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Ralf Bohnsack, Vera Sparschuh: Die Theorie der Praxis und die Praxis der Forschung

Rezensiert von Prof Dr. Frank Schulz-Nieswandt, 09.05.2022

Cover Ralf Bohnsack, Vera Sparschuh: Die Theorie der Praxis und die Praxis der Forschung ISBN 978-3-8474-2603-5

Ralf Bohnsack, Vera Sparschuh: Die Theorie der Praxis und die Praxis der Forschung. Ralf Bohnsack im Gespräch mit Vera Sparschuh. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2022. 202 Seiten. ISBN 978-3-8474-2603-5. D: 39,00 EUR, A: 40,10 EUR.
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Kartei-Nr. 9315052

Thema

Mit dem Buch liegt ein in der Verlaufsform biographisch strukturiertes Fachgespräch zwischen Ralf Bohnsack und Vera Sparschuh vor. Das Buch leistet eine fachliche Einführung in die Dokumentarische Methode des praxeologischen Wissenssoziologie der Bohnsack-Schule und ist zugleich eine Erzählung von Episoden und Ereignissen aus der akademischen Laufbahn von Bohnsack. Mit biographischer Strukturierung ist gemeint die Art und Weise der Darstellung: „in einem lockeren Rahmen chronologisch“, orientiert „an der Entwicklung von Bohnsack in Ausbildung und Beruf“ (Vorwort: S. 7). Die Dialogstruktur ist mit Blick auf die Ausdrucksqualität des Gesprächs geglättet und liefert nicht das gesprochene, sondern das (im Sinne von Styling und Designing) textkorrigierte Format, und der Text wird dadurch gut lesbar.

Autor und Autorin

Ralf Bohnsack ist Professor an der Freien Universität Berlin, dort Fachbereich Erziehungswissenschaft und Psychologie, Arbeitsbereich Qualitative Bildungsforschung; Vera Sparschuh ist Professorin an der Hochschule Neubrandenburg, dort Fachbereich Soziale Arbeit, Bildung und Erziehung.

Entstehungshintergrund

Im Vorwort (S. 8) wird auf gemeinsame grundlagentheoretische und methodische Annahmen von Bohnsack und Sparschuh verwiesen, aber auch auf Spannungen westdeutscher (Bohnsack) und ostdeutscher (Sparschuh) Sozialisationserfahrungen, insbesondere in Bezug auf die jeweiligen Universitätskulturen als Raum von Erlebniserfahrungsgeschehen und ihrer Reflexionen. Die genauen Entstehungszusammenhänge und vor allem auch die Bedeutung der Andeutung der Spannungen bleiben dem Rezensenten verschlossen.

Aufbau

Der Text ist infolge der biographischen Verlaufsstruktur nicht numerisch gegliedert, sondern reflektiert Theorie- und Praxisthemen und die dortigen Probleme weitgehend entlang des Lebenslaufes von Bohnsack. Natürlich gibt es in der Erzählstruktur immer wieder sinnvolle Vorgriffe und Rückgriffe.

Die ersten beiden Kapitel (S. 9–14; S. 14–16) sind (kurze und dichte) theoretisch-methodologische Grundlagenabschnitte. Die autobiographischen Erzählpassagen sind außerordentlich spannend, sollen aber in der vorliegenden Besprechung nicht näher aufgegriffen werden. Mit Praxis meint Bohnsack den Alltag der Menschen. Daher wird zunächst die erste Hälfte des Buchtitels – „Die Theorie der Praxis“ – die Frage einer Wissenschaft von der Rekonstruktion des Alltags aufgegriffen und diskutiert. Später dann geht es vor allem auch um die Erzählung der Entwicklungen, die die zweite Hälfte des Buchtitels – „und die Praxis der Forschung“ – betreffen. Dabei gehen wir nicht auf alle angesprochenen Aspekte ein: etwa auf Triangulation (S. 74 f., S. 120 f.), Transdisziplinarität (S. 89), Videoanalyse (u.a. S. 96) u.a.m. (das Buch besitzt ein Sachregister: S. 195–200, auch Anmerkungen: S. 160–173 sowie ein Verzeichnis der in den Anmerkungen zitierten Literatur: S. 175–193). Im hinteren Teil flechten sich aber immer mehr methodologische Dimensionen in die Erzählstruktur ein. Die forschungspraktischen Aspekte sind insofern eingebettet in einem methodologischen Reflexionscharakter des Dialoges.

