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Peter Cloos, Barbara Lochner u.a. (Hrsg.): Soziale Arbeit als Projekt

Rezensiert von Tizia Rosendorfer, 16.05.2022

Cover Peter Cloos, Barbara Lochner u.a. (Hrsg.): Soziale Arbeit als Projekt ISBN 978-3-658-27605-8

Peter Cloos, Barbara Lochner, Holger Schoneville (Hrsg.): Soziale Arbeit als Projekt. Konturierungen von Disziplin und Profession. Springer VS (Wiesbaden) 2020. 388 Seiten. ISBN 978-3-658-27605-8. D: 29,99 EUR, A: 30,83 EUR, CH: 33,50 sFr.
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Thema und Entstehungshintergrund

Der vorliegende Sammelband entstand anlässlich und zu Ehren des Sozialpädagogen Werner Thole. Zu Ehren, weil Thole im Jahr der Veröffentlichung das 65 Lebensjahr erreichte. Anlässlich, weil damit ein von Thole maßgeblich angestoßenes innerdisziplinäres Projekt weitergeführt wurde: die Vermessung und Durchquerung der Sozialen Arbeit als wissenschaftliche Disziplin und Profession – oder anders: die Soziale Arbeit als Projekt, das ausgeführt wird und dabei immer selber zur Debatte steht. Was als unmöglich oder sogar sinnlos erscheinen mag, wird als Chance oder Notwendigkeit gedeutet. Die Soziale Arbeit wandelt sich stetig, Widersprüche tun sich auf, Bedeutungen ändern sich. Aber genau in der Nachzeichnung dessen liegt das Interesse des Sammelbandes. Dabei ist der Anspruch nicht zuletzt „in Reflexion der gesellschaftlichen Verhältnisse und der sozialpädagogischen Aufträge das Verständnis des ,Sozialen' durch Soziale Arbeit in einem emanzipatorischen Sinne zu prägen und mitzubestimmen.“ (S. 3)

Metaphorisch wird in der Einleitung das Bild eines Gebäudes entworfen, dessen Grundriss abgezeichnet werden soll. Nicht nur sollen Grenzen nachgezeichnet, sondern auch notwendige von dekorativen Elementen unterschieden werden. Dieser Sammelband versteht sich also auch als normativen Beitrag dazu, was zur Sozialen Arbeit gehören soll und was nicht. Dies allerdings nicht in einem expliziten Sinne. Vielmehr soll danach gefragt werden, wo eine Positionierung erforderlich ist und wo Widersprüchlichkeiten nur scheinbar bestehen.

Herausgeber:innen

Der Sammelband wurde von Peter Cloos, Barbara Lochner und Holger Schoneville herausgegeben. Peter Cloos ist Professor für Pädagogik der frühen Kindheit an der Universität Hildesheim und Sprecher des Kompetenzzentrums Frühe Kindheit Niedersachsen. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören unter anderem professionelles Handeln innerhalb der frühen Kindheitspädagogik. Barbara Lochner ist Professorin für Sozialmanagement und Sozialwirtschaft der Hochschule Fulda, an der sie über Kinder- und Jugendhilfe, sowie pädagogisches Management und deren Gütekriterien forscht. Holger Schoneville lehrt an der TU Dortmund und forscht zu Themen der Prekaritätsforschung, beispielswiese der sozialen Ausgrenzung oder der Transformation des Wohlfahrtsstaatlichen Arrangements.

Inhalt

Der Sammelband unterteilt sich anhand fünf Grundpfeiler, die die verschiedenen Dimensionen der eingangs beschriebenen Thematik strukturieren. Anders gesagt, fallen im Konzept der Sozialen Arbeit als Projekt unterschiedliche Diskussionsfelder an. Diese sind:

1. „(Gesellschafts-)politische Verortungen“

Unter diesem Abschnitt finden sich Beiträge, die die Position der Sozialen Arbeit in Politik und Gesellschaft reflektieren und diskutieren. Hier wird beispielsweise das Spannungsfeld, in dem sich die Soziale Arbeit befindet, Teil eines politischen und gesellschaftlichen Apparats zu sein, gleichzeitig diesem gegenüber kritisch zu sein, untersucht (Braches-Chyrek/Sünker; Papaioannou). Es finden sich aber auch Beiträge zur emanzipatorischen Bildung (Wagner), Professionalisierungsdebatten (Böllert; Kappeler) und Auseinandersetzungen mit Sozialpolitik (Müller).

2. „Theoretische Begründungen“

Dieser Schwerpunkt befasst sich mit der theoretischen Notwendigkeit der Sozialen Arbeit und, analog dazu, den möglichen Rechtfertigungen sozialpädagogischer Intervention. Zusätzlich wird untersucht, inwiefern es überhaupt möglich ist, derartiges zu begründen. In den Beiträgen dieses Kapitels geht es teils um wissenshistorische Überlegungen zur Sozialen Arbeit (Kessl), teils um ethische Reflexionen im Spannungsfeld von Autonomie und Anerkennung (Flickinger/​Schoneville), aber auch um (konzeptuelle) Probleme beim Umgang mit marginalisierten Gruppen (Höblich/​Glaser).

