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Werner Fuchs-Heinritz: Biographische Forschung

Cover Werner Fuchs-Heinritz: Biographische Forschung. Eine Einführung in Praxis und Methoden. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2005. 3., überarbeitete Auflage. 402 Seiten. ISBN 978-3-531-43127-7. 25,90 EUR, CH: 45,30 sFr.

Reihe: Hagener Studientexte zur Soziologie 3.
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Thema und Entstehungshintergrund

Die biographische Forschung ist in den letzten 25 Jahren in der kultur- und sozialwissenschaftlichen Forschung zu einem etablierten und äußerst produktivem Bereich herangewachsen - und das mittlerweile nicht mehr nur im deutschsprachigen Bereich, sondern ebenso international, was an einer Vielzahl von englischsprachigen Sammelbänden zur Thematik zu erkennen ist. Das bedeutet aber leider zugleich: Nicht nur für den Laien, gerade auch für den fachlich interessierten Leser ist die biographische Forschung kaum noch zu überblicken. Daher nimmt das Buch von Werner Fuchs-Heinritz (immer noch) eine herausragende Stellung in dieser Forschungslandschaft ein, indem es bereits vor rund 20 Jahren das Erste war und noch heute das Einzige im deutschsprachigen Raum ist, das einen Überblick über die Geschichte der biographischen Untersuchungsmethoden, über ihre wesentlichen theoretischen und methodischen Kontroversen bietet und außerdem die Schritte eines biographischen Forschungsprojekts von der Konzeption bis zur Publikation nach zeichnet. In der jetzt kürzlich erschienenen dritten Neuauflage, die mit 402 Seiten im Vergleich zur ersten Ausgabe von 1984 rund 70 Seiten mehr umfasst, hat der Autor zudem die relevanten Forschungsbeiträge der letzten Jahre eingearbeitet und daraus sogar inhaltliche Veränderungen der eigenen Argumentation abgeleitet.

