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Peter Hammerschmidt, Kirsten Aner: Zeitgenössische Theorien der Sozialen Arbeit

Rezensiert von Prof. Dr. Wilfried Hosemann, 11.05.2023

Cover Peter Hammerschmidt, Kirsten Aner: Zeitgenössische Theorien der Sozialen Arbeit ISBN 978-3-7799-6798-9

Peter Hammerschmidt, Kirsten Aner: Zeitgenössische Theorien der Sozialen Arbeit. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2022. 3. Auflage. 291 Seiten. ISBN 978-3-7799-6798-9. D: 24,95 EUR, A: 25,60 EUR.

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Thema

Mit welchen Theorien kann die Soziale Arbeit ihre Positionen reflektieren? Die Frage ist hilfreich im Hinblick auf disziplinäre und professionelle Herausforderungen, Rahmenbedingungen wie die Klimakatastrophe, die Abhängigkeiten von der Globalisierung, die Digitalisierung der Gesellschaft und des Sozialen sowie das Auseinanderdriften von Arm und Reich. Die Auswahl von 14 Theorien zur Sozialen Arbeit, die nach 1960 in Deutschland präsentiert wurden, soll einen systematischer Überblick über das zeitgenössische Theorieangebot bieten.

Autorin und Autor

Die Autorin und der Autor arbeiten als Professoren an Hochschulen der Sozialen Arbeit:

  • Peter Hammerschmidt an der Hochschule München,
  • Kirsten Aner an der Universität Kassel.

Der Rezensent hat 2017 die Besprechung der ersten Ausgabe bei socialnet veröffentlicht. Teile dieser Rezension entsprechen der vorangegangenen, einige wurden überarbeitet oder sind neu.

Zielgruppe

Das Buch wendet sich an Studierende und Lehrende der Sozialen Arbeit.

Aufbau

Das Buch ist in drei Teile gegliedert. Nach einer Einleitung ist der erste Teil des Buches der „Real- und Theoriegeschichte der Sozialen Arbeit“ gewidmet. Der zweite Teil macht den Hauptbestandteil der Publikation aus (144 Seiten). Die 14 Theorien werden nach dem Schema vorgestellt:

  • Definition und Gegenstandsbestimmung
  • Vertreterin/​Vertreter
  • Kernaussagen (Grundannahmen/​Ausgangspunkt, Argumentation, Abgrenzungen)
  • Grenzen und offene Fragen
  • Literaturempfehlung
  • „Steckbrief“.

Der dritte Teil bringt Vergleiche der Theorien in Bezug auf die Herkunftsdisziplinen der VertreterInnen, Ausgangspunkte, Normativität, Definitionen der AdressatInnen, eine neue ‚problemsoziologische Perspektive‘ und eine Schlussbetrachtung sowie einen Anhang mit Tabellen und Leseempfehlungen. Im Anhang werden sechs Tabellen nach dem Muster geboten: Überblick zu: (1) zeitgenössischen Theorien, (2) wissenschaftstheoretischen Bezügen, (3) Ausgangspunkten und weiteren Zielen, (4) normativen Bezügen und Dimensionen, (5) AdressatInnen und Handlungsfeldorientierung, (6) Problemkonstruktionen.

Inhalt

Einleitung

Hier wird erklärt, ausschließlich Theorien der Sozialen Arbeit darzustellen:

  • „ … die diesen Anspruch haben, ungeachtet dessen, ob sie diese Ambition aus unserer Sicht auch erfüllen und
  • die diesen Anspruch erfüllen, auch wenn er nicht erhoben wurde“ (S. 11). Und:
  • „Diskursrelevanz war für uns ebenso wenig wie Praxisrelevanz ein Kriterium“ (S. 12).

Das bedeutet – überzeugend oder nicht – keine entscheidenden Kriterien für die Auswahl, ebenso wenig wie die disziplinäre und die professionelle Bedeutung. Damit ist das Grundmuster der Ausführungen gesetzt.

Als Ausgangspunkt der Arbeit wird folgende Definition der Sozialen Arbeit markiert:

„Unter Sozialer Arbeit verstehen wir eine personenbezogene soziale Dienstleistung, die im sozialstaatlichen Rahmen zur Bearbeitung sozialer Probleme eingesetzt wird, damit die AdressatInnen im gesellschaftlichen Interesse bei der Bewältigung von Lebensproblemen so unterstützt werden, dass sie in die Lage versetzt werden, gesellschaftlichen (Normalitäts-) Anforderungen zu entsprechen“ (S. 13).

Diese Definition der Sozialen Arbeit weicht sehr weit von der internationalen und der nationalen ab, sowie von denen, die vom Fachbereichstag der Ausbildungsstätten Sozialer Arbeit und dem Berufsverband (DBSH) getragen werden. Auch hier gilt: der fachliche Diskurs und die Empirie spielen keine Rolle.

