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Ludger Tebartz van Elst: Autismus, ADHS und Tic-Störungen

Rezensiert von Dipl.-Päd. Petra Steinborn, 26.04.2023

Cover Ludger Tebartz van Elst: Autismus, ADHS und Tic-Störungen ISBN 978-3-17-041158-6

Ludger Tebartz van Elst: Autismus, ADHS und Tic-Störungen. Zwischen Normvariante, Persönlichkeitsstörung und neuropsychiatrischer Krankheit. Kohlhammer Verlag (Stuttgart) 2022. 3., erweiterte und überarbeitete Auflage. 225 Seiten. ISBN 978-3-17-041158-6. 29,00 EUR.

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Thema

In den Klassifikationssystemen DSM-5 und ICD-11 werden Autismus und ADHS gemeinsam mit den Tic-Störungen als Entwicklungsstörungen genannt. Dieses Buch befasst sich mit Fragen, was überhaupt normal ist, was eine Persönlichkeit ist und wann Symptome und Eigenschaften zu einer Krankheit werden. Symptome von Autismus können genauso wie ADHS-Eigenschaften und Tics Ausdruck einer normalen Entwicklung sein und auch einer neuropsychiatrischen Krankheit oder Persönlichkeitsstörung zugeordnet werden. Der Autor erläutert die Zusammenhänge, um Betroffenen als auch ihren Mitmenschen zu helfen, Ängste und Vorurteile abzubauen.

Autor

Prof. Dr. med. Ludger Tebartz van Elst ist Neurowissenschaftler, Kliniker und Facharzt sowie Professor für Psychiatrie und Psychotherapie am Klinikum der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg i. Br. Er ist Autor von 230 englischsprachigen Fachpublikationen, 40 Buchkapiteln und Büchern, darunter sieben Monografien.

Entstehungshintergrund

Der Titel Autismus, ADHS und Tics ist mittlerweile in der dritten erweiterten und überarbeiteten Auflage erschienen. 2018 erschien die 2. Auflage. Eine Rezension dazu liegt bei socialnet vor.

Aufbau und Inhalt

Das Buch hat einen Umfang von 225 Seiten, die sich in neun Kapitel und zahlreiche Unterkapitel gliedern. Am oberen linken Rand ist die Kapitelüberschrift abgedruckt, am oberen rechten Rand der Titel des jeweiligen Unterkapitels. Fallkasuistiken sind markiert und zentrale Begriffe werden in grau hinterlegten Textboxen erläutert sowie Diagnosekriterien in Kästen hervorgehoben. Zahlreiche Tabellen und Abbildungen verdeutlichen Zusammenhänge.

  1. Einleitung
  2. Was ist normal?
  3. Was ist eine Krankheit?
  4. Was ist eine psychische Störung?
  5. Was ist eine Persönlichkeitsstörung?
  6. Was ist Autismus?
  7. Was ist eine Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS)?
  8. Was sind Tic-Störungen und das Gilles-de-la-Tourette-Syndrom?
  9. Wie denken wir über unsere psychische Gesundheit?

Es folgen Literatur- und Stichwortverzeichnis.

Nach der Einleitung in Kapitel eins nähert sich der Autor Tebartz van Elst der Frage „Was ist normal?“ (Kap 2) aus drei Perspektiven: Normalität als statistische Größe, als technische Größe und als soziale Größe. Das Kapitel schließt mit dem Konzept der multikategorialen Normalität.

„Was ist eine Krankheit?“, dieser Frage geht der Autor im dritten Kapitel nach. Reflektiert wird, ob es einen allgemeingültigen Krankheits- und Gesundheitsbegriff gibt. Tebartz van Elst vertritt den pragmatischen medizinischen Krankheitsbegriff, an dieser Stelle definiert er auch die Begriffe „Symptome“ und „Syndrome“. Das Kapitel schließt mit der Ätiologie und Pathogenese von Symptomen sowie der Annäherung an den Begriff „Krankheit“.

Das vierte Kapitel mit dem Titel „Was ist eine psychische Störung?“ erläutert klassifikatorische Prinzipien psychischer Störungen in zwei Klassifikationssystemen (ICD und DSM) und vertiefend die methodische Prinzipien dieser Klassifikation in ICD und DSM. Das kausale Denken wird aufgeben und der Autor reflektiert über die Folgen. Dabei beleuchtet er die historischen Gründe für die Aufgabe des kausalen Denkens, die Aufgabe eines zentralen wissenschaftlichen Zieles sowie Missverständnisse, die durch den Störungsbegriff ausgelöst werden können. Das vierte Kapitel schließt mit der Unterscheidung zwischen primären und sekundären Syndromen sowie primären Syndromen und Normvarianten.

Um die Frage, was unter einer Persönlichkeitsstörung verstanden wird rankt das fünfte Kapitel. Einstieg bildet die Betrachtung der historischen Entwicklung des Begriffs, anschließend werden Persönlichkeitsstörungen nach ICD-10, ICD-11, DSM-IV sowie DSM-5 definiert. Neben der Häufigkeit von Persönlichkeitsstörungen werden auch die Ursachen von Persönlichkeitsstörungen besprochen. Vertiefend werden genetische sowie bildgebende und weitere neurobiologische Befunde erläutert. Den Abschluss bilden psychologische Theorien und die dimensionale Sichtweise sowie Persönlichkeitsstörungen und Entwicklungsstörungen.