Inhalt

Die Inhaltsdarlegung soll infolge der nicht-systematischen, sondern chronologisch geordneten narrativen Erzählstruktur in bestimmten Schritten gegliedert werden.

Erster Schritt

Der erste Abschnitt (S. 9–14) ist übertitelt mit „Die Logik der Praxis und der »Bruch« mit dem Common Sense“. Bohnsack geht in diesem Eröffnungsabschnitt in durchaus radikaler Weise auf Distanz zur theoriegeleiteten rationalistischen Wissenschaftstheorie. Der zweite Abschnitt (S. 14–16) legt theoretische Aspekte der praxeologischen Wissenssoziologie dar.

Bohnsack betont einerseits eine deutliche Nähe (ähnlich, aber schwächer bei Ulrich Oevermann in seiner Objektiven Hermeneutik) zur kritischen Praxeologie von Pierre Bourdieu (partiell auch zu Michel Foucault: S. 44), und distanziert sich auch nicht in seiner weiteren Entwicklung (S. 15 f.) von ihm (wie Oevermann), sondern hat hier einen bleibend relevanten Bezug, wenngleich auch bei Bohnsack diese Sozialtheorie zu abstrakt (S. 14) erscheint und weit weg sei vom Alltag der Menschen in ihrer, wie noch zu thematisieren sein wird, performativen Logik, der erforscht werden soll (S. 9). Die abstrakte Theorie findet „keinen Zugang zur Logik der Praxis“ (S. 9). Für Bohnsack dient die Methodologie und die Forschungspraxis der Dokumentarischen Methode jenseits „der Verpflichtung auf das Dogma der Hypothesenprüfung“ (S. 11) vor allem der Theoriebildung mit Betonung auf »Bildung«, wobei noch zu klären sein wird, welcher Theoriebegriff hier vorliegt. Wir werden dies als »mikrologischen« Blick bezeichnen. Bohnsack wendet sich gegen die „theoretischen Theorien“ (S. 12), die die soziale Wirklichkeit theoretisieren, aber nicht die Theorie aus der Praxis heraus – dies ist mit »Bildung« gemeint – entwickeln. Das rationalistische Paradigma der Theorie sei deduktiv und beruhe auf einer präpositionalen Logik, nicht auf der performativen Logik des Alltags. Es geht, so Bohnsack, nicht um eine wissenschaftliche Verdoppelung des Common Sense des Alltags (S. 12), sondern um seine Problematisierung durch Rekonstruktion der performativen Logik der sozialen Wirklichkeit. Dies sei der Weg zur Theoriebildung durcheine rekonstruktive Sozialforschung praxeologischer Art (S. 31).

Zweiter Schritt

Die methodologische Entwicklung und die Forschungspraxis in der Lebensphase vom Studium bis zur Habilitation werden sodann in den 7 Kapiteln entfaltet (S. 16–55).