Der Anspruch ist, einen Überblick über die Theorien der Sozialen Arbeit zu geben, der sich weder an Personen orientiert, noch an geisteswissenschaftlichen Ordnungsschemata, sondern an einer identifizierbaren Kernbestimmung Sozialer Arbeit (S. 12). Diese wird von Hammerschmidt/Aner definiert.

Zur Real- und Theoriegeschichte der Sozialen Arbeit

Auf 32 Seiten wird ab 1960 – jeweils für zehn Jahre – ein Kapitel geboten, das die Entwicklung der Sozialen Arbeit darstellt und anschließend wesentliche Aspekte ihrer „Theorieentwicklung“. Für die Zeit seit den 2000er Jahren wird bei der Theorieentwicklung insbesondere auf die Diskussion des Capability Approachs verwiesen. Als weiteres Thema wird „Gender“ genannt, dabei aber konstatiert: Als wichtige Kategorie für die Soziale Arbeit von kaum zu überschätzender Relevanz, aber als Theorie der Sozialen Arbeit nicht geeignet (S. 50).

Zeitgenössische Theorien der Sozialen Arbeit

Das in der Einleitung genannte Ziel, Theoriestränge darzustellen, wird darüber realisiert, dass von den AutorInnen sogenannte Schlüsseltexte dargestellt und eingebettet werden.

  1. Soziale Arbeit als Theorie der Jugendhilfe. Dargestellt wird Mollenhauer anhand eines Schlüsseltextes, das als ein Dokument des Übergangs zur modernen Theoretisierung der Sozialen Arbeit eingestuft wird (1966).
  2. Soziale Arbeit als Instanz sozialer Kontrolle und Agentur sozialer Innovationen. Die Theorie weist ausschließlich Texte von H. Peters aus, insbesondere „Moderne Fürsorge und ihre Legitimation“ (1968).
  3. Soziale Arbeit als tertiäre Erziehung. Die Theorie des Erziehungswissenschaftlers L. Rössner lebt vom Streit um Zweck-Mittel-Relationen (1971).
  4. Soziale Arbeit als Herrschaftssicherung. Im Zentrum steht das Buch von Hollstein/​Meinhold 'Sozialarbeit unter kapitalistischen Produktionsbedingungen'. Im herangezogenen Schlüsseltext aus diesem Buch (15 Seiten) orientiert sich Hollstein an den Thesen der Sozialen Arbeit als Kontrollagentur (1973).
  5. Soziale Arbeit als „revolutionäre Praxis“. K. Khella wird als der Theoretiker für eine revolutionäre Konzeption der Sozialarbeit vorgestellt (1974).
  6. Soziale Arbeit als „vergesellschaftete Sozialisationsarbeit“. Hier kommen die Theorien der Autoren des „Jahrbuchs der Sozialarbeit“ Barabas/​Blanke/Sachße/Stascheit zu Wort (1975).
  7. Soziale Arbeit als freundliche Kolonialisierung. H. Bossong diskutiert die Stellung der Sozialen Arbeit zwischen System und Lebenswelt (1987). 
  8. Soziale Arbeit als Hilfe zur Lebensbewältigung. Als Hauptvertreter wird L. Böhnisch präsentiert (2002), ebenso W. Schefold und W. Schröer.
  9. Soziale Arbeit als Rekonstruktion von Subjektivität. Das Kapitel ist komplett der Theorie von M. Winkler gewidmet (1988).
  10. Soziale Arbeit als Menschenrechtsprofession. Mit dem Fokus auf die Menschenrechtsdebatte wird der Ansatz der „Züricher Schule“ (Staub-Bernasconi, Obrecht) behandelt (2000).
  11. Soziale Arbeit als Inklusionsvermittlung. Diese Perspektive wird exemplarisch am Beispiel der soziologischen Systemtheorie zur Sozialen Arbeit von Bommes/​Scherr (2000) vorgestellt.
  12. Soziale Arbeit als stellvertretende Deutung. Die Theorie der „Reflexiven Sozialpädagogik“ wird von Dewe/Otto vertreten und hat weitreichende Konsequenzen für das Professionsverständnis (2010).
  13. Soziale Arbeit als ko-produktive Unterstützung von Selbstproduktionsprozessen von NutzerInnen Sozialer Arbeit. Schaarschuch vertritt die Theorie von der Sozialen Arbeit als soziale, personenbezogene Dienstleistung im Sozialstaat (2010).
  14. Soziale Arbeit als Re-Inklusion und Interdependenzunterbrechungen. Kleves Thesen über Ambivalenz, Konstruktivismus und die Transdisziplinarität moderner Wissenschaften werden als Basis für diese Theorie (1999) vorgestellt.

Was wird vorgestellt?

Zunächst fällt auf, dass keine Trennung der Theorien über die Soziale Arbeit oder aus und für die Soziale Arbeit gemacht wird. Sehr deutlich wird diese Unterscheidung bei der Theorie von Bommes und Scherr, die Stärken der soziologischen Systemtheorie auf das Beispiel der Sozialen Arbeit anwenden, oder Peters, der aus soziologischer Perspektive die misslungene Professionalisierung der Sozialarbeit beschreibt (1970).

