das Transformationsmodell

Es beschreibe das komplexe System des Lebens, auch wie Krankheiten entstehen und Krankheiten behandelt werden können. Die drei wichtigsten emotionalen Prozesse seien die Regulation der Emotionsstärke, der Emotionsqualität und der Kommunikation auch im Kontakt mit sich selbst. Voraussetzung sei die Repräsentanzenbildung. Das Gehirn schaffe Abbildungen von allem, was geschieht, mit dem Ziel, kohärente Ganzheiten zu bilden, wie sie kommunikativ zwischen Menschen mit emotionaler Resonanz beginnen (S. 109).

Teil III: Die Praxis

Dieser umfangreichste Teil des Buches enthält ausführliche Fallbeispiele aus Plassmanns Praxis. Dabei leiten ihn seine aus Neurobiologie und Säuglingsforschung gewonnenen Konstrukte.

Fallbeispiel 7: „Eine Patientin litt an chronischen Schmerzen, sie waren Resultat einer tief gestaffelten Abfolge von negativen Ereignissen. Schwere Misshandlungen in der Kindheit hatte sie überstanden, indem sie aus dem eigenen Körper gleichsam herausgetreten war und dadurch Gewalt und Schmerzen nicht mehr spüren musste, aber auch die innere Verbindung zur eigenen Lebendigkeit verlor. (…) Dann kam eine Stunde, in der ich bei mir selbst einen ständigen Suchprozess bemerkte, der aber nicht zur Klarheit führte. (Ich fragte sie), ob für sie so etwas wie eine innere Bewegung wahrnehmbar sei. Die Patientin wartete ein paar Momente mit einer Antwort, dann stiegen ihr die Tränen in die Augen, was noch in keiner Stunde vorher vorgekommen war, und sie sagte in aller Ruhe und Klarheit: Ich spüre hier zum ersten Mal das Existenzrecht meiner Lebendigkeit.“ (S. 123 f.). Plassmann erkennt darin einen transformativen Vorgang und ein Moment seelischen Wachstums.

Das Immunsystem habe die Aufgabe zwischen Selbst und Nicht-Selbst zu unterscheiden. Wie? „Die Selbstorganisation wird möglich durch das biologische Sinnesorgan der Emotionen, sie bewerten innere und äußere Vorgänge und ermöglichen so die adaptive Arbeitsweise des Immunsystems.“ (S. 192)

Emotionen von Borderline-Patienten pendeln zwischen Selbst-Verlust und Anläufen zu seelischer Nachreifung. Solche Gegenwartsmomente gelte es in der Psychotherapie bewusst zu machen und gefühlsmäßig zu verankern. Im Falle physischer Gewalt eines Vaters gegenüber seinem Sohn sollte dessen seelisches Wachstum verhindert werden. Ebenso gehe es bei sexuellem Missbrauch einer Tochter dem Täter nicht nur um sexuelle Befriedigung, vielmehr suche er ihre eigene, weibliche Sexualität zu verhindern. Daher sei in Therapiestunden spürbarer Kontakt zwischen Patient und Therapeut besonders wichtig. Auf diesem Wege könnten Borderline-Patienten eigene Existenzrechte erfahren.

In der Emotionsdynamik des Depressiven komme der Aggressionsregulation eine entscheidende Rolle zu; denn: „Aus Aggressivität nach außen werden dann Selbstvorwürfe, Angriffe auf alle nur denkbaren Aspekte der eigenen Person … ein qualvoller Zustand von Selbsthass, Freudlosigkeit, Energielosigkeit und Isoliertheit“ (S. 229). Nach fehlgeschlagenen Versuchen, auf die Hilflosigkeit einer Patientin einzugehen, machte Plassmann sich ihren Enttäuschungszorn auf sich klar und die Gefahr, sich zu verstricken. Dann erst sei es ihm gelungen, sie auf dieses Muster aufmerksam zu machen.

