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Fritz Edlinger, Günther Lanier u.a. (Hrsg.): Krisenregion Sahel

Rezensiert von Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer, 14.06.2022

Cover Fritz Edlinger, Günther Lanier u.a. (Hrsg.): Krisenregion Sahel ISBN 978-3-85371-501-7

Fritz Edlinger, Günther Lanier, Charlotte Wiedemann, Werner Ruf, Franz Schmidjell (Hrsg.): Krisenregion Sahel. Hintergründe, Analysen, Berichte. Promedia Verlagsgesellschaft (Wien) 2022. 220 Seiten. ISBN 978-3-85371-501-7. D: 19,90 EUR, A: 19,90 EUR.
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Die Peripherie der Peripherie

Als die arabischen Reisenden und Abenteurer über ihren vertrauten, bekannten Horizont hinausschauten, um unbekannte Landschaften, Menschen und Kulturen zu erkunden, die Wüste durchquerten hin zum Meer, da erlebten sie auch eine Landschaft „Dazwischen“: Sie nannten sie „Sahel“ – Ufer der Wüste. Die geographische Bezeichnung hat sich bis heute erhalten. Sie umfasst die afrikanischen Länder vom Atlantik im Westen, bis zum Roten Meer im Osten: Senegal, Mauretanien, Mali, Burkina Faso, Niger, Nigeria, Tschad, Sudan und Eritrea. Die Sahelzone ist vor allem bekannt geworden durch die wiederkehrenden Dürreperioden, Heuschreckenplagen, Hungersnöte und instabilen politischen Verhältnisse in den Ländern. Gewaltsame Grenzkonflikte, hegemoniale Übergriffe, Kriege, ethnische und diktatorische Machtverhältnisse sind Kennzeichen und Menetekel in der Region. Es ist die koloniale Last und Hinterlassenschaft, und es sind die neokolonialen, globalen Entwicklungen, die den unabhängigen Staaten schier unlösbare Probleme bescheren. Der ugandische Kulturwissenschaftler Okot p’Bitek (1931 – 1982) hat in seinem „Gebet“ auf die selbst- und fremdverschuldeten Probleme in den afrikanischen Ländern aufmerksam gemacht [1]:

Oh Gott, bewahre Afrika Vor unseren neuen Herrschern; Lass sie demütig werden Öffne ihre Augen, Damit sie sehen, Dass der materielle Fortschritt Nicht auf einer Stufe steht mit geistigem Fortschritt. Oh Herr, öffne die Ohren der afrikanischen Herrscher Damit sie Freude empfinden Beim Klang ihrer Trommeln Und der Gedichte ihrer Mütter

Der ghanaische Dichter M. F. Dei-Anang (1909 – 1977) verweist in dem Gedicht „Wohin?“ auf die Konflikte und kontroversen Entwicklungsmöglichkeiten [2]:

Wohin? Zurück? Zu den Tagen der Trommeln und festlichen Gesänge im Schatten sonnengeküsster Palmen – Zurück? Zu den ungebildeten Tagen Da die Mädchen immer keusch waren und die Burschen schlechte Wege verabscheuten aus Angst vor alten Göttern – Zurück? Zu dunklen strohgedeckten Hütten wo Güte herrschte und Trost wohnte – Oder vorwärts? Wohin? In die Slums wo Mensch auf Mensch gepfercht ist wo Armut und Elend ihre Buden aufschlugen und alles ist und traurig? Vorwärts? Wohin? In die Fabrik um harte Stunden zu zermahlen in unmenschlicher Mühle in einer einzigen endlosen Schicht?

