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Jens Borchert: Pädagogik im Strafvollzug

Rezensiert von Prof. Dr. phil Sigrid Haunberger, 06.09.2023

Cover Jens Borchert: Pädagogik im Strafvollzug ISBN 978-3-7799-6383-7

Jens Borchert: Pädagogik im Strafvollzug. Grundlagen und reformpädagogische Impulse. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2021. 2. Auflage. 190 Seiten. ISBN 978-3-7799-6383-7. D: 24,95 EUR, A: 25,60 EUR.

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Thema

Das Buch bündelt Projekte, die der Autor zwischen 1999 und 2019 in verschiedenen Justizvollzuganstalten selbst durchgeführt hat. Es ist als Plädoyer für reformpädagogische Projekte im (Jugend-)strafvollzug zu verstehen, die oftmals mit wenig materiellem und personellem Aufwand verbunden sind, andere pädagogische Handlungen in Gang setzen, andere Lernprozesse in den Blick nehmen und Räume anders gestalten. Zum Bedauern Borcherts verschwinden diese häufig mit dem Weggang der initiierenden Akteur:innen wieder (S. 7). Die zweite Auflage des vorliegenden Buches wird durch aktuelle Entwicklungen aus dem Jugendstrafvollzug ergänzt. Insgesamt soll das Buch „…Praktiker:innen anregen, reformpädagogische Projekte zu konzipieren und durchzuführen, den Vollzug weiter zu öffnen und innovative Projekte insbesondere auch im Strafvollzug für Erwachsene zu etablieren“ (S. 8).

Autor:in

Jens Borchert besetzt seit 2014 eine Professur für Sozialarbeitswissenschaft/​Kriminologie an der Hochschule Merseburg. Er verfügt über eine langjährige Berufspraxis in deutschen Jugendstrafvollzugsanstalten. Borchert hat zahlreiche Veröffentlichungen zu den Themen Arbeit mit straffälligen Jugendlichen und Jugendstrafvollzug verfasst und führt aktuelle Forschungsprojekte in diesem Themenbereich durch, wie beispielsweise einem sozialen Trainingskurs mit jugendlichen Inhaftierten.

Aufbau

Borchert verweist darauf, dass es zahlreiche Veröffentlichungen zur Reform des Vollzugs gibt und aktuelle Projekte inzwischen in grosser Zahl stattfinden: Von Theateraufführungen über kunsttherapeutische Ansätze bis zur Möglichkeit, den Vollzug für Jugendstrafgefangene in freien Formen durchzuführen. Das Buch bietet keinen Gesamtüberblick, verweist aber an entsprechenden Stellen auf weiterführende Anregungen.

In den ersten drei Kapiteln werden die Grundlagen einer Vollzugspädagogik dargestellt und die Begrifflichkeiten Erziehung, Bildung, Didaktik und die historische Entwicklung von pädagogischem Handeln im Vollzug erläutert. In den sich anschliessenden Kapiteln werden jeweils konkrete reformpädagogische Projekte vorgestellt. Im letzten Kapitel entwirft der Autor ein integratives Modell pädagogischen Handelns im Strafvollzug (S. 11).

Inhalt

In Kapitel 1 argumentiert Borchert zunächst damit, dass eine Auseinandersetzung mit den Begriffen Erziehung und Bildung vielfältige Annahmen und Handlungen bedingen kann. Zudem sind Erziehung und Bildung gesetzlich geforderte Vorgänge, die im Strafvollzug stattfinden (S. 21). Vollzugliche Bildungsarbeit betrachtet er als primär politische Tätigkeit, die auf eine Veränderung der Rahmenbedingungen abzielen muss. Für ihn stellt sich die Frage, welche informellen Lernprozesse im Vollzug stattfinden, und inwieweit sie die anderen Lernformen begleiten oder überlagern. Ebenso steht in Frage, wie die informellen Lernwelten im Sinne einer positiven Spezialprävention genutzt werden können (S. 24). Borchert stellt eine Heterogenität der pädagogischen Angebote im deutschen Strafvollzug fest und führt dies auf den Lernort Gefängnis, die föderalistischen Strukturen, eine breite Trägerlandschaft mit unterschiedlichen Leitbildern und Konzeptionen, sowie subjektive Einflüsse der jeweiligen agierenden Lehrpersonen zurück (S. 24). Unter Rückbezug auf statistische Angaben über Inhaftierte (bzgl. Bildungs- und Berufsabschlüsse) resümiert Borchert, dass die Lebensumstände der Inhaftierten bei einer vollzuglichen Pädagogik nicht ausgeblendet werden dürfen. Das Lernen der Gefangenen würde durch einen mangelhaften Anschluss an die Lebenserfahrungen der Inhaftierten erschwert werden: „Alle pädagogisch Handelnden … müssen die vorliegenden Lebenswelten der Insassen erfragen, kennen und anerkennen, denn sie sind die Voraussetzungen für weitere Bemühungen, die Menschen auf ein Leben ohne Straftaten vorzubereiten“ (S. 33).

