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Thilo Fehmel: Sozialpolitik für die Soziale Arbeit

Rezensiert von Prof. Dr. Süleyman Gögercin, 22.04.2022

Cover Thilo Fehmel: Sozialpolitik für die Soziale Arbeit ISBN 978-3-8487-8372-4

Thilo Fehmel: Sozialpolitik für die Soziale Arbeit. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2022. 2., aktualisierte und erweiterte Auflage. 239 Seiten. ISBN 978-3-8487-8372-4. 25,00 EUR.
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Thema

Die Soziale Arbeit ist eng mit der Sozialpolitik verbunden. Sozialpolitische Entscheidungen und verbindliche Regelungen betreffen Adressat*innen, Organisationen und Fachkräfte der Sozialen Arbeit bzw. die sozialarbeiterische Praxis unmittelbar. Soziale Arbeit ist auf verbindliche Regelungen staatlicher Politik angewiesen und beteiligt sich zugleich mit Einschränkungen an diesem Regelungsprozess.

Die vorliegende Publikation „Sozialpolitik für die Soziale Arbeit“ von Thilo Fehmel ist ein Lehrbuch zu den Grundlagen der Sozialpolitik für die Soziale Arbeit in der zweiten Auflage. Es führt in das System sozialer Sicherung in Deutschland mit seinen unterschiedlichen sozialstaatlichen Säulen (Sozialversicherungen, soziale Entschädigung, soziale Hilfen, soziale Förderung) und in die Sozialpolitik mit ihrer Geschichte, ihren Leistungen und Institutionen ein und geht auf die Zusammenhänge zwischen Sozialpolitik und Sozialer Arbeit ein.

Autor

Prof. Dr. Thilo Fehmel ist habilitierter Soziologe mit Schwerpunkt Politische Soziologie. Er lehrt und forscht an der Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur in Leipzig auf den Gebieten Sozialpolitik, Sozialverwaltung, Soziale Ungleichheit, Wohlfahrtsstaatstheorie, Politische Soziologie und Soziologische Theorien.

Aufbau und Inhalt

Aufbau und Inhalt des Buches sind im Vergleich zur ersten Auflage gleich geblieben. Abgesehen vom Vorwort zur zweiten Auflage und von der Einleitung enthält das Buch neun Kapitel, wobei das Kapitel 6 mit 64 Seiten den Schwerpunkt bildet. Die anderen Kapitel haben jeweils einen Umfang von 15 bis 20 Seiten. Allen Kapiteln ist eine kurze Zusammenfassung mit Zielangabe vorangestellt. Jedes Kapitel schließt mit Wiederholungs- bzw. Arbeitsfragen zur Vertiefung und Diskussion sowie mit Hinweisen auf ausgewählte einführende und weiterführende Literatur ab. Die Veröffentlichung wird mit einem Stichwortverzeichnis abgeschlossen.

In Kapitel 1 thematisiert der Autor die Unsicherheit als Problem. Er konstatiert die „Unsicherheit als Urgrund menschlicher Sozialität“ sowie als „Phänomen der Moderne“ und beschreibt deren Überwindung bzw. die Herstellung von Sicherheit als grundsätzliche gesellschaftliche Funktion von Sozialpolitik.

In Kapitel 2 geht der Autor folgenden Fragen nach: Was ist das Soziale an Sozialer Sicherung? Was ist das Politische an Sozialpolitik? In seinen Antworten auf diese Fragen zeigt Fehmel auf, welche Funktionen die Sozialpolitik für die Gesellschaft wahrnimmt, welche Arenen und Akteure (Familie/​Gemeinschaft, Markt und Staat) an der Wohlfahrtsproduktion beteiligt sind und wie durch staatliche Regulierung der Ressourcen-Umverteilung Lebensgrundlagen gesichert werden.

Was ist – und welche Rolle spielt – der Sozialstaat? lautet der Titel des 3. Kapitels, in dem der Autor beschreibt, was den Sozialstaat zu seinen Aktivitäten veranlasst. Hierfür werden sozialwissenschaftliche (funktionalistische, kulturalistische, institutionalistische und konflikttheoretische) Ansätze zur Erklärung für die Entstehung und Weiterentwicklung von Wohlfahrtsstaaten, ihrer Aktivität oder ihrer Passivität herangezogen und zugleich festgehalten, dass keiner von diesen Ansätzen dies erklären kann. Daher plädiert Fehmel für ihre Kombination. Im abschließenden Teil dieses Kapitels werden Möglichkeiten und Grenzen der Mitgestaltung bei der weiteren Entwicklung der Sozialpolitik für den Bereich der Sozialen Arbeit erörtert.

