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Thomas Höchst: Die Gelingensbedingungen erfolgreicher Inklusion an Schulen auf der Grundlage der Analyse der Preisträgerschulen des Jak

Rezensiert von Prof. Stefan Müller-Teusler, 22.04.2022

Cover Thomas Höchst: Die Gelingensbedingungen erfolgreicher Inklusion an Schulen auf der Grundlage der Analyse der Preisträgerschulen des Jak ISBN 978-3-96543-298-7

Thomas Höchst: Die Gelingensbedingungen erfolgreicher Inklusion an Schulen auf der Grundlage der Analyse der Preisträgerschulen des Jakob Muth-Preises. Forschungsergebnisse und ihre Folgen. Lehmanns Media GmbH (Berlin) 2022. 188 Seiten. ISBN 978-3-96543-298-7. D: 24,95 EUR, A: 25,70 EUR.
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Autor

Thomas Höchst ist Direktor einer inklusiven Gesamtschule. Er hat sich umfassend mit dem Thema Inklusion befasst und ist immer wieder angefragt als Berater oder Vortragender, insbesondere für Beispiele gelingender Inklusion.

Hintergrund

Ursprünglich war das Projekt mal ein Dissertationsvorhaben, bis die Pandemie alle zeitlichen Ressourcen einforderte. So ist das Vorhaben in diesem Buch gemündet.

Aufbau

Das Buch ist in 12 Kapitel unterteilt. Im Vorwort wird die Motivation des Autors noch einmal deutlich: Warum ist auch nach 12 Jahren UN-Behindertenrechtskonvention Inklusion immer noch weit von einer Realisierung entfernt, einhergehend mit vielen frustrierten Lehrkräfte etc.? Die zweite Frage ist, ob Inklusion noch eine Chance hat, denn nach einer jüngeren Umfrage steht eine Mehrzahl der Lehrkräfte dem Thema Inklusion ablehnend gegenüber.

In Kapitel 1 führt der Autor seine Begründung zu diesem Thema noch weiter aus, was er mit eher mäßigen Inklusionsquoten an den Schulen belegt. Dazu konstatiert er als Ausgangslage:

  1. „Inklusion hat seine Bedeutung als vorherrschendes Bildungsthema verloren, sowohl in der Bildungspolitik als auch in der Schulpraxis.
  2. Bei der Umsetzung der Inklusion gibt es unterschiedliche Empfehlungen der Literatur und unterschiedliche bildungspolitische Ansätze in den Bundesländern.
  3. In der konkreten schulpraktischen Umsetzung gibt es Probleme, weil sich Lehrkräfte nicht genügend auf die Aufgabe eines inklusiven Unterrichtens vorbereitet fühlen.
  4. Diese Ausgangslage führt dazu, dass Inklusion sehr kontrovers diskutiert, kritisiert und sogar zunehmend in Frage gestellt wird, zumindest, was die gut bzw. erfolgreiche Umsetzung betrifft“ (S. 16).

Mittels verschiedener Fragebögen für unterschiedliche Zielgruppen möchte der Autor die Gelingensbedingungen erforschen, was er in Kapitel 2 darstellt. Hinzu kommen noch Literaturstudien und die Beleuchtung des Lebens von Jakob Muth sowie Internetrecherche (Auswertung von Homepages). Zum einen richten sich die Fragebögen an Schulleitungen, zum anderen an junge Lehrkräfte (höchstens seit 2 Jahren Beendigung des Referendariats). Angeschrieben wurden insgesamt 32 Schulen, die Träger des Jakob-Muth-Preises sind, verteilt auf die Jahre 2009 bis 2019. Bis auf das Saarland war jedes Bundeland mit mindestens 1 Schule vertreten. Die Rücklaufquote aus den Schulleitungen betrug 38 % (12 Stück).

Inklusion ist als Begriff relativ beliebig geworden und wird unterschiedlich akzentuiert benutzt, wie der Autor in Kapitel 3 ausführt. Dabei geht er auch auf die Geschichte der sonderpädagogischen Förderung ein und stellt Integration und Inklusion gegenüber. Anhand der Literaturrecherche wird die Bandbreite des Begriffes umrissen.