Kapitel 2 bietet eine Reise durch die Geschichte des Strafvollzugs und behandelt auf einem Nebengleis die Erziehung im Strafvollzug der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) und den ostdeutschen Vollzug sowie Reformideen in den 1989/90er Jahren. Weiterhin weist der Autor darauf hin, dass die meisten Beschäftigten im Strafvollzug auch pädagogische Aufgaben haben, da der Jugendstrafvollzug am Erziehungsgedanken ausgerichtet ist (S. 59). Ferner argumentiert er, dass die Aufgaben weit über die eines „Unterrichtsbeamten“ hinaus reichen und führt verschiedene Aufgaben von Lehrpersonen im Justizvollzug auf (S. 61–64), die sie als „Organisator:innen von Bildungsprozessen“ bewerkstelligen müssen.

In Kapitel 3 verknüpft Borchert seine Vorstellungen von Pädagogik im Justizvollzug mit verschiedenen didaktischen Formen und zeigt exemplarisch Beispiele für Ziele und Inhalte einer Didaktik im Strafvollzug auf. Eine empfohlene Form orientiert sich an den Bildungsaufgaben und dem Strukturgitter der Bildungsinhalte nach Eberle (S: 67–69). Weiterhin werden Überlegungen zu didaktischem Handeln von Lehrpersonen im Unterricht in Justizvollzugsanstalten angestellt; dabei werden hauptsächlich Vor- und Nachteile der herkömmlichen Sozialformen des Unterrichts – Frontal-, Einzel-, Partnerunterricht und Gruppenarbeit – abgewogen. Das Kapitel endet mit einer Überleitung zur Mathetik, die, entgegengesetzt zur Didaktik, den Blick auf das lernende Subjekt, auf die ablaufenden Aneignungsprozesse richtet. Borchert argumentiert nicht gegen eine Didaktik im Justizvollzug, schlägt aber vor, dass mit den pädagogischen Ansätzen von Montessori und Freinet selbstgesteuerte und kooperative Lernarrangements im Vollzug miteinander verbunden werden können (S. 86).

Kapitel 4 umfasst Kennzeichen der Reformpädagogik, die auf den Justizvollzug übertragen werden, setzen an den Bedürfnissen der Inhaftierten an und umfassen die folgenden Bereiche:

  • eine klientenzentrierte, bedürfnisorientierte, lebensweltorientierte Sichtweise,
  • das Lernen in selbstgesteuerten und kooperativen sowie vorbereiteten Settings (S. 92).

Im weiteren Verlauf stellt Borchert praktische Vorgehensweisen aus der Geschichte und der jüngeren Vergangenheit vor, in denen reformpädagogische Lernarrangements ihre Wirkung entfalteten. Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass die pädagogische Haltung des einzelnen Erziehers den Inhaftierten gegenüber zur wichtigsten Umsetzungsform dieser Reformpädagogik im 20. Jh. wurde (S. 95). Alle Bemühungen können unter dem Versuch subsumiert werden, in den einstmals exkludierenden Anstalten eine pädagogische Atmosphäre zu schaffen (S. 97). Borchert argumentiert weiterhin, dass sich der deutsche Jugendstrafvollzug in den letzten Jahren bemerkenswert entwickelt hat, blickt man auf neue Vollzugsformen, die Unterbringung in Wohngruppen, die Öffnung der Jugendstrafanstalten, den Einbezug von Angehörigen und anderes. Trotzdem bestehen allgegenwärtige Ausgrenzungserfahrungen, Gewalt im Vollzug, hohe Rückfallquoten und Schwierigkeiten beim Übergang, die einen Blick auf reformpädagogische Ansätze weiterhin rechtfertigen (S. 103). Weiterhin werden im Buch verschiedene Projektformen stichpunktartig vorgestellt (S. 104–106) und zwei Projektbeispiele etwas ausführlicher erläutert. Das Projekt Lesecafé im Jugendstrafvollzug, welches von der Montessoripädagogik inspiriert war, sowie das Projekt Chance (Vollzug in freien Formen).

