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Marion Thuswald, Elisabeth Sattler (Hrsg.): Sexualität, Körperlichkeit und Intimität

Rezensiert von Roxana Schwitalla, 30.05.2022

Cover Marion Thuswald, Elisabeth Sattler (Hrsg.): Sexualität, Körperlichkeit und Intimität ISBN 978-3-8376-5840-8

Marion Thuswald, Elisabeth Sattler (Hrsg.): Sexualität, Körperlichkeit und Intimität. Pädagogische Herausforderungen und professionelle Handlungsspielräume in der Schule. transcript (Bielefeld) 2021. 402 Seiten. ISBN 978-3-8376-5840-8. D: 30,00 EUR, A: 30,00 EUR, CH: 36,80 sFr.
Reihe: Pädagogik
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Thema und Entstehungshintergrund

Bei dem vorliegenden Sammelband handelt es sich um ein pädagogisches Werk zur sexuellen Bildung Heranwachsender, welches sich mit dem Umgang des Themenspektrums Sexualität, Körperlichkeit und Intimität im schulischen Kontext sowie den damit einhergehenden Herausforderungen auseinandersetzt. Vor diesem Hintergrund werden primär pädagogisch Tätige in der Sekundarstufe adressiert, denn diese Zielgruppe sei, – so die zentrale Annahme des Bandes – zu einem großen Teil implizit mit sexualpädagogischen Themen konfrontiert, selbst wenn sie nicht planmäßig darin unterrichteten. Ausgangspunkt für dieses Vorhaben stellt das interdisziplinäre Forschungs- und Bildungsprojekt Imagining Desires (2017-2019) dar, welches Akteur.innen aus Wissenschaft, (Sexual-)Pädagogik, Kunst, Lehramtsstudium und Schule vereinte. Gemeinsam bearbeitete die entstandene Gruppe Fragen zu Sexualität, visueller Kultur und Pädagogik und veröffentliche einige Ergebnisse auf der Website www.imaginingdesires.at. Dabei zeichnet sich das Projekt und somit auch der vorliegende Sammelband insbesondere durch seine verschiedenen Expertisen aus. Für die Durchführung war der Fachbereich Kunst- und Kulturpädagogik an der Akademie der bildenden Künste in Wien in Kooperation mit dem Verein Selbstlaut zuständig.

Herausgeber.innen und Autor.innen

Marion Thuswald, Sozialpädagogin und Bildungswissenschaftlerin, lehrt und forscht in der Lehrer.innenbildung an der Akademie der bildenden Künste Wien. Sie arbeitet zu sexueller Bildung und Kunstpädagogik, Professionalisierung und Critical Diversity sowie in partizipativen Forschungsprojekten. Elisabeth Sattler (Dr. phil.) ist Professorin für Kunst- und Kulturpädagogik am Institut für das künstlerische Lehramt an der Akademie der bildenden Künste Wien. Sie lebt ebenfalls in Wien und arbeitet zu Bildungsprozessen in der Schule und in der Lehrer.innenbildung.

Die Autor.innen werden in der Inhaltsangabe in Verbindung mit ihrem Schwerpunkt benannt.

Aufbau und Inhalt

Bei der vorliegenden Publikation handelt es sich um einen Sammelband aus 29 formal unterschiedlichen Beiträgen, die jeweils eigene Schwerpunkte und Zugänge setzen. So versammeln sich neben wissenschaftlichen Ausarbeitungen ebenfalls handlungsorientierte Impulse aus der (sexual-)pädagogischen (Schul-)Praxis, Erfahrungsberichte von Nachwuchslehrkräften sowie künstlerische Darlegungen zum o.g. Themengebiet.

Den Anfang machen dabei Elisabeth Sattler und Marion Thuswald, die mit einem Überblick der zentralen Inhalte und Beiträge des Buches den Weg für die folgenden Kapitel ebnen. Daran anschließend eröffnet Christine Sager mithilfe diskursanalytischer und empirischer Befunde zu jugendlicher Sexualität den Leser.innen einen grundlegenden Einstieg in die Thematik. Den vorgestellten Studien zufolge werden Jugendliche in der Schule ausreichend mit biologischem Wissen über Sexualität ausgestattet, wohingegen soziale Dimensionen sexueller Themen meist ausgespart bleiben. Um pädagogisch Tätige in einer ganzheitlichen sexuellen Bildung zu unterstützen, plädiert Sager daher für eine stärkere Verankerung sexualpädagogischer Inhalte als politische Bildung in der Hochschullehre. Dieser Forderung schließt sich Dorottya Rédai mit den Ergebnissen ihrer ethnografischen Studie zu Botschaften und Adressierungen in der sexuellen Bildung an. Die Lebensrealitäten der meisten interviewten Schüler.innen blieben von den vermittelten Inhalten meist unberührt, da sich die untersuchten Bildungseinheiten tendenziell an Hetero- und mittelklassenormen der Weißen Gesellschaft orientierten. Wie demgegenüber eine möglichst inklusive sexuelle Bildung gestaltet werden kann, wird u.a. in den Beiträgen von Katharina Debus, Rosemarie Ortner, Paul Haller und Anton Cornelia Wittmann, Gregor Steiniger sowie Magdalena Rest diskutiert.

