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Varleria Bruschi, Moritz Zeiler (Hrsg.): Das Klima des Kapitals

Rezensiert von Christopher Grobys, 24.11.2022

Cover Varleria Bruschi, Moritz Zeiler (Hrsg.): Das Klima des Kapitals ISBN 978-3-320-02391-1

Varleria Bruschi, Moritz Zeiler (Hrsg.): Das Klima des Kapitals. Gesellschaftliche Naturverhältnisse und Ökonomiekritik. Karl Dietz Verlag (Berlin) 2022. 272 Seiten. ISBN 978-3-320-02391-1. D: 18,00 EUR, A: 18,50 EUR.
Reihe: Analyse.

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Thema

Auf den Schultern von Marx und Engels stehend, analysieren die Autor:innen die gesellschaftlichen Naturverhältnisse, die in der Gegenwart als ein Drahtseilakt zwischen Profitmaximierung und Klimakatastrophe erscheinen. Dabei zeigen sie nicht nur, wie der globale Kapitalismus seine eigenen Ansprüche einer ökologischen Wende untergräbt, sondern auch, das grundlegende Veränderungen notwendig sind, um eine sozial und ökologisch nachhaltige Gesellschaft zu realisieren.

Zu den Herausgeber:innen

Valeria Bruschi ist Philosophin und Autorin. Darüber hinaus ist sie in der Bildungsarbeit zur Kritik der politischen Ökonomie tätig und unterrichtet Deutsch für Asylbewerber:innen und Migrant:innen in Berlin.

Moritz Zeiler ist Historiker und Politikwissenschaftler und hat in der Vergangenheit verschiedene Bücher veröffentlicht.

Aufbau und Inhalt

Der Sammelband umfasst insgesamt drei Abschnitte mit jeweils unterschiedlichen Schwerpunkten. Während im ersten Abschnitt das Hauptaugenmerk auf der Marxschen Analyse der Naturverhältnisse liegt, befassen sich die Autor:innen im zweiten Abschnitt mit speziellen Aspekten des aktuellen Kapitalismus und seiner Verbundenheit mit der Klimakrise. Der dritte und letzte Abschnitt kreist um die Frage, welche politischen und gesellschaftlichen Konsequenzen aus dem krisenhaften Zusammenhang zwischen Kapital, Arbeit und Natur gezogen werden sollten.

Der erste Abschnitt des Buches umfasst sechs Beiträge. Ehrenfried Galander eröffnet nach einem einführenden Rundumschlag über politische Ökonomie, Ökologie und Transformation von Valeria Bruschi (S. 8–23) den Band mit einer Rekonstruktion der Marxschen Kritik an den Verhältnissen zwischen Mensch und Natur (S. 26–46). Er geht hierbei der Frage nach, inwiefern eine ökologische Kritik einen fixen Bestandteil der Kritik der politischen Ökonomie darstelle? Galander beschränkt sich hierfür jedoch nicht nur auf die veröffentlichten Schriften des Trierer Gesellschaftstheoretikers, sondern bezieht auch die in der Marx-Engels-Gesamtausgabe (MEGA) veröffentlichten Studienmaterialien in seine Untersuchung mit ein. Er kommt zu dem Ergebnis, dass die Mensch-Natur-Beziehung in allen Forschungen von Marx eine zentrale Dimension darstelle, welche er permanent im Blick hatte und bis zu seinem Lebensende fortentwickelte.