In Kapitel 5, Elementarpädagogik im Vollzug, werden knapp weitere konkrete Projekte vorgestellt, die Borchert selbst durchgeführt hat. Einmal ein Alphabetisierungskurs mit erwachsenen Strafgefangenen (S. 118–120), einmal ein Elementarkurs im Jugendstrafvollzug (S. 120–122).

Kapitel 6 fokussiert auf pädagogische Massnahmen im Vollzug zur schulischen und beruflichen Qualifikation. Vorgestellt werden Grundzüge von Massnahmen der schulischen Weiterbildung und Massnahmen der beruflichen Aus- und Weiterbildung. Ziel dieser Massnahmen ist der Versuch „ein nachhaltiges Übergangsmanagement aufzubauen und den Haftentlassenen einen möglichst passgenauen Einsatz im Berufsleben zu ermöglichen“ (S. 129). Etwas detaillierter wird zuletzt ein Projekt „Reststoffveredelung mit jungen Erwachsenen“ vorgestellt, welches mehrfach für seinen innovativen und nachhaltigen Ansatz ausgezeichnet wurde und trotzdem eingestellt wurde.

Kapitel 7 widmet Borchert der Definition und Charakterisierung von Sozialpädagogik im Justizvollzug, des Sozialdienstes in Anstalten und dessen Aufgaben. Unter Bezugnahme auf die Definition der International Federation of Social Workers fördern sozialpädagogische Ansätze, dass Jugendliche Autonomie im Vollzug erlangen und befähigt werden, nach dem Ende der Haftzeit ein Leben ohne Straftaten zu führen (S. 134). Weiterhin werden die geltenden gesetzlichen Grundlagen der Sozialen Hilfen erläutert, als allgemeine Wegweiser für die Ausgestaltung des Vollzugs gelten die Angleichung an die allgemeinen Lebensverhältnisse, das Entgegenwirken schädlicher Haftfolgen sowie der Eingliederungsgrundsatz. Schliesslich stellt Borchert die Methode „Multiperspektivische Fallarbeit“ vor und resümiert, dass diese helfen kann, „eine Haltung zum Inhaftierten einzunehmen, die ihn als Subjekt und Experten seiner selbst sieht“ (S. 148).

In Kapitel 8 wird Erlebnispädagogik thematisiert. Borchert sieht viele Anknüpfungspunkte zwischen Reformpädagogik und Erlebnispädagogik. Erlebnispädagogische Projekte stellen physische, psychische und soziale Herausforderungen dar, durch die die Persönlichkeitsentwicklung der Jugendlichen gefördert wird. Trotz Kritikpunkten gibt es Projekt, wie Kurzzeitpädagogik im Jugendarrest, welches am Ende des Kapitels beschrieben wird.

Peer Education wird in Kapitel 9 vorgestellt. Grundlegender Gedanke ist, dass Gleichaltrige (Peers) besser in der Lage sind, bestimmte Ideen weiterzugeben. Im Unterschied zu Peer Involvement dient Peer Education der Bildung und Weitergabe kognitiven Wissens. Im Vollzug bietet sich Peer Education an, wenn Inhaftierte durch andere Mitgefangene oder durch gleichaltrige externe Personen unterrichtet werden. Auf der anderen Seite haben auch Studierende in sog. „Knastgruppen“ die Möglichkeit, den Lern- und Verwahrort Gefängnis kennenzulernen (S. 158). Im weiteren Verlauf schildert Borchert die Entlassungsvorbereitung als konkretes Projektbeispiel (S. 159–164). Weitere Beispiele werden in Kapitel 10 zur politischen Bildung im Jugendstrafvollzug aufgeführt. In einem Projekt werden Jugendstrafgefangene zu Peer Guides ausgebildet, die durch eine Ausstellung über Anne Franks Leben führen.