Zu der ebenso folgenreichen Unterscheidung – zwischen aktiven Theoriezusammenhängen, also ‚lebendigen‘ Theorien, an denen wissenschaftlich gearbeitet wird und die Rückmeldungen erfahren, und den Theorien, die eher als Klassiker gelten – sind Hinweise in den Zeitangaben der Steckbriefe zu finden. Ihnen kann man entnehmen, dass ungefähr die Hälfte der vorgestellten Theorien bis Mitte der 70er des vorherigen Jahrhunderts entstanden ist (8 Theorien vor 1990). Meine Vorstellungen von zeitgenössisch sind andere. Besonders erstaunlich wird der Umgang mit der zeitlichen Bedeutung von Theorien beim Kapitel 3.4, der Theorie von Hollstein und Meinhold. Denn die abschließende Kritik (S. 94) an der Theorie bezieht sich laut Fußnote 47 nur auf den herangezogenen Schlüsseltext. Dessen Positionen aber, so die Fußnote weiter, haben Hollstein/​Meinhold in einem folgenden Sammelband selbstkritisch verändert.

Die Auswahl ist nicht frei von Widersprüchlichkeiten. Als Beispiel: Zum einen wird dem theoretischem Diskurs ‚Lebenswelt‘ der Theoriestatus abgesprochen (S. 36), mit Bezug auf Bossong, dessen Analyse der Theorie angeblich „den Boden entzogen“ habe. Anderseits wird in der Fußnote 12 auf eine umfangreiche Darstellung durch Grundwald/​Thiersch verwiesen und die vorzügliche Darstellung von Thiersch als modernem „Klassiker“ von Niemeyer hervorgehoben. In der Einleitung galt für die Auswahl die identifizierbare Kernbestimmung sowie der Anspruch der Theoretiker, aber nicht, ob sie ihn auch erfüllen (S. 11).

Unter einer gendersensiblen Perspektive fällt auf, dass 14 Männer und nur 2 Frauen genannt werden, Frau Meinhold als Mitherausgeberin und Frau Staub-Bernasconi als Hauptvertreterin ihres Menschenrechtsansatzes. 

Zeitgenössische Theorien der Sozialen Arbeit im Vergleich

In der abschließenden Betrachtung, so das Ziel, sollen die Unterschiede und die Gemeinsamkeiten der Theorien auf folgenden Dimensionen aufgezeigt werden (S. 197): Herkunftsdisziplinen der TheoretikerInnen und ihre erkenntnis- und wissenschaftstheoretischen Bezugspunkte; Ausgangspunkte und (weitere) Ziele der Theorie-Konstruktionen; Normativität, Definition der Adressaten und Handlungsfeldorientierung, zeitgenössische Theorien der Sozialen Arbeit in problemsoziologischer Perspektive. Zum Abschluss werden auf zwei Seiten die Gemeinsamkeiten der Theorien Sozialer Arbeit zusammengefasst.

Diskussion

Real- und Theoriegeschichte, 14 Theorien und dann noch Vergleiche, soziologische Perspektiven und Ausblicke: Das sind wirklich viele Ziele. Zu viele, um auf einzelne Argumente, Zusammenfassungen und Beurteilungen einzugehen, deshalb sollen hier in erster Linie die Grundlagen der Argumentationsstrukturen diskutiert und kritisiert werden. 

Die Wert von Zusammenfassungen liegt in der schnellen Orientierung – das Problem darin, dass damit Verkürzungen und Entscheidungen einhergehen, die nicht ausreichend transparent sind. Das Buch stellt praktizierte Theoriebildung dar. Bei der sehr strikten Zusammenfassung der Theorien (jeweils zwischen ca. 10 und 15 Seiten) und der kompakten Zusammenschau entsteht der Vorzug und das Problem der Ziehharmonika: Eins ums andere Mal werden Annahmen, Voraussetzungen und Thesen so zusammengeschoben, bis der passende Ton herauskommt. Um mit der Komplexität der theoretischen und praktischen Bezüge, der Vielzahl der vorgebrachten und möglichen Argumente umgehen zu können, müssen die vollzogenen Auslassungen, die Abgrenzungen und die meisten Interpretationen von der Last der Begründungen letztlich befreit werden.

Heraus kommt eine Erzählung. Das geht gar nicht anders und ist auch zu akzeptieren, nur der Stil und der Anspruch des Buches suggerieren einen „Faktencheck“ – den es nicht erfüllt und auch nicht erfüllen kann. Das Problem wird durch die neu aufgenommenen Listen nochmals erheblich gesteigert.

Wie ist die Auswahl der Theorien begründet?

