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Matthias Varga von Kibéd, Insa Sparrer: Tetralemmaarbeit (systemische Strukturaufstellungen)

Rezensiert von Prof. Dr. Lilo Schmitz, 17.01.2006

Cover Matthias Varga von Kibéd, Insa Sparrer: Tetralemmaarbeit (systemische Strukturaufstellungen) ISBN 978-3-89670-488-7

Matthias Varga von Kibéd, Insa Sparrer: Ganz im Gegenteil. Tetralemmaarbeit und andere Grundformen systemischer Strukturaufstellungen. Für Querdenker und solche, die es werden wollen. Carl Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2005. 5., überarbeitete Auflage. 254 Seiten. ISBN 978-3-89670-488-7. D: 25,50 EUR, A: 26,30 EUR, CH: 44,00 sFr.
Reihe: Systemaufstellungen. Mit Illustrationen von Matthias Varga von Kibéd
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Das Thema

In diesem Werkstatt- und Werkzeugkofferbuch kombinieren die beiden AutorInnen in vielfältiger Weise Ansätze des logisch-paradoxen "Querdenkens" mit Methoden szenischen Arbeitens und mit Aufstellungen. Die dabei entstehenden neuen Perspektiven und überraschenden Wendungen wollen helfen festgefahrene Problem-Sichten zu lockern. Dabei stellt das Buch selbst ein ständig erweitertes Projekt dar. Die erste schmale Fassung dieser "ungewöhnliche(n) Wege zu kreativen Lösungen" (16) erschien vor 10 Jahren und wurde in der Zwischenzeit ständig um neue Ansätze und Modelle erweitert. 2005 erschien die hier von mir besprochene ergänzte aktuelle Ausgabe dieses Dauerbrenners.

Autor und Autorin

Matthias Varga von Kibed (55) lehrt als Professor an mehreren Hochschulen und privaten Ausbildungsinstituten Philosophie, Logik, Systemische Therapie und Systemische Strukturaufstellungen. Seine ständige Professur (ohne derzeit aktuelle Lehrveranstaltungen) hat Matthias Varga nach meinen Informationen am Department für Philosophie, Logik und Wissenschaftstheorie, Religionswissenschaft und Wirtschaftstheorie der Universität München. Gemeinsam mit seiner Frau Insa Sparrer hat Matthias Varga von Kibed die systemischen Strukturaufstellungen entwickelt, die sie gemeinsam in Fort- und Weiterbildungen vermitteln. Insa Sparrer (50) ist Diplompsychologin und Psychotherapeutin in privater Praxis. Sie verknüpft in Praxis und Veröffentlichungen systemische Aufstellungsarbeit mit unterschiedlichen Therapie- und Beratungsansätzen.  Sowohl Matthias Varga von Kibed als auch Insa Sparrer haben die Grundlagen ihrer Aufstellungsarbeit bei Virginia Satir und Bert Hellinger gelernt.

Der Inhalt

In ihrer Einleitung erläutern die AutorInnen (neben einem allgemeinen Überblick über ihr Buch) zunächst, in welchen Punkten sich ihre Strukturaufstellungen von Hellingers Familienaufstellungen unterscheiden. So sind die Systemischen Strukturaufstellungen der beiden AutorInnen, die u.a. von Virginia Satirs szenischen Arbeiten beeinflusst sind, ergebnisoffener und weniger leitungszentriert als Hellingers Aufstellungsformen.

Im ersten Kapitel führen die AutorInnen in die Kunst des "Querdenkens" ein. Mit Hilfe von logischen Problemen und Denkübungen verdeutlichen sie, wie leicht starre Grenzen des Denkens kreative Lösungen verhindern und wie unkonventionelle und respektlose Herangehensweise an Aufgaben überraschende Erfolge bescheren kann.

Im zweiten Kapitel führen die AutorInnen in ihre spezielle Art der Verbindung von "Querdenken" und systemischen Strukturaufstellungen ein, indem sie die LeserInnen zu einer ersten Übung einladen, die durchaus alleine mit Papier und Bleistift durchgeführt werden kann. "Problemaufstellung und Aufstellung des ausgeblendeten Themas" gibt eine Schritt-für-Schritt-Anleitung zum Durcharbeiten eines beliebigen Problemthemas der LeserIn. Illustriert mit Fabeltieren von Matthias Varga lernt die LeserIn, wie Hindernisse zu Ressourcen werden oder wie es auch sein Gutes hatte, dass bisher kein Erfolg eingetreten ist. Problem, Ziel, Hindernisse und (ungenutzte) Ressourcen werden schrittweise notiert, "verdeckte Gewinne" identifiziert und die "künftige Aufgabe" in den Blick genommen (Was steht an, wenn das aktuelle Problem gelöst ist?).

