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Dagmar Kumbier, Constanze Bossemeyer: Zuversicht trotz Corona-Blues

Rezensiert von Prof. Dr. Annemarie Jost, 22.03.2022

Cover Dagmar Kumbier, Constanze Bossemeyer: Zuversicht trotz Corona-Blues ISBN 978-3-525-40859-9

Dagmar Kumbier, Constanze Bossemeyer: Zuversicht trotz Corona-Blues. Psychologisches Handwerkszeug für Pandemiegeschüttelte. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2021. 150 Seiten. ISBN 978-3-525-40859-9. D: 20,00 EUR, A: 21,00 EUR.
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Thema und Zielgruppe

Das Buch richtet sich sowohl an Therapeut*innen und Angehörige helfender Berufe als auch an psychologisch interessierte Laien. Mithilfe der Innere-Teile-Arbeit und unterstützt durch Fantasiereisen werden Pandemiebelastete ermutigt, eine konstruktive und zukunftsgewandte Haltung zu entwickeln, d.h. als Leitung ihres eigenen Inneren Teams die pandemische Langstrecke mit Selbstfürsorge und einer gewissen Leichtigkeit und Gelassenheit zu bewältigen. Es geht um eine private und therapeutische Bewältigung, nicht um politische Teilhabe, vorausgesetzt wird, dass der eigene politische Einfluss auf Pandemiemaßnahmen denkbar gering ist.

Autorinnen

Dagmar Kumbier, Geisteswissenschaftlerin, Psychologin und Psychotherapeutin, ist neben ihrer eigenen Praxis Leiterin des Instituts für integrative Teilearbeit in Hamburg und Lehrtrainerin am Schulz-von-Thun-Institut. Sie ist zudem als Lehrtrainerin und Supervisorin in Psychotherapieausbildungen tätig.

Constanze Bossemeyer ist als Psychologin und Betriebswirtin selbstständige Seminarleiterin, hat eine eigene Praxis für psychologische Beratung und Coaching und ist Lehrtrainerin am Schulz-von-Thun-Institut und am Institut für integrative Teilearbeit sowie Lehrbeauftragte an der Universität Hamburg.

Aufbau 

Das Buch gliedert sich neben einem Vorwort von Schulz von Thun, einer Einleitung und dem kurzen Literaturverzeichnis in 4 Kapitel und ein Schlusswort:

  • Auf einmal im Science-Fiction-Film – Was löst Corona in unserem Inneren Team aus?
  • Noch eine Welle, noch ein Lockdown – Was uns zermürbt
  • Aktiv werden – 6 Strategien für Selbstfürsorge
  • Unerträgliches in Erträgliches verwandeln – Was brauchen wir als Profis?
  • Die Zuversicht winkt am Ende des Tunnels – Schlusswort

Das Buch enthält zahlreiche Übungen und ist humorvoll illustriert.

Inhalt

Im Vorwort betont Schulz von Thun wie viele neue Polarisierungen entstehen, wenn Menschen unterschiedlicher Persönlichkeit ihre Abwehrformen entwickeln und wie dann zwischenmenschlich und innerseelisch Unversöhnliches aufeinanderprallt. Die Arbeit mit dem Inneren Team biete die Gelegenheit, die einzelnen (verstörten) Anteile in uns selbst wahrzunehmen und zu würdigen, um dann mit eigenen Anteilen und mit anderen Menschen versöhnlich, selbstgeklärt und authentisch umzugehen.

Im ersten Kapitel nehmen die Autorinnen die Leser*innen mit auf den Weg, das eigene Innere Team angesichts der Pandemiesituation zu erkunden. Einleitend wird betont, dass es dem System nur gut gehen kann, wenn alle seine Mitglieder sich gesehen, respektiert und gewürdigt fühlen. Allerdings lägen die Gründe für die Gefühle der Teammitglieder nicht nur in der Gegenwart, sondern auch in einer möglicherweise schmerzlichen biografischen Vergangenheit. In der „Aufbruchstimmung“ zu Beginn der Pandemie traten den Autorinnen zu Folge zunächst Teammitglieder wie „die Dankbare“, „die Ruhebedürftige“ (die sich über den Ausstieg aus dem Hamsterrad freute), „die Optimistin“, „die Mitfühlende“, „die Experimentierfreudige“ oder „die Netzwerkerin“ auf den Plan. Es gab jedoch auch „Ängstliche“, um Angehörige Besorgte und angesichts wirtschaftlicher Nöte „Verzweifelte“. Die erwachsene Erfahrung, Bescheid zu wissen und in Kontrolle zu sein, sei tief erschüttert worden, was unterschiedliche Bewältigungsmechanismen aktivierte: Aktivismus, Moralisierung oder Verleugnung ängstlicher Gefühle. Mit der Verleugnung werden insbesondere Maßnahmenkritiker*innen bis hin zu „Coronaleugnern“ assoziiert.

