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Martin Becker, Michael N. Ebertz u.a. (Hrsg.): Qualitätsstandards für Gemeinwesenarbeit

Rezensiert von Prof. Dr. Christian Schröder, 10.05.2022

Cover Martin Becker, Michael N. Ebertz u.a. (Hrsg.): Qualitätsstandards für Gemeinwesenarbeit ISBN 978-3-86628-740-2

Martin Becker, Michael N. Ebertz, Werner Nickolai, Martin Becker (Hrsg.): Qualitätsstandards für Gemeinwesenarbeit. Kritische Diskussion und Empfehlungen. Hartung-Gorre (Konstanz) 2022. 242 Seiten. ISBN 978-3-86628-740-2. D: 29,80 EUR, A: 30,70 EUR.
Reihe: MenschenArbeit. Freiburger Studien - 42
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Thema

Die Fragen nach Sinn und Zweck von Qualitätsentwicklung in der Gemeinwesenarbeit steht im Mittelpunkt dieses Bandes. Zu diesem Zweck wird der aktuelle Stand der Debatte um Qualität in der Sozialen Arbeit und insbesondere in der Gemeinwesenarbeit dargestellt und kritisch evaluiert. Die entwickelten Empfehlungen sollen eine Diskussionsgrundlage für Praktiker*innen und politisch Verantwortliche bilden.

Aufbau und Inhalt

Das Buch ist neben der Einleitung in sieben Kapitel unterteilt.

In der Einleitung wird noch einmal auf den Anlass des Buches verwiesen, „der virulenten Diskussion über Qualitätsstandards fundierte Erkenntnisse über Qualitätsentwicklung im Allgemeinen und die besonderen Kontextbedingungen der Sozialen Arbeit in und mit Gemeinwesenarbeit beizusteuern“ (S. 14). Die ersten beiden Kapitel 1 und 2 beschäftigen sich zunächst mit Begriffsklärungen.

In Kapitel 1 wird Qualität als sozialer Aushandlungsprozess unterschiedlicher ‚Stakeholder‘ (u.a. Fachkräfte, Auftraggeber, Adressat*innen) definiert. Sie hängt letztlich zusammen mit dem Verständnis von Organisation und dem dazu gehörigen Menschenbild, aus dem sich wiederum eine Vorstellung von Qualitätsentwicklung bestimmen lässt. Wird Organisation als Ablauf technischer Abläufe verstanden, geht es beispielsweise um die detaillierte Planung von Handlungsabfolgen, durch die Qualität als Standard sichergestellt wird. Eine Organisation, die als komplexes System betrachtet wird, bestimmt Qualität hingegen als Austarieren von Menschen, den Einsatz von Technik und der Organisation von Arbeitsabläufen, um jeweils flexibel auf Situationen regieren zu können.

Kapitel 2 verhandelt den Begriff der Gemeinwesenarbeit in historischer Perspektive. Letztlich votiert der Autor für ein Verständnis von Gemeinwesenarbeit „als Handlungsfeld Sozialer Arbeit ‚in und mit Gemeinwesen‘" (S. 55, Herv. i. O.).

Kapitel 3 stellt die (Sinn-)Frage danach, ob es überhaupt notwendig und sinnvoll ist, Qualitätsstandards für die Gemeinwesenarbeit zu entwickeln. Die Managerialisierung in der Sozialen Arbeit wird in diesem Zusammenhang kritisch hinterfragt. Allerdings argumentiert der Autor, dass unter Berücksichtigung ihrer Prämissen und Besonderheiten Gemeinwesenarbeit durchaus von Qualitätsentwicklung profitieren könne.

Kapitel 4 thematisiert die für Qualitätsentwicklung in der Gemeinwesenarbeit notwendigen fachwissenschaftlichen Grundlagen. Diese werden nach konzeptioneller Ausrichtung, raumtheoretischen und stadtsoziologischen Erkenntnissen sowie den ‚Einflussfaktoren‘, die aus statistischen Daten des Gebietes, in dem die Gemeinwesenarbeit tätig wird, herausgearbeitet werden.

In Kapitel 5 werden die professionsbezogenen Grundlagen skizziert. Dazu wird ein Exkurs zum Begriff der Kompetenz und der Kompetenzvermittlung an Hochschulen in der Sozialen Arbeit und dann bezogen auf die Gemeinwesenarbeit vorgenommen. Gerade die vorliegenden Papiere zu Qualitätsstandards für die Gemeinwesenarbeit, die von Landes- und Bundesarbeitsgemeinschaften, vorlegt wurden, werden hinsichtlich der „gravierenden Unschärfen“ bei den verwendeten Begrifflichkeiten und den „konzeptionellen Strukturschwächen, die einer auf fachlichen Grundlagen basierten Standardentwicklung entgegen stehen“, kritisch betrachtet (S. 173). Das Kapitel endet mit einer Vorstellung der Aufgabendimensionen und Kompetenzanforderungen an Fachkräfte der Gemeinwesenarbeit, die als Grundlage für die (Weiter-)Entwicklung von Qualitätsstandards behilflich sein sollen.

