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Cornelia Coenen-Marx, Beate Hofmann: Die Neuentdeckung der Gemeinschaft

Rezensiert von Dr. Dieter Korczak, 20.04.2022

Cover Cornelia Coenen-Marx, Beate Hofmann: Die Neuentdeckung der Gemeinschaft ISBN 978-3-525-62450-0

Cornelia Coenen-Marx, Beate Hofmann: Die Neuentdeckung der Gemeinschaft. Chancen und Herausforderungen für Kirche, Quartier und Pflege. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2021. 198 Seiten. ISBN 978-3-525-62450-0. D: 25,00 EUR, A: 26,00 EUR.
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Thema

Cornelia Coenen-Marx erörtert in diesem Band die Geschichte und die Funktion von Sorgenetzen (Caring Communities), ausgehend von den 'Sorgenden Gemeinschaften' der Diakonieschwestern im 19. Jahrhundert. Sie stellt sich die Frage, was Diakonie und Kirche mit Gemeinschaft zu tun haben. Und weiterhin: welche Rolle und Zukunft die diakonischen Gemeinschaften als eine besondere Form der gemeinsam gestalteten Spiritualität und sozialen Verantwortung haben. Ihr Hauptthema ist daher weniger die Neuentdeckung der Gemeinschaft als Grund- und Strukturbegriff der Soziologie, sondern eher kirchlich praxisbezogen auf die Themen Pflegeleistungen und Quartiersgestaltung.

Autorin

Cornelia Coenen-Marx, Pastorin, mehrere Funktionen in der rheinischen Diakonie, Vorsteherin der Kaiserswerther Schwesternschaft (1998-2004) und Oberkirchenrätin a.D., war bis 2016 Leiterin des Referats Sozial- und Gesellschaftspolitik im Kirchenamt der EKD.

Entstehungshintergrund

Wie viele Publikationen der letzten beiden Jahre ist auch dieser Band von der Ausbreitung des Corona-Virus angestoßen worden. „Im Coronajahr 2020 haben wir die Bedeutung von Gemeinschaft ganz neu entdeckt.“ (11) Insbesondere gegen die Einsamkeit und das 'Disembedding' (Entbettung, Entwurzelung) der Menschen schreibt Coenen-Marx an. Das Alleinsein ist kein Randphänomen, im Gegenteil, es ist ein gesellschaftliches Problem, denn 38 Prozent der über 70jährigen in Deutschland leben allein.

Aufbau

Der rund 200 Seiten starke Band ist in fünf Kapitel untergliedert. In dem ersten kurzen Kapitel (11-20) mit der Überschrift „Herz oder Ellenbogen“ wird die Leserschaft auf die Thematik eingestimmt. Das zweite Kapitel (21-74) ist als „Gemeinschaft in der Single-Gesellschaft“ getitelt. Im dritten Kapitel (75-116) geht es um Pflege-Dienst-Gemeinschaften als neue Sorge-Kultur und der Rolle sorgender Gemeinschaften in modernen Sozialunternehmen. Was die Kirche zur Gemeinschaft beitragen kann, wird im vierten Kapitel behandelt (117-159). Der Band schließt mit einem Kapitel (161-183), in dem Beispiele der christlichen Gemeinschaft geschildert werden.

In die einzelnen Kapitel eingestreut sind Auszüge aus sieben Interviews der Autorin mit evangelischen VertreterInnen für Familienarbeit, Diakonie, Ethik und Erwachsenenbildung.

Inhalt

Die Autorin liefert zahlreiche Belege für die Vereinsamung und das Disembedding der Menschen. „Single zu sein, ist inzwischen eine Lebensform genauso, wie alleinerziehend zu sein.“ (13) Sie beschreibt die Sehnsucht nach wechselseitiger Fürsorge und Entlastung, den Kampf um gemeinsame Zeit, das Bedürfnis nach ritualisierten Familienzusammenkünften, die Differenzierung der Lebenswelten, das Zerbrechen überkommener sozialer Bezüge und die erheblichen sozialen Herausforderungen. Sie spricht auch das Care-Defizit und das Schwinden privater und informeller Wohlfahrtsökonomie an. Immer mehr Menschen stünden vor der Notwendigkeit, Berufs- und Sorgetätigkeiten vereinbaren zu müssen.„Sorgende Gemeinschaften sind deshalb zu einem Topthema der Sozialpolitik“(16), Caring Communities zum internationalen Leitbegriff geworden. Bereits vor 35 Jahren hat der Sozialpsychologe Klaus Dörner seine Hoffnung ausgedrückt, dass Kirchengemeinden die sorgende gemeinschaftliche Funktion als sogenannter dritter Sozialraum einnehmen könnten.

Halt- und Heimatlosigkeit sowie Überforderung in der Gesellschaft und der Pflegenotstand sind für die Autorin weitere Faktoren, die den Bedarf an 'Sorgenden Gemeinschaften' erhöhen. Deshalb kommen für sie Diakonissen wieder ins Spiel, die Modelle einer Gemeindeschwester neuer Form entwickelt haben. Dazu gehört auch die Weiterentwicklung von der Für-Kultur zu einer Mit-Kultur, die auf Mündigkeit der Patienten und ihrer Angehörigen setzt. Es werden viele konkrete Beispiele für die Versorgung in der Corona-Pandemie, auch im Palliativ-Bereich, durch die Diakonie angeführt.