Bei 14 Theorien fragt man sich: Warum genau diese und nicht eine andere? Als alleiniges Kriterium der Auswahl wird genannt, dass diese Theorien der Erklärung der Sozialen Arbeit dienen können (S. 50). Das bleibt ein weites Feld: z.B. das Kapitel 3.3, Soziale Arbeit als tertiäre Erziehung. Dahinter verbirgt sich der Ansatz von L. Rössner (1971). Zu diesem schreibt H. Lukas bereits 1977 (S. 39): „Rössners Theorie scheint für den weiteren wissenschaftlichen Fortschritt im Arbeitsbereich der Sozialarbeit unbrauchbar, da in ihr die konkreten Widersprüche einer je historisch zu bestimmenden gesellschaftlichen Situation mit vorbedacht ausgeklammert bleiben.“ Diese grundsätzliche Einschätzung wird 2013 von H. Lambers bestätigt, der anmerkt, die Theorie brachte Rössner vor allem Kritik und baldiges Vergessen ein. In der 3. Auflage dieses Buches wird Rössner wieder grundlegend kritisiert: „Besonders problematisch ist eine solche Forderung (Wertfreiheitspostulat W.H.) unserer Auffassung nach für die Soziale Arbeit“ (S. 86) – warum ist Rössner dabei?

Neu aufgenommen wurde Bossong. Laut Literaturliste liegt nur eine Veröffentlichung seiner Dissertation aus dem Jahr 1987 vor. Er bezieht sich darin auf die von Habermas dargestellten Relationen von System und Lebenswelt. Was wird als Schlussfolgerung von Bossong und als offene Fragen präsentiert? Soziale Arbeit „… könne nur durch eine radikalisierte Beratungsausrichtung den Klienten Orientierungshilfe im Umgang mit den Subsystemen von Markt und Staat anbieten und damit dazu beitragen, Ohnmacht des Bürgers gegenüber Prozessen der Durchstaatlichung und Durchkapitalisierung der Gesellschaft zu mildern und Eigenkompetenzen der Betroffenen (zu-) reaktivieren“ (122f). Bei den offenen Fragen wird angemerkt, „… dass der Autor zentrale Theoriebegriffe nicht hinreichend eindeutig, stellenweise sogar offensichtlich inkonsistent verwendet“ (S. 123). Es bleibe unklar, worauf sich der Begriff Kolonialisierung bezieht „ – Lebenswelt, Alltagswelt, Subkultur, soziale Milieus?“ (S. 124). Bleibt die Frage, warum ist Bossongs Text von 1987 erstmalig in der 3. Auflage von 2022 aufgenommen worden?

Was wird nicht vorgestellt?

Auch nach der Ergänzung durch Bossong (1987) bleibt die Neugier: Gibt es tatsächlich keine neuen Ansätze, die einen vergleichbaren Theoriestatus verdienen? Gerade wenn man sich auf Theorien beziehen will und nicht auf einzelne Autoren? Kritik und Unzulänglichkeiten sind grundsätzlich bei allen akzeptiert. In welchem Verhältnis stehen die Beiträge, Soziale Arbeit auf soziale Gerechtigkeit zu gründen (Schrödter 2007), oder der Sozialen Arbeit einen Ort in der Postwachstumsgesellschaft zu bestimmen (Norhausen 2015) zu den kritischen Ansätzen aus den 70er Jahren?

So bleibt die Darstellung der aktuellen Theorien erstaunlich lückenhaft und der Hinweis, sich bei der Theorieauswahl nicht von den Fachdiskursen beeindrucken zu lassen, ist pragmatisch nachvollziehbar – inhaltlich wenig überzeugend – und wird praktisch nicht realisiert, siehe die Diskussion zum Capability Approach (S. 47–49). Schönig (2012) legt eine duale Rahmentheorie vor und Scheu und Autrata (2011) explizit eine „Theorie Sozialer Arbeit. Gestaltung des Sozialen als Grundlage“. Bettinger (2005) und andere arbeiten an einer kritischen Theorie der Sozialen Arbeit. Kraus hat eine Relationale Soziale Arbeit (2019) vorgelegt, der Capability Approach verdient eine ausführliche Präsentation. Beiträge zur Policy Practice (Burzlaff 2020) und dem Konzept Hilfe als kollaboratives Gemeingut (Früchtel 2016) hätten dem Buch gutgetan.

In der Sozialen Arbeit ist ein signifikanter Bedeutungszuwachs von empirischer Forschung zu beobachten. Die damit verbundenen Formen des gemeinsamen Forschens und Publizierens weisen auf eine andere Art Wissenschaft zu betreiben hin – Kooperationen gewinnen an Bedeutung. Deshalb ist es fragwürdig, ob bei der Beschreibung der Theorien der Sozialen Arbeit weiter von einzelnen Monografien oder Aufsätzen auszugehen ist. Zum Beispiel lassen sich für die systemische Perspektive eine Reihe von Publikationen zu ihrer Theorie aufführen: Hosemann/​Geiling (2013), Krieger/​Sierra Barra (2017), Miller (2012), Ritscher (6. Aufl. 2020).Gerade für die besonders zukunftsrelevanten Themen liegen Publikationen in Form von Sammelbänden vor, denen ein Status von Theorieentwürfen zuerkannt werden kann. Etwa die Veröffentlichung von Otto (Hrsg.), Soziale Arbeit im Kapitalismus (2020), Kutscher und andere (Hrsg.), Handbuch Soziale Arbeit und Digitalisierung (2020) und Pfaff/​Schramkowski/Lutz (Hrsg.), Klimakrise, sozial ökologischer Kollaps und Klimagerechtigkeit (2022).