Im weiteren Verlauf erklären die Autorinnen die Situation von „Wächtern“, die sehr genau darauf achten, dass alle die Regeln einhalten und die selber möglicherweise gereizt und aggressiv reagieren. Auch „Autonomiewächter“ und „Rebellen“ werden analysiert. Ausführlich geht es dann um das Dilemma zwischen Nähesehnsucht und Ansteckungsangst.

Im zweiten Kapitel stellen die Autorinnen die 5 Säulen der Identität nach dem Gestalttherapeuten Hilarion Paetzold vor und leiten die Leser*innen an, diese Säulen bei sich selber im Hinblick auf Ressourcen und die Gefährdungen in der Pandemiesituation unter die Lupe zu nehmen:

  • Arbeit/​Leistung
  • Soziales Netz
  • Körper
  • Materielle Sicherheit
  • Werte/Sinn

Es folgt ein auf dem Riemann-Thomann-Modell basierender Selbsttest, der die eigene Position auf den Bedürfnis-Achsen: Nähe-Distanz und Dauer-Wechsel beleuchtet und die Zumutungen im Rahmen der Pandemie für die eigene Bedürfnisbefriedigung erläutert. Danach geht es um den Umgang mit Ohnmacht – auch vor dem Hintergrund möglicher traumatischer Erfahrungen in der Kindheit. In der Rückkehr zur Inneren Teamarbeit werden dann Konflikte zwischen Kontrolleurinnen/​Beschuldigern und Kontakt-/​Freiheitssucherinnen plausibilisiert. Auch die Gefahr des gesellschaftlichen Auseinanderdriftens durch Polarisierungen wird nachvollziehbar.

Es schließt sich ein „Ausflug“ in die Neurobiologie an, bei dem mit Bezug zu Porges 3 unterschiedliche Anteile des autonomen Nervensystems dargestellt werden, die als unbewusste Schutzreaktionen in einer wechselhaften und unvorhersehbaren Umwelt aktiviert werden können:

  • Der stammesgeschichtlich ältere Anteil des Parasympathikus: der dorsale Vagus, der bei existenzieller Gefahr zu ohnmächtigen, reglosen oder dissoziierten Reaktionen führen kann und insbesondere bei traumatisierten Menschen leicht triggerbar ist.
  • Der jüngere Parasympathicusast: der ventrale Vagus, der insbesondere dann aktiviert werde, wenn wir uns sozial unterstützt und sicher fühlen, sodass Vertrauen, Sicherheit und Liebe gedeihen können und Menschen sich in einer Gemeinschaft beruhigen können.
  • Der Sympathikus, der stammesgeschichtlich auf Angriff oder Flucht vorbereitet.

Gerade die Ressourcen, die in der sozialen Aktivierung des ventralen Vagus liegen, seien in der Pandemie aufgrund der Kontaktreduktion deutlich ausgebremst worden, sodass sich viele Menschen in Suchtverhalten oder übermäßige Nahrungsaufnahme flüchteten.

Um angesichts der Langstrecke Pandemie nicht zu verzweifeln, gelte es zunächst einmal, das Leiden schlicht anzuerkennen, ohne Beschönigung, Bagatellisierung, Dramatisierung oder Aktionismus. Hierauf aufbauend befasst sich das 3. Kapitel mit der Selbstfürsorge:

Hier finden sich zunächst Anleitungen zu Atem- und Augenübungen sowie verschiedene Traumreisen. Dann geht es darum, die Führung im eigenen Inneren Team zu erlangen, mit Überblick und Gelassenheit das Zepter zu übernehmen und zu realisieren, dass es zwar Angst-, Ohnmachts- und Wutgefühle gibt, diese jedoch nur einen Teil von mir darstellen. Insbesondere vorverletzte Anteile bräuchten zwar Fürsorge, jedoch gebe es ein heute erwachsenes Oberhaupt, das sich um sie kümmern könne. Wenn es gelinge, die Ressourcen im Inneren Team zu aktivieren und durch gezielte Übungen gute Erinnerungen und Erfahrungen ins Gedächtnis zu holen sowie achtsam die Aufmerksamkeit auf sinnliche Erlebnisse zu lenken, dann falle die Pandemiebewältigung leichter. Auch die Bedeutung der Herstellung von Nähe und das unterstützend solidarische Handeln im Alltag werden hervorgehoben.