Selbstprozess und Sprache

In diesem Schlusskapitel erklärt der Autor, welche Sprachverwendung sich auf das Wachstum des Selbst positiv auswirke: In resonanter statt beobachtender Deutung können Patienten Momente bewusst gemacht werden, in denen sie in gutem Kontakt mit sich selbst seien. Prozess- statt Inhaltsdeutung sei notwendig, um seelische Ereignisse zu verarbeiten. Offene „sokratische“ statt geschlossener Deutung sei „dem Ensemble von Repräsentanzen und psychischen Objekten angemessen“ (S. 258 f.). Dazu folgen noch eine ganze Reihe von Fallbeispielen (S. 260–278).

Diskussion

Was das Buch zu lesen so interessant macht, sind vielgliedrige Fallstudien des Autors. Sie bringen weniger lebensgeschichtliche Einlassungen der Patienten als protokollierte Dialoge zwischen Patient/in und Therapeut sowie beiderseitige Kommentare, auch nachträgliche bis zur Drucklegung, Was ist dankbares Patientenfeedback, was Übertragungsheilung?Übertragung/​Gegenübertragungs-Phänomene werden für den Leser greifbarer als in üblichen Fallschilderungen. Aber warum werden solch beiderseitige Wünsche, Erwartungen, Enttäuschungen, ja Wut vom Autor nicht selbst benannt und diskutiert? „Übertragung“ und „Gegenübertragung“ tauchen im Text nie auf. Auffällig auch, dass nur gelungene und einige noch nicht abgeschlossene Therapieverläufe vorgestellt werden. Gescheiterte zu zeigen, kann besonders lehrreich sein. Wie dem auch sei, m.E. eignet sich z.B. das Fallbeispiel 22 im Kapitel „Sprachgestaltung der Deutung“ (S. 260–268) ausgezeichnet als Vorlage in Fortbildungen für (angehende) Psychotherapeuten.

Der Autor hat ein starkes Bedürfnis und Talent, sein Konzept von Emotionen und seelischem Wachstum zu strukturieren. Wie im Inhaltsüberblick referiert, greift Plassmann neurowissenschaftlich auf ein Kompendium von Damasio (2011) zurück. Es liegen neuere, konkretere Hirnforschungsergebnisse vor, z.B. von Angela Friederici und Gerald Hüther. Was die Säuglingsforschung betrifft, haben sich die bahnbrechenden Beobachtungen von Daniel Stern (2016) vielfältig bestätigen lassen.

Fazit

Reinhard Plassmann bezieht Neurobiologie und Säuglingsbeobachtung in seine Psychotherapie-Forschung und -Praxis ein. Repräsentanzenbildung, Selbstemotionen und Selbst-Entwicklung durch Transformation in der Psychotherapie sind seine Theorie-Schwerpunkte. Fortbildungsrelevant sind ausführliche Fallberichte mit Dialogen zwischen Patienten und Therapeut bis hin zur Drucklegung dieses Buches, einschließlich positivem Feedback. Eine gefühlsmäßige Abstimmung hält der Autor für den entscheidenden Wirkfaktor. Moreno nannte es „Zweifühlung“. Ursprünglich wollte der Autor vor seinem eigenen Buch warnen wegen der „Gründlichkeit, mit der hier auf Modelle eingegangen wird“ (S. 9). Das Werk enthält jedoch eine Fülle praxisbezogener Erkenntnisse und diskussionswürdiger Schlussfolgerungen.

Rezension von
Dr. med. Joachim Gneist
Psychiater, Psychotherapeut, Evang. Theologe, Sachbuch- und Roman-Autor.
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Es gibt 23 Rezensionen von Joachim Gneist.

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Zitiervorschlag
Joachim Gneist. Rezension vom 27.06.2022 zu: Reinhard Plassmann: Das gefühlte Selbst. Emotionen und seelisches Wachstum in der Psychotherapie. Psychosozial-Verlag GmbH & Co. KG (Gießen) 2021. ISBN 978-3-8379-3129-7. Reihe: Therapie & Beratung. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/29155.php, Datum des Zugriffs 11.08.2022.


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