Diese Querlage zur Replikation des Commons Sense bestimmt einerseits die Einfügung in eine Traditionslinie, die zur Ethnomethodologie führt (schon das Thema der Diplomarbeit von Bohnsack: S. 13 sowie S. 22 ff.), andererseits das – allerdings ambivalente – Interesse an der Systemtheorie von Niklas Luhmann, dessen Werk quer liegt zur handlungssoziologischen Theorie zweckrationaler Akteure des Alltags (S. 13). Positiv hebt Bohnsack daher die Theorie des Habitus durch ihre Nähe zur Theorie performativer Logik hervor (S. 14). Die performative Logik der Alltagspraxis lässt den Blick mikrologisch auf das konkrete Individuum richten, denn aus der Praxis heraus wird die soziale Wirklichkeit generiert. Dieses Interesse an der Hermeneutik des Subjekts führt zu einem Interesse an dem Innenraum des Menschen im Sinne zu Sigmund Freud, ein Zugang, der sich später zugunsten des soziologischen Interesses an „Gruppen, Milieus, Ethnien und Kulturen“ (S. 18) verflüchtigte. Das frühe Interesse an Strategien der »Verführung des Individuums durch die Werbung« (S. 18; vgl. auch S. 62) zeigt aber die Schnittstelle an, die von Bedeutung ist und die als theoretischer Elementarbaustein des vergesellschafteten Subjekts zu bezeichnen ist. Nicht individuelle, sondern kollektive – das meint: kollektiv geteilte – Biographien von Generationen (auch darüber schrieb bekanntlich Karl Mannheim) und Milieus sind zunehmend in das Zentrum der Dokumentarischen Methode gerückt (S. 18). Anders als die Oevermann-Schule führt, wie wir zur Veranschaulichung meinen, die Typusbildung in der Fallrekonstruktion zur Analyse, was Ludwik Fleck epistemische Gemeinschaften kollektiver Denkstile bezeichnen konnte. Die autobiographischen Erzählungen (wirklich spannend seine [begrenzten: S. 49] habituellen Selbstanalysen mit Blick auf die Probleme des Zugangs zur akademischen Welt infolge seiner Sozialisation als Bildungsaufsteiger im Sinne der aktuell so benannten »Generation First«: S. 38 ff.) plausibilisieren diese Orientierungsausrichtung. Interessant ist ferner z.B. der Verweis auf Norbert Elias (S. 21). Bohnsack sieht die rekonstruktive Sozialforschung der Dokumentarischen Methode jenseits von empirieloser Theorie und theorieloser Empirie (S. 31). Die Kritik trifft sowohl Theorien mittlerer Reichweite wie auch den Marxismus. Anomietheoreme oder Theoreme der Übergangssituation können, so Bohnsack exemplarisch, relevant sein, aber dies könne man erst wissen im Lichte erster rekonstruktiver Zugänge zur Alltagswelt der erforschten Alltagsmenschen (S. 32). Es geht nicht, so Bohnsack (S. 34), um Theoriefeindlichkeit, sondern um Offenheit und „radikale empirische Vergewisserung“ (S. 34). Das geht so weit, dass Bohnsack sogar die Sprengung Kant‘scher transzendentaler Erkenntnis durch selbstreflexive Rekonstruktion der (wissenschaftlichen) Rekonstruktion der (alltagspraktischen) Rekonstruktion sozialer Wirklichkeit zum Thema macht (S. 44 f.). Das ist schon der Weg zur radikalen Wissenssoziologie, die erkennt, dass auch das transzendentale Subjekt, wenn es nicht nur eine Idee der reinen Vernunft sein soll, »vergeschichtlicht« ist im Sinne der Vergesellschaftung des Subjekts in seiner kreativen Mimetik der Faktizität sozialer Wirklichkeit (S. 45 f.). Philosophisch ist es interessant, dass Bohnsack in diesem Zusammenhang von eigener „Standortgebundenheit oder Seinsverbundenheit“ (S. 60; kursiv auch im Original) – also nicht nur einen Begriff aus der Mannheim-Rezeption, sondern auch aus der Existenzphilosophie von Martin Heidegger nutzend – spricht.

Dritter Schritt

Die weiteren 13 Kapitel (S. 55–140) erzählen, methodologisch reflektiert und immer wieder an den durchgeführten Forschungsprojekten expliziert, die weitere Forschungsgeschichte von Bohnsack und seiner Schule (bis hin zu internationalen Rezeptionen: S. 127–130).