Das Ringen um eine neue Orientierung in einer veränderten Welt mit veränderten Anforderungen und die Reaktion der Diakonien darauf wird anschaulich im dritten Kapitel ausgebreitet. „Seit aus dem diakonischen Dienst eine Dienstleistung geworden ist, leuchtet vielen der Zusammenhang von Beruf, Berufung und Bekenntnis nicht mehr ein.“(99) Ziel der neuen diakonischen Sorgekultur sei ein Miteinander verschiedenster Erfahrungen und Perspektiven, nicht nur zur Verbesserung der Arbeitssituation sondern auch zur Erhöhung der Glaubwürdigkeit. Dieses Miteinander der Verschiedenen sei der innere Weg, den diakonische Gemeinschaften wie Kirchengemeinden zukünftig zu gehen haben.

Im vierten Kapitel befasst sich die Autorin mit der Neu-Nutzung und Um-Nutzung von Kirchen. Sie berichtet davon, dass alte diakonische Einrichtungen für viele heilige Orte seien, da sie Gemeinschaftserfahrungen symbolisieren, Kraftquellen sind, spirituelle Erfahrungen ermöglichen. Der Raum spielt eine wesentliche Rolle für spirituelle Erfahrungen. Ein spiritueller Raum entsteht immer als Zwischenraum zwischen Menschen. Wie wäre es, wenn die Kirchen die Schwachen in der Gesellschaft als spirituelles Zentrum der Gemeinden wahrnehmen würden, fragt sie mit Reimer Gronemeyer. Es sollte auch die Vernetzung mit außerkirchlichen Trägern im Gemeinwesen gesucht werden. Des Weiteren nennt sie die Inklusion von Menschen mit Behinderung als Schlüssel zu einem neuen Miteinander von Kirche und Diakonie.

Diskussion

Der Band von Coenen-Marx glänzt mit einer Fülle von einzelnen Beispielen für ihre These des neuen partizipativen Miteinanders und als Beleg für die Notwendigkeit und Wirksamkeit von 'Sorgenden Gemeinschaften'. Für sie ist die Verknüpfung von professioneller Pflege im Gemeinwesen mit 'Sorgenden Gemeinschaften' in der Gemeinde kein Traum. Ihre enge biografische Einbindung in die Entwicklung und Arbeit der Kaiserswerther Schwestern hat ihren Blick für die Entwicklung der Diakonie geschärft und war sicherlich hilfreich beim Finden und Auswählen der konkreten anschaulichen Beispiele. Sie hat mit diesem Band ein Plädoyer gegen den Bedeutungsverlust von Schwestergemeinschaften geschrieben und hat keinen Zweifel daran, dass „auch wenn die Kirchen längst nicht mehr den Einfluss der Neuzeit haben, können sie doch auch heute mit ihren Ressourcen an Räumen, Steuern, Stiftungen, Hauptamtlichen dazu beitragen, dass der Zusammenhalt in unserer pluralistischen Gesellschaft gestärkt wird. Sie können Quartiersarbeit und Sorgende Gemeinschaften fördern,…“(182) Für interessierte SozialarbeiterInnen, Gemeindeschwestern, Diakone und Diakonissinnen, PfarrerInnen sowie QuartiersarbeiterInnen ist dieser Band mit Sicherheit spannend. Etwas irreführend und enttäuschend ist er hinsichtlich der durch den Titel „Die Neuentdeckung der Gemeinschaft“ geweckten Erwartungen. Es wird kein neuer Blick auf den von Fichte und Schleiermacher geprägten Gegensatz von Gemeinschaft zu Gesellschaft oder den von Tönnies angestoßene Grund- und Strukturbegriff der Gemeinschaft geworfen. Ältere Literatur ist von ihr nahezu nicht herangezogen worden, ihre Literatur stammt überwiegend aus den letzten fünf Jahren. Auch eine Diskussion aktueller kommunitärer Wohn- und Lebensformen vermisst man. Gemeinschaft wird von Coenen-Marx sehr selektiv neu entdeckt. Ein sorgsamer Blick auf den Untertitel „Chancen und Herausforderungen für Kirche, Quartier und Pflege“ kann jedoch vor falschen Erwartungen an diese Veröffentlichung schützen. Es geht in der Tat voll und ganz um Kirche, Pflege und Quartiersarbeit vor dem Hintergrund einer sich 'entbettenden' und vereinsamenden Gesellschaft.

Fazit

Die Pastorin und ehemalige Vorsteherin der Kaiserswerther Schwesternschaft hat einen sehr kundigen Band über die Entwicklung der Gemeinwesen- und Gemeindeschwesternarbeit geschrieben. Sie hat sich intensiv mit den Begriffen der 'Caring Communities' und 'Sorgenden Gemeinschaften' auseinandergesetzt und deren Arbeit an zahlreichen Beispielen verdeutlicht. Sie plädiert für ein neues Miteinander, mehr Gemeinschaftlichkeit in der Kirchenarbeit, in der Pflege, in der Quartiersarbeit. Wer sich für dieses Arbeitsgebiet interessiert, findet in dem Band viele Anregungen, nachdenkenswerte Überlegungen und Vorschläge für moderne Gemeindearbeit.

Literaturangaben

Klaus Dörner: Leben und sterben, wo ich hingehöre. Dritter Sozialraum und neues Hilfesystem, Neumünster 2012

Reimer Gronemeyer: Der Niedergang der Kirchen. Eine Sternstunde? München 2020

Rezension von
Dr. Dieter Korczak
Soziologe, Publizist, Dozent, Leiter der GP-Forschungsgruppe
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Es gibt 8 Rezensionen von Dieter Korczak.

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Zitiervorschlag
Dieter Korczak. Rezension vom 20.04.2022 zu: Cornelia Coenen-Marx, Beate Hofmann: Die Neuentdeckung der Gemeinschaft. Chancen und Herausforderungen für Kirche, Quartier und Pflege. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2021. ISBN 978-3-525-62450-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/29216.php, Datum des Zugriffs 19.08.2022.


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