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Dagmar Hosemann, Thorsten Wege: Wo das Wünschen noch geholfen hat

Rezensiert von Prof. Dr. Uli Kowol, 18.02.2022

Cover Dagmar Hosemann, Thorsten Wege: Wo das Wünschen noch geholfen hat ISBN 978-3-8080-0908-6

Dagmar Hosemann, Thorsten Wege: Wo das Wünschen noch geholfen hat .... Systemisch-lösungsorientierte Gespräche aus der Welt der Märchen. Verlag modernes lernen Borgmann GmbH & Co. KG. (Dortmund) 2021. 208 Seiten. ISBN 978-3-8080-0908-6. D: 19,95 EUR, A: 20,60 EUR, CH: 32,30 sFr.

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Thema

Systemisches lösungsorientiertes Arbeiten ist spätestens seit den Arbeiten der Heidelberger Schule (Helm Stierlin, Fritz B. Simon u.a.) und den Arbeiten der Paolo Alto Gruppe, Kalifornien (Paul Watzlawick u.a.) seit Beginn der Achtzigerjahre des letzten Jahrhunderts ein wichtiges methodisches Instrument in therapeutischen Settings, Handlungsfeldern der Sozialen Arbeit und Bildungsprozessen. Ungezählte Publikationen, Weiterbildungsmöglichkeiten und Studiengänge belegen die Attraktivität des systemischen Ansatzes. Umso erstaunlicher ist, hier auf eine Novität aufmerksam machen zu können, die zudem, neben den lehrhaften Aspekten, auch Lesevergnügen, Humor und Kreativität vereint. Es geht um die Anwendung, Verfremdung, Neukombination und Interpretation von Märchen im Kontext systemisch-lösungsorientierten Arbeitens.

Autoren

Prof. Prof. h.c. Dr. phil Dagmar Hosemann ist emeritierte Professorin der Evangelischen Hochschule Darmstadt (EHD) und Dipl. Soz.-Arb. (FH) Thorsten Wege, Lecturer für Methoden der Sozialen Arbeit an der Fachhochschule Dortmund im Fachbereich Angewandte Sozialwissenschaften.

Entstehungshintergrund

Dieses Buch ist im Kontext von Perfomanzprüfungen an der Evangelischen Hochschule Darmstadt entstanden, in denen Studierende zeigen sollten, was sie in einer thematischen Spezialisierung in vier Semestern zur lösungsorientierten Beratung gelernt hatten. Eine dieser Prüfungen enthielt drei Beratungsdialoge mit Märchenfiguren, womit der Grundstock für die vorliegende Publikation gelegt war. Als Zielgruppen können insbesondere Studierende und Fachkräfte der Sozialen Arbeit aber auch systemisch-orientierte Berater*innen und Therapeut*innen genannt werden. Der „märchenhafte Charakter“ des Buches verdient ein vielschichtiges Publikum.

Aufbau

Das Buch umfasst eine etwas längere Einleitung, in welcher auch die theoretischen Facetten des Themas reflektiert werden, 20 Gespräche, die verschiedene bekannte Märchen als modernisierte Ausgangspunkte für systemisch-lösungsorientierte Dialoge präsentieren und einem Glossar, welches die jeweiligen Techniken und Methoden zu den einzelnen Gesprächen resümiert. In einem abschließenden Kapitel werden alle Kurzbeschreibungen, Kontextbezüge, Methoden und Techniken aufgelistet.