Der Namensgeber des Preises, Jakob Muth, ist als Person Gegenstand von Kapitel 4, denn er darf als einer der wichtigen Vordenker von Inklusion gelten und hat sich sowohl zu dem System Schule, zum Unterricht und zur Einstellung der Lehrkräfte viele Gedanken gemacht. Als Professor an Hochschulen in Nordrhein-Westfalen und Mitglied in relevanten Regierungskommissionen hat er stets versucht, schon in den 1970er und 1980er-Jahren Menschen mit Behinderungen in Schulen zu integrieren. Aus den umfangreichen Publikationen von Jakob Muth leiten sich diverse Grundsätze ab, die der Autor hier zusammenstellt.

Der Jakob Muth-Preis wird in Kapitel 5 erläutert. Er wird seit 2009, seitdem die Behindertenrechtskonvention in Deutschland in Kraft getreten ist, verliehen. Getragen wird der Preis von der Bundesregierung, der deutschen UNESCO-Kommission sowie der Bertelsmann Stiftung. Es gibt ihn in verschiedenen Kategorien und neben der Ehre, Preisträger zu sein, gibt es für die Gewinner auch (bescheidene) Geldpreise.

Die Frage von Gelingensbedingungen hat auch einen Vorlauf, den der Autor in Kapitel 6 beleuchtet. Dort stellt er Studien und Veröffentlichungen vor, die dieses zum Inhalt haben. Das mündet in einer Übersichtstabelle (S. 67 ff.), in der in Kurzform die wesentlichen Gelingensbedingungen gemäß Forschungen oder Literatur aufgeführt sind.

In Kapitel 7 werden die wichtigsten Gelingensbedingungen in Kurzbeschreibungen aufgeführt, beginnend bei der Haltung der Lehrkräfte, über Eltern, Leitbild der Schule, Unterricht hin zur externen Zusammenarbeit.

Kapitel 8 erscheint auf den ersten Blick irritierend, denn hier geht der Autor auf die Trias der Schulentwicklung nach Rolff ein, was aber Sinn macht auf dem Hintergrund der systemischen Zusammenhänge von Organisationsentwicklung, Unterrichtsentwicklung und Personalentwicklung. Diese Aspekte spielten auch in der Befragung eine Rolle.

Die Fragebögen sind das zentrale Forschungselement in diesem Buch, die in Kapitel 9 dargestellt werden. Die Umfragen wurden online über eine Plattform durchgeführt. Der erste Fragebogen richtete sich an Schulleitungen und greift die Aspekte von Organisationsentwicklung, Unterrichtsentwicklung und Personalentwicklung auf. Der zweite Fragebogen richtet sich an Junglehrerinnen und Junglehrer (bezogen auf die maximal 2-jährige Berufstätigkeit nach dem Referendariat), wo es im Wesentlichen um die Kompetenzen ging, die sie in der Ausbildung erworben haben.

Das vergleichsweise umfangreiche Kapitel 10 (mit 20 Seiten) hat die statistische Abbildung der Fragebögen in Form von Tortengrafiken zum Inhalt. Jede Frage wurde mit Schulnoten bewertet, hinzu kamen noch offene Fragen, was ein umfangreiches Bild aufzeigt.

Die statistischen Ergebnisse werden in Kapitel 11 fortgeführt, als dort Durchschnittsergebnisse abgebildet werden, was der Autor dann auch ausführt und kommentiert. Hinzu kommt, dass er seine Erkenntnisse aus den Kapiteln vor der Umfrage hier den empirischen Befunden gegenüberstellt. Damit kommt er zu einer Tabelle von 22 Merkmalen von Gelingensbedingungen, wobei es hier erst einmal um die Wichtigkeit der Bewertung geht. Darauf folgen einige Schlussfolgerungen sowie Fragen an die Bildungspolitik der einzelnen Bundesländer.