Was macht die Form des Buches mit den Inhalten?

Der Vorzug und die Last der Form ist die der Liste. Eine Liste organisiert eine Struktur und behandelt alle formal gleich, wo doch die Unterschiede ebenso zum wesentlichen Informationsgehalt gehören können. Durch die formal gleiche Behandlung von höchst Ungleichem, entsteht nicht automatisch Erkenntnisgewinn. Als Beispiel: Khella wird folgendermaßen kritisiert, seine Kritik an der „‚Sozialarbeit von Oben‘ fällt wenig differenziert aus…“ und weiter zu seinen Hinweisen: „… die dann in der Summe Ungereimtheiten, zumindest offene Fragen hinterlassen“ (S. 100). In der Fußnote 49 heißt es: „ … bleiben die Ausführungen rezeptbuchartig und abstrakt“ (S. 100f). Der theoretische Ansatz, für den Dewe und Otto stehen, die „Reflexive Sozialpädagogik“, wird exakt mit dem gleichen Seitenumfang von acht Seiten dargestellt.

Die einzelnen Theorien unabhängig von ihrer Diskurs- und Praxisrelevanz zu präsentieren, ist problematisch. Das Interesse an den Fragen, worum geht es beim fachlichen Diskurs und welche Bedeutung haben bestimmte Theorien, ist für Studierende zur Orientierung grundlegend. M. Eckl (2022) hat eine empirische Analyse der wissenschaftlichen Kommunikation in der Sozialen Arbeit vorgelegt, die ähnliche Zeiträume und Unterteilungen umfasst wie die von Hammerschmidt/Aner. Eckls Analyse auf der Basis von 5 führenden Theoriezeitschriften zeigt deutlich andere thematische Schwerpunkte. Insbesondere fallen die unterschiedlichen Ergebnisse zur Systemtheorie auf. So zeigen Eckls Untersuchungen für den Zeitraum von 1990–2002 ein zentrales Themencluster Systemtheorie und Soziale Arbeit und ebenso für die Jahre 2003–2008. Dabei wird deutlich, dass nicht einfach von zwei unterschiedlichen Schulen der Systemtheorie ausgegangen werden kann, da die disziplinäre wie die professionelle Anerkennung des systemisch-konstruktivistischen Ansatzes ungleich höher sind.

Welche Vorstellungen von Gesellschaft und Sozialer Arbeit liegen den Analysen zugrunde?

Die Rekonstruktion der Theorien wirkt wie die Einnahme einer neutralen, sachlichen Position. Dem ist nicht so. Die Überschriften („Soziale Arbeit als …“) machen deutlich, dass Soziale Arbeit aus einer bestimmten Funktion von Gesellschaft interpretiert wird. Diese Gesellschaftsauffassung gilt in der Soziologie aber nicht als State of Art. Denn ‚Funktion von‘ verweist auf einen einheitlichen Zusammenhang. Dieser ist aber strittig oder wird grundsätzlich abgelehnt. Zu offensichtlich sind die ungeklärten Fragen nach Steuerungsinstanzen, die eine logische Ableitung von Funktionen begründen können. Gerade die aktuellen Auseinandersetzungen um Klimakatastrophen, Globalisierung, Digitalisierung, internationale Krisen machen die Schwierigkeiten dieser konzeptionellen Grundsatzentscheidung deutlich.

Prinzipiell fragwürdig ist, ob einzelne Begriffe geeignet sind, die gesamte Gesellschaft zu kennzeichnen, zum Beispiel bürgerliche, kapitalistische, demokratische Gesellschaft. Die mit den Adjektiven verbundenen Verkürzungen erleichtern nur scheinbar die Vorstellung über eine gesamte Gesellschaft. Die verschiedenen Perspektiven z.B. sozialer, wirtschaftlicher, politischer, normativer oder internationaler Art realisieren sich parallel. Die Vorstellung einer handelnden Einheit, aus der Funktionen für die Soziale Arbeit abgeleitet werden können, ist angesichts der verschiedenen Funktionen und Begründungsweisen (politisch, sachlich, religiös, kulturell) wenig tragfähig. Auch Hammerschmidt/Aner stehen vor dieser Frage und antworten darauf, indem sie alle Theorien entgegengesetzt zu ihren eigenen Aussagen unter dem Titel „Bürgerliche Gesellschaft“ zusammenfassen. Dass mit diesem Begriff für die meisten Theorien „… auch wenn sie für diese unterschiedliche Bezeichnungen wählen (industrielle Gesellschaft, kapitalistische Lohnarbeitsgesellschaft, kapitalistische Klassengesellschaft, industrielle Moderne, bürgerlich-kapitalistische Gesellschaft, funktional differenzierte Gesellschaft)“ (S. 219) ein einheitlicher Bezugspunkt vorliegt, trifft nicht zu. Hier werden die Differenzen in den Gesellschaftsdiagnosen grob fahrlässig verwischt, denn zwischen kapitalistischer Klassengesellschaft, industrieller Moderne und funktional differenzierter Gesellschaft bestehen – auch in den Konsequenzen für die Ausrichtung der Sozialen Arbeit – wesentliche Unterschiede. Die ‚Bürgerliche Gesellschaft‘ als Quelle allen Übels auszugeben, ist schwer zu begründen. Denn