Aufbau und Inhalt

  • Der Aufbau des Buches ist verglichen mit der ersten Auflage jedoch völlig identisch geblieben. Und das ist gut so - denn: 'never change a winning structure'. Die Stärke des Buches von Fuchs-Heinritz lag immer schon in der Art, wie er die Leserin und den Leser im ersten Teil des Werks in die Thematik der Biographie einführte, nämlich über die sehr anschauliche Schilderung, wie biographische Kommunikation in unserem Alltag eingelassen ist: als Laudatio oder Trauerrede, als Akte und Gutachten vor Gericht und in Behörden, als Memoiren und Tagebuch und nicht zuletzt als Beichten, psychoanalytische Gespräche auf der Couch und eben seit 20 Jahren immer mehr in den Human- und Sozialwissenschaften als (auto) biographisches Interview. Indem Fuchs-Heinritz die Funktionen des alltäglichen Auftretens biographischer Kommunikation im Weiteren erläutern, entwickeln Leserinnen und Leser Schritt für Schritt einen Sinn für die Bedeutung der Problematik.
  • Der zweite Teil enthält die heute aufgrund der Flut von biographischen Forschungsbeiträgen immer wichtiger werdende Rückerinnerung an die Geschichte der Biographieforschung in den Sozialwissenschaften, insbesondere an die Arbeiten von Florian Znaniecki und William I. Thomas aus den zwanziger und dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts. Über die Verdeutlichung der wesentlichen Forschungsziele und der Rekapitulation zentraler Kontroversen vermittelt Fuchs-Heinritz ein Gefühl dafür, welche unterschiedlichen Projekte mit biographischer Forschung bearbeitet werden und welche Fragen vor diesem Hintergrund nach wie vor strittig geblieben sind. Diese betreffen das Verhältnis von Subjektivität und Objektivität, von qualitativer zu quantitativer Orientierung, von Einzelfall und Verallgemeinerung sowie 'Freud und Leid' mit dem retrospektiven Charakter der biographischen Kommunikation, also nach dem Für und Wider der nachträglichen Konstruktion von Daten über Lebensereignisse. Außerdem reflektiert Fuchs-Heinritz die Abhängigkeit der biographischen Selbstdarstellungskompetenz von der Schichtzugehörigkeit der Person sowie die Rolle, die Biographieforschung in der Aktionsforschung spielen könnte. Hinzu tritt ein Überblick zu den wichtigsten theoretischen Orientierungen und speziellen Ansätzen in der Biographieforschung wie das narrative Verfahren im Anschluss an Fritz Schütze, die Objektive Hermeneutik nach Ulrich Oevermann und die Grounded Theory von Anselm Strauss sowie ein Verweis auf die Idee der analytischen Induktion bei Florian Znaniecki, von der sich in letzter Zeit Udo Kelle und Susann Kluge (1999) in ihrem Buch "Vom Einzelfall zum Typus" haben anregen lassen.
  • Im dritten und letzten Teil beschreibt Fuchs-Heinritz den Weg von der Konzeption einer biographischen Studie bis hin zu ihrer Publikation. Er diskutiert die Haltung zum Forschungsgegenstand (wirkliche Menschen und ihre Lebensgeschichten), die Biographieforscher bei den vorbereitenden und konzeptionellen Schritten einnehmen, inwieweit sie den Verwendungszusammenhang und das Verhältnis von alltäglicher biographischer Kommunikation und biographischer Forschung reflektieren, ob sie die befragten Personen als Partner oder (Forschungs-)Objekte ansehen und wie sie die Befragungssituation selbst antizipieren. Außerdem erörtert der Autor die Möglichkeit eines Forschungstagebuchs. Tendenziell ragen diese Fragen schon in die Thematik des zweiten Kapitels von Teil drei, der Erhebung. Hier wird nochmals expliziter über Auswahl der und Zugang zum Befragten diskutiert sowie über mögliche Einflüsse des institutionellen Rahmens auf das biographische Interview nachgedacht. Beide Punkte spiegeln sich zudem in der Art der Kontaktaufnahme und der Definition der Situation zu Beginn des biographischen Interviews. Hier im zweiten Kapitel und noch im dritten Kapitel zum Kontext der Befragung kommt der Autor auf eine Reihe weiterer Details der Erhebung zu sprechen, die nur summarisch genannt seien: die technische Vorbereitung, der imaginierte Hintergrund eines "unsichtbaren Publikums" im biographischen Zwiegespräch, das Aushandeln der Befragungssituation sowie noch einige Einzelheiten zum Interviewerverhalten und zur Strategie der Gesprächsführung. Außerdem soll der Interviewer einen Bericht zum Kontext der Befragung abfassen sowie weitere Dokumente und Materialien zum Interview archivieren. Etwas kürzer behandelt Fuchs-Heinritz negative Aspekte der Interviewsituation wie Abbruch, tiefe emotionale Folgen des Gesprächs und Möglichkeiten des Auffangens solcher Folgeprobleme. Diskutiert werden außerdem die unterschiedlich gehandhabten Verfahren der Transkription sowie die Reflexion der Reichweite des biographischen Datenmaterials. Die Deutung der Reichweite wird allerdings sicher wiederum abhängig sein von der Wahl des Interpretations- bzw. Auswertungsverfahrens und gerade hier sind in den letzten Jahren etliche entstanden. Neben journalistischer Auswertung, Querschnittsauswertung und sozialwissenschaftlicher Paraphrasierung erläutert Fuchs-Heinritz vor allem die wohl beiden wichtigsten: die narrative Methode und die Objektive Hermeneutik. Die Behandlung der Publikationsthematik ist eher allgemein gehalten. Kurz erfolgen noch Hinweise auf Datenarchive.
  • Das Buch schließt mit einem knappen Ausblick. Neben einigen Hinweisen auf "günstige Bedingungen" der Fortentwicklung der Biographieforschung, umreißt er dabei noch zwei problematische Tendenzen: zum einen die "öden Wiederholungen" der methodischen Grundlagen in fast jeder biographischen Studie, zum anderen eine Vernachlässigung der auf die Forschungspraxis gerichteten Anleitungen.

Diskussion

Dieser letzte Punkt bietet gleich einen Ansatz zur Einschätzung des Buches von Fuchs-Heinritz selbst, denn gerade der dritte Teil befasst sich schließlich auf rund 130 Seiten mit dieser Thematik. Und diese Relevanzsetzung war schon in der ersten Auflage (mit ca. 120 Seiten) gegeben.

"Biographische Forschung" wendet sich an den noch nicht sachverständigen Leser. Es ist als Lehrbuch betitelt bzw. als Einführung benannt. Da die biographische Forschung unterschiedlichsten Disziplinen zugerechnet wird, dürfte es Studentinnen und Studenten der Fachrichtungen Geschichte, Pädagogik, Psychologie, Soziologie, Kulturwissenschaften und vermutlich noch einige mehr ansprechen.

In vielen Hinsichten wird die Arbeit von Fuchs-Heinritz dem Maßstab gerecht, ein solches Lehrbuch zu sein. Ich erwähnte bereits die einsame Stelle, die es gerade hinsichtlich der Aufarbeitung der älteren und neueren Geschichte der Biographieforschung einnimmt. Auch dokumentiert das Buch die konzeptionellen Hintergründe sowie die praktischen Kniffe der biographischen Forschung in voller Breite. Tatsächlich haben Student/innen, Humanwissenschaftler und interessierte Laien hier Gelegenheit sich umfassend über biographische Forschung zu informieren.