3. „Disziplinäre Vergewisserungen“

In diesem Kapitel werden Beiträge zur akademischen und professionellen Praxis versammelt. Dabei geht es sowohl um Reflexionen zur sekundären Ausbildung in der Sozialen Arbeit (Herrmann) als auch um die Einordnung von pädagogischer Forschung (Rauschenbach; Cloos; Bock et. Al., Schulze et Al.) und Wissenstransfer zum Fachpersonal (Sehmer et al; Göbel et al.).

4. „Professionstheoretische Reflexionen“

Bei diesem Schwerpunkt geht es um die Widersprüche der Profession Soziale Arbeit und um deren Positionierung in der Gesellschaft, sowie ihre Handlungs- und Einflussfelder. Genauer werden beispielsweise sozialstaatliche und ungleichheitsreflektierte pädagogische Praxis (Otto et al.; Hunold), an Schulen (Sauerwein et al.; Heinzel; Rethowski et al.) oder um Personalreflektionen (Bastian et al.) behandelt.

5. „Handlungs- und Adressat:innenbezogene Perspektiven“

Schlussendlich ist dieser Schwerpunkt der Adressat:innen-Perspektive in den verschiedenen Feldern der Sozialen Arbeit gewidmet – (hier besonders der Kinder- und Jugendhilfe). Genauer finden sich Überlegungen zur Adressat:innen Perspektive von Jugendlichen (Krüger; Thalheim et al.; Stuckert et al.; Pothmann) sowie zum Status der Kinder- und Jugendhilfe innerhalb der Sozialen Arbeit (Lochner et al; Voigts).

Diskussion

Gegeben, dass sich der Sammelband als Beitrag und Weiterführung des Projekts Soziale Arbeit versteht, ist der Vorwurf der Unvollständigkeit verfehlt. Auf einen zweiten Blick stellt sich aber ein anderer Zweifel ein: die Vielfalt der Beiträge wirkt ein wenig vorgeschoben. Das tritt vor allem in den ersten beiden Schwerpunkten (Gesellschafts-)politische Verortungen und Theoretische Begründungen hervor. Es scheint, als würden sich Texte in diesen Kapiteln – besonders bezüglich des Verhältnisses von Sozialer Arbeit und (sozialer) Politik – doppeln. Die emanzipatorisch-kritische Seite der Sozialen Arbeit wirkt insofern überrepräsentiert. Darüber hinaus lässt der generelle Aufbau nach Tholes Schwerpunkten deren Validität hinterfragen. So könnte man beispielsweise kritisch anmerken, dass die Kapitel „(Gesellschafts-)politische Verortungen“ und „Theoretische Begründungen“ mehr oder weniger dieselbe Thematik abdecken. Ein einfaches Argument dafür wäre, dass die Soziale Arbeit immer schon politisch ist und die scheinbare Trennung zwischen theoretischen Überlegungen innerhalb der Sozialen Arbeit und ihrer sozio-politischen Situierung falsch oder sogar fatal wäre. Gleichzeitig nehmen beide Bereiche eine basale Stellung ein, von denen sich die nachfolgenden Kapitel „Disziplinäre Vergewisserungen, Professionstheoretische Reflexionen und Handlungs- und Adressat:innenbezogene Perspektiven“abzuleiten. Der oben beschriebene gedankliche Grundriss der Sozialen Arbeit wirft also Fragen auf, die weitere Debatten nach sich ziehen. Damit ist aber zumindest die ausgesprochene Hoffnung der Herausgeber:innen, derartige würden angestoßen, erfüllt.

Fazit

Beim vorliegenden Sammelband handelt es sich um einen anspruchsvolle, aber dennoch zugänglichen Beitrag zur innerdisziplinären Reflexion. Wenn auch die Autor:innen und Texte in verschiedene Richtungen weisen, signalisiert (oder auch exemplifiziert) die gemeinsame Publikation eine lobenswerte Bereitschaft zum Austausch und zur Zusammenarbeit. Das Buch ist für jeden Kenntnisstand empfehlenswert und kann sowohl in Ausschnitten, als auch als Ganzes gelesen werden.

Rezension von
Tizia Rosendorfer
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Es gibt 1 Rezension von Tizia Rosendorfer.

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Zitiervorschlag
Tizia Rosendorfer. Rezension vom 16.05.2022 zu: Peter Cloos, Barbara Lochner, Holger Schoneville (Hrsg.): Soziale Arbeit als Projekt. Konturierungen von Disziplin und Profession. Springer VS (Wiesbaden) 2020. ISBN 978-3-658-27605-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/29213.php, Datum des Zugriffs 01.07.2022.


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