Es wurde bereits angesprochen, dass es Typus-bildungstheoretische Unterschiede zur Oevermann-Schule gibt. Auf der Suche nach milieuspezifischen Typen wird Bohnsack mit dem Phänomen der mehrdimensionalen Typik – wiederum mit Blick auf die Frage nach der Überlagerung ökonomischer und z.B. gender- oder generationenspezifischer Typen in der Theorie von Pierre Bourdieu – konfrontiert (S. 56 f.). Methodologisch ist eine solche Rekonstruktion an einer spezifischen Art und Weise von Gesprächsanalyse (in Gruppendiskussionen) gebunden (vgl. auch S. 126 f.), die Bohnsack als Analyse der „Diskursorganisation“ im Sinne einer „Formalstruktur der Diskurse“ (S. 61) bezeichnet. Im Kontext seiner Rezeption der Soziologie von Karl Mannheim geht es ihm hierbei um die kollektiven Orientierungen, nicht um individualisierte und in diesem Sinne isolierte Deutungsmuster und handlungsperformative Dispositionen. Aber derartige komparative Gruppendiskussionsanalysen (S. 61), in denen selbst wiederum Typen von Diskursordnungen erkannt werden können, liegen methodologisch außerhalb des Forschungsweltbildes der Objektiven Hermeneutik, die letztendlich immer nur (Wort für Wort nahe am Text) am Einzelfall (als Fallrekonstruktion) arbeitet. Die Unterscheidungen von parallelisierenden, oppositionellen und antithetischen Diskursorganisationen (S. 61; kursiv auch im Original) sind besonders instruktiv. (Es wäre interessant, hier mögliche Beziehungen zur Schismogeneseanalyse bei Gregory Bateson und zu systemischen Aufstellungsanalysen zu klären.) In diesem Sinn ist die Dokumentarische Methode auch den Weg gegangen, die institutionelle Meso-Ebene von Organisationen (wie z.B. Krankenhäuser) typologisch zu fassen (S. 94 f.). Verweist uns dieser Blick auf eine analytische Mehr-Ebenen-Unterscheidung vertikaler Art, so ist, wenn man so will: in horizontaler, also auf allen Ebenen eingelassener Perspektive die Vielfalt der Textsorten eine Öffnung der Dokumentarischen Methode zu vielerlei Formen von Materialien als Ausdrucksformen von Praktiken erkennen. Hier ist das Stichwort der ikonischen Analyse anzuführen (S. 103). Dies hat zu einer breiten und tiefen Öffnung hin zur praxeologisch-wissenssoziologischen Bildhermeneutik geführt (S. 112 ff.) Hier verweisen wir auf die für das Denken von Bohnsack relevante Ikonographie und Ikonologie in der Tradition von Erwin Panofsky und Max Imdahl. Dabei ist das Spektrum des Materials breit: von der Kunstgeschichte bis hin zur praktischen Fotographie (S. 121 f.), zu Videos und zu Filmen (S. 122 ff.).

Im Kontext der Frage, was ein Typus sei, findet sich bei Bohnsack die Formulierung „Prozesse der Erlebnisverarbeitung und Stilen“ (S. 59). Bohnsack interessiert sich letztendlich nicht für individuelle latente Sinnstrukturen im Konflikt mit der Oberfläche der manifesten Sinnstrukturen, sondern für milieu- oder andersartige kollektivierte spezifische Bedeutungszusammenhänge. „Je mehr wir über die Oberflächenstrukturen des Common Sense hinausgehen, desto mehr müssen wir den Zugang methodologisch begründen.“ (S. 62) Auch dann, wenn es um die Tiefe im Individuum geht, so geht es doch um das Verstehen der »Faltung« als Einschreibung der Kultur des Sozialen in das Subjekt, das daraus wiederum performativ die eigene Ausdrucksgestalt generiert. Hier, an diesem Punkt, wird die Differenz zur Objektiven Hermeneutik deutlich (S. 62 f.). Sehr instruktiv – angesichts der nicht nur für Studierende komplexen (d.h.: undurchsichtigen) Landschaft der qualitativen Methodenrichtungen ist die Sicht von Bohnsack, die interpretative Richtung (Alfred Schütz und der symbolische Interaktionismus) von der Praxeologie und in Bezug auf diese wiederum die rekonstruktiv-praxeologische Richtung zu unterscheiden (S. 68). Nur dieser Ansatz ist in der Lage, die Bourdieu’sche Idee empirisch zu rekonstruieren: den Kreislauf von kollektiv geteilten Einschreibung, kollektiv geteilter Habitusbildung, kollektiv geteilter habitueller Generierung sozialer Praktiken: Gemeint sind „kollektive Orientierungen“ im Sinne von Habitus, „die ihre Genese in Gemeinsamkeiten der gesellschaftlichen Lagerung der Beteiligten, also in gesellschaftlichen konjunktiven Erfahrungsräumen oder Milieus haben und (…) dort aktualisiert werden“ (S. 69). (Angemerkt sei hier: Den Begriff der Lagerung sowie den Begriff der Generationenlagerung finden wir auch in der wissenssoziologischen Studie von Karl Mannheim zum Phänomen der Generationen.) Es geht also um die „Strukturen, die sich im Verlauf der Geschichte des Interaktionssystems oder der Gruppe als interaktive konjunktive Erfahrungsräume herausbilden, um dann reproduziert zu werden“ (S. 69). Insofern würde die rekonstruktive Praxeologie vermitteln „zwischen konstruktivistischer und objektivistischer Perspektive“ (S. 72). Um es auf den Punkt zu bringen (vgl. S. 72 f.): Wenn Individuen soziale Wirklichkeit konstruieren (was Bohnsack in Bezug auf Alfred Schütz einen Subjektivismus des subjektiv gemeinten Sinns bezeichnet: S. 73), dann ist ihre Art und Weise der sozialen Konstruktion selbst in sozial codierter Form konstruiert, weil sich die Drehbücher der Konstruktionspraxis skriptartig in die Subjekte eingeschrieben haben. Diesen Kreislauf der Grammatik der Kultur des Sozialen nicht zu modellieren, also auszuklammern, würde bedeuten, den Konstruktivismus einerseits zu radikalisieren, andererseits zu „halbieren“ (S. 72). Vor diesem Hintergrund ist die Kontrastbildung durch Komparatistik die geeignete Methode, um eine subjektivistische Hermeneutik zu überwinden, und um „Gemeinsamkeiten“ als „Grundprinzip der Typenbildung“ (S. 74) zu verstehen.