So widmet sich Katharina Debus in zwei Beiträgen dem „Spannungsfeld zwischen einer positiven Beschäftigung mit Vielfalt und der kritischen Auseinandersetzung mit Diskriminierung“ (S. 203). Dafür zeichnet sie zunächst verschiedene Diskriminierungsrisiken und -verhältnisse in der Sexualpädagogik nach, wie etwa Stereotypisierungen oder auch potenzielle Fehlzuschreibungen aufgrund nicht offensichtlicher Diversitäts-Ebenen. Wie Heranwachsende für Diskriminierung und Ungleichheit sensibilisiert werden können, veranschaulicht Debus entlang der Kernthemen geschlechtlicher, amouröser und sexueller Vielfalt. Im Vordergrund sollten der Autorin zufolge die Bedürfnisse der Zielgruppe stehen. Dabei kann die Thematisierung der o.g. Inhalte im Schulalltag als fächerübergreifende Querschnittsaufgabe betrachtet werden, wie auch die Erfahrungsberichte der jungen Lehrkräfte Eva Zürcher und Stanislaus Medan bekräftigen. Wie unterschiedlich das Sprechen über Sexualität in der pädagogischen Praxis ausfällt, arbeitet Marion Thuswald in ihrem Beitrag heraus und hinterfragt dabei historische sowie gegenwärtige Verständnisse von Sexualität innerhalb der Sexualpädagogik. Auf Basis dieser Ausführungen und eigener ethnografischer Forschungsergebnisse plädiert Thuswald dafür, „Sexualität als Praxis ins Zentrum“ (S. 114) zu stellen und den Begriff somit von seinem identitätsstiftenden Label sowie einer inflationären Verwendung weitgehend zu lösen.

Weitere Erfahrungen aus der (sexual-)pädagogischen Praxis werden u.a. in dem Beitrag von Michaela Moosmann, Katharina Buhri, Ariane Grabherr und Angelika Atzinger aufbereitet. Im Fokus steht dabei die Verknüpfung sexueller Bildung und digitaler Medien, da diese den Autor.innen zufolge einen spürbaren Einfluss auf die Lebensrealität von Jugendlichen nehmen. Der Beitrag schließt mit konkreten didaktischen Zugängen, die Sexual- und Medienpädagogik zusammen denken und darauf aufbauend Impulse für den Unterricht geben. Dabei umfasst das Themenspektrum die Teilbereiche Körper- und Schönheitsbilder in den sozialen Medien, sexistische Werbung, Sexting und Pornografie.

Neben der Frage, wie sexuelle Bildung mit Schüler.innen umgesetzt werden kann, beinhaltet der Sammelband mit den folgenden Beiträgen noch weitere Zugänge. So beschäftigt sich Alexandra Retkowksi mit der Betrachtung eines professionellen Umgangs mit Nähe und Distanz im Schulalltag. Aus identifizierten Professionalisierungsbedürfnissen und -bedarfen im Themenbereich Nähe leitet die Autorin notwendige Handlungsanforderungen für die Schule ab. Die kollegiale Auseinandersetzung sowie Fortbildungen zum Thema Nähe und Grenzen und die daraus resultierenden formalen (Handlungs-)Konzepte stellen Retkowksi zufolge einen notwendigen Schutz der Pädagog.innen dar. Einer weiteren Professionalisierungsstrategie widmet sich Julia Kerstin Maria Siemoneit in ihrem Beitrag zur(sexual-)biografischen Reflexionsarbeit in der Lehrer.innenbildung, welche zum professionellen Selbstverständnis der Sexualpädagogik dazugehöre. Mithilfe konkreter Beispiele arbeitet Siemoneit heraus, welche Risiken in pädagogischen Beziehungen entstehen können, wenn Lehrkräfte über kein reflektiertes Verhältnis zu ihrer eigenen Beziehungs- und Sexualbiografie verfügen. Die Autorin schließt ihren Beitrag mit theoriegeleiteten sexualbiografischen Reflexionsanstößen für die Aus- und Fortbildung von Lehrer.innen. Auch Rosa Wiesauer stellt Pädagog.innen ins Zentrum der Betrachtungen: Aus der Perspektive einer angehenden queeren Lehrkraft teilt Wiesauer eigene Erfahrungen und bekräftigt auf diesem Weg nochmals die Bedeutung des Austausches über und die Umsetzung eines geschlechterreflektierten Unterrichts in der Schule, aber auch im Studium.

