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Johannes Jöhnck, Simon Baumann (Hrsg.): Politische Bildung im Förderschwerpunkt geistige Entwicklung

Rezensiert von Dr. Karoline Klamp-Gretschel, 06.04.2022

Cover Johannes Jöhnck, Simon Baumann (Hrsg.): Politische Bildung im Förderschwerpunkt geistige Entwicklung ISBN 978-3-7344-1410-7

Johannes Jöhnck, Simon Baumann (Hrsg.): Politische Bildung im Förderschwerpunkt geistige Entwicklung. Wochenschau Verlag (Frankfurt am Main) 2022. 272 Seiten. ISBN 978-3-7344-1410-7. D: 29,90 EUR, A: 30,80 EUR.
Reihe: Wochenschau Wissenschaft
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Thema

Politische Bildung für den Förderschwerpunkt geistige Entwicklung stellt ein neueres Thema dar, dessen Grundlagen im vorliegenden Band durch „theoretische Überlegungen, einschlägige empirische Ergebnisse, didaktisch-methodische Grundlagen und praktische Beispiele zur Umsetzung“ (Klappentext) erörtert werden sollen. Dazu werden sowohl förderpädagogische Aspekte wie auch politikdidaktische Überlegungen einbezogen und anhand ausgewählter Praxisbeispiele illustriert.

Herausgeber

Dr. Johannes Jöhnck arbeitet als Lehrer an einer Förderschule mit dem Förderschwerpunkt geistige Entwicklung und ist darüber hinaus Fachleiter für Gesellschaftslehre und sonderpädagogische Förderung.

Simon Baumann arbeitet als Lehrer für sonderpädagogische Förderung, darüber hinaus ist er an der TU Dortmund in der Ausbildung zukünftiger Sonderpädagog_innen tätig und promoviert an der Universität zu Köln zu politischer Teilhabe von Menschen mit geistiger Behinderung.

Entstehungshintergrund

Die Zielgruppe Menschen mit geistiger Behinderung wird zunehmend stärker in Angeboten zur politischen Bildung berücksichtigt oder gar explizit/​exklusiv adressiert. Insbesondere im förderschulischen Kontext fehlen dabei aber fachdidaktische und fachwissenschaftliche Grundlagen, die in dieser Publikation gebündelt dargestellt werden. Das ist laut Jöhnck wesentlich, da „die Schülerschaft, der ein sonderpädagogischer Unterstützungsbedarf im Bereich der geistigen Entwicklung attestiert wurde, von einer überaus großen Heterogenität individueller Lernausgangslagen, Kompetenzen und Unterstützungsbedarfe[n] geprägt [ist], [und] mit Blick auf die die Planung und Gestaltung von adaptiven Bildungssettings und ‑prozessen wiederkehrend eine ausgeprägte Fachlichkeit verlang[t]“ (S. 10).

Aufbau und Inhalt

Der Sammelband von Jöhnck und Baumann beinhaltet ein Vorwort, eine Einleitung, drei Teile mit insgesamt 16 Beiträgen und ein Verzeichnis der Autor_innen.

Menschen mit sogenannter geistiger Behinderung im politischen Kontext

  • Menschen mit sogenannter geistiger Behinderung im politischen Raum – Status quo, Hintergründe, Schlussfolgerungen (Simon Baumann)

Der Beitrag widmet sich der Frage, inwiefern Menschen mit geistiger Behinderung tatsächlich politisch aktiv sind. Vorliegende Erhebungen werden eingeordnet und Forschungslücken benannt. Schlussfolgerungen für eine stärkere politische Teilhabe der Zielgruppe werden formuliert.

  • Teilhabe und Selbstbestimmung. Politische Implikationen im Kontext geistiger Behinderung (Markus Dederich)

Die für politische Teilhabe wesentlichen Grundbegriffe Teilhabe und Selbstbestimmung werden aus verschiedenen Perspektiven erörtert, daraus ergeben sich Anknüpfungspunkte für den Begriff des Empowerments. Dies meint, dass „die Anerkennung der Selbstbestimmungsfähigkeit von Menschen mit geistiger Behinderung es möglich [macht], sie als Expert_innen in eigener Sache zu sehen“ (S. 35).