In der Einzelarbeit kann die Leserin nun die verschiedenen Problembestandteile in einer Raumskizze verteilen und verändern, so dass neue ungewöhnliche Perspektiven und Lösungen sichtbar werden. Noch effektiver wird diese Arbeit jedoch, wenn die Leserin mit einer Gruppe von Menschen ihre Problemanordnung im Raum darstellen kann und die Körperempfindungen und intuitiven Lösungsschritte der MitspielerInnen nutzen kann. Hierbei werden im Sinne einer multiperspektivischen Erweiterung Perspektiven nicht nur der RepräsentantInnen, sondern auch Perspektiven anderer Menschen, z.B. von nichtanwesenden Systemmitgliedern, intendierten und nichtintendierten AdressatInnen von Berichten oder Perspektiven ablehnender Dritter mit einbezogen.

In der anschließenden "Aufstellung des ausgeblendeten Themas" kann die Leserin - falls sie keine anderen Personen zu einer größeren szenischen Arbeit findet - auch alleine nacheinander Positionen im Raum für sich selbst, das offizielle Thema und schließlich das ausgeblendete Thema einnehmen und neue Anordnungen ausprobieren, wobei die AutorInnen (ähnlich wie in Hellinger'schen Aufstellungen) Wert darauf legen, dass Menschen keine Verantwortung übernehmen, die eigentlich Andere zu tragen haben. Hier können sinnfällige Rückgaberituale klare Grenzen und Zuständigkeiten markieren.

Im Anschluss an dieses einführende Kapitel in die Praxis der Systemischen Strukturaufstellungen erläutern die AutorInnen Wichtigkeit und Methoden des "Entrollens" nach Aufstellungen, das den MitspielerInnen ermöglicht, sich von der eingenommenen Rolle wieder zu distanzieren.

Nach den beiden einführenden Kapiteln führen die AutorInnen in eines ihrere komplexeren Modelle ein: Die "Tetralemma-Aufstellung", deren Name bereits deutlich macht, dass ein sogenanntes "Di(a)lemma" mehr Seiten und Aspekte aufweist, als wir zunächst vermuten. In teilweise komplizierten Prozess-Anordnungen werden verschiedene Perspektiven und verschiedene Lösungen zu Entscheidungskonflikten vorgestellt. So entpuppen sich manche Konflikte als "Scheingegensatz", manche Lösungen bringen statt einer Entscheidung "Beides" unter einen Hut (gleichzeitig oder nacheinander) oder eine Lösung besteht darin "keines von Beiden" zu wählen. Die Leserin wird eingeladen, immer wieder andere Prozesse und Positionen durchzuspielen und diese wiederum immer neu aus einer Außenperspektive oder von völlig neuen Ebenen aus zu betrachten. Im dritten Kapitel gehen die AutorInnen in einem Exkurs auf die verschiedenen Arten von Körperempfindungen ein, die MitspielerInnen bei systemischen Strukturaufstellungen haben können und beschreiben kurz, worauf die ModeratorInnen solcher Aufstellungen achten sollen.

Im Kapitel IV ihres Buches stellen die AutorInnen "Fünf Arten der grundlegenden Veränderung - und was Querdenken dazu beitragen kann" vor. Eine erste Lockerung kann eintreten, wenn wir uns fragen, was bisher eine Veränderung erfolgreich verhindert hat - dabei helfen lösungsorientierte Fragen wie diese: "Was sollte unbedingt so bleiben, wie es ist?" Der verdeckte Gewinn wird enttarnt mit Fragen wie: "Mit wem bekämen Sie Schwierigkeiten, wenn Sie dabei schon Erfolg gehabt hätten?" Die AutorInnen unterscheiden zwischen 5 Arten des potentiell nützlichen radikalen Wandels und stellen diese vor:

  1. in einer unentschiedenen Lage endlich Stellung beziehen
  2. der nicht gewählten Alternative nicht nachtrauern
  3. neue Formen der Vereinbarkeit des anscheinend Unvereinbaren finden
  4. Verschiebung des Problem-Rahmens
  5. Veränderung des Veränderungsstils

Die Leserin ist eingeladen, diese Formen des radikalen Wandels Schritt für Schritt auf ein eigenes Problem anzuwenden.

Im V. Kapitel des Buches stellen Matthias Varga und Insa Sparrer die Glaubenspolaritätenaufstellung vor, die es ermöglicht  in einer kleinen Gruppe szenisch Überzeugungen und Glaubenssätze  zu überprüfen und zu modifizieren. Auch hier kann die Leserin, die keine solche z.B. kollegiale Gruppe zur Verfügung hat, in einer geleiteten Eigenarbeit für sich an einem aktuellen Thema arbeiten.