In Kapitel 11 fügt der Autor die Überlegungen aus den vorhergehenden Kapiteln in ein Modell für ein Konzept intramuraler pädagogischer Angebote zusammen. Dieses zeichnet sich durch verschiedene Prozessphasen aus (von der Zugangsdiagnostik zu passenden intramuralen Massnahmen der schulischen und beruflichen Bildung und Angeboten, die den Freizeitbereich betreffen; Übergangsmanagement und Kooperation mit entsprechenden Diensten). Der integrative Ansatz des Modells kann gemäss Borchert zusätzlich mit den folgenden Begrifflichkeiten gefasst werden: selbstgesteuertes Lernen, kooperatives Lernen, Ressourcenorientierung, themenzentrierte Interaktion, Wochenplanarbeit, individuelle Förderpläne, fremdgesteuerte Unterrichtsimpulse, Kontrolle und Bewertung (S. 172–174).

Um Wirkung zu erzielen, ist „eine Schulung des pädagogisch tätigen Personals, das die Methoden kennen und anwenden sowie die Intentionen teilen sollte“ wesentlich (S. 174). Pädagogische Arbeit im Vollzug könnte gemäss Borchert auch dazu beitragen, dem „Drehtüreffekt“ aus Entlassung – Arbeitslosigkeit – Kriminalität – neuer Inhaftierung vorzubeugen (S. 176).

Diskussion

Ausgangspunkt der reformpädagogischen Überlegungen in der Haft war die Frage, ob der (Jugend-)strafvollzug abgeschafft werden muss, weil in ihm die besten Projekte wirkungslos bleiben. Das lässt sich nur pragmatisch beantworten, indem diejenigen, die den Strafvollzug verantworten, adäquate Formen und Gestaltungsmöglichkeiten überlegen und die im Vollzug angebotenen pädagogischen Massnahmen konsequent an den Ressourcen und Bedarfen der Inhaftierten orientieren. Vor diesem Hintergrund hat das vorliegende Buch sein Ziel reformpädagogische Ansätze „stärker im exkludierenden Gefängnis zu nutzen, sie je nach Möglichkeiten zu adaptieren, miteinander zu verknüpfen und den Lernbezug herzustellen“ (S. 179) sehr gut erfüllt. Das Buch bietet einen kompakten Überblick über historische und allgemeinpädagogische Entwicklungen und greift den institutionellen Rahmen sowie pädagogische Grundannahmen im Justizvollzug auf. Sehr nützlich ist der Blumenstrauss aus zahlreichen Projekten, die in einem gut nachvollziehbaren Erzählstil kurz beschrieben werden. Allerdings fehlen dafür Details zur Umsetzung und Implementierung sowie Evidenzen zur Relevanz der Projekte hinsichtlich der Projektziele.

Fazit

Das Buch kann Praktiker:innen im Strafvollzug sowie Studierenden, die sich mit Reformpädagogik auseinandersetzen wollen, zur Lektüre empfohlen werden. Es bietet insbesondere zahlreiche Projektbeispiele, die je nach Gefallen und Möglichkeit umgesetzt werden können, sowie ein Modell für ein Konzept intramuraler pädagogischer Angebote, welches als Grundlage dienen kann, um den Strafvollzug (reform)pädagogisch auszurichten.

Rezension von
Prof. Dr. phil Sigrid Haunberger
Dozentin und Projektleiterin Institut für Sozialmanagement, Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW)
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Es gibt 11 Rezensionen von Sigrid Haunberger.

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Zitiervorschlag
Sigrid Haunberger. Rezension vom 06.09.2023 zu: Jens Borchert: Pädagogik im Strafvollzug. Grundlagen und reformpädagogische Impulse. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2021. 2. Auflage. ISBN 978-3-7799-6383-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/29265.php, Datum des Zugriffs 18.07.2024.


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