  1. Ist die Bürgerliche Gesellschaft ein Periodenbegriff,
  2. Grenzt diese spezifische Definition andere Analysen aus und
  3. Wird damit ein Bezug zu soziologischen Fachdiskussionen unterbrochen.

Der Begriff mag für bestimmte soziologische Analysen als Periodeneinteilung hilfreich sein, dass er in aktuellen soziologischen Auseinandersetzung eine Rolle spielt, ist nicht zu erkennen. Die Idee, alle sozialen Probleme bei der Bürgerlichen Gesellschaft abzuladen, weil „die von ihr hervorgebrachte soziale Frage“ (S. 224) der Kern allen Übels ist, erschwert, dass Rassismus, Gewalt, Klimakatastrophen, Globalisierung kontextbezogen und differenziert bearbeitet werden können. Wer alles mit einer Antwort erklärt, erklärt nichts. Dies gilt ebenso mit der Ausrichtung an den „…Anforderungen der Lohnarbeitsgesellschaft unter kapitalistischen Marktbedingungen und den damit einhergehenden Normalitätserwartungen …“ (S. 224). Das ist ein viel zu schmaler Ausschnitt, der die Verhältnisse von Mensch und Technik und Mensch und Natur nicht umfasst. Die weltweiten Konflikte, die alle in einer hochgradig vernetzten und digitalisierten Welt Auswirkungen auf nationale soziale Bedingungen und nationale Wohlfahrtslogiken haben, geraten so aus dem Blick.

Neu wurde ein Kapitel (4.5) zur Rekonstruktion der Theorien als Problemkonstruktionen aufgenommen und eine „problemsoziologische Perspektive“ als Leitkategorie benannt. Zunächst, Soziologie kann als wissenschaftlicher Perspektive für die Analyse von gesellschaftlichen Zusammenhängen verstanden werden. Probleme wären dann als Ergebnisse dieser Analysen zu verstehen und nicht als Rahmung, unter der die Analysen zu erfolgen hat. Dieses Muster ist noch in der Formulierung „Soziologie sozialer Probleme“ enthalten, wenn es aber Problemsoziologie heißt, verschwimmt die Unterscheidung und eine Vorab-Bewertung wird leitend. Neben der Schwierigkeit mit den logischen Ebenen hat der Begriff Problemsoziologie die immanente Last, nur unzureichend zwischen einer funktionalistischen und einer konstruktivistischen Interpretation von sozialen Problemen vermitteln zu können.

Dass in den Theorien der Sozialen Arbeit soziale Probleme eine wesentliche Rolle spielen, ist nicht überraschend, und Bezüge auf soziologische Analysen sozialer Probleme lassen sich leicht nachweisen. Dass eine soziologische Perspektive, die unter dem Titel Problemsoziologie zusammengefasst wird, in der Fachdebatte der Sozialen Arbeit eine Rolle gespielt hat, ist empirisch nicht nachweisbar. Eckls Big-Data Analysen der disziplinären Kommunikation der Sozialen Arbeit belegen, dass die Theorien von Habermas, Berger/​Luckmann, Beck, Luhmann die entscheidenden Referenzen für die Interpretation der Gesellschaft zur Verfügung gestellt haben. Die Entscheidung, auf ‚Problemsoziologie‘ als Basisreferenz abzustellen, hat keine Entsprechung im Theoriediskurs der Sozialen Arbeit. Dafür gibt es gute Gründe. Das sogenannte medizinische Modell, ein externer Verursacher, ein Problem (eine Krankheit) und eine Lösungsstrategie (Therapie) wurde bereits in den Siebzigerjahren des letzten Jahrhunderts als unpassend für die Beschreibung der Grundstrukturen der Sozialen Arbeit zurückgewiesen. Die lineare Struktur, die negativen Konnotationen der Klienten, Adressaten und der sozialen Situationen, die Lösungsorientierung an Problemursachen, die fehlende demokratische Rückbindung, das Fehlen eines systematischen Ortes für Parteilichkeit bildeten Schwerpunkte der Kritik. Vor allem aber die Rahmung gesellschaftlicher Prozesse als „Problem“ und die damit korrespondierende Unterstellung einer Strategie zur Problemlösung, über die verfügt werden kann (von wem eigentlich?), galten als inadäquat.

