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Teresa Nentwig: Im Fahrwasser der Emanzipation?

Rezensiert von Prof. Dr. Heinz-Jürgen Voß, 04.05.2022

Cover Teresa Nentwig: Im Fahrwasser der Emanzipation? ISBN 978-3-525-36763-6

Teresa Nentwig: Im Fahrwasser der Emanzipation? Die Wege und Irrwege des Helmut Kentler. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2021. 744 Seiten. ISBN 978-3-525-36763-6. D: 75,00 EUR, A: 78,00 EUR.
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Thema

Teresa Nentwig untersucht im Band „Im Fahrwasser der Emanzipation?“ das Leben und Wirken des Pädagogen Helmut Kentler, der insofern als Missbrauchstäter betrachtet werden muss, als er in Zusammenarbeit mit der Berliner Senatsverwaltung Jugendliche pädosexuellen Straftätern zugeführt hat. Zudem hat Kentler sexuelle Handlungen zwischen Erwachsenen und Kindern unkritisch gesehen und propagiert. Teresa Nentwig war als wissenschaftliche Mitarbeiterin in die verschiedenen Forschungen des Göttinger Institut für Demokratieforschung zur Aufarbeitung sexualisierter Gewalt involviert und hat in diesem Kontext die umfassende biografische Forschung zu Helmut Kentler betrieben.

Autorin

Teresa Nentwig ist promovierte Politikwissenschaftlerin. Von 2008 bis 2020 war sie wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Demokratieforschung der Universität Göttingen. Seit Ende 2020 ist sie wissenschaftliche Referentin beim Landesamt für Verfassungsschutz Baden-Württemberg.

In einer persönlichen Schlussbemerkung des Buches (S. 739–744) stellt Nentwig die Schwierigkeiten heraus, mit einer solch qualitativ biografisch und kritisch zu Helmut Kentler ausgerichteten Arbeit an einer deutschen Universität zu habilitieren. Versuche an den Universitäten Göttingen, Hannover und Bonn scheiterten – und zögerten das Publikationsprojekt heraus. Sie entschied sich für die jetzige Publikation – ohne Habilitationsverfahren –, um die aktuellen gesellschaftlichen Debatten mit fundierten inhaltlichen Analysen unterstützen zu können.

Aufbau

Neben einer Einleitung und einem Schlusskapitel besteht das vorliegende Buch aus 14 Kapiteln, die sich unterschiedlichen biografischen Stationen Helmut Kentlers widmen – begonnen bei Kindheit, Elternhaus und Studium bis hin zu seinem pädagogischen Wirken in verschiedenen beruflichen Kontexten – zuletzt mit einer Professur an der Universität Hannover.

Ein umfassendes, sehr feinteilig gegliedertes Quellenverzeichnis schließt das Buch ab.

Inhalt

Die Einleitung stellt die Perspektive vor, die Teresa Nentwig für den Band wählt: Sie sieht Helmut Kentler als einen wichtigen emanzipatorischen Akteur, wobei „inzwischen […] ein Schatten auf Kentlers Wirken“ liege (S. 14). Mit ihrer Arbeit wolle sie dazu beitragen, Substanz in die Debatte zu bringen. Entsprechend hat sie sich ausführlich mit dem Leben und Wirken Kentlers befasst, umfassend archivalische Quellen gesichtet und Interviews mit noch lebenden Zeitgenossen Kentlers geführt. Auch dieses methodische Herangehen wird in der Einleitung erläutert.

Die folgenden Kapitel 1 bis 6 sind knapp gestaltet. Sie stellen die Kindheit und Jugend, die Ausbildung und erste berufliche Schritte Helmut Kentlers insbesondere auf Basis seiner eigenen Aussagen vor und präsentieren ihn so als den zentralen Vorkämpfer „emanzipatorischer Sexualpädagogik“. Kentler sei nicht nur in die Entwicklungen emanzipatorischer Sexualpädagogik involviert gewesen, sondern ihr zentraler Ausgangspunkt. So habe sich die Schüler*innenbewegung – konkret das „Aktionszentrum Unabhängiger und Sozialistischer Schüler (AUSS)“ – bei ihm versichert, dass sie seine Thesen zur Sexualpädagogik „zur freien Nutzung haben könnten“ (Kentler, nach Nentwig: S. 121). Darauf aufbauend sei im Jahr 1968 der Beschluss der Kultusministerkonferenz zur Sexualpädagogik auf den Weg gekommen (S. 121).