Eine fast schon passende Antithese hierzu entwickelt Silvia Federici im zweiten Beitrag, ohne dabei allerdings von einer grundlegenden Wertschätzung der Marxschen Analyse Abstand zu nehmen. Die bekannte feministisch-marxistische Autorin reagiert mit ihrem Text auf eine ihrer Meinung nach überhöhte Bewertung von Marx Ökologieverständnis und problematisiert bestimmte Schlussfolgerungen, die er aus seinen Untersuchungen ableitete. Federici nimmt hierfür drei Marxsche Annahmen in den Blick. Zuerst kritisiert sie „[…] sein Beharren auf der Bedeutung des Kapitalismus als einer notwendigen historischen Entwicklungsstufe […]“ (S. 50). Mit dieser Annahme sei laut Federici eine Legitimation sozialer und ökologischer Verwerfungen verbunden, welche die Gesellschaften erst durchleben müssten, bevor sie sich davon emanzipieren könnten. Im Anschluss daran wirft Federici eine kritische Perspektive auf die These der Produktivkraftentwicklung von Marx, mit der er die Hoffnung verband, dass die Industrialisierung die Grundlage einer befreiten Gesellschaft bilden werde. Die Autorin verweist in diesem Punkt zurecht auf die Aktualität der globalen Mehrfachkrise, die zwar eng mit der Industrialisierung zusammenhänge, anstatt einer anstehenden Emanzipation allerdings eher eine globale Katastrophe evoziere. Zuletzt kritisiert Federici noch die Marxschen Überlegungen zur Zerstörung der kleinbäuerlichen Eigentumsstrukturen, in dem sie auf die emanzipatorischen Potenziale solcher Akteure in der Gegenwart verweist.

Christian Schmidt befasst sich in seinem Beitrag (S. 59–75) aus einer philosophischen Perspektive mit der marxistischen Ökologie. Er zeigt, wie Hegel das Verhältnis von Mensch-Natur-Eigentum konstruierte, welche Auswirkungen ein solches Verständnis mit sich bringe und was eine marxistisch-orientierte Philosophie dem entgegenhalten müsse. Diese über Hegel hinausgehende Philosophie könne laut Schmidt auch für die Gegenwart wichtige Impulse für ein kritisches Verständnis der Mensch-Natur-Beziehung beinhalten.

Valeria Bruschi´s (S. 76–92) Beitrag setzt sich kritisch mit dem Wachstumszwang kapitaldominierter Gesellschaften und seinen ökologischen Auswirkungen auseinander. Hierfür rekonstruiert sie holzschnittartig die Kernelemente der Marxschen Kritik der politischen Ökonomie und unterstreicht deren Aktualität für eine Analyse der gesellschaftlichen Verhältnisse der Gegenwart sowie deren Bedeutung für eine emanzipatorische politische Praxis.

Stefanie Hürtgen (S. 93–107) schließt an Bruschi´s Beitrag mit ebenfalls theorie- und praxisorientierten Überlegungen an. Ihren Ausgangspunkt dabei bildet eine Kritik am Marxschen Klassenkampfkonzept. Hürtgen will einerseits zeigen, dass das kapitalinduzierte Klassenverhältnis nicht nur ökonomisch als Kampf um das gesellschaftliche Mehrprodukt, sondern auch ökologisch „[…] als strukturelles Gewaltverhältnis gegenüber Mensch und Natur […]“ (S. 95) verstanden werden müsse. Deshalb schlägt sie eine Modifikation vor, das Klassenkampfkonzept „[…] um eine leiblich-naturverbundene Sozialität“ (ebd.) zu erweitern.

Jan Hoff (S. 108–121) nimmt die Leser:innenschaft in seinem Beitrag mit auf eine Reise durch die verschiedenen ökosozialistischen Debatten und Konzeptionen. Auch wenn er hierbei nur eine geringe Auswahl näher beleuchten kann, schafft er es, die Diversität in den Strategien und Konzeptionen alternativer Gesellschaftsformationen aufzuzeigen.

Mit der Vorstellung, dass es so etwas wie grüne und nachhaltige Energien gäbe, räumt Alexander Dunlap (S. 124–138) im Eröffnungsbeitrag des zweiten Abschnittes des Bandes auf. Er veranschaulicht anhand der Windenergie, welche sozialen und ökologischen Kosten auch mit dieser Energiegewinnung verbunden seien. Deshalb lehnt auch den Begriff der erneuerbaren Energien ab und spricht stattdessen von sogenannten fossilen Brennstoffen+. Dunlap´s Kritik richtet sich hierbei auf die kapitalvermittelte Zerstörung natürlich vorhandener und ökologischer Kreisläufe und Zyklen. Ein strategischer Ausblick, der die Etablierung einer sozial-ökologischen Gesellschaft über die Konversion von fossilen zu erneuerbaren Energien erreichen will, müsse laut Dunlap abgelehnt werden, weil er die Zerstörung von Mensch und Natur nur fortführe anstatt sie abzumildern oder zu überwinden.