  • „Nächstes Jahr kommt es ja auf mich zu“ – Einblicke in das politische Wissen von Schüler_innen mit dem Förderschwerpunkt geistige Entwicklung (Jan M. Stegkemper)

Stegkemper geht der Frage nach, wie politischer Wissenserwerb für Schüler_innen mit geistiger Behinderung zu gestalten ist. Der Artikel ist gleichwohl ein Einblick in die von ihm verfasste Dissertation. Durch die beispielhafte Darstellung der erhobenen Daten in der Dissertation (Interviews) bietet sich die Gelegenheit, ein Schlaglicht auf die Wissenskonstrukte der beforschten Schüler_innen zu ,Demokratie‘ zu richten.

Grundlagen der Didaktik politischer Bildung

  • Einführung in die Didaktik der politischen Bildung (Sibylle Reinhardt)

Die erfolgreiche Vermittlung politischer Bildung bedarf eines gezielten Einsatzes von Didaktik, die im Artikel hinsichtlich der Bezugspunkte: Ziele und Kompetenzen, Lernende, Fach als Unterrichtsverbund und Lehrende beschrieben wird.

  • Politische Bildung im Förderschwerpunkt geistige Entwicklung – didaktische Grundlagen aus Fachrichtung und Fachdidaktik (Johannes Jöhnck)

Politische Bildung wird – aufgrund der Kulturhoheit – in den einzelnen Bundesländern unterschiedlich stark in den Lehrplänen gewichtet, was in diesem Beitrag exemplarisch anhand von Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen skizziert wird. Zudem werden methodisch-didaktische Grundlagen des Fachunterrichts sowie die entsprechende Unterrichtsplanung vorgestellt.

  • Schüler:innen mit und ohne Förderbedarf im Bereich geistige Entwicklung im inklusiven Politikunterricht – Konzeptionelle Impulse aus der Unterrichtspraxis (Jan Eike Thorweger)

Inklusiver Politikunterricht bietet nicht nur Schüler_innen im Förderschwerpunkt geistige Entwicklung, sondern allen Lernenden, Zugänge zu politischen Inhalten. Der Beitrag setzt sich damit auseinander, wie dieser inklusive politische Unterricht gestaltet werden kann, damit dieser auch Lernende im Förderschwerpunkt geistige Entwicklung adäquat anspricht und einbezieht. Dazu werden Beispiele leitender Konzepte im inklusiven Politikunterricht vorgestellt.

Schul- und Unterrichtspraxis im Förderschwerpunkt geistige Entwicklung

  • Schülervertretung und Klassenrat. Mitwirkung und demokratische Teilhabe Förderschwerpunkt geistige Entwicklung (Holger Schäfer)

Die Schüler_innenvertretung bietet Schüler_innen mit geistiger Behinderung die Gelegenheit, in der Schulorganisation mitzuwirken und damit verbunden Demokratie zu erlernen. Der Artikel skizziert die einzelnen Mitwirkungsgremien, Aufgaben und Ziele sowie die damit verbundenen Aufgaben und Verantwortungsbereiche von Schule und Schulleitung.

  • Politisches und demokratisches Lernen von Schüler_innen mit komplexer Behinderung (Simon Baumann/​Tobias Bernasconi)

Im Fokus steht die Personengruppe der Schüler_innen mit komplexer Behinderung, die oftmals bei politischen Bildungsangeboten vergessen wird, da eine Differenzierung bzw. Anpassung auf ihre Bedürfnisse zu schwierig oder gar unmöglich scheint. Der Beitrag diskutiert basale Zugangsmöglichkeiten und betont die Bedeutung politischer Bildung für die Lebenswelt.

  • Politisches Lernen in der Primarstufe im Förderschwerpunkt geistige Entwicklung – am Beispiel der drei Notfallorganisationen Polizei, Feuerwehr und Rettungsdienst (Luisa Maria Gohlke)

Da sich Politik und politische Bildung über die Lebensspanne hinweg erstrecken, aber Angebote/​Unterrichtsideen für das Grundschulalter oftmals fehlen, schlägt Gohlke eine Unterrichtsreihe zu Notfallorganisationen vor, die in dem Beitrag detailliert dargelegt wird.