Die weiteren Kapitel sind nuanciert und quellenreich bearbeitet: In Kapitel 7 werden Kentlers Bezüge zu Fragen der Pädosexualität diskutiert. Kapitel 8, 10, 11 und 12 stellen ihn als medial und in den wissenschaftlichen Disziplinen gefragten Experten vor, mit umfassenden theoretischen und praktischen Auswirkungen. Gerade durch kritische Ausführungen zu Kapitalismus, Staat und Polizeigewalt habe er dabei auch in jungen emanzipatorischen Kontexten Gehör gefunden. Nach seiner Dissertation, die eigentlich nicht den wissenschaftlichen Anforderungen der Zeit an eine Dissertation entsprochen habe (siehe Kapitel 10), wurde er in Hannover Professor und hatte weitere Möglichkeiten, mit seinen Perspektiven zu wirken (Kapitel 11). Während Kapitel 9 ein Zwischenkapitel – im Sinne eines Exkurses – zu Homosexualität ist, ist Kapitel 13 das zentrale Kapitel der Arbeit. Nach den vorangegangenen Ausführungen wird Kentler hier erneut im Hinblick auf sein Engagement zur Propagierung von Sex von Kindern und Jugendlichen mit Erwachsenen geprüft. Seine Positionen und sein Einfluss als Gutachter werden hier in den Brennpunkt gerückt. Kapitel 14 und 15 setzen sich mit dem weiteren Wirken Helmut Kentlers und der beginnenden kritischen gesellschaftlichen Auseinandersetzung mit ihm auseinander. Kapitel 16 formuliert das Fazit.

Besonders erschütternd im Durchgang der Arbeit sind die Darstellungen der Sichtweisen der Betroffenen der sexuellen Übergriffe. Mit einem der Missbrauchstäter – in der Arbeit abgekürzt als „H.“ –, an den Kentler in Zusammenarbeit mit der Berliner Senatsverwaltung Jugendliche vermittelt hatte, telefonierte Kentler oft (S. 174). „H. […] missbrauchte Marco [Pseudonym] zehn Jahre lang sexuell, in den ersten Jahren ungefähr wöchentlich, machte davon teilweise Videoaufnahmen“ (S. 172) – und erpresste den betroffenen Jugendlichen, damit dieser die sexualisierte Gewalt über sich ergehen ließ. „Neben den sexuellen Misshandlungen standen ‚Befehlstöne‘, Schläge (auch mit Kleiderbügeln) und Diffamierungen, die ein negatives Selbstbild hervorrufen sollten, auf der Tagesordnung“ (S. 173).

Diskussion

Teresa Nentwig gelingt es, insbesondere ab Kapitel 7, sich differenziert mit Helmut Kentler auseinanderzusetzen. Hier stützt sie sich auf vielfältige Quellen und zieht in größerem Maß Sekundärliteratur heran, die – freundlich oder kritisch – auf Helmut Kentler sieht. Damit leistet Nentwig einen hervorragenden Beitrag, um Kentler heute kritisch einordnen zu können. Er propagierte sexualisierte Gewalt gegenüber Jugendlichen, er ordnete diese sogar als „schwachsinnig“ ein, – so formulierte er: „Diese Leute [solche, wie der oben genannte H., Anm. HV] haben diese schwachsinnigen Jungen nur deswegen ausgehalten, weil sie eben in sie verliebt, verknallt und vernarrt waren.“ (Kentler, nach: Göttinger Institut für Demokratieforschung 2016: 7 f.). Die Menschenverachtung, die aus solchen Zeilen spricht, macht heute sprachlos…

Aber auch zeitgenössisch gab es kritische Aushandlungen, die um den richtigen Weg der Sexualerziehung rangen. Sie kommen in den Betrachtungen Nentwigs zu kurz. Nentwig betrachtet an verschiedenen Stellen Positionen aus rechtsextremen und rechtspopulistischen Kontexten, vernachlässigt aber die vielfältigen Positionen, die rings um den Beschluss der Kultusministerkonferenz zur Sexualpädagogik im Jahr 1968 vorhanden waren. In zahlreichen der – durchaus emanzipatorischen – Beiträge wurde das Thema sexualisierte Gewalt gegen Kinder und Jugendliche thematisiert. Das gilt etwa für „Das kleine rote Schülerbuch“ (Hansen & Jensen 1971 [1969]); es orientiert auf sexuelle Offenheit, rät den Schüler*innen aber explizit, sofern „Kinderfreunde“ Kontakt aufnehmen, Erwachsene um Unterstützung zu bitten.