Eine ähnliche Kritik formuliert Guillaume Pitron in seinem Beitrag (S. 139–154), jedoch mit dem Schwerpunkt auf die sogenannten seltenen Metalle und ihre angeblich revolutionäre Rolle für eine sozial-ökologische Wende. Der Autor beleuchtet die gesellschaftliche Funktion, die Gewinnung und die sozialen Folgen des Abbaus dieser Ressource. Er arbeitet heraus, dass die seltenen Metalle für die Produktion digitaler Technologien kein Heilsversprechen im Sinne einer ökologischen Transformation sind. Sowohl der Abbau, die Nutzung und die Wiederverwertung hätten enorme soziale und ökologische Folgen für die Extraktionsregionen. Allein dadurch sei, so Dunlap, eine grüne Energiekonversion mithilfe dieser Rohstoffe nur ein trügerisches, bürgerliches Phantasma. Eine Aufgabe für alle progressiven Kräfte der Gegenwart sei deshalb, die Unsichtbarkeit der problematischen Aspekte dieser stofflichen Pseudohoffnungsträger ins Feld des Sichtbaren zu überführen.

Nora Räthzel zeigt in ihrem Beitrag (S. 159–170) wie empirische Sozialforschung und marxistische Theorie fruchtbar miteinander verbunden werden können. Anhand von Interviews kann sie rekonstruieren, dass gewerkschaftliche Aktive unterschiedliche Wahrnehmungsweisen von der Verbindung von Arbeit und Natur haben. Mit diesen Wahrnehmungsweisen wiederum seien laut Räthzel verschiedene Chancen und Herausforderungen für eine gewerkschaftliche Praxis verbunden, die sowohl die soziale als auch die ökologische Frage zusammendenkt.

Weniger mit dem, was sich in der Erde befindet als mit dem, was auf ihr wächst, befasst sich Mike Davis in seinem Beitrag (S. 171–191) zur politischen Ökologie der Großbrände. Dafür nimmt er sogenannte invasive Gräser in den Blick und zeigt, wie diese andere Pflanzenarten verdrängen. Davis konstatiert, dass ein Kreislauf aus invasiven Gräsern und Waldbränden entstanden sei, der sich wechselseitig verstärke. Hinzu komme eine Politik der Immobilien und der öffentlichen Institutionen, welche diese Entwicklungen perpetuiere, anstatt alternative Wege einzuschlagen. Davis Ausblick für die Zukunft ist daher im Lichte der zunehmenden klimatischen Veränderungen kein rosiger, sollten keine nachhaltigen Veränderungen umgesetzt werden.

Martina Backes schließt mit ihrem Beitrag (S. 192–212) über die Auswirkungen der klimatischen Veränderungen auf die globalen Landwirtschaften den zweiten Abschnitt des Bandes ab. Laut der Autorin evoziere der Klimawandel Umweltkatastrophen, Insektenplagen und ausgelaugte Böden, die wiederum allesamt die Landwirtschaft stark beeinflussen würden. Jedoch wirke nicht nur der Klimawandel auf die Landwirtschaft, sondern auch die Landwirtschaft beeinflusse den Klimawandel. Backes verortet letztere Rückkopplung in der Bewegung des Kapitals. Einerseits würden durch die Subventions- und Handelspolitiken klimaschädliche Produktionsabläufe in der Landwirtschaft gestärkt und ökologische erschwert werden, andererseits seien die vorherrschenden Anbaumethoden selbst hochgradig klimaschädlich. Dass eine Konversion hin zu Biomasse und Bioökonomie eine vielversprechende Lösung sei, stellt Backes ebenfalls infrage. Auch wenn dieser Bereich mittlerweile verschiedene Produktionsfelder abdecke, seien hiermit ebenfalls verschiedene Herausforderungen wie die vermehrte Nutzung von Anbauflächen und Infrastruktur verbunden (vgl. S. 202–207). Abschließend resümiert Backes deshalb, dass nur eine Veränderung des Inhalts, nicht aber der Form der Produktionsweise, den aktuellen Problemlagen und deren Kulmination nicht wirklich etwas entgegensetzen könne. Zugleich sei jedoch ein romantischer, kleinbäuerlicher Produktionsmodus ebenfalls abzulehnen, da dieser die gegenwärtige Realität einer globalen Gesellschaft verkenne und offen für rechte Politiken sei (vgl. S. 207–212).