Aber ist es wirklich eine Einführung? Hier beginnen meine Zweifel. Denn gerade für den noch nicht Informierten bietet das Buch zuviel Information und zuwenig Übersicht (trotz der eigentlich gelungenen Gliederung). Der Teufel steckt jedoch im Detail, d.h. in den einzelnen Kapiteln, in denen zu viele einzelne Beiträge und Studien rezipiert werden, aber wenig sortiert erscheinen. Das ist auch nicht so sehr einer gedanklichen Konfusion, sondern einer Unentschiedenheit des Autoren geschuldet, die ich als ein drittes Manko der Biographieforschung insgesamt bezeichnen möchte und das vielleicht sogar die beiden vom Autoren im Schlusskapitel genannten negativen Tendenzen mitbedingt. Die Unentschiedenheit rührt nun daher, dass die verschiedenen Ansätze einfach nebeneinander gestellt werden und die referierten Kontroversen in ihrer Komplexität aufgeworfen, aber unentschieden, d.h. für die Leser/innen offen bleiben. Wäre ich nun ein Neuling auf diesem Gebiet, so würde ich mich unweigerlich fragen, was ich denn tun, an welchen theoretischen oder methodischen Ansatz ich mich halten solle. Hier wäre ein weiterer Schritt der Analyse nötig gewesen. Dieser Schritt hätte selbstverständlich nicht darin bestehen können, dass der Autor sämtliche Kontroversen der biographischen Forschung in einer Art Omnipotenzwahn hätte entscheiden müssen. Aber eine andere Form der Orientierung hätte erfolgen können, nämlich eine Rückbindung der dargestellten Kontroversen und der praktischen Vorschläge an die zuvor dargestellten Zielsetzungen. Denn schließlich ist es nicht unwahrscheinlich, dass viele der Kontroversen auf unterschiedlichen Zielstellungen beruhen. So hätte der Leser einen Eindruck darüber gewinnen können, welche Frage und welches Problem der biographischen Forschung mit welchen theoretischen Grundsätzen bzw. mit welchem methodischen Vorgehen angemessener zu beantworten wäre. Diese Sortierungsleistung scheint mir gerade bei der heute bestehenden Unübersichtlichkeit der biographischen Forschung in einem Einführungswerk unerlässlich.

Die daraus resultierende Unentschiedenheit führt dann eben genau zu der Unsicherheit, die Fuchs-Heinritz dem Gebiet zuschreibt und die in einer Überfülle von theoretischen und methodologischen Reflexionen sichtbar wird. Und das wirkt sich dann auch auf die Qualität der Forschungspraxis aus - viele Verfahren der Erhebung, der Transkription, der Auswertung werden vorgeschlagen, aber welche sind für welches Forschungsproblem tatsächlich sinnvoll?

Fazit

Werner Fuchs-Heinritz hat mit der dritten Überarbeitung seines Werks "Biographische Forschung" den Versuch unternommen, seine auf diesem Gebiet einzigartige Einführung mit dem neuesten Stand der Forschung auf gleiche Höhe zu bringen. Dies ist ihm sicherlich gelungen, indem er die wesentlichen theoretischen Grundorientierungen, wichtigsten Arbeiten und Kontroversen umfassend darstellt. Für eine/n Leser/in, die sich neu in die Thematik einarbeiten möchte, zeigt er jedoch eine Überfülle an Information, die zuwenig sortiert wird. Vor allem die forschungspraktischen Vorschläge, die in der vollen Breite ihrer Alternativen dargestellt werden, sind nicht konsequent genug an die zuvor entwickelten Forschungsziele und theoretischen Orientierungen rückgebunden. So fühlt man sich am Ende an Nina Hagen erinnert: "Es ist alles so schön bunt hier, ich kann mich gar nicht entscheiden." So hat er ein Stück weit selbst das Manko mitproduziert, das er der biographischen Forschung vorhält - eine Unentschiedenheit und Unsicherheit in der Reflexion von theoretischen und methodischen Grundsatzfragen.


Rezension von
Prof. Dr. Michael Corsten
Professor für Soziologie am Institut für Sozialwissenschaften der Stiftung Universität Hildesheim


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Zitiervorschlag
Michael Corsten. Rezension vom 18.10.2005 zu: Werner Fuchs-Heinritz: Biographische Forschung. Eine Einführung in Praxis und Methoden. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2005. 3., überarbeitete Auflage. ISBN 978-3-531-43127-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/2916.php, Datum des Zugriffs 07.07.2020.


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