In Kapitel 4 wird eine kurze Geschichte des Systems sozialer Sicherung in Deutschland aus der Perspektive der oben genannten theoretischen Zugangsweise in fünf Phasen dargestellt: 1. Die „Konstitution sozialstaatlicher Strukturen“ beginnt mit der Bismarck'schen Sozialgesetzgebung und endet mit dem Beginn des Ersten Weltkries; 2. „Konsolidierung des deutschen Sozialstaates“ um die Weltkriege; 3. „Rekonstruktion und Ausbau des Sozialstaates“ in den Nachkriegsjahren; 4. „Um- und Abbau sozialstaatlicher Leistungen“ mit Kürzungen und Deregulierungen ab 1980 und 5. „Multiple sozialstaatliche Integration“ in den Europäischen Markt und den neuen gesamtdeutschen Staat mit der Einführung der Pflegeversicherung.

Wie der Titel Wie wirkt und was leistet der deutsche Sozialstaat? verdeutlicht, geht es in Kapitel 5 um Leistungen, Wirkungen und Folgen des Sozialstaates. Diese werden allgemein und bereichsübergreifend dargestellt und anhand von Betrachtungen zeitlicher und internationaler Sozialleistungsquoten die Leistungsfähigkeit des deutschen Sozialstaats sowie die Wirkung der Sozialpolitik aufgezeigt.

In Kapitel 6 geht es um die Struktur des deutschen Systems sozialer Sicherung und damit um die Kernbereiche der staatlichen Sozialpolitik. Es werden die Grundprinzipien des deutschen Sozialstaates mit den jeweils dazu gehörigen Leistungsstrukturen dargestellt. So wird zunächst die Sozialversicherung mit ihren fünf Säulen Kranken-, Unfall-, Renten-, Arbeitslosen- und Pflegeversicherung sowie mit ihren Grundprinzipien, Konflikten bezüglich der Finanzierung und Grenzen erläutert. Im Bereich der Versorgung werden Beamtenversorgung, Sonderopfer-Ausgleiche und Kindergeld kurz thematisiert. Nach den Informationen zu „Grundsatz Bedürftigkeitsprüfung“ und Armut werden im Bereich soziale Hilfen die Grundsicherungen bei Arbeitssuche, Alter, Erwerbsminderung und Migration ausführlich behandelt. Für den Bereich soziale Förderung erfolgen Erläuterungen zu Sozialleistungen für Menschen mit Behinderung, für Familien sowie für Kinder und Jugendliche. Das Kapitel schließt mit einer vergleichenden Bewertung. Bei den Ausführungen werden mehrfach Bezüge zu beruflichen Handlungsfeldern der Sozialen Arbeit hergestellt.

Unter dem Titel Wohlfahrtspluralismus und Wohlfahrtskorporatismus geht es in Kapitel 7 um die Frage, „in welcher gesellschaftlichen Arena Sozialpolitik betrieben und von wem sie umgesetzt wird“ (S. 173). Hier werden also die Trägerlandschaft und damit die institutionellen Strukturen der Sozialpolitik in den Blick genommen und entsprechend die Leistungserbringer mit ihrem Verhältnis zu den staatlichen Institutionen dargestellt. Der Sonderstellung der Spitzenverbände der Wohlfahrtspflege ist dabei ein „Exkurs“ gewidmet, während im weiteren Verlauf die Themen „Kontinuität und Wandel des deutschen Wohlfahrtspluralismus“ sowie „Erbringung sozialer Dienstleistungen zwischen Professionalität und „Ehrenamt“ diskutiert werden.