Mit den sozial-ökologischen Kosten der kapitalistischen Produktionsweise setzt sich Markus Wissen zu Beginn des dritten Abschnitts des Bandes auseinander (S. 214–228). Er skizziert darin, wie die inhärente Systematik einer kapitaldominierten Produktionsweise nach negativen Externalitäten verlange, die trotz aller Behauptungen keineswegs einem Marktversagen entsprechen würden (vgl. S. 215 ff.). Diese von ihm hervorgebrachte Kritik einer politischen Ökologie fundiert auf einer marxistisch-feministischen Analyse, durch die Wissen in der Lage ist, die Externalisierung von sozialen und ökologischen Kosten als Wesensmerkmal der kapitaldominierten Gesellschaften zu verstehen (vgl. S. 218 ff.). Um einerseits erklären zu können, wie dieser Prozess funktioniere und andererseits zu erfassen, wie dieser in den Alltagspraxen der Subjekte verwoben sei, greift er auf das hegemonietheoretische Konzept der imperialen Lebensweise zurück (vgl. S. 221 ff.). Daran anschießend untersucht Wissen, inwiefern in jüngster Zeit die Widersprüche dieser Produktionsweise zugenommen haben und inwiefern diese ihre eigenen Existenzbedingungen unterminieren? Wissen kommt zu dem Schluss, dass beides, sowohl die Widersprüche als auch die Unterminierung ihrer eigenen Existenzbedingungen, in letzter Zeit zugenommen hätten (vgl. S. 225 ff.). Der Abschluss seines Beitrags bildet ein strategischer Ausblick hin zu einer gebrauchswertorientierte Produktionsweise (vgl. S. 227 f.).

Rainer Trampert (S. 229–245) zeigt in seinem Beitrag, warum die Hoffnung durch einen Green New Deal einen ökologischen und sozialen Kapitalismus zu entwickeln, keine nachhaltige Lösung für die multiplen Krisen der Gegenwart darstelle. Er macht stark, dass die Bemühungen einer grünen, aber dennoch kapitalverwertenden Produktionsweise idealistisch seien, weil sie die Funktionslogiken des Kapitals übersehen (vgl. S. 230 ff.). Auch die hegemoniale staatsintervenierende Strategie im Sinne eines grünen Keynesianismus, welcher über verschiedene Spektren der politische Landschaft hinweg seine Anhänger:innen findet, könne nach Trampert nicht einlösen, was er versprechen würde: Die Trinität Wachstum, Wohlstand und Nachhaltigkeit könne auch hiermit nicht eingelöst werden (vgl. S. 237 ff.). Zum Abschluss seines Beitrags betont der Autor die Notwendigkeit eines bewussten Subjekts, anstatt einer grün-individualistischen Attitüde. Ein kollektives Bewusstsein darüber, dass es keinen Kapitalismus in neuem Gewand brauche, sondern seine Überwindung, müsse nach Trampert den Ausgangspunkt für die relevanten Veränderungen bilden (vgl. S. 240 ff.).

Peter Bierl (S. 246–261) räumt in seinem Beitrag mit dem heute noch aktuellen, spektrenübergreifenden Ökomalthusianismus auf. Malthus theoretische Annahme war, dass die weltweite Bevölkerung schneller wachse als die Lebensmittelproduktion. Darum seien der Überlebenskampf und der Hungertod ein unvermeidliches Naturgesetz der Menschheit (vgl. S. 246 f.). Bierl kritisiert dieses Pseudogesetz, welches auch in der Gegenwart verschiedene politische Spektren aufgreifen, in dem er die schon einst von Marx hervorgebrachten Argumente gegen Malthus entstaubt (vgl. S. 251–260). Seinen Beitrag schließt der Autor mit einem Ausblick auf die Zukunft und argumentiert hierbei mit dem Marxschen ‚Populationsgesetz‘, welches besagt, dass durch das Wachsen des gesellschaftlichen Gesamtkapitals bei relativer Abnahme des variablen Kapitals (Arbeitskraft) eine Überbevölkerung entstehen müsse. Diese Überbevölkerung und der demokratische Wandel würden wiederum einen Abzug vom gesamtgesellschaftlich produzierten Mehrwert bedeuten, was den Malthusschen Erklärungsansatz weiter beflügeln könnte. Dies sei laut Bierl eine Folge davon, dass das Kapitalverhältnis als analytisch-kategorialer Zusammenhang zum Verstehen dieser Entwicklungstendenzen fehle. Der Autor schlussfolgert daher: “Darum bleibt eine an Marx orientierte Kritik sowohl an Malthus als auch an der Kapitalverwertung und ihrem Beitrag zur Zerstörung der Umwelt grundlegend“ (S. 261).