  • Keine politische Bildung ohne Medien (Ingo Bosse/Anne Haage)

Politische Bildung wie auch politische Teilhabe finden vermehrt online statt, gleichzeitig lässt sich beobachten, dass sich Jugendliche/​junge Erwachsene mit geistiger Behinderung intensiv mit sozialen Medien auseinandersetzen. Daraus ergeben sich hinreichende Anhaltspunkte für einen verstärkten Einsatz von Medienbildung im Rahmen politischer Bildung, um Potenziale zu nutzen und zum Empowerment der Zielgruppe beizutragen.

  • Bildung für nachhaltige Entwicklung im Kontext politischer Bildung – „Was hat die Bundeswehr mit Frieden zu tun?“ (Ilona Westphal/​Felix Olejnick)

Die Überschneidung von politischer Bildung und Bildung für nachhaltige Entwicklung wird verdeutlicht, daran anschließend die Unterrichtseinheit „Was hat die Bundeswehr mit Frieden zu tun?“ erläutert. Die Themen Krieg und Frieden sowie globale Entwicklung stehen im Mittelpunkt und bieten Auseinandersetzungsmöglichkeiten für Schüler_innen hinsichtlich politischer Konflikte an.

  • Politische Bildung für heterogene Lerngruppen – am Beispiel differenzierter Medien zu den UN-Nachhaltigkeitszielen (Dorothee Meyer/​Therese Hellinge/​Sandra Fischer)

Eine weitere Auseinandersetzung zur Verbindung von Bildung für nachhaltige Entwicklung und politischer Bildung findet sich in diesem Artikel, in dem Ansatzpunkte zur inhaltlichen Auseinandersetzung im Förderschwerpunkt geistige Entwicklung formuliert werden. Beschrieben werden Lernkisten, die im Rahmen einer Lehrveranstaltung an der Leibniz Universität Hannover entstanden sind, diese bieten konkrete Materialien, Texte und Bilder zu verschiedenen Nachhaltigkeitszielen.

  • Inklusive politische Bildung im interdisziplinären Projekt „Das geht uns unter die Haut – Mikroplastikfreie Kosmetik herstellen und verkaufen“ (Katharina Studtmann/Urte Gladigau)

Das sich über zehn Wochen erstreckende Projekt zum Thema mikroplastikfreie Kosmetik wird mit seiner theoretischen Basis, den Zielen und dem Ablauf skizziert, Reflexionen der Beteiligten werden ergänzt. Hervorgehoben werden die personellen und zeitlichen Ressourcen, die notwendig sind, um solche handlungsorientierten Projekte durchzuführen, um damit Schüler_innen mit geistiger Behinderung bei einer größeren gesamtgesellschaftlichen Teilhabe zu unterstützen.

  • „Wir wählen!“ – Planspiele zur politischen Bildung im Förderschwerpunkt geistige Entwicklung (Tobias Böttcher)

Der Einsatz von Planspielen in der politischen Bildung erfolgt in vielen Schulformen in regelmäßigen Abständen, insbesondere für den Förderschwerpunkt geistige Entwicklung weisen Planspiele ein hohes Potenzial auf, die Bedeutung politischer Teilhabe (auch im Alltag) wahrzunehmen. Wesentlich sind eine inhaltliche Differenzierung und Aufbereitung, um die Komplexität eines Planspiels zu reduzieren. Als Beispiel wird das Planspiel „Wir wählen!“ angeführt.

  • Politisches Lernen im inklusiven Unterricht. Reflexion am Beispiel einer Unterrichtsreihe zum Thema „Antisemitismus“ (Christian Fischer)

Die Unterrichtsreihe „Fallanalyse Feinberg“ für den Politikunterricht in Klassenstufe 9 und 10 wird vorgestellt und ihre Bearbeitung durch einen 18 Jahre alten Schüler mit geistiger Behinderung erläutert. Der Autor weist darauf hin, dass es sich um kein Best-Practice-Beispiel handelt, sondern um eine politikdaktisch konzipierte Unterrichtsreihe, die er anschließend inklusionsdidaktisch reflektiert.