Inhalt

In Erzählungen, Berichten, Forschungen und Bestandsaufnahmen wird die Frage: „Wohin Afrika?“ gestellt. Die Spannweite reicht vom „verlorenen Kontinent“ bis hin zu optimistischen Zukunftsvisionen. Die Situationen und Entwicklungen in der Sahelzone werden mental, manieriert, metaphorisch, medial und modal diskutiert. Der seit 2002 an der Universität in Ouagadougou, der Hauptstadt von Burkina Faso lehrende Ökonom und Ethnologe Günther Lanier[3] und der österreichische Generalsekretär der „Gesellschaft für Österreichisch-Arabische Beziehungen“ und Herausgeber der Zeitschrift „International“, Fritz Edlinger, geben den Sammelband „Krisenregion Sahel“ heraus. Die 13 Autorinnen und Autoren treibt zum einen die Sorge um, dass durch die ökonomischen, politischen und ideologischen Entwicklungen die Sahelzone „weltweit zum Krisenherd Nummer 1“ wird; zum anderen verweisen sie auch auf Projekte, Paradigmen und Personen, die ein Contra gegen die pessimistischen Analysen aufweisen.

Es werden die neun Sahelländer vorgestellt und ihre Entwicklung thematisiert:

Der Pädagoge und stellvertretende Leiter des Dortmunder Carl-Duisberg-Centrums, Georges Hallermayer, fragt mit seinem Beitrag: „Felix Senegal?“. Er geht kritisch mit der (scheinbar) positiven Entwicklung und der (unangemessenen?) US-amerikanischen Titelung des Landes als „Leuchtturm der Demokratie“ um. Er zeigt neokoloniale, ausbeuterische Strukturen durch internationale Konzerne auf, und er verweist auf kritische, innersenegalesische Stimmen.

Günther Lanier fragt: „Mauretanien. Wunderrezept oder Pakt mit dem Teufel?“. Es ist ein Blick und ein Vorhangöffner hinter die offizielle und öffiziöse Politik der Herrschenden.

Die Innsbrucker Journalistin und Entwicklungsexpertin Elisabeth Förg fragt: „Mali. Wie konnte es so weit kommen?“ – von den optimistischen, touristischen und ökonomischen Entwicklungen hin zu terroristischen Gewaltmaßnahmen und ethnischen kriegerischen Konflikten. Die malische Stimme kommt zu Gehör: „Wir müssen uns selbst helfen, um unser Land aufzubauen“. Noch einmal Lanier: „Burkina Faso. Hintergründiges, Widerständiges, Staatsstreich“. Es sind Fensteröffner, die der Einwohner von Ouagadougou ermöglicht: offen und zum Nachdenken anregend!

Die Grazer Entwicklungsexpertin Birgit Anna Mayerhofer richtet mit ihrem Beitrag: „Niger“, einen Blick von außen auf die Verhältnisse in dem westafrikanischen Sahel-Binnen-Land. Es sind die neokolonialen Entwicklungen, die vom Uranabbau im Air-Gebirge, Erdölfunden, bis hin zu den Transit(Migrations) „Geschäften“ am „Tor zur Wüste“ reichen.

Erneut Günter Lanier mit dem Beitrag: „Nigeria. Riese auf Öl-Füßen“. Sind Bodenschätze Güter für die Reichen, Mächtigen und Korrupten, oder Allgemeingut für das bevölkerungsreiche Land? Was will Boko Haram?

Mit dem Beitrag „Tschad. Dynastische Erbfolge als Garant für Stabilität?“ setzt sich noch einmal Lanier mit der Situation im zentralafrikanischen Land auseinander. Es ist die militärische Einparteienmacht und der diktatorische Personenkult, der wenig Aussichten auf eine ökonomische, demokratische Entwicklung verspricht.

Die in Österreich lebende sudanesische Architektin und Stadtplanerin Mariam Mohamed Abdalla Wagialla thematisiert: „Sudan: Herausforderungen auf dem Weg zur Demokratie“. Sie setzt sich auseinander mit den Putschen und Revolutionen im Land und erhofft einen Sieg der demokratischen Kräfte.