Im darauffolgenden Beitrag von direction f (S. 262–278) – einem Zusammenschluss von Menschen aus Hannover, die sich schwerpunktmäßig mit dem Zusammenhang von Klimakrise und Kapitalismus auseinandersetzen – geht es nicht um einzelne Personen und ihre Ideen, sondern um einen parlamentarischen Akteur in Deutschland: die Partei Die Grüne. In ihrem Beitrag verfolgen direcion f zweierlei Ziele: Einerseits wollen sie die Geschichte der Partei mit all ihren Widersprüchen und Grabenkämpfen nachzeichnen, um andererseits daran zu verdeutlichen, dass gerade mit diesem parlamentarischen Akteur keine sozial-ökologische Transformation möglich sei. Hierfür arbeiten sie folgende Aspekte heraus. Die Partei Die Grüne…

  • a) … habe ihren kapitalismuskritischen Anspruch schon längst verloren und bewege sich zwischen einem konservativen und neoliberalen Marktfundamentalismus (vgl. S. 269).
  • b) … sei Treiber der Militarisierung gewesen (vgl. S. 269 ff. ).
  • c) … scheitere regelmäßig an der realpolitischen Umsetzung ihrer Agenda und mache sich deshalb unglaubwürdig (vgl. S. 273 ff.)

Abgerundet wird der Beitrag mit einem fragend voranschreitenden Ausblick und folgender Feststellung: „Es gibt viel zu tun. Darauf, dass die Grünen für dieses Projekt zur Verfügung stehen, sollten wir uns lieber nicht verlassen“ (S. 277).

Maximilian Becker und Daniel Hofinger widmen sich in ihrem Beitrag (S. 278–293) der Historie der Klimagerechtigkeitsbewegung in Deutschland von 2008 bis 2020 mit einem Fokus auf aktuelle und kommende Herausforderungen. Die Autoren stellen fest, dass die Klimagerechtigkeitsbewegung es geschafft habe, einen starken und gut vernetzten Akteur herauszubilden. Die realpolitischen Erfolge seien zwar überschaubar, dennoch schaffe es die Bewegung, Menschen zu mobilisieren und diskursiv-mächtige Bilder zu erzeugen. Nach Becker und Hofinger sollte die Klimagerechtigkeitsbewegung in Zukunft darauf abzielen, ihre antikapitalistische Perspektive auszubauen und zu stärken. Eine Orientierung dafür könnte sie vielleicht bei der Berliner Kampagne Deutsche Wohnen und Co enteignen! finden, welche es in der Hauptstadt geschafft habe, realpolitische Forderungen mit einer breiten Zustimmung der Bevölkerung und einem transformativen Ausblick zu verbinden (vgl. S. 292 f.).

