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Thomas Haenel: Außergewöhnliche Facetten der Sexualität

Rezensiert von Prof. Dr. Uwe Sielert, 06.07.2022

Cover Thomas Haenel: Außergewöhnliche Facetten der Sexualität ISBN 978-3-7329-0786-1

Thomas Haenel: Außergewöhnliche Facetten der Sexualität. Psychologische, gesellschaftliche und kulturelle Phänomene. Frank & Timme (Berlin) 2021. 157 Seiten. ISBN 978-3-7329-0786-1. D: 24,80 EUR, A: 24,80 EUR, CH: 37,20 sFr.
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Autor

Professor Dr. Thomas Haenel ist Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie und praktiziert in Basel. Veröffentlichungen über Suizidhandlungen und Depressionen.

Entstehungshintergrund

Dem Autor geht es laut Einleitung nicht darum, den in den vergangenen Jahrzehnten zahlreich erschienenen Büchern zur Sexualität ein weiteres hinzuzufügen, sondern einige nur am Rande abgehandelte oder einseitig dargestellte Themen aufzugreifen. Die Auswahl sei rein subjektiv und erhebe keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Einige von ihm nach eigener Aussage willkürlich ausgewählte Facetten hätten direkt mit seinem Fachgebiet zu tun, andere einen breiteren kulturellen, gesellschaftlichen, politischen oder religiösen Schwerpunkt (vgl. S. 7 f).

Aufbau

Der Text ist in 21 kurze Kapitel mit jeweils einem spezifischen Thema eingeteilt, muss also auch nicht in vorgegebener Reihenfolge gelesen, sondern kann nach eigenem Interesse auswählend zur Kenntnis genommen werden. Es handelt sich um ein buntes Kaleidoskop von „außergewöhnlichen Facetten der Sexualität“, wie es im Untertitel heißt.

Inhalt

Es geht los mit der Abhandlung „Der Liebeswahn“ als einer Ursache für Stalkingverhalten. In „Antidepressiva und Sexualität“ bearbeitet Haenel die unsachgemäße Abwertung medikamentöser Antidepressiva und deren oft übertrieben dargestellte negative Wirkung auf die Sexualität der Patient*innen. Beim Artikel zur „Kleptomanie“ handelt es sich um eine amüsant-flockige Spurensuche nach sexuellen Anteilen bei einem leicht kriminellen Verhalten. Es handle sich wesentlich um eine Triebersatzhandlung mit oft sexuellem Bezug, bei der manche Frauen sogar mehr Erfüllung erleben würden als beim Geschlechtsverkehr. In „Berühren, Stillen und Sexualität“ geht es um die Bedeutung des Hautkontakts für eine gesunde Entwicklung allgemein wie auch eine gelingende Sexualität.

 Kontrastiert wird dieses Thema vom nachfolgenden Text über „Hautartefakte und gestörte Sexualität“ über den Zusammenhang von psychosozialer Deprivation und selbstzerstörerischer Manipulation am eigenen Körper, insbesondere der Haut. Der daran anschließende Text über „Suizid und Sexualität“ hat viele Facetten von (auch) sexueller Vereinsamung über Cyberbulling, Minoritätenstress und Zwangsehen bis zu autoerotischen Betriebsunfällen und dem Märtyrertod in Erwartung der 72 Jungfrauen im Paradis.

Dass es „Träume sexuellen Inhalts“ gibt, wissen wir seit Freud und Haenel illustriert das erneut mit Hilfe der eigenen Fallpraxis. Immer wieder stößt der Autor dabei auf Zusammenhänge zwischen einer extrem religiösen Erziehung und sexuell bedingten Persönlichkeitsstörungen, wie er im Kapitel über „eine Leidende aus meiner Praxis“ illustriert.

Kurios anmuten die beiden folgenden Facetten über „Koro – das Syndrom der genitalen Retraktion“ sowie das „Couvade-Syndrom – was ist das?“ Es soll hier nicht schon beantwortet werden, um die Spannung bis zur Buchlektüre zu steigern.

Aktueller sind im gegenwärtigen Diskurs die folgenden Phänomene: „Sexuelle Übergriffe von Therapeuten“ und „Weshalb homosexuell?“ sowie „Kirchen und Sexualität“ und „Häusliche Gewalt“. Wesentliche und im Wissenschaftsbetrieb allgemein geteilte Erkenntnisse werden kurz und knapp referiert – eine Zusammenfassung für alle, die sich schnell informieren möchten. Kritischer sollte der Text zur Prostitution gelesen werden, dessen Hauptbotschaft bezeichnenderweise mit der Überschrift „Moderne Sklaverei“ bedacht wird.