Im abschließenden kurzen 4. Kapitel und im Schlusswort macht sich die Hoffnung breit, auch in Zukunft gelassener und zuversichtlicher mit Krisen umzugehen.

Diskussion

Das Buch ist gut geschrieben und liebevoll gestaltet. Die Autorinnen können auf eine umfangreiche Erfahrung in der Aus- und Fortbildung von Menschen in helfenden Berufen zurückgreifen. Die Arbeit mit dem Inneren Team führt mit Hilfe der im Buch angeregten Übungen zu einer liebevollen Selbstreflexion und unterstützt dabei, im Umgang mit der Krise gelassener zu werden. „Bunte Bilder, mit Liebe und Scharfsinn handgemalt, erleichtern das Verständnis dessen, was in unserer Seele geschieht.“ (S. 10). Allerdings liegt der Fokus ausschließlich auf der privaten und therapeutischen Bewältigung unter der Prämisse, dass andere die politischen Entscheidungen über die Maßnahmen treffen. Es geht darum, uns mit unseren unbewussten und kindlichen Anteilen zu versöhnen. Ein kritisches politisches Engagement von Menschen aus therapeutischen Berufen wird nicht in Erwägung gezogen, im Gegenteil: bei der Thematisierung von Protestbewegungen wird ein in vielen Medien übliches Framing verwendet, wie beispielsweise ein Zitat von S. 49 zeigt: „Der unterschiedliche Umgang mit der Pandemie ist oft nicht leicht zu bewältigen, nicht nur zwischen querdenkenden Coronaleugnern und Menschen, die an die Wissenschaft glauben…“. Auf S. 101 heißt es dann: „Aber Sie oder wir als einzelne, können wenig tun, wenn wir nicht gerade auf der Intensivstation oder im Impfzentrum arbeiten. (…) Es geht darum, das Schwierige schlicht als Teil unseres Lebens zu akzeptieren.“ Das Buch ist von dem Vertrauen getragen, dass die politisch einflussreichen Akteur*innen trotz einiger nicht ausbleibender Fehlentscheidungen insgesamt das Steuer – so gut es eben möglich ist – in der Hand halten und die Darstellung der Fakten zur Pandemie in dem definitionsmächtigen Teil von Wissenschaft und Medien vertrauenswürdig und nicht von wirtschaftlichen oder militärischen Interessen beeinflusst ist. Die Führungsperson im Inneren Team hat die Rolle der versöhnlichen Fürsorge für alle Teammitglieder und der Ressourcenaktivierung, sodass ein Team entsteht, dass an einem Strang zieht und mit Gelassenheit die schwierige Situation bewältigt. Ein Aufbrechen zu neuen Ufern besteht beispielsweise darin, kreativ Onlineformate für die eigene berufliche Arbeit zu entwickeln. Meine Auffassung von den Aufgaben der Führungsperson des Inneren Teams würde darüber hinausgehen und das in diesem Buch Dargestellte als Basis sehen, um sich gesellschaftlich als Fachkraft deutlicher einzumischen, damit die zu Grunde liegende Wertebasis nicht nur im Privatleben und in den Therapiesitzungen an Einfluss gewinnt. Welche Ausrichtung hat die eigene Reise und welches Engagement kann jenseits der im kurzen Abschnitt 3.6. „Nähe anders herstellen: Andere unterstützen und sich engagieren“ dargestellten Möglichkeiten in Betracht gezogen werden?

Fazit

Die Autorinnen schöpfen aus ihrem Erfahrungsschatz als Ausbilderinnen und bieten eine Anleitung für Menschen in helfenden Berufen, die (eigenen) inneren Anteile im Umgang mit der Pandemie zu verstehen, zu würdigen und zu integrieren. So geben sie Hilfestellungen, die Langstrecke Pandemie aktiv mit Selbstfürsorge und Gelassenheit zu meistern und verständnisvoller mit Polarisierungen umzugehen. Eine stärkere politische Einmischung von Therapeut*innen wird nicht in Betracht gezogen.

Rezension von
Prof. Dr. Annemarie Jost
Professorin für Sozialpsychiatrie an der Fakultät 4 der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus-Senftenberg
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Es gibt 137 Rezensionen von Annemarie Jost.

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Zitiervorschlag
Annemarie Jost. Rezension vom 22.03.2022 zu: Dagmar Kumbier, Constanze Bossemeyer: Zuversicht trotz Corona-Blues. Psychologisches Handwerkszeug für Pandemiegeschüttelte. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2021. ISBN 978-3-525-40859-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/29203.php, Datum des Zugriffs 30.09.2022.


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