Und vor diesem Hintergrund werden auch die Differenzen zur neueren kulturwissenschaftlichen Performativitätsforschung bei Christoph Wulf u.a. (etwa in Bezug auf die sog. historische Anthropologie: S. 107 ff.) deutlicher: „So ist das Verständnis des Performativen in der Praxeologischen Wissenssoziologie beziehungsweise Dokumentarischen Methode nicht primär eines der Inszenierung oder Selbststilisierung, also nicht primär ein Darstellungsmodus, eine Praxis des Theatralischen.“ (S. 108) Vielmehr geht es um eine tiefere Ebene, die existenzieller Art in der Alltagspraxis ist, und die verstehen lässt, warum und wie es zu der spezifischen Form der performativen Ausdrucksgestaltung kommt. Es gibt also Skripte und Drehbücher der Alltagsdramatik, die die performative Kreativität – über die (im Sinne vermittels der) Subjekte – selbst erst codierend generiert. Das ist die Differenz zwischen der Mannheim‘schen Tradition der Soziologie einerseits und des Subjektivismus des Performativen andererseits. Im gewissen Sinne geht es um Bedingtheit und Unbedingtheit der Konstruktion sozialer Wirklichkeit. Analoges gilt sodann für die Ritualanalysen (S. 108). In diesem Sinne differenziert Bohnsack (S. 135) zwischen „performativer Performanz“ und „proponierter Performanz“ (auch im Original kursiv). Dabei können auch Widersprüche und Konflikte zwischen Norm und Habitus aufgedeckt werden (S. 135). Imaginationen und tatsächliches Tun fallen oftmals „notorisch“ auseinander: Es kommt zum Konflikt zwischen Propositionen und Performativitäten (S. 136). Insgesamt betrachtet grenzt sich Bohnsack mit Blick auf die neueren kultur- und sozialwissenschaftlichen Performativitätsforschungen aber von der zeichentheoriekritischen Idee einer unbedingten Präsenz („diesseits der Hermeneutik“) als Ereignis ohne sozio-genetischen Kontexte ab, denn die Hermeneutik der Ereignisse bedürfen einer semiotischen Methode unter Berücksichtigung der sozio-genetischen Kontexte.

Vierter Schritt

Das letzte Kapitel (S. 142–159) resümiert nochmals den Blick auf die Praxis der Wissenschaft, mahnt in einem gewissen forschungsethischen Sinne auch Selbstreflexion an, dabei auf die Professionenforschung (S. 145–155) eingehend und deutet einige Ausblicke („Zukunftsperspektiven: S. 155–159) an.