Das verweist auf die zentrale Kritik an Nentwigs insgesamt hervorragender Arbeit: Gerade zu Beginn (bis Kapitel 6) verlässt sich Nentwig zu oft auf die Aussagen Helmut Kentlers selbst. So bezieht sie sich für die Reflexionen rings um den Beschluss der Kultusministerkonferenz zur Sexualpädagogik (1968) nahezu ausschließlich auf die Selbstaussagen Helmut Kentlers. Die Schüler*innenbewegung habe bei ihm gar um „Absolution“ für ihr Tun ersucht. Das Gegenteil erweist sich als wahr, wenn man auch für diesen zeitlichen Kontext differenziert auf die Quellen sieht. Dabei wird die Bedeutung der Schülerinnenzeitung „Bienenkorb-Gazette“ deutlich, noch bevor Kentlers entsprechende Schriften erschienen. Und hier sind zwei Schülerinnen wichtig: Christa Appel und Zlila Drory, die Nentwig nirgends benennt. Männer setzen sich gern selbst in Pose, so wie es Helmut Kentler für seine Bedeutung hinsichtlich der Sexualpädagogik tut, und Männer erfahren auch heute noch mehr publizistische Reichweite. Das sollte sich ändern, indem auch in historischen Forschungen gerade Frauen (oder Menschen anderer, nichtmännlicher Geschlechter) in den Blick genommen werden.

Fazit

„Im Fahrwasser der Emanzipation? Die Wege und Irrwege des Helmut Kentler“ ist ein absoluter Gewinn und sollte von Interessierten aus wissenschaftlichen Kontexten und darüber hinaus gelesen werden. Das Buch eröffnet einen differenzierten Blick auf Helmut Kentler und macht deutlich, wie er wirken konnte. Es ermöglicht damit Ableitungen, wie heute sexualisierter Gewalt gegenüber Kindern und Jugendlichen besser vorgebeugt werden kann. Dabei ist allerdings der hohe Sockel, auf den die Autorin zu Beginn Helmut Kentler hebt, kritisch zu befragen. Kentler ist eine Stimme unter vielen und hat nachträglich – auch durch seine gelungene Selbstdarstellung – viel Gewicht erhalten. Andere wichtige Ereignisse und Akteur*innen werden dadurch schnell übersehen – hier lohnt weitere Forschung, unter anderem zur Bedeutung der „Bienenkorb-Gazette“ für die Entwicklung moderner Sexualpädagogik in der BRD und Westberlin.

Literatur

Göttinger Institut für Demokratieforschung (2016): Die Unterstützung pädosexueller bzw. päderastischer Interessen durch die Berliner Senatsverwaltung. Studie im Auftrag der Berliner Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Wissenschaft. Berlin.

Hansen, S.; Jensen, J. (1971 [1969]): Das kleine rote Schülerbuch. Frankfurt/Main: Verlag Neue Kritik.

Rezension von
Prof. Dr. Heinz-Jürgen Voß
Forschungsprofessur Sexualwissenschaft und sexuelle Bildung (gefördert im Rahmen der BMBF-Förderlinie Sexualisierte Gewalt in pädagogischen Einrichtungen)
Hochschule Merseburg
FB Soziale Arbeit. Medien. Kultur
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Es gibt 58 Rezensionen von Heinz-Jürgen Voß.

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Zitiervorschlag
Heinz-Jürgen Voß. Rezension vom 04.05.2022 zu: Teresa Nentwig: Im Fahrwasser der Emanzipation? Die Wege und Irrwege des Helmut Kentler. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2021. ISBN 978-3-525-36763-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/29222.php, Datum des Zugriffs 24.05.2022.


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