Um Kommunale Sozialpolitik im sozialpolitischen Mehrebenensystem geht es in Kapitel 8. Der Autor beschäftigt sich hier mit den „Besonderheiten und Herausforderungen kommunaler Sozialpolitik innerhalb des sozialpolitischen Mehrebenensystems“ (S. 193) und damit mit den Rahmenbedingungen auf kommunaler Ebene. Thematisiert wird der Raumbezug der Sozialpolitik genauso wie die Finanzierungsfragen kommunaler Sozialpolitik und kommunale Reaktionen auf die zunehmende Kommunalisierung der Sozialpolitik bzw. auf die Bedeutungszunahme kommunaler Sozialpolitik zwischen Pflichtaufgaben und freiwilligen Angeboten der Kommunen, kommunaler Sozialarbeit als Schnittstellen- und Netzwerkarbeit der Koordination und Kooperation mit anderen administrativen und freien Dienstleistern.

In abschließendem Kapitel 9 mit dem Titel Zum Verhältnis von Sozialpolitik und Sozialer Arbeit thematisiert der Autor die Wechselbeziehungen zwischen den Funktionssystemen Sozialpolitik und Sozialer Arbeit. Er zeigt auf, „dass beide Systeme aufeinander angewiesen sind und kaum voneinander lösbar sind“ (209). Nachdem der Autor auf die „Soziale Arbeit zwischen Befähigung und sozialer Kontrolle“ sowie auf ihre Mandate eingeht, schließt er dieses Kapitel und damit auch das Buch mit seinen Überlegungen zum sozial-politischen Mandat der Sozialen Arbeit ab.

Diskussion

In seinem Lehrbuch „Sozialpolitik für die Soziale Arbeit“ behandelt Thilo Fehmel verschiedene Wissensbereiche der staatlichen Sozialpolitik und deren Bezüge zur Sozialen Arbeit. Abgesehen von einer tabellarischen Übersicht über wesentliche Merkmale der Sozialversicherungen betreffen die Aktualisierung und Erweiterung der 2. Auflage lediglich an einigen wenigen Stellen und stichwortartig die Bedeutung von Covid-19 für die deutsche Sozialpolitik, insofern vernachlässigbar. Die Leserschaft könnte hier in Verbindung mit anderen Ausführungen bestenfalls erkennen und auch erklären, wie labil, zufällig und unbeständig die deutschen Sozialsysteme in Teilen sind.

Das Lehrbuch von Thilo Fehmel ist fachlich korrekt und sprachlich sehr verständlich geschrieben. Studierende der Sozialen Arbeit finden damit eine gut gelungene, übersichtliche und inhaltlich komprimierte Einführung in grundlegende und relevante Themenbereiche der Sozialpolitik sowie deren Bedeutungen für die Soziale Arbeit. Es ist zudem didaktisch sinnvoll und anschaulich strukturiert mit einer vorangestellten knappen Zusammenfassung mit Zielangaben im jeweiligen Kapitel und mit Arbeitsfragen zur Vertiefung und Diskussion sowie mit Hinweisen auf ausgewählte Literatur am Schluss des jeweiligen Kapitels. Diese sind für die Studierenden sicher hilfreich. Sie können auch von Lehrenden als Leitfragen für Seminarvorbereitungen genutzt werden.

Die Bezüge zur Sozialen Arbeit werden insbesondere in dem umfangreichen Kapitel 6 im Zusammenhang mit praktischen Einsatzgebieten in den unterschiedlichen Institutionen des Sozialstaates sowie im Schlusskapitel gut nachvollziehbar hergestellt, in dem der Zusammenhang zwischen Sozialer Arbeit und Sozialpolitik prinzipiell und gebührend diskutiert wird.

Fazit

Das Buch von Thilo Fehmel ist für Studierende und Lehrende der Sozialen Arbeit als einführende Lektüre mit einer problemorientierten Darstellung der Sozialpolitik empfehlenswert.

Rezension von
Prof. Dr. Süleyman Gögercin
Duale Hochschule BW Villingen-Schwenningen, Fakultät für Sozialwesen
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Es gibt 105 Rezensionen von Süleyman Gögercin.

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Zitiervorschlag
Süleyman Gögercin. Rezension vom 22.04.2022 zu: Thilo Fehmel: Sozialpolitik für die Soziale Arbeit. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2022. 2., aktualisierte und erweiterte Auflage. ISBN 978-3-8487-8372-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/29227.php, Datum des Zugriffs 24.05.2022.


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