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Sabine Jungk (Hrsg.): Die erste Generation - Pionier:innen der migrationsbezogenen (Sozial-)Pädagogik

Rezensiert von Dr. Ulrike Brizay, 16.02.2022

Cover Sabine Jungk (Hrsg.): Die erste Generation - Pionier:innen der migrationsbezogenen (Sozial-)Pädagogik ISBN 978-3-8474-2479-6

Sabine Jungk (Hrsg.): Die erste Generation - Pionier:innen der migrationsbezogenen (Sozial-)Pädagogik. Wissenschaftler:innen im Gespräch. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2021. 210 Seiten. ISBN 978-3-8474-2479-6. D: 29,90 EUR, A: 30,80 EUR.
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Thema

Im Sammelband der Herausgeberin Sabine Jungk erhalten sieben Protagonist:innen der ersten Generation der migrationsbezogenen (Sozial-)Pädagogik die Gelegenheit, ihre Forschungsaktivitäten sowie ihr praktisches und politisches Engagement im Kontext Migration zu reflektieren. Die vielschichtigen und authentischen Beiträge, die im Rahmen von Interviews entstanden sind, ermöglichen die Rekonstruktion der Anfänge der erziehungswissenschaftlichen Migrationsforschung von den 1970er bis in die 1990er-Jahre. Die Publikation versteht sich als Beitrag der Wissenssoziologie und ermöglicht ein besseres Verständnis und die historische Einschätzung der Leistungen der Pionier:innen der migrationsbezogenen (Sozial-)Pädagogik.

Herausgeberin

Dr. Sabine Jungk, geb. 1959, studierte von 1978 bis 1984 Kunstpädagogik, Germanistik und Erziehungswissenschaften an der Universität Essen. Nach ihrem Studium war sie bis 1998 als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Essen und dem Adolf Grimme Institut tätig und schloss parallel dazu 1989 ihre Promotion ab. Seit 1991 beschäftigt sie sich verstärkt mit Fragen der interkulturellen Pädagogik. So leitete sie beispielsweise von 1998 bis 2005 die Weiterbildung am Landeszentrum für Zuwanderung in Nordrhein-Westfalen. Seit 2008 lehrt und forscht Sabine Jungk als Professorin für interkulturelle Bildung und Erziehung/​Sozialpädagogik an der Katholischen Hochschule für Sozialwesen Berlin.

Aufbau und Inhalt

Die Publikation beginnt mit einer Einleitung, in der die Herausgeberin Sabine Jungk den Entstehungskontext und die Intention des Sammelbandes erläutert. An die Einleitung schließt sich eine umfassende Einführung unter dem Titel „Entdeckung von (wissenschaftlichen) Allianzen: Besonderheiten und Kontinuitäten zeithistorischer Positionen der frühen Phase der Pädagogik und Sozialen Arbeit in der Migrationsgesellschaft“ an. Der Herausgeberin gelingt es an dieser Stelle – ausgehend von den Morden der neo-nationalistischen Terrorgruppe NSU und der Black Lives Matter Bewegung – einen Bogen zu den Anfängen der gesellschaftlichen, politischen und wissenschaftlichen Debatten im Kontext Migration zu schlagen. Beginnend mit den Aufbrüchen in den 1970er-Jahren zeichnet sie die unterschiedlichen und teilweise gegensätzlichen Entwicklungsstränge nach. Trotz der notwendigen Kondensierung der Darstellung gelingt ihr eine differenzierte Betrachtung der einzelnen Phasen. Die zeitliche Distanz ermöglicht dabei sowohl eine kritische Einschätzung von Fehlentwicklungen und Versäumnissen der frühen Jahrzehnte als auch die Wertschätzung der Pionier:innen der migrationsbezogenen (Sozial-)Pädagogik „als Wegbereiter:innen von Positionen der jetzt zu vernehmenden antirassistischen Protagonist:innen“ (S. 17). 

An die Ausführungen der Herausgeberin schließen sich die „Erzählungen“ der Vertreter:innen der ersten Generation der migrationsbezogenen (Sozial-)Pädagogik an. Grundlage der Beiträge sind Interviews, die die Herausgeberin mit insgesamt sieben Protagonist:innen führte. Diese Interviews wurden anschließend transkribiert und sprachlich geglättet. Die so entstandenen Texte wurden von den Interviewten vor der Veröffentlichung korrigiert und ergänzt. Die Erzählungen sind demnach subjektive Zeitzeugenberichte, die einen authentischen Einblick in die Anfänge der (sozial-)pädagogischen Migrationsforschung geben. Die Beiträge der befragten Pionier:innen sind in der Publikation alphabetisch angeordnet und jeweils mit einer prägnanten Aussage überschrieben.