Wer Probleme als kategoriales Grundmuster der Sozialen Arbeit definiert, legt sie auf Unzulänglichkeit und Scheitern fest. Die Soziale Arbeit derart einzugrenzen, macht sie von entsprechenden Definitionsprozessen abhängig und richtet sie auf das Dilemma aus, dass viele Problemlösungskonzepte politischer, rechtlicher, ökonomischer, bildungsmäßiger, wissenschaftlicher, religiöser und familiärer Art sind und sich außerhalb des direkten Einflusses der Sozialen Arbeit befinden. Die Themen der Anschlussfähigkeit zu diesen Akteuren, den Ressourcen und den sozialen, sachlichen, zeitlichen und räumlichen Dimensionen liegen logisch und praktisch außerhalb des Formats „Probleme“. Die problemsoziologische Perspektive tut sich logisch und praktisch schwer, die problemfreien und alternativen Bereiche zu erfassen. Dies lässt sich leicht an den Themen Gender oder Digitalisierung nachvollziehen. Wer diese Themen als „Problem“ fasst, wird sie grundsätzlich verfehlen. Wie soll es z.B. möglich sein, unter dem Leitbegriff Problemsoziologie Beiträge dazu zu leisten, wie eine zivilgesellschaftliche Neuorientierung des Sozialstaates, Geschlechtergerechtigkeit, Partizipation und das Verhältnis von Identitätspolitiken und Sozialem zu beeinflussen ist? Oder dass Prozesse der demokratischen und ethischen Abstimmung in der Sozialen Arbeit besser nicht als Probleme aufzufassen sind. Soziale Arbeit positioniert sich in vielen Konzepten und Theorien nicht reaktiv, sondern aufgrund ihrer besonderen Nähe und Mitverantwortung für soziale Prozesse aktiv. Eine Voreinstellung auf soziale Probleme, bei der die Soziale Arbeit darauf angewiesen wäre, dass die Sozialpolitik oder andere gesellschaftliche Akteure diese Definitionen zunächst vorzunehmen hätten, wäre ein disziplinärer und professioneller Rückschritt.

Schlussbetrachtung

In der Schlussbetrachtung werden zunächst Gemeinsamkeiten der Theorien bestimmt:

  1. „Alle Theorien beziehen sich auf die bürgerliche Gesellschaft und die von ihr hervorgebrachte Soziale Frage“ (S. 224). Diese Feststellung ist aufgrund der im Buch repräsentierten 14 Theorien nicht nachvollziehbar (ganz zu schweigen von den aktuellen Diskursen). Weder den an traditionellen marxistischen Positionen ausgerichteten Theorien, noch denjenigen, die sich auf Habermas, Beck oder Luhmann beziehen, wird man mit dieser Beschreibung gerecht.
  2. Soziale Arbeit ist die institutionalisierte Lösung für soziale Probleme. Dies passt zwar zur besonderen Definition der Sozialer Arbeit von Hammerschmidt/Aner - verkürzt sie aber auf Probleme und blendet ihre Beiträge für die demokratischen Grundlagen und die soziale Integration, zu Bildungsprozessen, zu sozialen Veränderungen sowie ihren eigenständigen sozialwissenschaftlichen Leistungen aus.
  3. Alle Theorien setzen sich „… mehr oder weniger deutlich mit den Anforderungen der Lohnarbeitsgesellschaft unter kapitalistischen Marktbedingungen und den damit einhergehenden Normalitätserwartungen auseinander“ (S. 224). Diese Beschreibung kann nur für die ausgewählten Theorien aus den 70er- und 80er-Jahren gelten – für die aktuellen Debatten in der Sozialen Arbeit ist die Zusammenfassung nicht angemessen.
  4. Soziale Probleme sind Bestandteil aller Theorien. Als Bestandteile von Theorien sind Probleme (in sehr unterschiedlichen Bedeutungen) nachweisbar – den Charakter eines kategorialen Bausteins für alle Theorien haben sie nicht.
  5. Alle Theorien sind mit zeitgeschichtlichen und wissenschaftlichen Konjunkturen verbunden. Dem kann uneingeschränkt zugestimmt werden.

Die Schlussbetrachtungen unterliegen einer linearen Kette: Die soziale Frage (Folge der bürgerlichen Gesellschaft), findet in der Sozialpolitik ihre Antwort. Diese wiederum rahmt die Soziale Arbeit in ihren „(sozialpädagogischen Teil-) Antworten“ und institutionalisierten Lösungen (S. 224). Diese Verkürzungen bilden keineswegs einen gemeinsamen Kern der Theorien der Sozialen Arbeit, nicht mal der präsentierten Auswahl. Mit dieser Stufenfolge von Abhängigkeiten lässt sich keine disziplinäre und professionelle Eigenständigkeit der Sozialen Arbeit plausibilisieren – nur die Definition der Sozialen Arbeit von Hammerschmidt/Aner.