Kapitel 6 formuliert schließlich Thesen und Empfehlungen für Qualitätsstandards, die für weitere Austausch- und Aushandlungsprozesse eine Grundlage bilden sollen.

Abschließend werden in Kapitel 7 Methoden zur Qualitätsbestimmung knapp umrissen, die vor allem aufzeigen, wie komplex eine Operationalisierung von Tätigkeiten in der Gemeinwesenarbeit und deren Evaluieren nach Qualitätsmaßstäben ist.

Diskussion

Das Buch liefert einen wertvollen Beitrag zur Debatte rund um die Qualitätsentwicklung Sozialer Arbeit in und mit Gemeinwesenarbeit. Die Lektüre des Buches weist allerdings einige Längen auf. So nachvollziehbar die systematische Auseinandersetzung mit begrifflichen Klärungen auch erscheint, ist sie doch, m.E. zum Teil etwas zu kleinteilig in der lexikalischen Darstellung. Der Eindruck von Langatmigkeit in der Entwicklung der Argumente, stellt sich jedoch vor allem deshalb ein, da vor jedem Kapitel eine Zusammenfassung und nach jedem Kapitel ein zusammenfassender Ausblick erfolgt. Auch wenn dies den Vorteil hat, auch nur selektiv bestimmte Kapitel zu lesen, macht es die gesamte Lektüre (von vorne bis hinten) des Buches etwas mühsam. Teilweise sind zudem die Kapitel bei der ausführlichen Vorstellung von Papieren m.E. zu nah am Text und zu wenig in einen klaren Argumentationszusammenhang eingebettet. Obgleich die kritische Würdigung der bis dato vorgelegten Dokumente zu den Qualitätsstandards sich stellenweise wie ein ‚Abrechnung‘ liest, werden daraus auch gute Empfehlungen für die weitere Diskussion abgleitet. So findet sich insgesamt eine gelungene Mischung zwischen den formulierten Qualitätsstandards und den noch nicht zu Ende gedachten und daher noch weiter zu entwickelnden Gedanken zur Qualität Sozialer Arbeit in und mit Gemeinwesenarbeit.

Fazit

Der Band führt in die Diskussion rund um die Entwicklung von Qualitätsstandards für die Gemeinwesenarbeit ausführlich ein. Mit der grundsätzlichen Frage danach, ob es überhaupt sinnvoll und notwendig ist, sich damit zu beschäftigen, eröffnet der Autor einen Begründungszusammenhang der verdeutlicht, unter welchen Grundannahmen und begrifflichen Verständnissen von bspw. Qualität, diese Debatte sinnvoll geführt werden kann. Den aktuell vorliegenden fachlichen Qualitätsstandards wird insbesondere vorgeworfen, diese begriffliche Klärung und theoretische Einordung zu missen. Dies wird vom Autor systematisierend dargestellt, um sodann die Debatte um Qualitätsstandards mit thesenartig formulierten Vorschlägen weiterführen zu können. Allerdings bleiben dabei auch noch viele Fragen offen: Wie sollte Qualität als sozialer Aushandlungsprozess praktisch gestaltet werden? Wie sehen Organisationen konkret aus, die sich als lernende Organisation verstehen und sich entsprechend situativ an Menschen, Ereignissen etc. anpassen können? Wie können Organisationen einerseits Qualität als Standard umsetzen und zugleich die Autonomie und Spielräume qualifizierter Fachkräfte garantieren? Wie ist in diesem komplexen Handlungsfeld überhaupt eine Operationalisierung von Tätigkeiten möglich, die dann als Qualitätsstandards evaluiert werden können? Gerade das Spannungsfeld zwischen einerseits Qualitätsstandards und konkreter Messbarkeit und andererseits professioneller Autonomie und agil-agierender Organisation bleibt m.E. ungelöst und im Band zu wenig verhandelt. Zugleich bittet das Buch eine fundierte Grundlage und auch einen Anlass, sich mit der Sozialen Arbeit in und mit Gemeinwesenarbeit auf dem Hintergrund dieser Debatte (wieder) auseinanderzusetzen.

Rezension von
Prof. Dr. Christian Schröder
Methoden der Sozialen Arbeit an der Hochschule für Technik und Wirtschaft des Saarlandes, Fakultät für Sozialwissenschaften
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Es gibt 8 Rezensionen von Christian Schröder.

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Zitiervorschlag
Christian Schröder. Rezension vom 10.05.2022 zu: Martin Becker, Michael N. Ebertz, Werner Nickolai, Martin Becker (Hrsg.): Qualitätsstandards für Gemeinwesenarbeit. Kritische Diskussion und Empfehlungen. Hartung-Gorre (Konstanz) 2022. ISBN 978-3-86628-740-2. Reihe: MenschenArbeit. Freiburger Studien - 42. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/29256.php, Datum des Zugriffs 24.05.2022.


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