  • Mir war immer klar, dass sowohl die soziale Lage als auch Kultur von Bedeutung sind. Denn die Kultur dient der Deutung der sozialen Situation – Die Erzählung von Georg Auernheimer
  • Migrationshintergrund ist nicht nur eine Variable in logistischen Regressionen, sondern etwas, worauf sich Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen ganz einlassen müssen – Die Erzählung von Ursula Boos-Nünning.
  • Allein aus meiner sozialpädagogischen Praxis lässt sich ein Großteil der Themen meiner späteren sozialwissenschaftlichen Forschungen und Veröffentlichungen ableiten – Die Erzählung von Stefan Gaitanides.
  • Meine Intention war, ein kritisches Bewusstsein zu ermöglichen, die Erkenntnisfähigkeit zu fördern und gleichzeitig zu zeigen, dass eine Verbindlichkeit des sozialen Handelns notwendig ist – Die Erzählung von Franz Hamburger.
  • Interkulturelle Kompetenz kann als Konzept nur gender sensibel und sozialisationstheoretisch gedacht sein – Die Erzählung von Leonie Herwartz-Emden.
  • Uns war wichtig, dass die interkulturelle Pädagogik in der zentralen wissenschaftlichen Organisation der Erziehungswissenschaftler:innen sichtbar wird – Die Erzählung von Marianne Krüger-Potratz.
  • Der uns bewegende Grund war die gleichwertige Anerkennung der Sprachen und Kulturen von Mehrheitsgesellschaft und zugewanderten Minderheitskulturen – Die Erzählung von Wolfgang Nieke.

Im Anschluss an die einzelnen Beiträge ermöglicht ein Verzeichnis der in den Interviews erwähnten Personen sowie die Kurzbiografien der interviewten Protagonist:innen den Lesenden eine weiterführende Orientierung.

Diskussion

1675 schrieb Isaac Newton in einem Brief „If I have seen further it is by standing on the shoulders of Giants“ (Newton zit.n. Chen 2003, 135). Die Erkenntnis, dass wissenschaftliche Beiträge auf den Arbeiten und den Überlegungen früherer Generationen aufbauen ist demnach nicht neu. Gleichzeitig ist dem wissenschaftlichen Fortschritt – besonders auch in den Sozial- und Erziehungswissenschaften – immanent, dass alte Positionen und Erkenntnisse verworfen und durch aktuelle Diskurse ersetzt werden. Die Herausgeberin Sabine Jungk versucht in ihrer Publikation diese zwei gegensätzlichen Positionen zu vereinen, indem sie die damaligen Protagonist:innen selbst zu Wort kommen lässt.

Das Ergebnis ist eine spannende Publikation, die einen Einblick in die Anfänge der (sozial-) pädagogischen Migrationsforschung in Deutschland gibt und anhand autobiografischer und beruflicher Entwicklungslinien die Evolution der Forschungsaktivitäten in diesem Wissenschaftsfeld nachzeichnet. Auch wenn die einzelnen Beiträge die subjektiven Sichtweisen der Protagonist:innen widerspiegeln, ermöglicht die Gesamtheit der sieben „Erzählungen“ ein vielschichtiges und umfassendes Bild der frühen Phasen der migrationsbezogenen Pädagogik und Sozialen Arbeit.

Der Publikation gelingt es, die enge Verknüpfung zwischen Forschung, Lehre, Praxis und Politik in den Anfängen der (sozial-)pädagogischen Migrationsforschung aufzuzeigen. Forschende engagierten sich oft gemeinsam mit ihren Studierenden in pädagogischen Projekten für Kinder von Gastarbeiter:innen, generierten aus der Praxis ihre Forschungsfragen und brachten die Forschungsergebnisse in ihre politische Arbeit ein. Dieses Selbstverständnis, dass Forschung nicht im Elfenbeinturm stattfinden darf, sondern einer engen Verzahnung mit Lehre und Praxis bedarf und zum gesellschaftspolitischen Engagement führen muss, ist sicher eine der größten Leistungen der ersten Pionier:innen der migrationsbezogenen (Sozial-)Pädagogik und kann der heutigen Generation von Forschenden als Vorbild dienen.

Fazit

Der Sammelband bietet Studierenden der Sozial- und Erziehungswissenschaften sowie Wissenschaftler:innen und Praktiker:innen einen anschaulichen Zugang zu den Ursprüngen der Praxis-und Theorieentwicklung im Kontext Migration. Dieses Wissen ermöglicht ein besseres Verständnis der Traditionslinien in diesem Feld und hilft den Lesenden dadurch, aktuelle Diskurse und Entwicklungen nachzuvollziehen und kritisch zu bewerten. Die Publikation ist darüber hinaus ein wichtiger Beitrag zur historischen Aufarbeitung und Bewertung der Leistungen der Pionier:innen der migrationsbezogenen (Sozial-)Pädagogik.

Quellen

Chen, C. (2003): Mapping Scientific Frontiers: The Quest for Knowledge Visualization. London: Springer.

Jungk, S. (Hrsg.) (2021): Die erste Generation – Pionier:innen der migrationsbezogenen (Sozial-)Pädagogik. Wissenschaftler:innen im Gespräch. Opladen, Berlin, Toronto: Verlag Barbara Budrich.

Rezension von
Dr. Ulrike Brizay
Professorin für Theorien und Methoden der Sozialen Arbeit in der Migrationsgesellschaft, Katholische Hochschule für Sozialwesen Berlin
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Zitiervorschlag
Ulrike Brizay. Rezension vom 16.02.2022 zu: Sabine Jungk (Hrsg.): Die erste Generation - Pionier:innen der migrationsbezogenen (Sozial-)Pädagogik. Wissenschaftler:innen im Gespräch. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2021. ISBN 978-3-8474-2479-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/29161.php, Datum des Zugriffs 20.05.2022.


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