  • Inklusives historisch-politisches Lernen am Beispiel „Geteiltes Deutschland“ (Sebastian Barsch)

Historisches und politisches Lernen werden verbunden, indem die ehemalige DDR und die Wiedervereinigung zum Unterrichtsthema werden. Hinweise zur Umsetzung im Unterricht lassen sich dem Beitrag entnehmen. Abschließend reflektiert Barsch, ob DDR/Wiedervereinigung überhaupt ein Thema im Unterricht sein sollte: „Historisch-politisches Lernen – auch für Lernende mit sonderpädagogischem Förderbedarf – richtet sich nicht nur auf die Vergangenheit, sondern fragt stets auch aus der Gegenwart heraus, warum die Vergangenheit (oder ein bestimmter Ausschnitt aus dieser) überhaupt lohnenswerter Gegenstand für eine tiefere Auseinandersetzung damit ist“ (S. 257).

Diskussion

Die Verbindung von politischer Bildung, Inklusion und geistiger Behinderung ist ein schon länger diskutiertes Themenfeld, zu dem bislang nur wenige konkrete Hinweise zur Umsetzung im förderschulischen bzw. auch im inklusiven Unterricht vorliegen. Der Sammelband von Jöhnck und Baumann schließt an dieser Stelle an und bietet eine multiperspektivische Herangehensweise mit konkreten Unterrichtsreihen.

Es wird deutlich, dass die Herausgeber eine möglichst umfassende Darstellung der Thematik geplant und veröffentlicht haben. Obgleich alle Erkenntnisse eine hohe Relevanz zur Einordnung inklusiver politischer Bildung aufweisen, sind die Ausführungen wie auch die Praxisbeispiele weit gefasst hat. Konkrete Vorstellungen von Politik können – insbesondere für Lernende – schwer zu fassen sein (Lernziel sollte es natürlich sein, die Vielfältigkeit und Alltäglichkeit von Politik zu begreifen).

Darüber hinaus findet sich in den Beiträgen die Vielfalt der verschiedenen wissenschaftlichen Herkunftsdisziplinen der Autor_innen: einerseits die Bezüge zur Förderpädagogik/​inklusiver Bildung/dem Förderschwerpunkt geistige Entwicklung und andererseits der Bezug zur Politikdidaktik. Eine trennscharfe Unterscheidung lässt sich hier nicht vornehmen, die unterschiedliche Gewichtung zwischen den Beiträgen tritt aber deutlich hervor.

Es gibt teilweise Redundanzen zwischen den Beiträgen, was sich in Sammelbänden nicht immer vermeiden lässt, aber durchaus ergänzen sich die Beiträge auch und ergeben in ihrer Anordnung eine logische Struktur.

Fazit

Es ist den Herausgebern und Autor_innen gelungen, einen umfassenden Blick auf die Verschränkung von Inklusion, politischer Bildung und dem Förderschwerpunkt geistige Entwicklung zu werfen. Durch die fachliche Expertise und eine differenzierte Betrachtung der Schnittmenge der Disziplinen ist ein wesentlicher Beitrag zur politischen Bildung von Menschen mit geistiger Behinderung entstanden. Denn so Baumann: „Durch kontinuierliche und frühzeitige Vermittlung und Aneignung politischen Wissens, durch Wecken politischen Interesses sowie Förderung und Erwerb notwendiger Kompetenzen können Menschen mit sog. geistiger Behinderung zur selbstbestimmten Nutzung politischer Partizipationsformen in die Lage versetzt werden“ (S. 24).

Das Buch kann allen Lehrkräften, pädagogischen Fachkräften, Mitarbeiter_innen außerschulischer politischer Bildungseinrichtungen, Forschenden aus den beteiligten Fachdisziplinen und Studierenden sowie weiteren interessierten Leser_innen uneingeschränkt empfohlen werden.

Rezension von
Dr. Karoline Klamp-Gretschel
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Es gibt 16 Rezensionen von Karoline Klamp-Gretschel.

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Zitiervorschlag
Karoline Klamp-Gretschel. Rezension vom 06.04.2022 zu: Johannes Jöhnck, Simon Baumann (Hrsg.): Politische Bildung im Förderschwerpunkt geistige Entwicklung. Wochenschau Verlag (Frankfurt am Main) 2022. ISBN 978-3-7344-1410-7. Reihe: Wochenschau Wissenschaft. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/29156.php, Datum des Zugriffs 24.05.2022.


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