Den größten Umfang nimmt das sechste Kapitel „Was ist Autismus?“ ein. Einstieg bilden die historische Entwicklung des Autismus-Begriffs und die Symptomatik autistischer Syndrome. Erläutert werden autistische Subtypen wie der sog. frühkindliche Autismus, das Asperger-Syndrom sowie der atypische Autismus. Definiert wird an dieser Stelle, was unter einer autistischen Regression verstanden wird und was mit einer autistischen Persönlichkeitsstruktur gemeint ist. Diskutiert wird der primäre und sekundäre Autismus, konkret geht es beim sog. sekundären Autismus (10 Prozent diagnostizierter autistischer Syndrome) um einen symptomatischen Autismus, dieses Syndrom wird als Folge einer identifizierbaren Erkrankung verstanden. Als Beispiel werden das Rett-Syndrom oder das fragile X-Syndrom genannt (S. 103). Unter einem primären Autismus versteht man einen idiopathischen Autismus, gemeint ist, dass es in dieser Konstellation keine erkennbaren oder begründbaren Ursachen gibt. Dass diese Unterscheidung nicht nur akademischer Natur ist belegt der Autor anhand zweier Fallkasuistiken (Nr. 10 und Nr. 11).

Mit dem ICD-11 und DSM-5 gibt es neue konzeptuelle Entwicklungen in der Definition von Autismus. Autismus wird als neuronale Entwicklungsstörung definiert, auch Häufigkeit und Epidemiologie von Autismus sind Thema. Das Konzept kategorialer autistischer Subtypen wird zugunsten des dimensionalen Spektrums-Konzepts aufgegeben. Zur Abgrenzung nicht krankheitswertiger Zuständen dienen im DSM-5 die Kategorien C und D, zudem wird der Schweregrad operationalisiert (S. 117–119). Tebartz van Elst führt hier den Begriff der Basisstörung ein. Dieser beschreibt, dass viele Betroffene nicht als solche erkannt werden, sondern wegen anderer Komorbiditäten in Behandlung sind. Das Kapitel schließt mit Gedanken zur Komplexität von Wirklichkeit. Handelt es sich beim Autismus um eine Normvariante, eine Persönlichkeitsstörung und eine neuropsychiatrische Krankheit?

Das siebte Kapitel stellt die Frage, was eine „Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS)“ ist. Zum Einstieg werden die Begriffe geklärt: das Syndrom der Aufmerksamkeitsstörung, Hyperaktivität und Impulsivität, dabei werden die geschichtlichen Entwicklung des ADHS-Begriffs besprochen und die klinische Symptomatik der ADHS. Das DSM-IV unterscheidet drei Subtypen der ADHS: der vorwiegend hyperaktive Subtyp, der unaufmerksame Subtyp und eine Kombination von beiden Subtypen. Die ICD-10 kannte diese Unterscheidung nicht. Ähnlich wie beim Autismus wird die Operationalisierung von Schweregraden in leicht, mittel und schwer ergänzt. Eine weitere Ähnlichkeit liegt in der dimensionalen Betrachtungsweise. Das Kapitel endet wiederum mit Fragen zur Komplexität der Wirklichkeit, ist ADHS als Normvariante, als Persönlichkeitsstörung oder neuropsychiatrische Krankheit zu verstehen? Der Autor weist an dieser Stelle darauf hin, dass Autismus, ADHS und Tic-Störungen häufig miteinander vergesellschaftet auftreten. Das könnte ein Hinweis auf gemeinsame ursächliche und pathogenetische Mechanismen sein (S. 166).

Die Frage „Was sind Tic-Störungen und das Gilles-de-la-Tourette-Syndrom?“ ist Gegenstand des achten Kapitels, beginnend mit der Geschichte des Tourette-Syndroms. Daran schließt die Beschreibung der Symptomatik und Klassifikation von Tics und dem Tourette-Syndrom, die Ursachen von Tic-Störungen, die Diagnose von Tic-Störungen und die Betrachtungen zu Tics als Basisstörung an. Das Kapitel schließt mit der Feststellung, dass die Wirklichkeit komplex ist: Tics und Tourette können als Normvariante, Persönlichkeitsstörung und neuropsychiatrische Krankheit verstanden werden.

Das letzte neunte Kapitel fragt, „wie denken wir über unsere psychische Gesundheit?“. Der Autor führt dabei seine ganz persönliche Sichtweise auf die genannten Fragen aus. Er sieht Probleme bei der psychiatrischen Krankheitslehre in der Form, dass bei der Klassifikation die Ursachen psychobiologischer Symptome keine große Rolle mehr spielen. Aussagen wie eine Person 'habe eine Depression oder Autismus' wirken sich auf den ganzen Menschen aus. Zudem kritisiert der Autor den Sprachgebrauch, der nicht mehr unterscheidet, ob es sich um eine Krankheit oder um eine Normvariante handelt.