Georges Hallermayer unternimmt mit dem Beitrag: „Eritrea – terra incognita“ eine solidarische Annäherung. Es ist ein Erfahrungsbericht der gewerkschaftlichen Partnerschaftsarbeit, die nicht beendet ist, sondern weiterhin solidarisch geleistet werden muss. In den folgenden Beiträgen werden die weiteren, relevanten inner- und außerafrikanischen Fragen thematisiert.

Der Journalist Markus Schauta untersucht mit dem Beitrag „Der Islam im Sahel“ die gemäßigte, radikalisierte und ideologisierte Bedeutung und Wirkung der Glaubensgemeinschaft und ihrer Strukturen.

Die Auslandsreporterin Charlotte Wiedemann spießt mit dem Beitrag „Um Weide und Feld“ den Umgang und die Besitznahme von Böden sowohl in der Konkurrenz zwischen Sesshaften und Nomaden, zwischen Bauern- und Hirtenvölkern, und nicht zuletzt durch globalmächtige Konzerne als „Bodenraub“.

Günther Lanier nimmt mit dem Beitrag „Unter Generalverdacht: Die Fremden in unserem Inneren“ die immer wieder aufbrechenden, ethnischen Konflikte zum Anlass, die Auseinandersetzungen zwischen den innerstaatlichen Völkern und Volksgruppen zu diskutieren, nach den Ursachen zu forschen und nach friedlichen Lösungsmöglichkeiten zu suchen. Auch die Frage „Wie umgehen mit Terrorismus?“ (Lanier) lässt sich nur mit Aufklärung und Bildung human beantworten.

Die Wiener Kommunikationswissenschaftlerin und Menschenrechtsaktivistin Ishraga Mustafa Hamid und der Ökonom Franz Schidjell nehmen das Thema der Themen „Migration Afrika – Europa“ vor. Mit verschiedenen Fallbeispielen artikuliert das Autorenteam die Ursachen von Flucht, Aus- und Einwanderung und erinnert an das Recht auf ein gutes, gelingendes, menschenwürdiges Leben für alle Menschen. Auf die weltwirtschaftliche Bedeutung der Sahelländer verweist Lanier. In den Sahelländern leben rund 360 Millionen Menschen. Sie erwirtschaften auf einer Fläche von etwas mehr als 8 Millionen km² ein Bruttoinlandsprodukt von 551,69 Milliarden USD. Die Statistik freilich sagt wenig aus über die tatsächlichen, wirtschaftlichen, existentiellen Bedingungen der Menschen und der Bedeutung der Subsistenzwirtschaft in den Sahelländern. 

Der Wirtschaftsexperte Tobias Orischnig diskutiert „Klimawandel, Wüstenbildung und die Große Grüne Mauer“. Die menschengemachten Klimaveränderungen wirken sich in dramatischer Weise besonders in den sowieso schon belasteten, gefährdeten Landschaften wie in der Sahelzone aus. Mit dem seit Jahrzehnten propagierten, bisher nur unzureichend und mühsam angegangenen, länder- und regionenübergreifenden Projekt, die stetige Ausbreitung der Sahara in Richtung Süden mit einem grünen Gürtel aus Bäumen im Sahel möglichst zu stoppen, zumindest aber aufzuhalten, ist nach wie vor ein dringendes und drängendes, globales Vorhaben.

Der Historiker Werner Ruf spricht vom „Französischen Neokolonialismus“, indem er sich mit den politischen und ökonomischen Aktivitäten Frankreichs vor allem in den ehemaligen französischen, westafrikanischen Kolonien auseinandersetzt. Es sind währungsgestützte (Franc CFA) und militärische, machtdominante Aktivitäten, die im Rahmen der Europäischen Union und der Anbindung einiger Sahelländer an diese auch deutsche Interessen und Kooperationen bedingen.

Der Politologe Christoph Gütermann fragt nach dem Stand der „Entwicklungszusammenarbeit“ und erkennt eine Krise in der Krise. „Die EU-Kommission stellt … fest, dass 2021 die Zahl der hilfebedürftigen Menschen in der Zone… um 6 Millionen gegenüber 2020 gestiegen ist“.