Weniger bekannt und vermutlich weniger umstritten sind die Aussagen der Abhandlung zur „Sexualität zur Zeit des Nationalsozialismus (NS)“, die neben der zu erwartenden Instrumentalisierung des Sexuellen für die Ziele der Rassenideologie und ihren Einsatz im Krieg und Völkermord auch die Beteiligung von Frauen als Täterinnen hervorhebt. Erschreckend aktuell ist die folgende und thematisch dazu passende Dokumentation zu „Massenvergewaltigungen unter Kriegsbedingungen“. Im anschließenden Text wird die toxische Männlichkeit auf eher unterhaltende bis tragisch-komische Weise zum Thema „Das Auto – nicht nur ein Fortbewegungsmittel!“ weitergeführt. Die Abhandlung über „Die Beschneidung – nur etwas Altbekanntes?“ konzentriert das angedeutet Neue zur Praxis der männlicher Vorhautentfernung auf die historisch-religiöse Bedeutung dieses Rituals für das Judentum.

Mit den beiden letzten Themen „Rapunzel – psychologisch betrachtet“ und „Stefan Zweig und die Sexualität in der „Welt von gestern“ endet das bunte Kaleidoskop sexueller Facetten mit einem Ausflug in die sexuelle Symbolik grimmscher Märchen und das vielschichtige Thema des Sexuellen in der Welt eines Schriftstellers und seiner literarischen Werke samt nachträglich spekulierender Interpretationen über dessen persönliche sexuelle Identität.

Diskussion

Das insgesamt unterhaltsam geschriebene, stellenweise amüsant oft auch erschreckend anmutende Werk hält, was es verspricht: Eine subjektiv ausgewählte Themensammlung teils schon bekannter und gut zusammengefasster Sachverhalte, mancher Neuakzentuierungen und einiger Überraschungen. Auf kaum bessere Weise kann die Wirkmacht des Sexuellen in ihrer Breite, Bedeutung und gelegentlichen Tragik dokumentiert werden.

Manches wird nur angetippt, weckt Neugier, geht dann aber in Analogie zum coitus interruptus auch vorschnell zu Ende. Gleich im ersten Kapitel wurde bei mir zumindest Interesse am Phänomen des Liebeswahns geweckt, mit zwei Fallgeschichten und ein paar Ratschlägen für Stalkingopfer dann aber vorzeitig abgekühlt.

Wie zu erwarten, sind jene Themen, die im Zentrum der Profession des Autors liegen, so z.B. im Artikel über „Antidepressiva und Sexualität“ mit medizinischen Detailinformationen angereichert, während die benannten Hauptbotschaften aufgrund der Kürze dann nur angedeutet werden. Das Thema „Beschneidung“ ist sicher vielschichtiger als der Autor es präsentiert. Hier hätten noch mehr Expert*innen befragt werden sollen als vornehmlich ein Rabbiner, den Haenel offenbar zu Rate gezogen hat. Bei einem so interdisziplinären Themenbereich braucht es mehrere Perspektiven von Fachkräften, und der Autor hat in den Danksagungen auch einige hervorgehoben.

Viele Aussagen und Einschätzungen stammen aber auch aus journalistischen Dokumentationen und von Sachbuchautor*innen mit eindeutigen Botschaften. Am Deutlichsten wird das am Beispiel des Textes zur Prostitution, in dem Haenel vor allem die Position des ‚nordischen Modells‘ stärkt, ohne das allerdings klar auszusprechen.

Fazit

Die angesprochenen Kritikpunkte waren angesichts der Konzeption des Taschenbuchs kaum zu vermeiden und schmälern auch nicht den Informationswert und das Lesevergnügen. Jede*r Rezipient*in wird – je nach Vorwissen und Interesse etwas Interessantes darin finden und kann anhand des Literaturverzeichnisses genauer ins Thema eintauchen. In jedem Fall handelt es sich um eine facettenreiche und lesenswerte Lektüre.

Rezension von
Prof. Dr. Uwe Sielert
Universitätsprofessor (a.D.) für Pädagogik, Schwerpunkte Sozial- und Sexualpädagogik an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel. Zurzeit Dozent an der Medical School Hamburg und Mitarbeit im Modellvorhaben der PKV und des WIR Bochum zur Implementation einer positiven Sexualkultur zur Förderung sexueller Gesundheit in Einrichtungen des Erziehungs-, Bildungs- und Gesundheitswesens.
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Es gibt 8 Rezensionen von Uwe Sielert.

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Zitiervorschlag
Uwe Sielert. Rezension vom 06.07.2022 zu: Thomas Haenel: Außergewöhnliche Facetten der Sexualität. Psychologische, gesellschaftliche und kulturelle Phänomene. Frank & Timme (Berlin) 2021. ISBN 978-3-7329-0786-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/29211.php, Datum des Zugriffs 11.08.2022.


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