Zum professionellen Umgang mit sexuellen Übergriffen unter Kindern nennt Ulli Freund konkrete Beispiele, die bei der Abgrenzung von sexuellen Aktivitäten und Übergriffen unterstützen und Hilfestellungen bei der Aufarbeitung bereitstellen. Mit dem Schwerpunkt auf sexualisierte Gewalt an Schüler.innen stattet Stefanie Vasold die Leser.innen ebenfalls mit zahlreichen praxisorientierten Handlungsmöglichkeiten aus. Dabei bespricht die Autorin erste Verdachtsfälle, Hinweise für Gespräche mit Betroffenen sowie Beschuldigungen von Lehrkräften und beendet den Beitrag mit Gedanken zur nachhaltigen Prävention.

In weiteren Beiträgen lassen sich zudem theoretisch aufbereitete Gesprächsrunden mit Praktiker.innen finden, die Einblicke in den Schulalltag mit seinen inhärenten sexualpädagogischen Fragen und Herausforderungen ermöglichen (Anna Pritz, Elisabeth Sattler und Marion Thuswald), rassismuskritische Ansätze in der Bildungsarbeit diskutieren (Rosemarie Ortner) sowie Rahmenbedingungen der Elternarbeit aufzeigen (Claudia Schneider). Wertvolle Inhalte bieten außerdem Heidemarie König und Adriane Krem, die rechtliche Perspektiven behandeln, oder der Beitrag zur Erinnerungsarbeit von Körperlichkeit in der Schule von Kerstin Witt-Löw. Künstlerische Zugänge stammen von Anna Vida, Orlinder Krinkel sowie Christine Aebi.

Diskussion

Der Sammelband thematisiert Herausforderungen im Umgang mit omnipräsenten sexualpädagogischen Themen in der Schule und eröffnet zugleich professionelle Handlungsspielräume einer macht- und differenzreflektierten sexuellen Bildung. Doch was macht ihn dabei nun besonders? Zunächst bietet der Band eine ausgewogene Mischung aus wissenschaftlichen Ausarbeitungen und praxisnahen Erfahrungsberichten von (Sexual-)Pädagog.innen sowie angehenden Lehrkräften, wodurch er einen breiten Zugang herstellt. Übergreifend wird deutlich herausgearbeitet, inwiefern Lehrer.innen in ihrem beruflichen Alltag mit Themen rund um Sexualität, Körperlichkeit und Intimität konfrontiert werden können. So geben besonders die Inhalte zu intersektionalen Zusammenhängen, sexualpädagogischer Elternarbeit und sexualbiografischer Reflexionsarbeit wertvolle Anregungen zu der Frage, wie verschiedene Akteur.innen und (verinnerlichte) Machtstrukturen in der sexuellen Bildung mitgedacht und -bearbeitet werden können. Die obligatorische Verankerung sexualpädagogischer Grundkenntnisse in den Curricula pädagogischer Studiengänge sollte, wie mehrfach im Band begründet, als notwendiger Teil einer Professionalisierung begriffen werden, um Lehrkräfte und Pädagog.innen in ihrem beruflichen Agieren ganzheitlich zu unterstützen.

Fazit

Der Band leistet aufgrund seiner vielschichtigen Schwerpunkte und niedrigschwelligen Zugänge einen wichtigen Beitrag für (angehende) Lehrkräfte, weitere Pädagog.innen sowie Forschende. Für Interessierte mit wenig Berührungspunkten bieten die ersten Beiträgen eine gute Auswahl an Grundlagenvermittlung an. Aber auch bereits erfahrene (Sexual-)Pädagog.innen können z.B. durch die theoretisch aufbereiteten Gesprächsrunden wertvolle Einblicke für ihre eigene Praxis gewinnen. Als besonders positiv wird der Anteil und Input mitwirkender Praktiker.innen bewertet, denn die damit sichtbaren Erfahrungswerte können besonders für die primäre Zielgruppe des Bandes hilfreiche Ansätze bereitstellen.

Rezension von
Roxana Schwitalla
M.A. Soziologin/Geschlechterforscherin, Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Hochschulforschung an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg
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Es gibt 1 Rezension von Roxana Schwitalla.

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Zitiervorschlag
Roxana Schwitalla. Rezension vom 30.05.2022 zu: Marion Thuswald, Elisabeth Sattler (Hrsg.): Sexualität, Körperlichkeit und Intimität. Pädagogische Herausforderungen und professionelle Handlungsspielräume in der Schule. transcript (Bielefeld) 2021. ISBN 978-3-8376-5840-8. Reihe: Pädagogik. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/29225.php, Datum des Zugriffs 04.07.2022.


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