Im VI. Kapitel taucht die "Idee der versehentlichen Aufstellung" auf. Hier wollen die AutorInnen dafür sensibilisieren, wie Menschen passiv in die Leerstellen eines anderen Systems hineingezogen werden können und plötzlich Rollen einnehmen und repräsentieren, die zum System einer Person gehören, mit der sie gerade Kontakt haben. Matthias Varga und Insa Sparrer entwickeln hier die Idee eines "systemischen Nichtanhaftungs-Trainings", das davor schützen soll beispielsweise bei starken Konflikten in solche versehentlichen Aufstellungen hinein zu geraten.

Im Teil VII des Buches werden "Drehbuchaufstellungen" vorgestellt, die ermöglichen ein Feld aus den unterschiedlichsten Perspektiven ganz neu zu betrachten. Hier können neben realen Personen auch Länder, Ereignisse, Ängste u.ä. dargestellt und betrachtet werden können.

Ein Exkurs widmet sich verschiedenen Formen des Querdenkens. Hier werden mit ihren jeweiligen Schwerpunkten zum Beispiel lineare und nichtlineare Denker, labyrinthische und spiralige Querdenker kurz vorgestellt. In einem "Nachklang I und II" nennen Matthias Varga und Insa Sparrer Grundsätze, die bei Entscheidungen, Neuorientierungen und Problemlösungen bedacht werden sollen. Hier regen sie z.B. an Nichtwissen, Hilflosigkeit und Verwirrung als "kostbare Ressourcen" zu nutzen.

Teil VIII des Buches besteht aus einem 50 Seiten starken "Anhang", der die Grundlagen der vorgestellten Arbeiten von Matthias Varga von Kibed und Insa Sparrer systematisch darstellt und zusammenfasst. Hier findet die interessierte Leserin zum Nachschlagen beispielsweise "Metaprinzipien und Grundannahmen der systemischen Strukturaufstellungen", "Phasen einer Systemischen Strukturaufstellung", "Gesten und rituelle Sätze in der Prozessarbeit der Systemischen Strukturaufstellungen".

Zum Schluss bietet das kompakte Buch einen Überblick über die praxis-wissenschaftliche Selbst-Verortung von Matthias Varga von Kibed und Insa Sparrer durch einen "'Stammbaum' der wichtigsten Einflüsse auf die Entwicklung der Systemischen Strukturaufstellungen". Ein Glossar und Literatur geben weitere Orientierung.

Fazit und Zielgruppe

Mit diesem preiswerten und kompakten Band ist es Matthias Varga von Kibed und Insa Sparrer gelungen, einen Klassiker der systemischen Arbeit zu schaffen. Auch wenn es unmöglich ist, die ganze Fülle der Anregungen aufzunehmen -  ich selbst habe viele der im Buch empfohlenen szenischen Arbeiten mit Studierenden und KollegInnen ausprobiert, fand die Anleitungen stets klar, nachvollziehbar und ausführlich und die Lerneffekte waren stets groß. Auch die theoretischen Abschnitte des Buches sind gut verständlich, präzise, humorvoll und genau.

Ich möchte dieses Buch uneingeschränkt allen am systemischen Denken Interessierten empfehlen - an Hochschulen sollte es mit mehreren Exemplaren in den Lehrbuchsammlungen vertreten sein. Dürfte ich selbst nur ein Dutzend meiner Bücher behalten - dieses wäre dabei!

 

Rezension von
Prof. Dr. Lilo Schmitz
ILBB – Institut für lösungsorientierte Beratung Brühl
Ethnologin und Dipl. Sozialpädagogin
ehem. Hochschule Düsseldorf, Lehrgebiet Methoden der Sozialarbeit am Fachbereich Sozial- und Kulturwissenschaften
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Es gibt 126 Rezensionen von Lilo Schmitz.

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Zitiervorschlag
Lilo Schmitz. Rezension vom 17.01.2006 zu: Matthias Varga von Kibéd, Insa Sparrer: Ganz im Gegenteil. Tetralemmaarbeit und andere Grundformen systemischer Strukturaufstellungen. Für Querdenker und solche, die es werden wollen. Carl Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2005. 5., überarbeitete Auflage. ISBN 978-3-89670-488-7. Reihe: Systemaufstellungen. Mit Illustrationen von Matthias Varga von Kibéd. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/2920.php, Datum des Zugriffs 28.06.2022.


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