Inhalt

In der Einleitung führen Hosemann und Wege in kompakter Form in die epistemologische Grundlage der systemisch-lösungsorientierten Beratung ein: Wie wir oder andere die Welt sehen, ist abhängig von unseren Beobachtungen und die können mit denen anderer übereinstimmen, müssen es aber nicht. Der Konstruktivismus teilt diese beobachtungsabhängige Sicht der Welt und negiert eine sogenannte „objektive Realität“. Beobachtungen in der Wissenschaft sind aber deshalb nicht beliebig, sondern sie müssen „viabel“ sein, müssen Plausibilität beanspruchen und andere überzeugen können, wollen sie „Geltung“ erlangen, ohne in einem epistemologischen Sinne „objektiv“ zu sein. Gerade therapeutische Settings, Beratungssituationen und Coachings sind immer wieder durch divergierende Weltsichten geprägt, sodass das „Spiegeln“ hier eine zentrale Methode ist. Genau diese divergierenden Weltsichten von Aschenputtel, dem gestiefelten Kater, Frau Holle, Dornröschen, Rotkäppchen, Rapunzel, Rumpelstilzchen, den Bremer Stadtmusikanten und vielen anderen Märchenfiguren mehr, werden in diesem Buch neu erzählt, anders erzählt, ja, modernisiert, verfremdet, aber nicht dekonstruiert, denn der Lerneffekt hier besteht im Miterleben der Veränderungen, die die Akteure selbst durchlaufen. Die Methoden, die in den erzählten Geschichten verwandt werden, erinnern in gewisser Weise an die Metaloge, die der Anthropologe, Soziologe und Schizophrenieforscher Gregory Bateson (1983) mit seiner Tochter geführt hat und die verdeutlichen sollten, dass Erklärungsprinzipien eher Übereinkünfte zwischen Wissenschaftler*innen sind, als dass sie tatsächlich etwas erklären. Während die Metaloge aber Beobachtungen zweiter Ordnung darstellen, dienen die Dialoge hier als Beobachtungen erster Ordnung, der Verfremdung von Wahrnehmungen und der Neukonzipierung irritierter Weltsichten. Sie ermöglichen neue Arrangements der Wahrnehmung und dadurch Lernen. So kann der „Waldtierernährungsberater“ dem Wolf, der eine „Ziegenunverträglichkeit“ hat, bei der auch eine „Desensibilisierungstherapie“ scheitern würde, nahelegen, dass auch eine Ernährung mit „Pilzbratlingen und Schafskäse“ einem „modernen, zukunftsweisen Lebensstil“ entsprechen könnte (35 ff.). Und der Patient, der sich in einem Zwangskontext auf der psychiatrischen Akutstation der Buchenklinik befindet, lernt, dass ein Katastrophenmanagement eine annehmbarere Vorstellung ist als in einem therapeutischen Setting gefangen zu sein. Und er lernt, ganz im Sinne Gregory Batesons, dass Diagnosen zwar in einem Behandlungs- und Abrechnungssystem notwendig, aber für die intendierten Verhaltensmodifikationen wenig geeignet sind. Problembeschreibungen sind eben noch keine Lösungen. Es macht wenig Sinn, das Kochrezept mit der Speise zu verwechseln. Unterschiede, die Unterschiede machen. Davon vermittelt das Buch in reichhaltiger Manier viele kluge humorvolle Anregungen und Geschichten.

Diskussion

Das Buch ist weder eine wissenschaftliche Monografie noch eine Märchenanthologie, es ist kein Lehrbuch für systemisch-lösungsorientiertes Arbeiten, es kann ergänzend zur Beschäftigung mit diesem Ansatz gelesen werden, aber auch, um eine erste Neugier an den Fragestellungen des systemisch-lösungsorientierten Arbeitens zu entwickeln. Es bietet eine sehr unterhaltsame und gelehrige Beschäftigung mit dem systemischen Denken an.

Fazit

Das Buch vermittelt auf humorvolle und geschickte Art und Weise märchenhaft viel Wissen über unterschiedlichste Beratungskontexte. Die Themen reichen von Beratung und Coaching über Familientherapie bis hin zu therapeutischen Settings in Zwangskontexten. Es ist didaktisch sehr gut durchkonzipiert und gut und verständlich geschrieben. Zu allen Märchen finden sich sehr gelungene Illustrationen. Ein Glossar zu den Basistechniken der Gesprächsführung, den systemisch-lösungsorientierten Grundannahmen und Elementen, den Methoden und Techniken sowie zur Hypnotherapie und NLP erleichtert die Verständlichkeit der jeweiligen Märchen. Darüber hinaus gibt es zu jeder Geschichte eine Kurzbeschreibung und die Darstellung der Kontextbezüge. Sehr gelungen ist, dass auf die jeweiligen Basistechniken, Methoden und lösungsorientierten Grundannahmen im Glossar verwiesen wird, sodass die einzelnen Zuordnungen für die Leser*innen leicht aufzufinden sind.

Rezension von
Prof. Dr. Uli Kowol
Professor für Sozialmanagement und Sozialwirtschaft am Fachbereich „Angewandte Sozialwissenschaften“ der Fachhochschule Dortmund
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Es gibt 4 Rezensionen von Uli Kowol.

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ISSN 2190-9245