Dass nicht nur Baumpflanzungen, Baggerbesetzungen und eine radikale Kritik der aktuellen Verhältnisse wichtig für eine ökologische Wende seien, sondern gerade auch utopische Geschichten und Bilder, arbeitet Julia Fritzsche im letzten Beitrag (S. 294–308) des Bandes heraus. Lebendige und über das Bestehende hinausreichende und pluralistische Erzählungen seien nach ihr der Ausgangspunkt – die Ideenkiste –, um eine anschlussfähige Wirkmächtigkeit zu entwickeln, die notwendig sei, um andere gesellschaftliche Verhältnisse zu erkämpfen. Hierfür bewegt sich die Autorin zwischen verschiedenen Wissenschaften und argumentiert mit linguistischen und psychologischen Erkenntnissen. Fritzsche betont dabei folgenden Aspekt besonders: Es brauche nicht nur eine Negativ-, sondern eine positive, ermutigende Wofür-Erzählung (vgl. S. 299 f.). Damit spricht sie sich auch dezidiert gegen das in der Linken immer noch postulierte Bilderverbot einer zukünftigen Gesellschaft aus. Ihre Kernthese hierbei lautet: Weil das Gehirn in Bildern denke, müsse auch die gesellschaftliche Linke, will sie erfolgreich sein, starke Bilder und Erzählungen in ihre Praxis einbeziehen. „Ideen sind da, allein es fehlt der Wille zum Bild“ (S. 306), formuliert Fritzsche und zeigt in ihrem Beitrag, welcher selbst von wirkmächtigen Bildern nur so strotzt, dass die progressiven Kräfte, anstatt zu Taschenrechnern, zukünftig auch mal zum Gedanken-Pinsel greifen sollten.

Diskussion

Wer von einem Sammelband mit dem Titel „Das Klima des Kapitals“ hört oder es im nächsten Buchladen entdeckt, der oder die vermutet wahrscheinlich ein altbackenes Werk mit trockenen Analysen und weniger ein Band, dass sich lebendig und aus verschiedensten Perspektiven diesem Gegenstand nähert. Lebendig wirken die Beiträge deshalb, weil die Autor:innen die klassischen Marxschen Kategorien zur Analyse aktueller gesellschaftlicher Entwicklungen nutzen und andererseits auch nicht davor zurückscheuen, diese Instrumente weiterzuentwickeln. Besonders hervorzuheben ist außerdem die Perspektivvielfalt der Beiträge. Diese umfassen nicht nur ökonomische Kritiken, auch wenn diese nie gänzlich in den Beiträgen verschwinden, sondern auch subjektorientierte und philosophische. Einst formulierte Marx, dass er die kapitalistische Produktionsweise nur in ihrem idealen Durchschnitt untersucht habe (vgl. Marx 2018: 839). Die Analyse der konkreten Gesellschaftsformationen mit ihren spezifischen Kräfteverhältnissen und Entwicklungen dürfe dies allerdings nicht ersetzen. Der Sammelband nimmt sich dieser Aufgabe würdevoll mit seinem Schwerpunkt an und beleuchtet die zu behandelnden Gegenstände aus unterschiedlichen methodischen Perspektiven. So lassen sich in ihm nicht nur rein deduktiv vorgehende Beiträge, sondern auch induktiv-empirisch vorgehende finden (vgl. Rätzhel S. 158 f.).

Zugleich ist sich der Band seiner begrenzten Reichweite bewusst. Schon im Vorwort offenbart die Herausgeberin Bruschi selbstkritisch, dass die Beiträge es nicht schaffen würden, alle relevanten Themen abzudecken. Sie formuliert: „Trotz der Fülle der Beiträge werden aufmerksame Leser*innen einige Themen vermissen“ (Bruschi S. 23). Konkret benennt sie folgende vier Leerstellen: die Auseinandersetzung mit Engels Mensch-Natur-Forschung, die Auseinandersetzung mit moderner Wissenschaft und Technik, Fragen zur sogenannten Klimamigration und Fragen zu den Themen Gesundheit und Konsum.