Diskussion

Einige Diskussionsaspekte sind ja bereits im Hauptteil der Inhaltsdarlegung eingeflochten worden. Die Abschnitte „Inhalt“ und „Diskussion“ sind nicht immer in einer Reinheitskultur durchzuhalten. Inhaltswiedergaben sind wie Übersetzungen immer auch interpretativ und nicht ohne kommentierende Übertragungsleistungen möglich. Die Diskussion konzentriert sich daher auf einen Aspekt: Wie steht es um das normative Engagement der praxeologischen Wissenssoziologie? Kürzlich (als Kontroverse zwischen Andreas Reckwitz und Hartmut Rosa) ging es (angesichts der Frage nach der Notwendigkeit einer soziologischen Kapitalismuskritik) um die Nachfrage, was die Sozialtheorie denn leistet bzw. leisten kann oder sogar soll für die Kritik. Hier nun stellt sich die Nachfrage: Was leistet die Arbeit der Dokumentarischen Methode der praxeologischen Wissenssoziologie, die ein breites daseinsthematisches Spektrum sozialer Probleme erforscht, zur Entwicklung der Sozialtheorie?

Das nur ansatzweise angesprochene und daher ungeklärte Verhältnis zur Kritischen Theorie berührt also die Frage der Positionierung zum Problem der Normativität und Ethik der Wissenschaft. Überraschend dürfte diese unsere Nachfrage eigentlich nicht sein, denn die empirischen Forschungsthemen der Bohnsack-Schule sind ja, wie erwähnt (und in dem Buch an vielen Beispielen trotz der Dichte anschaulich erläutert) durchgehend solche, die als soziale Probleme bezeichnet werden und oftmals auch Schnittflächen zur Sozialpolitik bzw. der Gesellschaftspolitik haben. An einer Stelle taucht dieses Thema im Rahmen der Professionenforschung (S. 145 ff.) auf (S. 106), berührt dort jedoch eher die Kommunikation und die Diskursordnung innerhalb des Materials. Ähnlich wie die Oevermann-Schule scheint die Bohnsack-Schule doch eher der nicht-normativen Erfahrungswissenschaft als Aufgabe verpflichtet zu sein. Das Thema der Macht wird (S. 134; S. 154) zu einem Thema der Codierungspraxis in der Alltagspraxis als Herstellung sozialer Ungleichheit. Abgesehen vom Ausblenden einer eigenen normativen Aufgabe im Sinne Kritischer Theorie betont Bohnsack – wenn man so will: wissenschaftsethisch – die Notwendigkeit der methodologischen Selbstreflexion der Praxis der Wissenschaft als Forschung, die er in der „Praxistheorie“ (S. 142; kursiv auch im Original), etwa bei Andreas Reckwitz, im notwendigen Ausmaß vermisst. Wissenschaft muss angesichts der Erforschung der Alltagspraxis die Grenzen des eigenen theoretischen Rationalismus reflektieren: Gemeint ist ein hierarchisierendes „Besserwissen“-Wollens, das wir als Wissenschaftszentrismus bezeichnen könnten. Hier liegt wohl die De-Thematisierung der Normativität Kritischer Theorie verankert oder verwurzelt. Bohnsack konkretisiert dies an der aktuellen sozialwissenschaftlichen Corona-Forschung: Ohne Empirie wird in großer Weite theoretisiert (S. 145).