Die beiden letzten Beiträge im Sammelband – „Französische Militärinterventionen und die ‚Gefahr, dass sie die Gewalt mehren, statt sie zu beseitigen‘“, und „Frauen im Sahel“ liefert Günther Lanier. Die Liste der „französischen Militärinterventionen in Schwarzafrika“, seit 1960, dem afrikanischen Unabhängigkeitsjahr, bis 2020 (und weiter) umfasst sieben Seiten; und auf die Bedeutung der Frauen bei Entwicklungs- und Veränderungsprozessen wird in vielfältiger Weise hingewiesen. Interessant in dem Zusammenhang ist ein tabellarischer Vergleich „Die Kluft zwischen den Geschlechtern im Sahel und Österreich“.

Diskussion

Vertreterinnen und Vertreter aus der südlichen Hemisphäre haben in der von den Vereinten Nationen 1987 einberufenen „Süd-Kommission“ mit dem „Nyerere-Bericht“ die Mächtigen in der Welt mit dem Vergleich konfrontiert: „Wäre die ganze Menschheit ein einziger Nationalstaat, würde er durch die Teilung in Nord und Süd zu einem lebensunfähigen, halbfeudalen Gemeinwesen, das von inneren Konflikten zerrüttet wird“ – weil sein kleinerer Teil modern, reich und mächtig, der größere Teil aber unterentwickelt, arm und machtlos ist (Stiftung Entwicklung und Frieden, Bonn/Bad Godesberg 1991, S. 22f/430 S.). In der deutschen und europäischen Politik wurde der Begriff „Entwicklungshilfe“ durch „Entwicklungszusammenarbeit“ ersetzt. Mit dem Perspektivenwechsel soll es gelingen, sich weg- von hierarchischen, patriarchalen, dominanten und kapitalistischen, hin zu partnerschaftlichen, gleichberechtigten und gerechten Strukturen zu bewegen: „Auf Augenhöhe!“. Mit den „Seventeen Goals“, den 17 Zielen für eine lokal- und globalgerechte nachhaltige Entwicklung, haben sich die Vereinten Nationen vorgenommen, die Welt zu verbessern [4]. Die Länder und Menschen in der Sahelzone gehören zu den benachteiligten, gefährdeten, unverschuldeten Weltregionen. Sie bedürfen der globalen Solidarität! Und zwar nicht nur aus empathischen, karikativen und moralischen Gründen, sondern vor allem aus der humanen, anthropologischen Verpflichtung und Verantwortung für die EINE MENSCHHEIT!

Fazit

Die Beiträge im Sammelband „Krisenregion Sahel“ lassen sich im internationalen und interkulturellen Dialog auch als Handbuch und Lexikon lesen. Afrika ist Europas Nachbarschaftskontinent. Gute Nachbarschaft ist Aufmerksamkeit, Empathie, Zuwendung, Achtsamkeit und Solidarität!


[1] Okot p’Bitek, Afrikas eigene Gesellschaftsprobleme, in: Rüdiger Jestel, Hrsg., Das Afrika der Afrikaner. Gesellschaft und Kultur Afrikas, edition suhrkamp 1039, Frankfurt/M., 1982, S. 249ff

[2] Janheinz Jahn, hrsg., Dunkle Stimmen, 1963, S. 25f

[3] Günther Lanier: Land der Integren. Burkina Fasos Geschichte, Politik und seine ewig fremden Frauen, 2017, www.socialnet.de/rezensionen/24310.php

[4] https://www.17goalsmagazin.de

Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 14.06.2022 zu: Fritz Edlinger, Günther Lanier, Charlotte Wiedemann, Werner Ruf, Franz Schmidjell (Hrsg.): Krisenregion Sahel. Hintergründe, Analysen, Berichte. Promedia Verlagsgesellschaft (Wien) 2022. ISBN 978-3-85371-501-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/29187.php, Datum des Zugriffs 04.07.2022.


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