Ausbildung und Fortbildung nehmen eine zentrale Rolle in einem gelingenden Inklusionsgeschehen ein. Daher untersucht der Autor in Kapitel 12 die Homepages von (Lehramts-) Universitäten, inwieweit dort in den Modulen Inklusion verankert ist. Außerdem widmet er sich dem Thema der Fortbildung von Lehrkräften und untersucht in den Bundesländern die diversen Angebote. Der Autor schlägt 4 Modelle der Qualifizierung vor, wobei er eine Gesamtqualifikation des Kollegiums favorisiert, was er dann auch ausführt und in einem Modell darstellt.

Diskussion

Dem Autor ist ohne Frage Recht zu geben, wenn er nicht nur feststellt, dass Inklusion zu einem Randthema zu verkommen scheint, sondern auch in den Schulen als einem wichtigen Ort von Umsetzung der Inklusion kaum angekommen ist und ein hoher Nachholbedarf entsteht. Es ist auch richtig, dass die Haltungen der Lehrkräfte mit dem Leitbild der Schulen zu Inklusion korrespondieren müssen inklusive eines aktiven Eintretens der Schulleitung zu diesem Thema. Allerdings muss auch das gesamtgesellschaftliche Klima berücksichtigt werden, was auf dem Hintergrund von Leistungsdiskussionen Inklusion eher als Störfaktor und Hemmnis identifiziert als Potenzial für gesellschaftliche Entwicklung. Das betrifft auch das System Schule und die Handlungsmöglichkeiten von Schulleitungen, die insgesamt doch wohl eher eingeschränkt sind, beginnend bei der Personalauswahl hin zu einer Ausrichtung einer Schule.

Der von dem Autor an einigen Stellen hervorgehobene pädagogische Takt als Grundelement einer Haltung der Lehrkräfte geht nicht auf Jakob Muth zurück, sondern ist ein Konzept von Johann Friedrich Herbart (was vielfach von weiteren Autorinnen und Autoren aufgegriffen und adaptiert wurde bis in die Gegenwart).

Manches erscheint deskriptiv oder auch plakativ, was der Autor darstellt. So stellt er in Kapitel 3.2 das Spektrum von Inklusion anhand einer Literaturrecherche dar, zeigt aber keinen Inklusionsbegriff auf, der für ihn leitend ist (und dementsprechend in die Fragebögen einfließt). Alleine an den Quoten lässt sich Inklusion nicht festmachen, wobei hier nach Grundlage der Einschränkungen (kognitiv, physisch, emotional) auch gar nicht differenziert wurde. Bei der Auswertung der Fragebögen wäre eine Angabe von Rücklaufquoten hilfreich gewesen.

Fazit

Das Buch zeigt auf, dass Inklusion in der Schule eine Frage des Willens und der Einstellung ist, wie es die Preisträger jedes Mal wieder deutlich machen. Hier bedarf es eines gelingenden Zusammenspiels von Lehrkräften, Organisation und Unterricht, wie der Autor überzeugend darlegt. Dazu passen seine Vorüberlegungen, die durch seine Befunde gestützt werden. Für Lehramtsstudierende und Schulleitungen gibt das Buch gute Impulse für die Umsetzung von Inklusion an Schulen, für Bildungspolitikerinnen und Bildungspolitiker ist es eine gute Zusammenstellung von notwendigen Aspekten, die politisch realisiert werden müssen.

Rezension von
Prof. Stefan Müller-Teusler
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Zitiervorschlag
Stefan Müller-Teusler. Rezension vom 22.04.2022 zu: Thomas Höchst: Die Gelingensbedingungen erfolgreicher Inklusion an Schulen auf der Grundlage der Analyse der Preisträgerschulen des Jakob Muth-Preises. Forschungsergebnisse und ihre Folgen. Lehmanns Media GmbH (Berlin) 2022. ISBN 978-3-96543-298-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/29168.php, Datum des Zugriffs 24.05.2022.


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