Das Buch schließt mit dem SPZ-Modell (Strukturen, Probleme und Zustände), dazu findet sich auf S. 197 eine Abbildung, die zeigt, wie komplex Konstellationen sein können.

Hinterfragt wird, ob es ausreichend ist, die im Buch beschriebenen Erscheinungsbilder als Normvarianten anzusehen, denn diese Sichtweise könnte als Verharmlosung schweren Leidens verstanden werden. Entwicklungsstörungen bewegen sich im Spannungsfeld von normativer Ausgrenzung und gesellschaftlicher Akzeptanz und es stellt sich die Frage, was es bedeutet, psychisch gesund zu sein. Das Buch schließt mit Ausführungen zur Behandlung von Autismus, ADHS, Tics – und der eigenen Persönlichkeit ab.

Diskussion

Die erste Auflage erschien 2016, 2018 folgte die zweite Auflage. Diese hier vorgelegte dritte Auflage (2022) wurde inhaltlich erweitert und überarbeitet, hinzugekommen ist unter anderem das Kapitel zu Tic Störungen.

Tebartz van Elst betont mehrfach wieder, wie wichtig es für eine adäquate Behandlung ist, die einzelnen Erscheinungsbilder als Basisbilder zu begreifen, aktuell ein eher seltenes Vorgehen. In Bezug auf den Autismus beschreibt er, dass sekundäre psychische Störungen in ihrer Werdensgeschichte aber nur vor dem Hintergrund der autistischen Grundstruktur verstanden werden, was bedeutet, „dass in solchen Kontexten die autistische Persönlichkeitsstruktur als Basis für sich daraus psycho- und erlebnisreaktiv entwickelnde sekundäre psychische Störungen begriffen werden muss…Ein solches, umfassendes Verständnis der Werdensgeschichte von psychischen Symptomen und Problemen ist in solchen Fällen meist der Schlüssel für eine erfolgreiche Therapie“ (S. 122ff).

Hilfreich und anschaulich ist das vorgestellte SPZ-Modell. Bei diesem Modell handelt es sich um ein heuristisches Modell. Heuristik ist die Wissenschaft „in komplexen Konstellationen mit unvollständigem Wissen dennoch zu guten Erkenntnissen und praktikablen Lösungen zu gelangen“ (S. 197). Heuristisch bedeutet etwas auffinden oder entdecken. Zusätzlich zum SPZ-Modell entwickelt der Autor eine Tabelle, die verschiedene Phänomene unterscheidet. Sie hat zum Ziel, mehr Klarheit für Betroffene und Behandelnde herzustellen. Laut dem Autor kann mit dem SPZ-Modell die „Gemengelage“ (S. 203) an persönlichkeitsstruktureller Besonderheiten wie z.B. Autismus oder Intelligenz, situativen Problemen wie z.B. ein unzutreffendes Selbstbild oder Konflikte sowie episodische Zustände wie Depressionen oder Kopfschmerzen in einer schwierigen Lebenssituation entwirrt werden: Strukturen sind zu erkennen, akzeptieren oder zu kompensieren, Probleme sollten gelöst und krankhafte Zustände geheilt werden (S. 203). Mit diesem Ansatz will der Autor Tebartz van Elst auf keinen Fall das Leid und die Beeinträchtigungen, die durch schwere Formen eines primären Autismus, einer primären ADHS oder einer primären Tic-Störung entstehen, verharmlosen.

Fazit

In den aktuellen Klassifikationssystemen DSM-5 und ICD-11 werden Autismus und ADHS gemeinsam mit den Tic-Störungen als neuronale Entwicklungsstörungen genannt. Dieses Buch beleuchtet Fragen, was überhaupt normal ist, was eine Persönlichkeit ist und wann Symptome und Eigenschaften zu einer Krankheit werden. Symptome von Autismus können genauso wie ADHS-Eigenschaften und Tics Ausdruck einer normalen Entwicklung sein und auch einer neuropsychiatrischen Krankheit oder Persönlichkeitsstörung zugeordnet werden.

Rezension von
Dipl.-Päd. Petra Steinborn
Tätig im Personal- und Qualitätsmanagement in einer großen Ev. Stiftung in Hamburg-Horn. Freiberuflich in eigener Praxis (Heilpraktikerin für Psychotherapie). Leitung von ABC Autismus (Akademie-Beratung-Coaching), Schwerpunkte: Autismus, TEACCH, herausforderndes Verhalten, Strategien der Deeskalation (systemisch), erworbene Hirnschädigungen
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Es gibt 308 Rezensionen von Petra Steinborn.

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Zitiervorschlag
Petra Steinborn. Rezension vom 26.04.2023 zu: Ludger Tebartz van Elst: Autismus, ADHS und Tic-Störungen. Zwischen Normvariante, Persönlichkeitsstörung und neuropsychiatrischer Krankheit. Kohlhammer Verlag (Stuttgart) 2022. 3., erweiterte und überarbeitete Auflage. ISBN 978-3-17-041158-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/29179.php, Datum des Zugriffs 22.06.2024.


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