Gemeinsam ist der Position von Bohnsack (mit Bezugnahme auch auf Pierre Bourdieu) und der Kritischen Theorie die Einsicht, dass eine Subjekt-Objekt-Dualität die Forschungssituation der Sozialtheorie und der Sozialforschung nicht angemessen abbildet. Das Subjekt der Forschung ist immer Teil des Gesamtzusammenhangs des Objekts, den die Wissenschaft zum Gegenstand erhebt. Doch da endet schon die Gemeinsamkeit. Denn Bohnsack wirft der Common Sense-Wissenschaft vor, an einem Apriori theoretischer Abstraktion im Modus der Deduktion gebunden zu sein, eine Bindung, die zu einer Forschungspraxis führt, wonach mit vorgegebenen Theorien über die Wirklichkeit testend verfügt wird, statt in den Alltag rekonstruktiv so (tiefenbohrend) einzutauchen, dass die Analysen überhaupt erst theoriebildend wirksam werden können. Bei aller Ähnlichkeit zur Grounded Theory wird man aber auch die komplexe Differenz andeuten können, die die Dokumentarische Methode über das subjektivistisch-interaktionistische Verständnis hinaustreibt. Kritische Theorie wäre demnach eine Theorie der Totalität einer Verschachtelung von Makro-, Meso- und Mikroebenen der Vergesellschaftung (zwischen System und psychischem Arbeitsapparat vermittelnd, zwischen Marx und Freud modellierend), aber doch eher eine reine Theorie und weniger eine empirisch grundierte Theoriebildung. Der Positivismusstreit war in diesem Sinne ja auch eine Kritik des Empirismus. Die rekonstruktive Sozialforschung ist zunächst nur eine Mikrologie des Alltags. Bei Oevermann bleibt es bei einer Mikrologie, bei Bohnsack kommt es infolge der Nutzung des Mannheim‘schen Theorems der (Einschub: mitunter von mehrdimensionalen Kontexturen geprägten) Standortgebundenheit jeglichen Denkens zur Bildung kollektiv geteilter und mitunter mehrdimensionalen Typen von Deutungs- und Handlungsmustern, ausmündend in eine anspruchsvolle habitushermeneutische und kultursemiotische Metatheorie der generierten Performativität (Praktiken) als manifester Ausdruck kontextuell generativ performierter Subjekte, die vom Apriori der Lebenswelt ihrer alltagsdramatische existenziellen Lagerung geprägt (sozialisiert) sind. In einem gewissen Sinne sind die Subjekte der Kritischen Theorie wie auch im Fall der praxeologischen Wissenssoziologie immer in die Geschichte (Epoche, Zeitgeschichte, Lebensgeschichte) eingebettet und aus ihr heraus zu verstehen. Aber das Abstraktionsniveau der Modellierung dieser Geschichtlichkeit der Daseinsbewältigung ist sehr unterschiedlich. So könnte Bohnsack in seine Zukunftsplanungen auch die Aufgabe einbauen, den Beitrag seiner überaus erfolgreichen Sozialforschung zur Sozialtheorie zu thematisieren.

Fazit

Das Buch – infolge a) der Erzählstruktur, des b) (wenn auch geglättet im Sinne von Styling und Design) dialogischen Charakters und c) des weitgehend in der Gliederung auf den Lebenslauf von Bohnsack abstellend – ist eine gelungene Einführung in die komplexe Methodologie und Methodenwelt von Bohnsack (und seiner »Schule«, wohl wissend um die Kontroversen um eine solche Einschätzung). Es erweist sich als Vorteil, dass diese Einführung nicht systematisch aufgebaut ist (derlei hat Bohnsack ja ohnehin umfänglich auf hohen Niveau angeboten). Die Einbettung in manche Geschichten aus dem akademischen Lebenslauf erweisen sich nicht nur als unterhaltsam und auflockernd, sondern als von epistemischer Bedeutung für den verstehenden Nachvollzug mancher Entwicklungen als Sozialisationsgeschehen in der akademischen Welt. Ein insgesamt lesenswertes und orientierendes Buch. Allerdings wird auch – vollkommen zu Recht – deutlich, dass Bohnsack nicht viel davon hält, qualitative Sozialforschung als Handwerkskasten zu lehren und zu lernen, ohne in die Tiefe der methodologischen Begründungen verstehend einzutauchen. Man sollte schon wissen, was man da tut. Dies macht dann auch die eher schwerer verständlichen, weil dichten und letztendlich doch auch voraussetzungsvollen Passagen im Sinne einer Rechtfertigung verständlich.

Rezension von
Prof Dr. Frank Schulz-Nieswandt
Univ.-Prof. für Sozialpolitik, qualitative Sozialforschung und Genossenschaftswesen an der Universität zu Köln, Hon.-Prof. für Sozialökonomie der Pflege an der PTH Vallendar, Kuratur des KDA
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Es gibt 4 Rezensionen von Frank Schulz-Nieswandt.

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Zitiervorschlag
Frank Schulz-Nieswandt. Rezension vom 09.05.2022 zu: Ralf Bohnsack, Vera Sparschuh: Die Theorie der Praxis und die Praxis der Forschung. Ralf Bohnsack im Gespräch mit Vera Sparschuh. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2022. ISBN 978-3-8474-2603-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/29262.php, Datum des Zugriffs 24.05.2022.


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