Am Ende des Buches (S. 225) werden zwei theoretische Zukunftsperspektiven geboten, repräsentiert durch Khella und Holzkamp. Unklar ist, warum Khella eine solche Bedeutung bekommt. Wurde seine Theorie noch bei ihrer Darstellung auf S. 103 folgendermaßen kritisiert: „Theorieimmanent betrachtet kann auch Khellas Sozialarbeit von unten nur als Reparaturbetrieb des Kapitalismus fungieren.“ Völlig anders am Schluss des Buches, jetzt wird sie zu einer kritischen Wissenschaft hochstilisiert, die über eine Kritik der Gesellschaft hinausweist, weil sie explizit die Verstrickung der Sozialen Arbeit zur Stabilisierung sozial ungleicher Verhältnisse thematisiert. Das machen viele andere der dargestellten Theorien auch, die systemischen Ansätze bieten darüber hinaus differenzierte Theorien zum Thema Rückbezüglichkeit. Khellas Ansatz war die praktische Übertragung des ‚zeitgenössischen‘ Forderungsmusters linker Gesellschaftskritik: „Revolution von unten“. Inzwischen distanziert er sich von seinen marxistischen Grundlagen. An ihm wird nicht kritische Wissenschaft deutlich, sondern, dass Absichten und moralisch hochwertige Ziele noch keine Auskünfte darüber ergeben, wie strukturelle Veränderungen und die Bedingungen für angestrebte Möglichkeiten erreicht werden können. 

Dazu passen die weiteren Hinweise, die Chancen und Restriktionen der Sozialen Arbeit könnten unter Rückgriff auf die Kritische Psychologie von Holzkamp diskutiert werden. So sei die gemeinschaftliche Verfügungserweiterung der Klienten zwar anzustreben, sie sei aber „… in der Regel eben nicht Auftrag der Sozialen Arbeit …“ (S. 225). Für diese Zielsetzung wird dem Ansatz von Holzkamp eine perspektivische Bedeutung zugeordnet. Notwendig dafür sei eine „überindividuelle Gegenmacht“ (S. 225), die aus dem Zusammenschluss mit anderen erlangt werden soll. In welchem Maße Soziale Arbeit in der Geschichte dazu beigetragen hat, eine gemeinschaftliche Verfügungserweiterung zu erreichen und wie sie es aktuell tut und diskutiert, wird mit diesem Hinweis weder gewürdigt noch theoretisch erschlossen. Für ein Buch, dass sich mit Theorien beschäftigt, ist es erstaunlich, dass radikale Forderungen mit Problemlösungen gleichgesetzt werden. Eine Strategie, mit der die Wahrscheinlichkeiten von negativen Folgen steigen – ein Kernthema professioneller Beratungsansätze.

Der vorangestellte Anspruch, eine Übersicht über die zeitgenössischen Theorien der Sozialen Arbeit zu bieten, wird nicht eingelöst. Die Mehrzahl der präsentierten Theorien ist über 30 Jahre alt und vor einem völlig anderen gesellschaftlichem Kontext entstanden. Die Listenstruktur erschwert es, disziplinäre und professionelle Bedeutung zu erfassen und die neu hinzugefügten Listen erhöhen die Schwierigkeiten der Publikation. Die Ausrichtung an einer Vorstellung der Gesellschaft als Einheit, an Problemen, die einer bürgerlichen, kapitalistischen Grundstruktur entspringen, bedeuten inadäquate Verkürzungen. Die Reduktion der Sozialen Arbeit auf eine Ableitung der Sozialpolitik, mit überwiegend pädagogischem Format, entspricht nicht ihrer Geschichte, stellt keinen theoretischen Konsens dar und widerspricht dem Selbstverständnis und den leitenden Definitionen der Sozialen Arbeit. 

Vor allem: Die aktuell relevanten Theorien und theoretischen Diskussionen werden nicht angemessen erkennbar. Mit welchen theoretischen Reflexionen aus und für die Soziale Arbeit zu den gesellschaftlichen Entwicklungen wie Klimakatastrophen, Digitalisierung, Globalisierung und gesellschaftlicher Spaltung Antworten gesucht werden, ist nicht ersichtlich. Die Reanimation radikaler Theorieversuche aus den 70er- und 80er-Jahren des letzten Jahrhunderts über die Soziale Arbeit sind in der präsentierten Form nicht hilfreich.

Fazit

Ein Buch, das auf die aktuellen Erfordernisse und Interessen nach schnellen Überblicken reagiert. Es korrespondiert zur Zeitknappheit und zur begrenzten Bereitschaft, sich in Theorien einzudenken. So bietet dieses Buch vorwiegend Entlastungen, Urteile über Theorien und begrenzte, selektive Einblicke und Hinweise. Das Buch von Hammerschmidt/Aner ist für das Verständnis der Theorien der Sozialen Arbeit nicht empfehlenswert. 

Rezension von
Prof. Dr. Wilfried Hosemann
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Es gibt 23 Rezensionen von Wilfried Hosemann.

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Zitiervorschlag
Wilfried Hosemann. Rezension vom 11.05.2023 zu: Peter Hammerschmidt, Kirsten Aner: Zeitgenössische Theorien der Sozialen Arbeit. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2022. 3. Auflage. ISBN 978-3-7799-6798-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/29245.php, Datum des Zugriffs 16.06.2024.


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