Was man sowohl in den Beiträgen als auch in der selbstkritischen Reflexion zu Beginn des Bandes vermisst, ist ein konkreter Ausblick für die Zukunft. Zwar diskutiert Hoff in seinem Text verschiedene ökosozialistische Strategien und lässt hierbei auch Ansätze anderer gesellschaftlicher Verhältnisse erkennen. Und auch Fritsche traut sich in ihrem Beitrag über die Macht der Narrationen und Diskurse, ein anderes Morgen anzudeuten. Jedoch verbleiben alle diese Beiträge in puncto einer Skizze und dem Aufzeigen von Eckpunkten einer antikapitalistischen Gesellschaft vage und unkonkret. Insgesamt verharrt der Sammelband damit in der Tradition des Bilderverbots. Schon Marx und Engels hielten sich damit zurück, andere gesellschaftliche Verhältnisse zu entwerfen (vgl. Engels 1972: 542), blieben zaghaft (vgl. Marx 1989: 316 f.) und nur abstrakt (vgl. Marx/Engels 1973: 70 ff.). Verschiedene Autor:innen führen dies darauf zurück, dass die Subjekte der bestehenden Gesellschaft von derselbigen herrschafts- und machtförmig sozialisiert seien. Durch diese Präformierung werde es für diese Subjekte unmöglich, transzendentale gesellschaftliche Verhältnisse zu verwirklichen (vgl. Neupert-Doppler 2015: 41 ff.). Deshalb müsse es die Aufgabe nachfolgender Generationen sein, wirklich revolutionäre gesellschaftliche Verhältnisse zu entwickeln und zu verstetigen (vgl. Lenin 1959: 272 f.). Diese Position wird aktuell gerade im Kontext der ökologischen, aber auch anderer Krisenmomente entschieden zurückgewiesen. Wenn Raul Zelik polarisierend formuliert „Change by design oder change by desaster“ (Zelik 2020), dann verdeutlicht er damit die aktuelle Vehemenz und Notwendigkeit grundlegender gesellschaftlicher Veränderungen. Klaus Dörre bewertet das Bilderverbot ebenfalls als überholt und hält es sogar für gefährlich, weil es dadurch an vorstellbaren, konkreten Projekten fehle, für die sich Menschen gewinnen ließen (vgl. Dörre 2021: 14). Die gerade aufgeführten Autor:innen und andere plädieren daher zurecht für konkrete Vorschläge und Eckpunkte einer antikapitalistischen Zukunft (vgl. ebd.: 117 ff., vgl. Zelik 2020: 202 ff., vgl. Fraser 2020). Ein solcher Beitrag hätte den Sammelband und seine schonungslose Kritik am Bestehenden um ein konkretes gesellschaftliches Wohin ergänzt.

Fazit

Der Band rekonstruiert nicht nur aus einer Vielzahl von Perspektiven, dass sich die Marxsche Kritik der politischen Ökonomie sehr wohl zur Beantwortung ökologischer Fragen eignet, sondern zeigt darüber hinaus, was eine aktualisierte materialistische Kritik an den gesellschaftlichen Naturverhältnissen beinhalten muss. Die darin enthaltenen Beiträge lassen sich größtenteils ohne weitreichende Vorkenntnisse verstehen, auch wenn manche Texte ein wenig voraussetzungsvoller geschrieben sind. Dies betrifft jedoch nur in geringer Weise die Marxschen Grundkategorien seiner Kritik der politischen Ökonomie, denn einführende Erklärungen dazu sind jeweils in die Beiträge eingepflegt, wodurch der Band insgesamt als leser:innenfreundlich bewertet werden kann.

Von diesem Bündel an kritischen Analysen, die im Buch enthalten sind, können sich die sozialen Akteure der Gegenwart praktisch inspirieren lassen, sollten sie sich dem Ziel einer wirklich nachhaltigen und sozial-ökologischen Transformation verpflichtet fühlen. In diesem Sinne leistet der Band nicht nur auf analytischer, sondern auch auf praktischer Ebene einen gewichtigen Beitrag zur aktuellen Debatte um die Klimakrise. Anders formuliert: Für alle Klimaretter:innen, Ungleichheitsbekämpfer:innen, Bewegungsakteur:innen, Gewerkschafter:innen, Politiker:innen und allen weiteren Protagonist:innen, welche auf den gesellschaftlichen und politischen Bühnen der Gegenwart aktiv sind und dem Anspruch einer befreiten und nachhaltigen Gesellschaft folgen, ist der Sammelband ein horizonterweiterndes Must-Have.

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Rezension von
Christopher Grobys
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Zitiervorschlag
Christopher Grobys. Rezension vom 24.11.2022 zu: Varleria Bruschi, Moritz Zeiler (Hrsg.): Das Klima des Kapitals. Gesellschaftliche Naturverhältnisse und Ökonomiekritik. Karl Dietz Verlag (Berlin) 2022. ISBN 978-3-320-02391-1. Reihe: Analyse. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/29180.php, Datum des Zugriffs 04.12.2022.


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